Bergfahrten im Mont Blanc

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Mit 2 Bildern.Von Paul Hagenbach.

Ryan-Lochmatter-Grat der Aiguille du Plan.

Es dämmert bereits, als wir, André Roch, Müller und ich, am 3. August 1937 ungefähr auf dem halben Wege von Montenvers nach der Requinhütte nach rechts biegen, um das auf der Südostrippe der Aiguille de Blaitière gelegene Biwak Bobi Arsandaux zu erreichen. Eine der schwierigsten und längsten Fahrten in den Aiguilles wollen wir unternehmen: die Erkletterung des erstmals durch den berühmten Führer Franz Lochmatter mit Ryan begangenen Ostgrates der Aiguille du Plan. Diese Begehung fehlt auch noch André Roch, dessen Besteigungsverzeichnis im Mont Blanc-Gebiete sonst kaum eine Lücke aufweist. Nachdem wir den Glacier d' Envers de Blaitière an der Nordseite bis zur Höhe der Aiguilles de Blaitière überschritten haben, erklettern wir die nicht gerade leichten Felsen, auf denen etwa 40 m über dem Gletscher das Refuge Bobi Arsandaux liegt. Schnee und Holzverschiebung haben dem kleinen Holzhüttchen, das nur kriechend begangen werden kann und nichts als einen harten Holzboden zum Lagern aufweist, arge Luftlöcher beigebracht. Dafür entschädigen die reichlich vorhandenen Wolldecken.

Kalt faucht uns der Wind an, als wir 2 Uhr früh unser schützendes Hüttchen verlassen. Gewaltig ragt der Ryan-Lochmatter-Grat in die Silber-fluren der über uns funkelnden Milchstrasse empor. Nicht minder überwältigend heben sich etwas niedriger der Pain du Sucre, eine wundervoll glitzernde, riesige Schneepyramide, zur Linken und die Aiguille de Crocodile mit ihrem Ungeheuern Südabsturz zur Rechten von dem klaren Sternenhimmel ab. Mit Rücksicht auf unser Unternehmen haben wir bereits im Hotel Montenvers alles irgendwie Entbehrliche aus unseren Rucksäcken entfernt und einem Träger nach der Requinhütte mitgegeben. Wir müssen deshalb die an Steilheit kaum zu übertreffenden, den Zugang zum Ryan-Lochmatter-grat vermittelnden Eisfelder ohne Eisen angehen.

Im Gegensatz zu Ryan und Lochmatter — sowie Smythe und Bell, welche die zweite Begehung ausführten — wählen wir nicht das Couloir zwischen Aiguille du Plan und Crocodile, sondern das zwischen Aiguille du Plan und Pain du Sucre zum Einstieg. Verhältnismässig schnell haben wir die Bergschründe überwunden. Sehr steil aufwärts queren wir in von tiefen Rinnen durchfurchtem Pulverschnee nach den untersten Felsen des Grataufschwunges. Vom Grat seilen wir uns 20 m in ein enges Couloir ab und überschreiten eine Felsrippe, um durch einen ausgeprägten, schwierigen Riss das Couloir zwischen Aiguille du Plan und Aiguille du Crocodile zu erreichen. Darin arbeiten wir uns in anstrengender Kletterei über vereiste, schlecht geschichtete Felsen empor.

Das Couloir verengert sich, und die Neigung nimmt zu. Roch als Erster haut Kerbe um Kerbe. Oft splittert eine ganze Eisdecke weg. Müller und ich sind den herunterschiessenden Stücken schutzlos ausgesetzt und horchen, wie sie polternd zur grausigen Tiefe stürzen. Unter sorgfältiger Sicherung bezwingen wir die letzte Steilstufe, um dann leicht zu einer markanten Kanzel auf dem Grat zu queren. Herrlicher Sonnenschein empfängt uns. Sechs Stunden sind seit unserem Aufbruch verflossen; wir schalten die erste Rast ein.

Bis hieher war Roch die Fahrt nicht unbekannt. Er hatte sie bereits einmal mit Gréloz am 27. August 1933 durchgeführt, dann aber infolge vorgerückter Zeit auf eine weitere Begehung des Grates verzichtet, verhältnismässig leicht die gegen den Pain du Sucre hinziehende Wand durchquert und schliesslich die Depression zwischen Pain du Sucre und Aiguille du Plan erreicht. Aus den Mitteilungen von Smythe und Bellx ) erinnern wir uns, dass die Schwierigkeiten erst mit der eigentlichen Gratbegehung beginnen. Wir seilen uns um. Unser 60 m Seil wird voll ausgegeben. Roch als Führender zieht Kletterschuhe an.

In abweisender Steilheit schwingt sich der Grat vor uns auf. Er ist terrassenförmig gegliedert. Die Stufen nehmen nach oben an Höhe und Geneigtheit zu. Es ist die typische Gesteinsform der Aiguilles: gewaltige glatte Granitplatten, die durch Verwitterung überall von Rissen durchzogen sind. Unter schwieriger und exponierter Kletterei erklimmen wir Stufe um Stufe. Ein Kamin löst das andere ab. Einzelne sind so eng, dass der Körper in der Luft schwebt und die ganze Kletterarbeit durch Einzwängen des linken oder rechten Armes oder Fusses bewältigt werden muss.

Wir folgen möglichst der Gratschneide. Plötzlich zwingt uns ein mächtiger Überhang zum Ausweichen. Auf der rechten Seite schliesst ein lotrechter Absturz eine Begehung aus. Links führt durch eine senkrechte Wand ein feines Risschen nach einem etwa 10 m höher gelegenen kleinen Felsvorsprung. Hier müssen wir durch. Ein Unterfangen, das an Schwierigkeit kaum zu übertreffen ist. Roch liefert einen glänzenden Beweis seiner vorzüglichen Kletterkunst. Mit zwei Mauerhaken gesichert arbeitet er sich, nur auf die Kraft seiner Fingerspitzen und die Rauheit des Gesteins angewiesen, empor.

Die Schwierigkeiten sind sehr gross. Wir kommen recht langsam vorwärts. Die einzelnen Stellen in diesem Riesengrat schwinden aus der Erinnerung. Wenn wir den Grat verlassen, geschieht es nur für kurze Stücke, die wir durchwegs auf der Requinseite umgehen. Ständig vergleiche ich fast unbewusst die gewonnene Höhe mit dem Gipfel des Crocodile. Und immer wieder stelle ich fest, dass uns noch ein gewaltiges Stück vom Ziele trennt. Bereits ist die Sonne untergegangen. Ein schneidender Wind treibt Nebelfetzen vor sich her, die sich an unserem Gipfel verfangen. Augen und Nacken schmerzen vom fortwährenden Hochschauen, und in den Muskeln macht sich die grosse Anstrengung fühlbar.

Abends 7 Uhr stehen wir vor dem letzten Kamin, das zuerst eng, dann sich ausweitend und oben wieder verengend etwa 15 m senkrecht in die Höhe zieht. Es ist gerade, als ob der Berg noch einmal mit aller Kraft uns das Ziel verwehren wolle. Nochmals sichern wir sorgfältig mit Mauerhaken. Dann sind wir oben.

In schärfstem Tempo erreichen wir in zwei Stunden auf dem gewöhnlichen Weg die Cabane du Requin. Ein grosses Erlebnis hat seinen Abschluss gefunden. Und schon ruft die Leidenschaft ruhelos nach neuen.

Sentinelle Rouge de gauche am Mont Blanc.

Roch und ich brechen andern Tages nach dem Col de la Fourche auf. Müller muss heim. Diese Gletscherwanderung mit ihren einzigartigen, fortwährend wechselnden Aspekten der Aiguilles zählt zu den schönsten, die ich kenne. Eine schneidende Kälte macht sich bereits fühlbar, als wir bei der Alberico Borgna anlangen. Die letzten Sonnenstrahlen verfangen sich noch in den höchsten Gipfeln, um bald von grauen Nebelschwaden abgelöst zu werden. In dieser Beleuchtung erhält die Brenvaflanke ein ganz besonders magisch-unheimliches Gepräge. Wir hatten aperen Fels erwartet und erblickten nun die sich über 2000 m in die Tiefe stürzende Wand ganz weiss überzogen.

Die Brenvaflanke wird von mehreren schwach ausgeprägten Felsrippen durchzogen; über die nördlichste führt die bekannte Brenvaroute, der klassische Ostanstieg auf den Mont Blanc. In der Mitte zwischen Mont Blanc und Mont Blanc de Counnayeur ziehen die Felsrippen der Sentinelle Rouge, wegen ihres eigentümlichen roten Gesteins so genannt, durch ein gewaltiges Couloir von kaum 200 m Breite voneinander getrennt hinab. Die Sentinelle Rouge de gauche wird allgemein für schwieriger als die Sentinelle Rouge de droite bezeichnet. Erstmals sind beide durch Graham Brown und Smythe begangen worden, und zwar die rechtsseitige 1927, die linksseitige 1928. Seither wiederholten sich diese Aufstiege nur sehr selten. Ebenso die Begehung der südlichsten, erstmals im Jahre 1938 von Graham Brown mit Alexander Graven und Alfred Aufdenblatten bestiegenen Rippe, die wegen ihres eigenartigen birnenförmigen Aussehens « la Poire » genannt wird. Der Umstand, dass diese Wege die Überwindung der Gletscherabbrüche, welche die eisige Überdachung des Mont Blanc nach dieser steil abfallenden Seite aufweist, verlangen, schliesst ein gewisses objektives Gefahrenmoment in sich, das bei der Poire, die allgemein als der schwierigste Aufstieg auf den Mont Blanc gilt, am grössten sein dürfte. Gerade 14 Tage vorher hat Roch mit Gréloz den Mont Blanc über die Poire bestiegen. Dabei erzwangen sie eine neue Route durch direkten Anstieg des Mont Blanc de Courmayeur in der Fallirne der Poirerippe.

Frühzeitig rollen wir uns in die Decken. Wir sind uns bewusst, dass wir am nächsten Tag vollsten Einsatz zu leisten haben.

Hell leuchtet die Milchstrasse über uns, als wir um 2 Uhr unsere Biwakstätte verlassen. Behutsam steigen wir bei Laternenschein auf einer von einer Brenvabegehung herrührenden Spur zum Col Moore ab. Es ist ausserordentlich finster. Drüben in der Dunkelheit zieht irgendwo unser Aufstiegweg hinan. Die Wand scheint in den Himmel hineinzuwachsen. Deutlich hebt sich ihr wild zerrissener Gletscherpanzer, gleichsam ein Knäuel geheimnisvoller Spukgestalten, vom Sternenhorizont ab. Ein sehr scharfer Grat aus lockerem Pulverschnee führt uns vom Col Moore in die Wand. Die Laterne zwischen den Zähnen spurt Roch; bis zu den Hüften sinkt er im Schnee ein. Kurz, aber pikant ist die Begehung dieses unverlässlichen Schneegrates in der Dunkelheit. Vorzüglich krallen sich dann die Steigeisen in dem bläulichschwarzen Eis der Wand fest. Um Zeit zu sparen, schlagen wir möglichst wenig Stufen. Wir müssen der Sonne zuvorkommen und das grosse, zwischen den beiden Sentinelles hinunterziehende Couloir durchquert haben, bevor ihre Strahlen in die Gletschertürme links und rechts eindringen, so dass sie zum Leben erwachen und die Wand mit ihren Geschossen bombardieren. Unter einer auffallend roten Steilstufe, an deren Fuss Smythe seinerzeit biwakiert hat, überqueren wir die Sentinelle Rouge de droite, die sich in dieser Höhe fast gar nicht von der Wand abhebt. Stufenschlagend arbeiten wir uns durch das grosse Eiscouloir empor. Bereits wird dieser Riesentrichter von einem feinen Stein- und Schneegeriesel bestrichen. Über vereiste Felsen erreichen wir unsere Rippe und gönnen uns die erste Rast, froh, dass nun die von der langen Steigeisenarbeit schmerzenden Knöchel ein wenig ausruhen können. In wilder Steilheit schwingt sich der Grat über uns auf. Gegen oben immer grösser werdende Felsstufen wechseln mit feinen Schneegratstellen. Zuoberst leuchten die Eistürme des Gipfelplateaus in gleissendem Sonnenlichte.

Mühsam muss Griff um Griff gesäubert werden. Ohne grosse technische Schwierigkeiten gelangen wir an die letzte Steilstufe. Sie wirft sich senkrecht ca. 15 m auf und ist wie von einer gewaltigen Axt mitten durchgespalten. Eine direkte Begehung ist nicht möglich. Da die Nordseite wesentlich stärker verschneite Felsen aufweist, entschliessen wir uns zu einer Umgehung nach links. Da stellt sich uns ein ungefähr 4 m hohes Kamin entgegen, es ist vollständig mit Eis tapeziert. Aus prekärem Stand schlägt Roch Eisscholle um Eisscholle weg, um einen Durchstieg zu ermöglichen. Eine mühsame Arbeit; denn die Überwindung dieser wenigen Meter ringt uns mehr als zwei Stunden ab. Eine anschliessende griffarme Platte erfordert schwierigste Kletterei. Schmelzwasser der über uns drohenden Eistürme berieselt die Felsen und durchnässt uns bis auf die Haut. Später habe ich von Alexander Graven erfahren, dass er seinerzeit die oberste Steilstufe nach rechts umging und dabei keinen grossen Schwierigkeiten begegnete.

Endlich erreichen wir die höchste Felskanzel. Mächtig türmen sich vor uns die Séracs auf. Einzelne sind schlank wie Nadeln und über 10 m hoch. Infolge des dunklen, die Wärme aufsaugenden Felsgrundes sind sie stark eingeschmolzen und hängen bedrohlich über. Angesichts dieser ungemütlichen Nachbarn gönnen wir uns keine Minute Rast und ziehen flugs die Steigeisen an.

Unser Durchstiegsweg ist gegeben. Zwischen zwei mächtigen Türmen liegt eine Art Eishöhle, etwa 6 m über unserem Standort beginnend. Mit äusserster Vorsicht fängt Roch an, sich eine Leiter in das splitternde Element zu hauen. Nach jedem Schlag macht er eine Pause; wir horchen gespannt, aber alles bleibt ruhig, nur das Poltern der in die Tiefe stürzenden Eisstücke ist hörbar. Hie und da jagt der Gipfelwind einen Wirbel Pulverschnee durch unsere Höhle. Nun muss Roch auch Griffe für die Hände schlagen, um sich durch die Höhle durchzustemmen. Bald sehe ich ihn nicht mehr; unser 35 m Seil ist ausgelaufen. Roch ruft mir etwas zu, aber der Wind lässt mich ihn nicht verstehen. Ich folge nach und merke am Einziehen des Seiles, dass der Kamerad sichert. Noch nie habe ich so schnell im Eise geklettert, wie zur Überwindung dieses bedrohlichen gläsernen Durchschlupfes.

Wir stehen in knietiefem Pulverschnee beisammen. Die Schwierigkeiten sind überwunden. Fast unwirklich nach der ungeheuren Steilheit unseres Aufstieges dehnt sich das wellige Firngelände, das zum Gipfel führt. Ein schneidender Wind jagt aus dem Pulverschnee in der Sonne tausendfach glitzernde Schneefahnen auf, gerade als wollte er uns durch dieses muntere Spiel so richtig die Schwerfälligkeit des Menschen vor Augen führen. In der Tat setzt uns die Schneestampferei auf den Gipfel stark zu. Sobald die Spannung nachlässt, machen sich bekanntlich sofort Ermüdungserscheinungen bemerkbar. So war es auch hier.

Endlich um 1530 Uhr stehen wir auf dem Gipfel des Mont Blanc. Nach einer kurzen Rast in der Cabane Vallot umfing uns gerade die Dämmerung, als wir in den Grands Mulets Einkehr hielten.

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