Bergfilm und Bergkunst

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Von Heinrich Kleinert.

Wir gehören einer Zeit an, deren Kultur in Gefahr ist, an den Mitteln der Kultur zugrunde zu gehen. ( Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches I. ) Nichts ist klarerer Ausdruck der faustischen Seele als das Bergsteigen. Und doch können wir noch nicht behaupten, dass wir sein seelisches Problem gelöst haben, noch ist es künstlerisch, psychologisch oder philosophisch nicht umfassend gestaltet. Wie mancher mehr oder weniger Künstler dieser oder jener Art hätte nicht schon sein Verhältnis zu den Bergen schreiben, malen, singen mögen! Wie mancher tat es! Wem ist es so gelungen, dass wir behaupten könnten, wir besässen einen Faust der Berge, einen Beethoven, der die Symphonie des Berges gedichtet? Eines aber fehlt vor allem: die Psychologie und noch mehr die Philosophie des Bergerlebnisses. Damit fehlen uns aber auch gewisse Richtlinien, besser, sichere Kriterien, nach denen wir Bergkunst messen und beurteilen könnten. Mit anderen Worten: Es ist noch kein allgemein gültiges Verhältnis zum Berge gefunden worden; denn ein solches findet in erster Linie Ausdruck in der Bergkunst.

Und doch klingt fast aus jedem kleinen und grossen Beitrag unserer und anderer Zeitschriften das Bedürfnis nach allgemein Gültigem. Jeder ver- meint, es selber sagen zu können. Jeder glaubt, er habe den Stein der Weisen entdeckt und empfinde so, wie die ganze Bergsteigerwelt empfindet. Es kann jedoch nur der echte, grosse Künstler uns das geben, was wir alle zum Teil in unserer Brust tragen, es aber nicht zu gestalten vermögen. Weder das schwülstige Wort noch der geschraubte Stil, auch die bizarre Form können nicht erfüllen, was der berufene Dichter mühelos zu Papier bringt, der wirkliche Maler leicht auf die Leinwand zaubert.

Tragen wir aber nicht alle selber mit an einer Schuld, wenn es hier überhaupt eine solche gibt? Fördern wir denn die Bergkunst so, dass sie ermutigt wird, zu schöpfen, zu gestalten? Wohl gibt es prächtige Bergbücher, wundersame Bilder unserer bekanntesten und verborgensten Berglandschaften. Mögen die ersteren selten, die letzteren zahlreicher sein — es fehlt der grossen Masse der Bergsteiger die echte, persönliche Einstellung zur Bergkunst, und damit vernachlässigen wir das, was allein dem Alpinismus die Seele gibt. Wir finden zwar schon heute bei Federer, Hiltbrunner, Andreas Fischer, Hoek, Lammer und andern, Hodler und Glaus wirkliche Gestaltungen von Bergerlebnis und Bergerkenntnis. Das berechtigt zu der Hoffnung, dass weitere Schöpfungen, auch solche in bergpsychologischer und bergphilosophischer Richtung, zu erwarten sind.

Doch nicht diesen Fragen gilt es heute. Eine neue Kunst, der Dramatik verwandt, füllt heute Tag für Tag, Abend für Abend, Tausende von kleinen und grossen Kinosälen. Die Welt würde leer, wenn wir den Film aus dem täglichen Leben strichen. Es hilft nichts, darüber eine Jeremiade anzustimmen. Besser ist, mitzutun und durch scharfe Kritik die Filmerei zur Filmkunst werden zu lassen.

So muss auch der alpine Film zur alpinen Filmkunst gewandelt werden. Wer aber sollte hier wachen und mitarbeiten als wir, die Bergsteiger, und mit uns oder durch uns der schweizerische Alpenclub? besser, die Alpenvereine aller Länder? Dies ist ja in bezug auf alpine Kunst im allgemeinen und alpinen Film im besonderen schon mehr als einmal an dieser Stelle betont worden.

Was aber ist Filmkunst? Es gleiten hundert und aber hundert Filme über die Leinwand, und nur einer vom Tausend darf Anspruch auf den Ehrentitel « künstlerischer Film » machen. Wo mag der Fehler, wenn überhaupt wir da von Fehlern sprechen dürfen, zu suchen sein? In erster Linie einmal darin, dass der Film nicht gedichtet, nicht in der sonst üblichen Weise künstlerisch geschöpft werden kann, sondern « gemacht » werden muss. Es verhält sich aber mit der Legende zum Film gewissermassen wie mit dem Libretto zur Oper. Sind Mozarts Opern nicht trotz der dichterischen Nichtigkeit ihres Textes unsterbliche Meisterwerke? Offenbar muss das bewegte Bild des Films schlussendlich Ausdruck seiner besonderen Kunstform sein. Ganz so, wie die Musik der Oper erst den letzten künstlerischen Inhalt gibt, so sollte die Bewegung des Bildes und dieses an sich dem Film erste und letzte künstlerische Ausdrucksform bleiben. Damit ergibt sich ohne weiteres, dass die Verfilmung literarischer Kunstwerke nicht unbedingt zum künstlerischen Film führen wird, eine Tatsache, die mir von der Filmindustrie nicht ge- nügend gewürdigt erscheint. Es ergibt sich daraus aber auch die grundsätzliche Frage: Worin besteht das künstlerisch Filmische? Sie ist wenigstens teilweise schon beantwortet, und aus ihrer vollständigen Lösung erhalten wir bestimmte Kriterien auch zur Beurteilung des alpinen Films.

Die Bilder des idealen Films beschränken sich auf rein filmische Vorgänge, die an sich so klar auf den Zuschauer wirken, dass sie einen Begleittext unnötig machen. Wie weit sich ein Film dieser Höchstform zu nähern vermag, hängt von seinem Inhalte ab. Es ist klar, dass es für verfilmte Literatur geradezu unmöglich ist, ohne Schriftbilder auszukommen. Und doch sehen wir Tag für Tag die Anpreisung von Filmromanen, die sich auf die Berühmtheit grosser Werke der Weltliteratur stützen und so stets eine gewisse Zugkraft ausüben, Wir sagen damit nicht etwa, dass diese Filme schlecht seien. Hier ist die Kunst des Schauspielers und der Regie dasjenige, was den Film gut oder schlecht macht. Da müssen alle kleinen und kleinsten Einzelheiten stimmen, alles Unwahrscheinliche muss vermieden sein. Das Entscheidende liegt dann letzten Endes in der Wirkung. Und die ist erst vollkommen, wenn jeder Widerspruch innerlich und äusserlich ausgeschlossen wird. Ein Grundfehler der gesamten Filmproduktion scheint mir aber da zu liegen, dass sie nicht versucht, in erster Linie gegenwärtiges Leben künstlerisch zu gestalten. Und wenn es auch der Tendenzfilm wäre! So dürfte wohl einer der besten Filme, die je gezeigt wurden, der « Panzerkreuzer Potemkin » sein, ein russischer Revolutionsfilm.

Damit kommen wir endlich zum alpinen Film. Der im Dezemberheft des letzten Jahrganges der « Alpen » veröffentlichte Aufsatz über dieses Thema unterscheidet vier verschiedene Gruppen alpiner Filme. Sind aber Film-romane wie die in den Gruppen 1 und 2 angeführten, die nur vorübergehend in den Bergen oder grösstenteils in den Alpen spielen, schlechthin solche? Ja, sogar Filme, die ganz in die Bergwelt verlegt sind, die aber als Leitmotiv allgemein menschliche Themen haben, verdienen den Untertitel « alpiner Film » wohl kaum. Könnten sie denn nicht ebensogut am Meer, in der Grossstadt, in der Steppe oder Wüste sich abspielen? Sind in ihnen die Berge mehr als blosse Staffage?

Ich glaube, als alpine Filme dürften nur zwei Typen gelten: der Natur-und Besteigungsfilm und der Filmroman, der irgendwie das Verhältnis Berg-Mensch berührt. Wenn also ein Bergfilm eine romanhafte Erzählung enthält, so müsste sie so beschaffen sein, dass aus ihr ersichtlich ist, was der Mensch in den Bergen sucht und findet. Von diesem strengen Standpunkt aus ist nicht einmal « der heilige Berg » ein echter Bergfilm, besser, enthält nicht einmal dieser Film echte Bergkunst, wenn sie nicht allein im Bildmässigen der Landschaft liegen soll. Kunst aber gestaltet über dieses hinaus sowohl in Malerei wie Musik und Literatur Allgemeingültiges, für jeden Menschen Verständliches. Auch Bergkunst gestaltet, bildet nicht nur nach. Bergfilmkunst gestaltet mit den Mitteln des Films, nicht mit denen der Sprache, also nicht so wie die Literatur. Die Mittel des Films sind Mimik und Bewegung neben reinem Bildmässigen. Damit ist aber auch dem Natur- und Besteigungsfilm die künstlerische Möglichkeit zugegeben. Er kann ein Kunstwerk sein, wenn seine Bilder durchaus künstlerische Wirkung ausüben und zugleich das ausdrücken, was uns Menschen das Bergsteigen zur inneren Notwendigkeit macht, was uns erlöst. Sagen wir die Zielstrebigkeit, die Freiheit, das Wandern an sich — ich weiss, es lässt sich nicht in wenige Worte fassen. Eines darf der Besteigungsfilm nicht sein: eine blosse Folge bewegter Bilder, die besser Stehbilder wären. Und dazu tritt noch eins, in dem ich mit dem Verfasser des schon genannten Beitrages « Der alpine Film » einig gehe: die Forderung nach unbedingter Wirklichkeitstreue; d.h. alpinistisch muss alles bis in die letzte Einzelheit richtig sein. Solche Filme wirken dann ohne weiteres auch belehrend. Sie dürfen dies Lehrhafte aber nur als Selbstverständlichkeit enthalten. Steht es im Vordergrund und wird es damit Selbstzweck, dann erhalten wir den Lehrfilm, und der kann und darf auf Filmkunst nicht mehr Anspruch erheben.

Es ist eine Frage, die heute wohl noch nicht ohne weiteres entschieden werden kann, ob der alpine Filmroman je imstande sein wird, unseren höchsten Forderungen zu genügen. Ob er es vermag, das Tiefste darzustellen, das uns die Berge sind und sein können? Bis heute fehlt er noch, dieser künstlerische, alpine Film! Wir wollen mit ein paar Worten anzudeuten versuchen, welchen Inhalt ein solcher alpiner Filmroman haben könnte: Die Symbolkraft des Berges für unser Leben müsste aus der Sehnsucht zum Wandern, Steigen und Erreichen des Gipfels gezeigt werden. Das Erlösende des Wanderns und Steigens an sich sollte sich aus der Bilderfolge, wohl auch aus der Handlung ergeben, so aber, dass der Zuschauer es nachzuerleben vermag, besser, es nacherleben muss. Im idealen Bergfilm muss der Mensch das triebhafte, unersättliche, nie vollendete, rastlose Wesen, die Berge das ruhende, verklärte, zu Ende geführte Sein verkörpern. Die Filmhandlung? Unsere Sehnsucht nach den Höhen des Lebens? Die Flucht aus seinen Tiefen? Das Leid? Die Freude? Die Liebe? Wir wollen hier den Dichter, den Künstler suchen und gestalten lassen!

Ein zweites! Verwechseln wir nicht alpinen Film und Berglandfilm. Wir wollen es auch nicht tun mit alpiner Literatur und Berglandroman. Wenn wir deshalb eine neueste Schöpfung des Films, « Petronella », anführen, so haben wir es mit keinem alpinen Film zu tun, sondern mit einem verfilmten Roman aus den Bergen. Leider hielt auch er nicht, was versprochen ward. Neben einigen filmisch glänzenden Bildern, echter Filmkunst, wie den Schlacht-szenen am Beginn, den Kuhkämpfen, dem Volksfest, der Landesverweisung des Mörders, birgt der Film doch auch Kitschiges und Falsches, Stillosigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten. Von dem grossen, hellen Raum der Tiroler- oder vielleicht Bayern- oder Emmentalerbauernwirtschaft imWallis zum Pickel neuesten Formats im Jahre 1800, von der deutschen Gretchenfigur der Heldin zur bis zur Farce verzerrten Gerichtssitzung! Auch die Rettung der Glocke aus der Gletscherspalte ist gerade alpinistisch nicht einwandfrei. Solche Schnitzer sollten gewiegten Regisseuren nie und nimmer vorkommen. Weshalb zieht man da nicht Leute bei, die von diesen Dingen etwas verstehen? Noch einmal: die kleinste Einzelheit muss wahr, muss richtig gestaltet sein.

Wenn etwa behauptet wird, das Publikum habe den Film, den es verdiene, so trifft der Vorwurf vor allem die Filmkritik. Ein Redaktor einer grossen Tageszeitung äusserte mir gegenüber einmal, man dürfe die Filme eben nicht zu scharf kritisieren, sonst erhalte man keine Inserate mehr von den Kinotheatern. Wenn dieser Einwand gegen die Filmkritik vom verlegerischen Standpunkt aus eine Berechtigung haben mag, so ist er dafür vom künstlerischen aus null und nichtig und verrät auch eine bedenkliche Einstellung der Presse zu ihrer Kulturaufgabe. Bringen jedoch die grossen Zeitungen den Mut nicht auf, schärfste Kritik zu üben, woran soll sich dann die Filmproduktion schleifen? Alpine Filme und verfilmte Bergromane sollten heute ebenso wie Bergbücher in den alpinen Zeitschriften besprochen werden. Der schweizerische Alpenclub muss sich auch da in den Dienst der Bergkunst stellen!

Der Lehrfilm endlich kann, wie schon gesagt, kein künstlerisches Werk sein. Er ist Tendenzfilm und wohl geeignet, Vorträge und Kurse zu beleben. Er wird in dem Sinne erzieherisch wirken können, wie alle Ratgeber literarischer Natur es vermögen. Das grosse Publikum aber wird den alpinen Lehrfilm ablehnen. Die Verwendungsmöglichkeiten dieser Filmart sind von O. P. Schwarz in der Chronik der Oktobernummer der « Alpen » richtig dargetan worden, so dass mir bloss übrig bleibt, seinen Wunsch, der S.A.C. möchte sich auch dieser Sache annehmen, zu unterstützen.

Mögen meine Forderungen für den Film im allgemeinen, die für den alpinen Film im besonderen, hohe sein. Sie sind Idealforderungen, deren Anstreben Besseres fördern soll als das bisher auf dem Gebiete der Filmkunst Hervorgebrachte. Wenn der Film mehr sein will und mehr werden möchte als blosse Unterhaltung und Zerstreuung, dann muss er den Königsweg zu gehen versuchen, der zur Filmkunst führt. Sonst dürfte die Zeit nicht allzuferne sein, da die Kinomüdigkeit nur noch durch die Sensations-lüsternheit eines gewissen Publikums ausgeglichen wird. Suchen wir durch scharfe Kritik dieser zeitgemässen Kunst zu dienen, ihr damit ihre Oberflächlichkeit zu nehmen, in der sie allzu oft stecken bleibt, die ja allerdings ebenfalls recht zeitgemäss ist. Der Bergsteiger aber sollte nicht alpine Filme schlechthin, sondern alpine Filmkunst fordern.

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