Bergfahrten in der Bondasca

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Von Hans Frei. 1. Gemelli-Nordkante, 1. Begehung 27./28. Juli 1935.

Mit der Badile-Nordkante wollten wir eigentlich unsere Bergelleriahrten beginnen. Doch — was nützen schöne Pläne! Als wir am Morgen vor die Hütte traten, stand die Sonne bereits hoch über der Scioragruppe. Für eine Badilefahrt war dies offensichtlich zu spät. Wir trösteten uns bald, denn der heutige Tag war zum Photographieren wie geschaffen. Hastig stiegen wir hinauf zum Moränenrand, um dann gebannt stehen zu bleiben vor diesen wildesten Gesellen des Bergells. Da ist vor allem die Scioragruppe mit ihren grotesken Spitzen und steilabfallenden Kanten, dann die gewaltigen Wände des Piz Cengalo und Piz Badile. Es sind drei Jahre her, seitdem ich das letztemal in der Bondasca war. Ein Berg und eine Kante hat sich mir damals besonders eingeprägt: die Gemelli-Nordkante. Es ist vielleicht der bescheidenste Berg von allen in dieser Runde, zierlich heben sich seine beiden Spitzen im tiefblauen Himmel ab. Bescheiden... ja, neben einer Badilewand, aber allein betrachtet ein gewaltiger Berg, und die Wege über seine Kanten und Couloirs gehören zu den gewaltigsten in den Alpen.

Mein Bergkamerad Jürg Weiss knipste eifrig all die Wunder, während ich in schnellem Tempo der Gemellikante zusteuerte. Je näher ich an die untere Plattenpartie herankam, desto unmöglicher erschien sie mir. Ein breites Felsband leitet direkt zur Kante. Platten, nichts wie glattgeschliffene Platten türmen sich hier auf. Doch ganz rechts auf der Westseite schien eine schwache Stelle zu sein, wenigstens die ersten dreissig Meter dünkten mich gangbar. Während Jürg immer noch mit Photographieren beschäftigt zum Einstieg kam, war ich bereits in voller Kletterausrüstung und konnte kaum warten, bis ich losgehen konnte. Einige Einwände wurden noch erhoben. Wir waren ohne jegliche Biwakausrüstung, auch der Proviant konnte nicht weit reichen, zudem zeigte die Uhr bald auf 11 Uhr. Doch die Kante lockte zu sehr.

Die erste Seillänge war ordentlich, in einer Verschneidung arbeitete ich mich empor. Zu unserem Erstaunen sahen wir, dass es in diesen scheinbar äusserst glatten Platten Risse und Bänder hatte. Wir fühlten daher frohe Zuversicht. Doch das war erst der Anfang, die Platten sollten noch kommen Bald mussten wir die ersten Mauerhaken einschlagen, vorläufig nur zur Sicherung, noch war alles in freier Kletterei möglich. Später führte sogar ein breites Band etwa zwei Seillängen höher. Dann war es aber auch ganz fertig. Unvermittelt standen wir vor einer fünfzig Meter hohen, glatten Platte, welche jeden Weiterweg hoffnungslos versperrte, so dass wir uns lebhaft mit Rückzugsgedanken beschäftigten. Nun, probieren soll man immer, auch wenn es noch so unmöglich erscheint: dies ist das Motto der Gemellikante. Auf kleinsten Unebenheiten arbeitete ich mich knapp drei Meter empor. Es ist die Grenze des Möglichen, es ist ein Kleben auf glatten Platten, der ganze Körper schmiegt sich an die Felsen, um möglichst viel Adhäsion zu erwirken. Mehr als einmal glaubte ich zu stürzen und rief zurück: « Hältst du gut? » In dieser exponierten Lage versuchte ich, einen Haken einzuschlagen, aber er sass nicht fest. Ein zweiter und dritter Haken fuhr ins Gestein, auf keinen konnte ich mich verlassen, alle federten verdächtig. Ich konnte nur noch hoffen, dass bei vorsichtiger Belastung alle drei mich halten werden. Direkt aufwärts gab es kein Vorwärtskommen mehr, also musste ich versuchen, durch einen Seilzugquergang ein Rissystem etwa zehn Meter westlich zu erreichen. Vorsichtig schob ich mich, das ganze Gewicht ins Seil legend, über die völlig glatten Platten hinweg, immer besorgt, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, denn der kleinste Ruck würde die ganze Sicherung ausreissen. Nach langem Abmühen und Ausbalancieren erwischte ich endlich einen Griff, einen fussbreiten Stand zum Sichern fand ich erst dreissig Meter weiter oben.

Jürg, dem das ganze Manöver ausserordentlich lang und unsicher vorkam, fragte vorsichtshalber, ob es noch einen Wert habe, nachzukommen. Ich wusste selbst nicht, ob ein Weiterkommen möglich sei, denn nichts als glatte Platten bauten sich vor mir auf. Die ersten paar Meter schienen wohl noch gangbar, doch was nachher? Zurück wollte ich auf keinen Fall, denn im Abstieg konnte dieser soeben überwundene Quergang peinlich werden. Also kam Jürg nach.

Für Jürg war diese Stelle schwerer, er hatte nicht den direkten Seilzug und war zudem mit einem zweiten Rucksack belastet. Aber schliesslich stand oder, besser gesagt, klebte er doch bei mir, und ich machte mich sogleich wieder an die Arbeit. An die nächsten Stellen erinnere ich mich nicht mehr deutlich. In unendlicher Folge reihen sich Platten an Platten. Ähnliche Manöver wie das erste wiederholen sich. Langsam beginnen Muskeln und Fingerspitzen zu schmerzen. Wieder einmal bequem auf beiden Füssen möchte ich stehen, ausruhen und die gegenüberliegenden Wände des Cengalo bewundern.

Alles hat ein Ende, auch die Gemelliplatten legten sich zurück, die Kletterei wurde leichter. Einen dreissig Meter hohen senkrechten Absatz überwanden wir durch einen anstrengenden Riss. Und der grosse Gendarm, den wir von unten als grosses Hindernis betrachtet hatten, liess sich auf einem bequemen Bande auf der Ostseite umgehen. Wir kletterten noch einige Seillängen aufwärts zu einem angenehmen Ruheplatz. Die erste Plattenpartie war überwunden und damit auch die Schlüsselstelle der Gemellikante. Es war 5 Uhr, sechs Stunden schwerster Kletterei lagen hinter uns. 5 Uhr... ohne Biwakausrüstung, und der längere Teil der Kante lag noch vor uns! Lange berieten wir, ob wir weiterklettern wollten, der in der Abendsonne leuchtende Grat lud dazu ein. Aber diese Sonne wird bald verschwinden, und dann folgt eine lange kalte Nacht.

Über die Kante selbst wollten wir unter keinen Umständen umkehren, wusste ich doch von der Badilekante her, was es bedeutet, über Platten-* Schüsse abzuseilen, und die Gemellikante war für den Abstieg noch viel ungeeigneter. Wenn sich auf der Ostseite ein Abstieg fand, so wollten wir zur Hütte zurückkehren. Der Abstieg musste aber so sein, dass wir die Kante am andern Tag auf gleicher Route wieder erreichen konnten. Es ...»*,i. galt nun, den Hängegletscher zwischen Gemelli-Nord- und Nordostkante zu erreichen, von dort war der Abstieg gesichert. Ein Riss, welcher zum Gletscher hinunter mündet, erleichterte unser Vorhaben. Beim Abseilen musterten wir genau jede Stelle auf ihre Ersteiglichkeit. Nur eine kurze Wandstufe schien fraglich, und hier vertrauten wir auf unsere Haken.

Das Gletscherchen erwies sich als gut begehbar, nur der Übergang zum Bondascagletscher bot einige Schwierigkeiten, denn wir mussten hier den Ausläufer des Gemelli-Nordostspornes überklettern. Eine Einsattelung in diesem Sporn schien den Übergang zu vermitteln. Doch was sich hier vor uns auftat, war eine ganz unmögliche Szenerie von Schrunden und zusammengestürzten Seraks. Hier hatten wir nichts zu suchen, und mühsam stiegen wir eine halbe Stunde höher, wo endlich ein Durchschlupf ohne grosse Schwierigkeiten möglich war. Kurz vor dem Einnachten erreichten wir die Sciorahütte.

Ein ungewohnter Hüttenabend heute. Wir sind doch im Begriffe, eine Erstbesteigung auszuführen, und nun sitzen wir gemütlich hier und laben uns an einer Tasse Tee. Eigentlich müssten wir uns doch hoch oben an der Gemellikante befinden und... frieren. Warum solche Gedanken, haben wir etwa den Berg betrogen? Wäre es vielleicht ehrlicher gewesen, oben auszuharren? Wir reden uns diese Gedanken aus, ist doch der Berg selbst schuld, er gab uns ja die Möglichkeit zum Auskneifen, sonst hätten wir eben durchgehalten. Schade eigentlich für den Ausweg. Weil er da ist, benützt man ihn, aber man würde ihn ebenso gerne missen.

Warum sich Gewissensbisse machen, morgen ist ja wieder ein strahlender Tag wie heute, und wir werden den Weg über die Gemellikante fortsetzen, vielleicht gibt es dann doch noch ein Freilager.

Um 10 Uhr standen wir am andern Tag wieder auf der Kante, an der Stelle, wo wir sie verlassen hatten. Die achtzig Meter hohe Wandstufe gab uns mehr zu schaffen, als wir gerechnet hatten. Wir brauchten alle unsere Kletterfertigkeit und auch alle Mauerhaken, um eine Wandstufe zu bewältigen, über welche wir am Vortage frisch und fröhlich abgeseilt hatten. Es dürfte die schwierigste Stelle der ganzen Tur gewesen sein.

Der obere Teil der Gemellikante bietet eine wirklich genussreiche Kletterei in festem, gutgriffigem Granit. Und je höher man steigt, desto gewaltiger werden die Ausblicke. Unvergleichlich ist der Tiefblick ins Gemellicouloir. Im oberen Teil scheint diese Eisrinne fast senkrecht aufzusteigen. Von der Cengalowand sausen ständig grössere und kleinere Geschosse zur Tiefe. Ein Stein hat sich einen Weg gebahnt, der einer Stufenreihe täuschend ähnlich sieht. Mit Bewunderung denken wir an den Altmeister Christian Klucker, der schon im vorigen Jahrhundert dieses Couloir bezwungen hat. Diese Tur ist nur einmal wiederholt worden, 23 Jahre später.

Wir waren Zeugen eines grossen Eissturzes. Wie von unsichtbaren Händen berührt, fiel das Eis lautlos zur Tiefe, erst Sekunden später war ein dumpfes Donnern zu hören. Um diese Tageszeit möchten wir den Aufstieg hier nicht wagen.

Die Alpen — 1937 — Les Alpes.18 Über Risse, Platten und Kamine gewannen wir rasch an Höhe, und schon glaubten wir, gewonnenes Spiel zu haben. Doch die Gemellikante lässt sich nicht einfach überrennen. Einen senkrechten Abbruch konnten wir nur mit bedeutendem Zeitverlust überwinden, und langsam begannen wir, mit der Möglichkeit eines Biwaks zu rechnen.

Schon von weit unten sahen wir die senkrechte Platte des Vorgipfels, dem Aussehen nach unmöglich. Doch von solchen Anblicken liessen wir uns nicht mehr beeinflussen. Nur die allernächste Nähe ist massgebend. Gespannt kletterten wir auf diese letzte Schlüsselstelle zu. Was wir hier sahen, übertraf alles Bisherige. Ein zwanzig Meter hoher Abbruch stieg senkrecht vor uns empor, nur ein feiner Riss liess noch eine Hoffnung aufkommen. Ein tiefer Spalt trennte uns von der Wand, an welche ich mit einem weiten Schritt hinüberspreizte. Mit zwei Haken schuf ich vorerst Tritt und Griff. Eigentlich hätte ich jetzt schon umkehren können, denn mit vier verkrümmten Mauerhaken, die noch an meinem Gürtel baumelten, war mein Beginnen aussichtslos. Aber, nur nie aufgeben, bevor es wirklich nicht mehr geht. Vorsichtig trieb ich weiter oben noch einen Haken ein. Kalt lief es mir nun über den Rücken, denn langsam löste sich der Stand. Jetzt erst gewahrte ich, dass der Riss nur durch eine Platte gebildet wurde, welche an der Wand anlag. Es bestand also die Gefahr, dass die ganze Platte lossprengte,'wenn ich die Leiter vervollständigen wollte. Ich kam nicht dazu, die Festigkeit der Platte zu prüfen, denn bald waren unsere Eisenstifte aufgebraucht, und bis zum kletterbaren Gelände fehlten noch einige Meter. Langsam stieg ich zurück, alle Haken wieder einsammelnd, nur einer blieb zurück, der einzige an der ganzen Kante.

In die Westwand zum Gemellicouloir gab es kein Auskneifen, die Ostwand hingegen sah günstiger aus. Schade, dass sich auch hier wieder so ein billiger Ausweg fand. Das allerdings sagten wir erst, nachdem die Tur hinter uns lag. Vorläufig waren wir froh, ein breites Band beschreiten zu können, welches in die Scharte zwischen Vor- und Hauptgipfel mündete. Ein luftiger Grat ist noch zu überwinden. Wir sind zu müde, um diese prachtvolle Kletterei noch geniessen zu können, automatisch arbeiten wir uns zum Gipfel empor.

Es war abends 6 Uhr, als wir uns am Steinmann des Gemelli ( 3261 m ) zu einer kurzen Rast niederliessen. In einer knappen Viertelstunde musste ausgeruht, die Kletterschuhe mit den Bergschuhen gewechselt und gründlich gegessen werden, und schon ordnete ich ungeduldig das immer verwickelte Seil.

Nur bei grösster Eile konnten wir jetzt ein Biwak vermeiden, düster breiteten sich die Schatten über die Täler Italiens aus. Über den Südgrat stiegen wir ab und querten an den Südhängen des Gemelli zum Bondopass hinüber. Ein kurzer Eishang gab noch zu schaffen. Wütend schlug ich einige Kerben Eis, jeder Schlag war berechnet, den Wettlauf mit der Nacht zu gewinnen. Es dämmerte schon stark, als wir die Passhöhe erreichten. Im Laufschritt eilten wir den zerrissenen Bondascagletscher hinunter. Das Nachtessen verschoben wir auf den andern Tag. Nur ausruhen, schlafen...

2. Badile-Nordkante.

7. Juli 1936. Nach drei Badilefahrten 1931, 1932 und 1935 ist es nicht verwunderlich, dass ich keine moralischen Hemmungen mehr hatte, wie dies sonst bei grossen Fahrten üblich ist, als ich zum vierten Male rüstete.

Der Zugang zur Badilekante ist allein schon eine Bergfahrt. Hier kenne ich mich genau aus: möglichst hoch oben queren, am Fusse des Gemelli und Cengalo vorbei. Schon um die erste Morgenstunde waren wir unterwegs; Hans und M. Rütter sowie Mathys Margadant. Unvergesslich wird mir der Augenblick bleiben, wo wir den Moränenrücken erreichten. Zauberhaft lagen sie vor uns, die Bondascariesen im bleichen Lichte des Mondes. Nur um die Badilewand lag undurchdringliches Dunkel. Nicht nur die Sonne, auch der Mond scheint diese furchtbare Wand zu meiden.

Im ersten Dämmerschein des jungen Tages standen wir am Einstieg. Hier wurden die Bergschuhe mit den leichten Kletterfinken vertauscht. Unsere Kante hat ihre edle Linie verloren, breit und massig liegt sie vor uns. In einem Zuge möchte ich hinaufstürmen, so nah scheint der Gipfel zu sein.

Vom Badilet und Trubinasca her zogen unmerklich Nebel zu uns herüber. Mathys prophezeite Böses. Ich lachte ihn aus und machte mich daran, den ersten Gendarm zu überklettern. Viele Partien weichen hier in die scheinbar leichtere Ostflanke aus, um so den ersten Turm zu umgehen. Nachdem das erste Hindernis überwunden ist, beginnt die berüchtigte 400 Meter lange Plattenpartie. Nach jeder Seillänge findet man einen guten Sicherungsplatz, nur einmal reicht das 40-Meter-Seil nicht aus; hier wird ein Haken zur Sicherung verwendet.

Ich war daran, die dritte Platte zu überwinden, eine dicke Eiskruste, welche auf den Felsen lag, hinderte mich am raschen Vorwärtskommen. Bei meinen Kameraden hatte inzwischen die Siegesstimmung umgeschlagen. Während ich mich abmühte, um höher zu kommen, konnten sie das heranziehende Gewitter beobachten. Stimmen wurden laut, dass es unverantwortlich sei, bei solch unsicherem Wetter weiterzugehen. Schliesslich sah ich dies auch ein und kehrte, wenn auch schweren Herzens, um. Noch lag ein ganzer Tag vor uns, als wir wieder am Einstieg zurück waren. Zu unserem Erstaunen wölbte sich jetzt ein wolkenloser Himmel über uns. Den Wetter-kenner liessen die Föhnstriche nichts Gutes ahnen, doch ich liess Mathys keine Ruhe, bis er einwilligte, die Kante nochmals anzugehen. Die beiden andern Begleiter verzichteten, denn an den Gipfeln hatten sich inzwischen wieder Nebel angesammelt.

Um 7 Uhr versuchten wir unser Glück nochmals. Fast ohne Sicherung kletterten wir anfangs, das immer noch unsichere Wetter trieb uns zu dieser Eile. So gewannen wir rasch an Höhe, nur vereister Fels konnte uns noch aufhalten. Das erste grosse Hindernis bot die « schwarze Platte ». Zu unserem Schrecken sahen wir, dass sie mit einer dicken Eisschicht überzogen war. Nur hart an der Kante war der Fels sichtbar. Die meisten Partien verlassen hier die Kante, indem sie den sogenannten ersten Quergang benützen. Ich zog hier immer den geraden Weg vor.

Mathys machte sich nun daran, die Platte zu überlisten. Doch das Eis Hess ihn den gewagten Schritt nicht ausführen, welcher ihn auf aperes Gelände geführt hätte. Schmerzhaft langsam erschien mir sein Vorwärtskommen, und ungeduldig verlangte ich den Vortritt. Zuerst versuchte ich links, dann rechts der Kante einen Ausweg. Viel kostbare Zeit vergeudete ich dabei, um dann schliesslich doch feststellen zu müssen, dass einzig der gerade Anstieg möglich sei. Nachdem ich lange genug ausbalanciert hatte, gelang mir die gefährliche Passage. Ein Mauerhaken, der allerdings einen Sturz kaum ausgehalten hätte, gab den moralischen Halt dazu. Jetzt war es an Mathys, ungeduldig zu werden. Von seinem unbequemen Sicherungsplatz her bekam ich einige Male seine Missbilligung über mein langsames Vorgehen zu hören, sogar von Umkehr wurde gesprochen. Ich stieg noch bis zum nächsten Sicherungsplatz, wo Mathys den Vortritt wieder übernahm. Flott ging es jetzt aufwärts. Auch der grosse Quergang in der Westwand konnte uns nicht lang aufhalten.

Bald sollten wir aber die Tücken unseres Berges kennenlernen. Schnee lag auf den Bändern der Ostseite, und die Felsen waren mit Eis überzogen. Ein Glück noch, dass ich den Aufstieg genau kannte. Nur einmal gingen wir falsch, wir querten zu früh in die Nordostwand. Eine heikle Plattenpartie brachte uns aber bald wieder zur Route zurück. Wir gerieten jetzt in die Wolkenschicht hinein. In kurzer Zeit wurden Haare und Kleider nass von diesem undurchdringlichen Nebel. Unheimlich war die Stille und Leere um uns. Kaum zehn Meter weit sahen wir. Immer wieder verschwand Mathys im Nichts, nur das ruckweise laufende Seil verriet, dass ausser mir noch ein Lebewesen am Berg war. Der 40-Meter-Kamin war ganz in Schnee gekleidet, und unter der losen Schneeschicht befand sich blankes Eis. Wir durften keine Zeit verlieren, denn immer dichter wurde das Leichentuch um uns, etwas Seltsames, Grauenhaftes lag in der Luft. Es war ein verzweifeltes Müssen, wie Mathys sich in den Kletterfinken den Kamin hinauf-wühlte, ab und zu eine Stufe unter dem tiefen Schnee kratzend.

Auf der Grathöhe wurden wir wenig freundlich empfangen. Zuerst war es nur ein leichtes Surren der Pickel, ein Geräusch, welches das Surren des Feldtelephons täuschend nachahmt. Vom Trubinasca her kam es nun mit unheimlicher Wucht. Donnerschläge liessen in kurzen Abständen die Luft erzittern. Die Elektrizität, welche nach einem Ausweg suchte und die Luft in Spannung hält, das ständige Surren der Pickel begannen die Nerven anzugreifen. Wir erwarteten irgend etwas Fürchterliches, eine Entladung, eine Explosion. Unsere Bewegungen wurden hastig, wir wollten dem drohenden Unglück entrinnen. Da ich beide Pickel im Rucksack trug, die nun wie ein Blitzableiter über mich hinausragten, mied Mathys ängstlich meine Nähe und verschwand immer, bevor ich den Sicherungsplatz erreichte.

Als uns die ersten Hagelschauer erreichten, waren wir erst einige Meter oberhalb des Kamins. Meinen Vorschlag, irgendwo « unterzustehen », beantwortete Mathys durch ein unverständliches Gebrumm und kletterte noch schneller über die nassen, glitschigen Platten. Unsere Lage begann nun gefährlich zu werden. Der Rückzug war abgeschnitten, der einzige Ausweg war der Gipfel, von wo wir durch die Südwand zu entrinnen hofften. Bald waren wir bis auf die Haut durchnässt, die Hände gefühllos, dazu die Flechten, welche hier den Fels dicht überwuchern wie Seife. Ich wunderte mich nur immer, dass keiner ausglitt. Wir kletterten wohl einzeln, aber eine richtige Sicherung war nicht mehr vorhanden. Mit rasender Wucht jagte uns der Sturm haselnussgrosse Eiskörner ins Gesicht. Jeder Griff, jede Vertiefung war ausgefüllt mit Hagel. Kurz unterhalb des Gipfels hätte uns das Verderben beinahe noch erreicht. Bei normalen Verhältnissen ist dieses letzte Stück leicht, da aber die Wände zu beiden Seiten tief im Schnee lagen, war eine Querung zu gewagt. Mathys hatte sich bis zum Überhang emporgearbeitet und merkte plötzlich, dass er sich nicht mehr halten konnte. « Ich stürze! », rief er verzweifelt. Noch einige Sekunden klebte er oben, dann Hess er sich fallen. Er konnte den verderblichen Sturz aufhalten, eine Verschneidung fing ihn auf. Mit verbissener Energie versuchte er nochmals die gleiche Stelle, diesmal gelang 's.

Sieben Stunden nach Verlassen des Einstieges erreichten wir den Gipfel, durchfroren, keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Eine grenzenlose Enttäuschung, fast Verzweiflung wollte mich erfassen. Der Gipfel, auf dem sich sonst bequem spazieren lässt, war mit einer riesigen Gwächte bedeckt. Und die Südwand, die ich als mittelschwere Kletterei in Erinnerung hatte, war eine Eis- und Schneewand, soweit dies im dichten Nebel zu erkennen war.

Noch immer tobte der Sturm, wenn auch seine Gewalt etwas nachgelassen hatte. Zwei finstere Gesellen drückten sich die Hände zum Zeichen, dass der Gipfel erreicht war. Schöne Worte wurden hier nicht gesprochen, waren sie doch eben der Nordkante entronnen und wollten nun zur Badilehütte gelangen. Den endgültigen Händedruck, das Symbol des Erreichens eines Zieles, den würden sie erst in der Hütte ausführen können. Vorläufig galt es noch zu kämpfen.

Zweimal querten wir die ganze Südwand kurz unterhalb des Gipfels, überall starrten uns unüberwindliche Tiefen entgegen. Die Waterei im tiefen Schnee, dazu die Kletterschuhe an den Füssen, Hess langsam aber sicher alles in uns erstarren. Völlig ausgepumpt, entschlossen wir uns zu einer kleinen Rast, der ersten des ganzen Tages und nur so lange, bis wir die Nagelschuhe und einige warme Kleidungsstücke angezogen hatten. Nach etlichen Irrfahrten fanden wir endlich den Durchstieg, schliesslich auch das grosse eiserne Kreuz und gelangten leicht zum Gletscher am Fusse der Südwand.

Bei meinen ersten Badilefahrten hatte ich einen Abstecher zur Badilehütte vermieden, da alle Übergänge nach Italien, ausser den offiziellen Passübergängen, gesperrt sind. Heute war uns alles gleich, bei unserem Zustand konnten wir am selben Tage nicht mehr über den Bondopass. Eine warme Suppe und trockene Kleider, an etwas anderes dachten wir nicht mehr. Eine halbe Stunde später standen wir vor dem unfreundlichen steinernen Bau der Badilehütte. Wir hatten Glück, eine junge Italienerin, welche hier Wirtin war, und ein kleiner Knabe bildeten die einzigen Insassen. Wenn wir nun glaubten, uns bald an einen gedeckten Tisch setzen zu können, so täuschten wir uns. Sprach- und Geldschwierigkeiten liessen uns das langersehnte Mahl erst zwei Stunden später einnehmen.

Am andern Tage sah das Wetter immer noch trostlos aus. Tief und schwer hingen die Wolken um Badile und Cengalo. Kaum hatten wir die Hütte verlassen, setzte ein alles durchdringender Regen ein. Ist es schwierig, den Bondopass bei klarem Wetter zu finden, so wird das bei Nebel fast zur Unmöglichkeit. Wie wir nachträglich feststellten, fanden wir im ersten Anlauf die richtige Route, liessen uns aber durch den Randschrund abschrecken. Drei Stunden irrten wir umher, um dann zu erkennen, dass der Randschrund gar nicht so bös war. Den Abstieg durch den tiefverschneiten Bondascagletscher erleichterte eine breite Spur. Als wir nach achtund-dreissigstündiger Abwesenheit die Sciorahütte betraten, hatten sich unsere Kameraden eben bereit gemacht, uns zu suchen.

3. Sciora di fuori-Nordwestkante.

Mit der Bezwingung der Fuori-Nordwestkante beginnt eine neue Epoche im Bergeil. Während bisher die Badile-Nordkante den Nimbus der äussersten Schwierigkeit hatte, so schiessen jetzt Kanten wie Pilze aus dem Boden oder besser gesagt die Routen über dieselben. Gemelli-, Trubinasca- und Piodakante werden in rascher Folge erschlossen, und Verwegene denken sogar an die Cengalo-Nordwestkante.

Die Fuori-Nordwestkante wurde erstmals am 17. September 1933 durch Karl Simon und Willi Weipert erstiegen. Als wir uns am 9. August 1936 zur Fahrt rüsteten, waren bereits acht Seilschaften diesen idealen Weg gegangen, vier deutsche und österreichische und vier italienische.

Mit dem jungen Bergführer Albert Walther aus St. Moritz stieg ich am Samstag zur Sciorahütte auf. Noch vor wenigen Jahren konnte man mit Bestimmtheit rechnen, hier allein zu sein, heute fanden wir kaum noch einen Platz. Die Sciorahütte zählte einst zu den am wenigsten besuchten Hütten. Nun ist die Zeit nicht mehr fern, wo man mit einer Vergrösserung dieses Bergsteigerheims rechnen muss. Immer mehr Kletterer werden von den Wänden und Kanten der Bondasca angelockt.

Früh am Morgen, noch beim fahlen Mondlicht, turnten wir über die Blockhalde oberhalb der Hütte, gewannen den oberen Rand der Moräne und standen somit am Fuss der gewaltigen Scioragruppe. Gemächlich bummelten wir jetzt über die wenig steilen Schneehänge und über das Gletscherchen am Fusse der Fuori-Westkante vollends zum Einstieg. Aus der Beschreibung wurden wir nicht klug, auch hatte uns das Gründlichkeitsfieber ergriffen, so dass wir die Kante viel zu weit unten anpackten, statt den unteren hier noch gut gestuften Teil der Westwand zu verfolgen. Wie wir den Irrtum sahen, querten wir, aUerdings unter grossem Zeitverlust, in die Westwand hinüber und betraten erst weiter oben den Grat wieder. Die Erstbesteiger waren hier ein kurzes Stück über den Grat gegangen, um dann nochmals in die Westwand zu queren. Wir verfolgten den bessern Weg der Zweitbegeher, welcher auf einer bequemen Rampe in die Nordwand hinausführt.

Nachdem die Kante ein zweites Mal erreicht ist, gibt es keine Varianten mehr, der Weg ist zwangsläufig vorgeschrieben. Hier beginnt eigentlich erst die Nordwestkante.

Schon von weit unten sah ich eine Seilschlinge in senkrechter Wand hängen. Hier musste wohl die Schlüsselstelle sein. Ich fühlte mich der Sache sicher und packte die Wandstufe sofort an. Meine Angriffslust ward bald gedämmt. Ein Mauerhaken sollte einen Seilzug nach links zu einem schmalen Gesimse ermöglichen. Langsam, vorsichtig schob ich mich in die glatte, völlig senkrechte Wand hinaus, mein ganzes Gewicht ins Seil hängend. Jedesmal, wenn ich glaubte, mein Ziel erreicht zu haben, pendelte ich wieder zurück. Albert, der nun ebenfalls sein Glück versuchte, kam nicht viel weiter. Ich wollte nun die Stelle direkt von unten mit Hilfe von Mauerhaken und Trittschlingen überwinden. Beinahe wäre es mir geglückt, wenn nicht im letzten Moment ein Haken ausgebrochen wäre und ich unbarmherzig in die senkrechte Wand hinausgeschleudert wurde. Nur durch den oberen Pendelhaken, in welchem ich durch ein zweites Seil gesichert war, entging ich einem gefährlichen Sturz. Nach meinem Misserfolg war Albert wieder an der Reihe. Er verbiss sich nochmals in den Pendel. Durch einen Seilwurf gelang es ihm nun, die kaum zwanzig Zentimeter breite Leiste zu erreichen. Mühsam war das Aufrichten, die senkrechte Wand drohte ihn hinauszuwerfen. Auch die folgende kurze Wandstufe verlangte noch viel, aber dann hatte er die gutgestufte Rinne erreicht, welche nun leicht zur Gratscharte leitete.

Ein vierzig Meter hoher Riss führte nun zum Kamin, welcher den ganzen oberen Teil der Nordwestkante spaltet. Um Zeit zu sparen, stemmte ich mich gleich mit dem Rucksack hoch, musste aber bald aufgeben, denn dieser Schinder wollte ohne Ballast bezwungen sein. Ich arbeitete mich so eine Seillänge hinauf, verschiedene Klemmblöcke überwindend. Nun begann der Leidensweg für unsere Rucksäcke, die sich unter jedem Block erneut verklemmten, bis sie trotz allem Zerren und schönster Kraftausdrücke endgültig festsassen. Die Lage war fatal für uns. Albert musste ungesichert nachklettern, fand aber in seinen Kletterfinken an den völlig glatten, glasigen Granitplatten des Kamins nicht den geringsten Halt. Schliesslich schaffte er es doch. Wir zogen die Lehre daraus, immer nur kurze Stücke zu klettern, um dann gleich die Säcke nachzuziehen. Der weitere Verlauf des Kamins sah nicht gerade vertrauenerweckend aus, sechzig Meter weiter oben schloss er sich zu einem unmöglichen Überhang. Die Gewissheit, dass andere auch schon diesen Weg gegangen waren, Hess aber keine allzu grossen Bedenken in uns aufkommen.

Ahnungslos zog ich mich am nächsten Blocke hoch. Da geschah das Unglaubliche: der Riese wankte unter meiner Last und stürzte dumpf polternd auf mich los! Ich warf mich hinaus und konnte mich am Rand des Kamins verklemmen. Der Block fauchte neben mir in die Tiefe, um sich dann glücklicherweise weiter unten wieder zu verklemmen, denn Albert, der in der Fallirne stand, hätte kaum ausweichen können. Ich kam mit einigen Schürfungen davon, und die beiden grossen Zehen, welche leicht gestreift wurden, waren etwas gequetscht. Mit doppelter Vorsicht ging ich jetzt ans Werk. Einige Platten schienen darauf zu warten, berührt zu werden, um dann mit verderbender Gewalt hinunter zu stürzen. Nachdem mir nochmals so ein kleines Ungeheuer unter den Füssen entschwand, zog ich die überaus anstrengende Stemmarbeit an den weit auseinanderliegenden Kaminwänden vor. Besonders heikel war der Ausstieg. Den anfangs erhofften Durchstieg fanden wir nicht, der Kamin schloss sich bis auf einige kleine Lücken. Wir standen unter einem ungeheuren Klemmblock. Die einzige Möglichkeit für uns war, unter diesem Blocke durchzuschlüpfen, um die rechte Kaminkante zu erreichen. Das letzte Stück ist so grotesk, dass ich mich fragen musste, was unten und oben sei. Dabei ist der Durchschlupf so schmal, dass wir beide unsere Nasenspitzen zerschürften, von den Knöpfen an Hose und Windjacke gar nicht zu reden.

Wie eine Erholung wirkte die folgende Rampe, welche zum ersten Vorgipfel führte. Wir gönnten uns hier zum erstenmal seit Stunden eine kleine Rast. Erst jetzt gewahrten wir, dass sich drüben am Trubinasca Gewitterwolken ballten und bedrohlich zum Badile hinüber schlichen. Mir lag noch das Gewitter von der Badilekante in den Nerven, so dass ich mich unverzüglich bereit machte. Hastig kletterten wir in die nächste Gratscharte, um gleich das letzte Hindernis anzupacken. Einige Mauerhaken wurden geopfert, um rascher vorwärts zu kommen. Der einzige Gedanke war, dem Gewitter zu entrinnen, den Gipfel wollten wir wenigstens vor dessen Einbruch erreichen.

Unsere Bedenken waren übereilt. Wie wir den Gipfel abends 6 Uhr erreichten, hatten sich die Gewitterwolken verzogen. Nachdem sie bis zum Gemelli vorgedrungen waren, hatten sie den Rückzug angetreten und waren bereits hinter dem Trubinasca verschwunden. Mochten sie sich nun über dem Comersee entladen!

Wie so manchmal nach schweren Bergfahrten wollte heute keine richtige Gipfelfreude aufkommen, stand doch ein langer Abstieg, vielleicht sogar ein Biwak bevor. Zudem waren meine Schuhe am Einstieg unten, so dass mir das Sciorettacouloir, welches wir im Abstieg benutzen mussten, einige Sorgen verursachte. Rascher als wir gedacht, standen wir unten im Colle della Scioretta. Schlimm genug sah das mit hartem Firn gefüllte Couloir aus. Zuerst ermöglichten die Randfelsen den Abstieg, bald aber musste ich Stufen schlagen, was in den Kletterschuhen besonders unangenehm war. Nach Überwindung des steilsten Stückes forderte Albert mich auf, abzurutschen, er werde mich schon halten, und in den Bergschuhen komme er auch irgendwie hinunter. Auf diese Weise gelangten wir rasch tiefer, Seillänge für Seillänge rutschte ich auf meinen Gummisohlen über den Firn. Am Ausgang des Couloirs angelangt, lief Albert zum Einstieg hinüber, um meine Schuhe zu holen. Und es war gerade richtig Nacht, als wir die Sciorahütte wieder betraten.

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