Berggeister

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Berggeister.

Von Leopold Hess.

Es scheint mir beinahe ein Wagnis zu sein, in einer so aufgeklärten und sachlichen Zeit wie die unserer Tage eine romantische Gedankenflucht abzuwandeln, wie sich diese aus dem Thema « Berggeister » folgern muss. In einer Zeit, da man sich nicht mehr getraut, die Wolfsschluchten auf die Bühne zu bauen und in der selbst der Film den tapferen Siegfried mit seinem Drachen zu verleugnen beginnt. Geister aus dem Busch und Fels zu klopfen, wo doch jedermann weiss, dass es keine gibt, kann doch allenfalls noch eine erspriessliche Aufgabe sein für indische Fakire oder routinierte Taschenspieler, die sich auf der Varietebühne als Geisterbeschwörer ihr Brot verdienen. Um vor einen grossen Kreis furchtloser und nüchterner Bergfreunde zu treten, hätte man vielleicht besser den Titel « Sagen und Märchen aus der Alpenwelt » gewählt; wenn es doch bei den Berggeistern blieb, so anvertraute ich mich dem unerschöpflichen Born der Weisheit Goethes, in dessen Jubeljahr wir eingehen und der da fand, es sei « ein gross Ergetzen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen ».

Von dieser Kanzel aus aber sind es nicht Märchen und Sagen, die « Berggeister », nein, es sind die hellen und finsteren Mächte, die gewaltigen Widersacher oder hilfreichen und starken Freunde des Menschen. Es sind die Rächer und Sühner, die Mensch und Vieh erschrecken und erdrosseln, über die wir keine Macht mehr haben und aus deren Bannkreis wir uns nicht aus eigener Kraft befreien können. Die Berggeister sind letzten Endes nur die beiden Träger von Gut und Böse, von Gott und Teufel oder die einfache Geschichte BERGGEISTER.

vom gerechten und ungerechten Menschen. Denn in einem Punkte sind die vielen tausend Geschichten und Überlieferungen immer übereinstimmend: dem guten Menschen kann nie dauernd ein Leid geschehen von bösen Geistern, und der schlechte Mensch ist immer dem Teufel mit Haut und Haaren verfallen.

Wer Beweise hierfür fordern will, kann sie in Menge haben, nur soll er auch die Bedingungen erfüllen, die es bekanntlich beim Umgang mit Geistern immer gibt, und mit mir den Weg zurückgehen, in jene gar nicht so weit hinter uns liegenden Zeiten, als man sie noch sah und begegnete, zu jeder Tag-und Nachtstunde, in unsern erschröcklichen Bergen und Alpen, die bald furchtbaren und bald menschenfreundlichen Berggeister.

Worüber jeder Bergfreund, besonders jeder Schweizer und Alpenwanderer, sich wohl dauernd wundern muss, ist die Tatsache, dass die Besteigung unserer Berge aus reinem Wandertrieb, aus Bewunderung für die herrliche Alpenwelt kaum zwei Jahrhunderte zurückliegt. Die Alpen, die so ganz unserem Lande das Signum geben, das von der Natur wunderbar gemeisselte Gesicht unserer Heimaterde, unsere Vorderen haben es nicht gesehen, nicht gekannt, und sie haben auch gar kein Verlangen danach empfunden. Die Berge waren ihnen « erschrecklich », « furchtbar gruslich » und eine « förchterliche Wildnuss ». Sie fühlten sich nicht hingezogen zu den Bergen, sondern abgestossen, sie erkannten das Gebirge nicht als Schirm und Schutz, sondern als Hindernis und Hort des Bösen. Wohl gab es auch einige Propheten und Rufer in der Wüste schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die von der Schönheit und dem Segen der Berge zu berichten wussten, aber ihre Lockung fand wenig Gehör, und es musste das 18. Jahrhundert anbrechen, bis der Berg Gemeingut des Volkes wurde und die Turistik im heutigen Sinne langsam, aber immer steigend sich Bahn brechen konnte.

Der Gründe zu diesem skeptischen Verhalten der alten Eidgenossen sind vielerlei. Die alten Schweizer waren Landwirte und Viehzüchter. Wo kein Gras wächst, hörte ihr Interesse auf. Zudem musste man ohnehin mehr wie genug im Tale wandern, bei schlechten Strassen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, auf die Märkte und in die Städte. Man hatte es wirklich nicht nötig, zur Förderung der Blutzirkulation die gefährlichen Berge zu ersteigen, und schliesslich war die Sache ungeheuer und freventlich, denn dort in den Bergen wohnen die Geister, die Trackten und Lindwürmer, die Kobolde, die Wildmandli und Erdfrauen, die Sträggelen, Toggeli, Faune, die Froteufeln, Hexen und Hexenmeister, die Schmutzli, Winds-bräute, Nebeljungfrauen, Berghunde, kurz, alle Arten Berggeister und viele, viele arme Seelen, die nicht zur Ruhe kommen können.

Damit sind aber die Gründe nicht erschöpft, die den Menschen früherer Jahrhunderte vom Berge fernhielten; wir müssen noch die Kriege nennen, und vor allem das fehlende Bedürfnis von damals, den naturfernen Städten und dem sterilen und aufreibenden Werkeltag der Fabriken und Schreib-stuben zu entrinnen. Für uns ist aber heute nur von Bedeutung, dass es in den Bergen Geister gab und dass die Gespensterfurcht einen nicht geringen Anteil hatte, dass die Menschen dem Berge ferne blieben und sich hüteten, in die einsamen Gefilde der höchsten Alpen und Gipfel vorzudringen.

Der Geisterglaube und Aberglaube lässt sich bis in die Urzeit der Menschengeschichte zurück verfolgen. Alle Gegenden und Länder der Erde und alle Völker hatten ihre besonderen Erscheinungsformen der Geister. Auf den Meeren der fliegende Holländer, die Geisterschiffe und Meerwunder aller Art, in den Haiden und Steppen die Erlkönige und Geisterwölfe, in den Wäldern die Heinzelmänner, der Rübezahl und andere Riesen, aber nirgends waren sie so vielgestaltig und verschlagen, so hinterlistig und grausam wie in den Bergen. Das Berggelände war auch die denkbar beste Heimstätte für ihr teuflisches Wirken und eine hochromantische Szenerie für ihre Unternehmungen.

Hier muss man wiederum verwundert die Frage aufwerfen: Wo blieb denn das Christentum? Mehr als 1300 Jahre sind es nun her, seit der heilige Gallus im Norden Helvetiens das Christentum verkündete und in der Folge das Evangelium sich nach und nach über die ganze heutige Schweiz ausbreitete. Der heidnische Kultus wurde aufgehoben und alle Abgötterei vernichtet, besonders wurde auch jede Art Aberglaube und Geisterfurcht bekämpft, und trotzdem gibt es heute noch abgelegene Berggegenden und einsame Menschen, die aus innerster Überzeugung an die mögliche Existenz von Berggeistern glauben. Die Überlieferungen, was man vom Urgrossvater und der Grossmutter her wusste, was die alten Chronisten berichteten und was sich an langen Winternächten und Spinnstubeten weitererzählte, vom Mund zum Ohr, fand den Weg durch Generationen, und es wäre vergebliche Mühe, einen Geistergläubigen von seinem Wahn befreien zu wollen.

Die Schweiz, mit ihrem zerklüfteten Berggelände, war zu allen Zeiten voll von Drachen und Bocksfüsslern. Überall sind die Wetterlöcher und Hexenplätze und zahlreich die Bergseen, die den Menschen anziehen und verschlingen oder aus denen « bös Ungewitter, Hagel, Donder und Blitzg » aufsteigt, wenn man sie in ihrer Ruhe stört oder durch mutwillige Tat ihre Rache herausfordert. Die Geisterfurcht steht in einem auffallenden Widerspruch zu den unerschrockenen Mannen der alten Schweizergeschichte, die nie gezaudert haben, mit Zweihänder und Schlagkolben einem weitüberlegenen und besser ausgerüsteten Feind entgegenzutreten, aber sich vor einem vorbeihuschenden Käuzlein oder einem flatternden Kästuch im Winde bekreuzten, Reue und Leid erweckten und mit tausend Schwüren bekräftigten, sie hätten den leibhaftigen Satanas gesehen.

Es wäre aber ungerecht, wollten wir unsere Ahnen oberflächlich der Angstmeierei bezichtigen; es waren Gründe genug vorhanden, die sie in ihrem Geisterglauben bestärken konnten, und wenn wir diese scheinbaren Furchthasen belächeln, so wollen wir nicht vergessen, dass heute einem Primarschüler mehr Wissen über die Vorgänge in der Natur und ihre Erscheinungen eingetrichtert wird, als früher ein bärtiger Magister Zeit seines Lebens in Erfahrung bringen konnte. So ist auch nur langsam und stückweise die heute so viel geschätzte Aufklärung erfolgt, und es mag dabei für den inneren Menschen nicht in jedem Falle einen Gewinn bedeutet BERGGEISTER.

haben, dass sich das Wissen auf Kosten der Gläubigkeit allzu üppig entwickelte.

Den Alten waren also die Zusammenhänge der Natur und ihrer Erscheinungen zum grössten Teil unbekannt. Leben und Tod wurde aus der Hand Gottes entgegengenommen, und was das Schicksal unsern Vätern Widerwärtiges auf den Weg streute, wurde gerne den bösen Geistern zugeschrieben. Der grossartigen Einsamkeit der Gebirgswelt mit ihren vielfältigen Gefahren steht der kleine Mensch immer alleine gegenüber. Seine schwachen Kräfte reichen nicht in jedem Falle aus, sich sein Heil zu sichern; so zählt er willig auf den lieben Gott und alle guten Geister. Der Bergbewohner der Frühzeit unseres Landes war geradezu auf die gütige Mithilfe aller unbekannten Kräfte angewiesen, und er rief sie an in jeder Not und Gefahr, im Kampfe gegen jeden Feind, der ihn bedrohen konnte. So ist auch der Betruf oder Alpsegen der Innerschweiz diesem gläubigen Wunsche zuzuschreiben. Der Älpler unterstellt sich und die Seinen, Alpengelände, Hütte, Haus und das liebe Vieh dem Schütze Gottes und seinen Heiligen.

Der Geisterglaube in früheren Jahrhunderten ist fast zu einem Bedürfnis dieser Einsamen geworden und deckt sich durchaus mit den Erscheinungen anderer Menschen, die lange oder dauernd alleine sind oder ihr Leben in einem kleinen Kreise zuzubringen gezwungen wurden.

Wenn wir aber alle diese Gründe zusammentragen, die den Geisterglauben unserer Bergbewohner erklärlich machen könnten, so bleibt immer wieder die Frage offen, warum trotzdem all diese lange Spanne Zeit unsere herrliche Alpenwelt nicht bestiegen, nicht entdeckt wurde. Man weiss wohl von den Passübergängen Hannibals, der römischen und gallischen Kriegsheere, aber von eigentlichen Berg- und Gipfelbesteigungen erhalten wir erst Kunde zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Auch waren es nicht Turisten im heutigen Sinne, die das Wagnis unternahmen, sondern Forscher, Künstler und Wissenschafter, die dank der besseren Erkenntnis der Dinge Pioniere des Alpinismus wurden. Die Schweizergeschichte kennt einige hervorragende Männer dieser Art, und ihrem Mute, man könnte sagen ihrer Todesverachtung, ist es zuzuschreiben, dass der unheimliche Bann, der um unsere Alpen lag, endlich gebrochen wurde.

Der Glarner Chronist Gilg Tschudi schreibt 1538 eine ausführliche Geschichte der Rhätischen Alpen mit dem malerischen Titel: « Die uralt warhaftig alpisch Rhätia. » Conrad Gessner, der grosse Zürcher Naturforscher, beschäftigt sich um 1541 eingehend mit den Alpen und wird in der Folge ein grosser Verehrer und Förderer des Alpinismus. Johannes Stumpf, der Zürcher Chronist, erwähnt die Schönheit, aber auch die erschröckliche Wilde der Alpen in der Erstausgabe seiner Chronik um 1548, die bekanntlich in der Froschauer-schen Druckerei beim Prediger herauskam. Aber erst um 1574 erschien, ebenfalls bei Froschauer, das Standardwerk Josias Simlers, die Alpen. Die deutsche Übersetzung dieses Werkes wurde aber erst im Jahre des Heils 1931 zur Wirklichkeit und ist der Gesellschaft alpiner Bücherfreunde in München zu verdanken. Simler, Theologieprofessor am Carolinum in Zürich, hat in seinem Buche alles zusammengetragen, was in der damaligen Zeit wesentlich war für die Kenntnis der Alpen, und man hätte glauben sollen, dass von diesem Werk ein mächtiger Impuls ausgegangen wäre, nun der Gebirgswelt auf den Leib zu rücken; aber auch dieses Meisterwerk vermochte nicht, so wenig wie alle die erwähnten Vorläufer, die Massen zu durchdringen und die allgemeine Abneigung und die Furcht vor den Bergen aufzuheben.

Zugegeben, dass auch die Zeitumstände nicht sehr glückliche waren. Die Religionskämpfe zu Beginn des 16. Jahrhunderts, sodann der dreissigjährige Krieg mit bitterer Not und Seuchen im Gefolge waren böse Hemmungen für beschauliches Wandern. Zu allen Zeiten aber gesellte sich immer wieder die Furcht vor den bösen Mächten im Gebirge. Der fruchtbarste Nährboden für den Geisterglauben ist natürlich der Volksmund. Aber auch die gewissenhaften Gelehrten von früher konnten sich nicht immer von allen Zweifeln frei machen, und so kam es, dass viele unvollkommene Deutungsversuche oder Zufälle dem Aberglauben im Volke immer wieder neue Nahrung zuführten. Es wäre unmöglich, die vielen Geistergeschichten, die sich im Laufe der Jahrhunderte in allen Teilen des Landes abspielten, zu sammeln; sie gleichen sich übrigens alle irgendwie im Entstehen, im Verlauf und Ziel, und es mögen daher als Illustration vier oder fünf typische Formen und aus verschiedenen Epochen dargelegt sein. Tschudi z.B. berichtet uns 1538 über die Namensherkunft des Grossen St. Bernhards folgendes:

« Vor zyten ist zu oberst uff demselben berg eyn Abgott allda geehret/ den die pirglüt Penninum genannt/ dannenhar dem berg dieser namen worden/ ist ouch darnach von des Abgotts wegen/ von etlichen latinischen/ mons jovis genannt./ Der tüfel oder Abgott/ hat etwa zu heydnischen zyten mit den lüten geredt/ ist nachwerts/ als die landschaft Christen glouben angenommen/ durch eyn münch uss der statt Ougst/ Bernhardus genennt/ dadannen beschworen und vertrieben in eyn wüst loch desselben gepirgs/ als die landsässen anzeigend/ dannenhar der berg noch sant Bernhardsberg der grösser genannt wird. » Zu Zeiten Tschudis also haben noch die Landsässen jedem Wanderer das wüst Loch gezeigt, in welches der Teufel durch den heiligen St. Bernhard geworfen wurde. Johannes Stumpf berichtet uns zehn Jahre später über den Drachentöter Winkelried:

« Gleych im anfang als diss land erstlich bewonet und gesaibert/ ward eyn unreiner wurm und grausamer track darinn funden/ ob dem dörffle Wyler/ der vertrieb leut und vych/ dahär das dörffle Oedwyler genennt ward. Da erbott sich eyn landmann/ genennt Winkelried/ so von eynes totschlags wegen das land meyden musst/ wo man ihn wiederum mit gnaden eynnemen/ wollte er den wurm umbringen./ Das ward ihm mit fröude zugelassen./ Nachdem er aber den tracke bestritten hat/ warf er von stund an den arm fröhlich auf/ darin er das blutig schwärt hat/ des sig halb frolokende/ darmit sprang im das trackenblut an den leyb/ dess er auch sterben musst. » Bekanntlich liegt heute noch hinter dem Rotzberg das Drachenried und das Drachenloch, und wer an der Wahrheit dieser Geschichte zweifelt, soll sich in Stans oder Wolfenschiessen erkundigen, wo man doch sicher genaue Auskunft weiss.

Eine ganz unheimliche Geschichte ist uns bekannt durch verschiedene schriftliche Berichte über den Stier von Uri oder das Greiss, wie ein Gespenst auf der Surrenen-Alp genennet ward, die kürzeste, aber doch in allen Teilen vollkommene in der « Beschreibung der Naturgeschichten des Schweizerlandes » von Johann Jakob Scheuchzer, dem grossen Zürcher Arzt und Naturforscher. Er berichtet uns hierüber:

« Vor etlich hundert Jahren soll sich auf den Surner Alpen zugetragen haben: Ein Älpler, wie die Urner und Engelberger vorgeben, soll ein gewisses Schaf von seiner Herde so sehr geliebt haben, dass er es nach christlichem Gebrauch getaufet habe. » Scheuchzer fügt in Klammer bei: « eine zu lesen und zu hören erschrockenliche Sach ». « Was geschieht? Es wird aus gerechtem Gericht Gottes dieses Schaf verwandelt in ein so grausames Ungeheuer, welches Tag und Nacht dem übrigen, allda weidenden Vieh so zusetzet, dass endlich diese Alpe zu einer öden Wildnuss und von dem Gotteshaus Engelberg an das löbliche Ort Uri um einen geringen Preis verkaufet worden. Diesem unwehrten Gast abzukommen haben die Urner, aus einrahten eines fahrenden Schulers, von welcher Zaubergesellschaft Wagenseil berichtet, dass sie zu Salamanca in Spanien, von dem Teufel selbst als ihrem Professore unterrichtet worden, ein Kalb neun Jahre nacheinander zu ernähren mit Milch. Das erste Jahr von einer Kuh, das zweite von zwoen, das dritte von dreyen und so fort, nach verflossenen neuen Jahren aber, in diese öden Surenen Alpen führen lassen, durch eine reine Jungfrau, die den Stier an ihrem Haar-bändel halten soll. Man tat wie ihnen geraten wurde. Sobald dieser kalbe-rische Stier aber auf der Surenen angekommen und des Ungeheuers sichtig wurde, habe es ein so scharfes Gefecht zwischen ihme und dem Gespenst abgegeben, dass der überwindende Stier nach beendigtem Kampfe, in vollem Schweiss aus dem vorbeifliessenden Bache, mit solch hitziger Begierd getrunken habe, dass er darüber auf der Stelle tot geblieben sei. Seit dieser Zeit heisset der Bach auf Surenen, der Stierenbach. Wer die Fabel nicht glaube, dem zeigen die Älpler heute noch, nicht nur den Stierengaden auf der Alp Waldnacht, woselbst der Stier neun Jahre lang ernähret wurde, sondern auch die Merkmale seiner Klauen, welche er während seinem harten Streit mit dem Gespenst dem Steine eingeprägt hatte ».

Im gleichen Folianten berichtet uns Scheuchzer von gewissen Seen, die durch brüllendes Brummen ein Wetter voraussagen. Eine ganz zuverlässige Meldung liegt ihm auch vor von einem Herrn Osswaldus Molitor, treueifrigen Diener göttlichen Worts zu Ander in Schams. Dieser schreibt:

« dass sich auf der Arosen Alp ein See befinde, der sei so klein, dass man ihn von allen Seiten mit einem Stein überwerfen könne, sei aber unergründlich, habe einen Einfluss, aber keinen Ausgang. Wann ein ungestüm Wetter vorhanden, so schwellt sich in Mitten dieses Sees auf, ein gewaltig grosser Wirbel, welcher in zunehmendem wachsen so stark brüllet, dass man ihn von einem Berg zum andern wohl sechs Stunden weit hören kann. Wunderseltsam ist, was obangerühmter Herr Molitor ferner von diesem See meldet und wohl verdienet hierher gesetzt zu werden. Es hat dieser See noch die verborgene Eigenschaft, dass er die Menschen, so dabei schlaffen, an sich ziehe, wie er dann gehört und von alten Personen ist verständigt worden, dass eine Frau ziemlich weit von diesem See geschlafen und von diesem angezogen und verschlungen worden. Nach diesem hat man ihren Gürtel mit den Schlüsseln an den Ufern des Rheins gefunden, welcher Fluss von dem See vier Stund entlegen sei. Es sind noch mehr Leute am Leben, die neben diesem See eingeschlafen und als sie erwachten schon mit den Füssen im Wasser waren. » Eine weitere, von sehr glaubwürdigen Menschen bekanntgegebene Geschichte soll sich vor etlicher Zeit auf der Claridenalp abgespielt haben. Sie lautet folgendermassen:

« Vor ziemlich langer Zeit lebte auf der Claridenalp ein Senn, der eine leichtfertige Hure bei sich unterhalten habe und sie in so hohen Ehren hielt, dass er den Boden zwischen der Sennhütte und dem Käsgaden mit Käsen belegte, damit die Dirne ihre Füsse nicht besudle. Da kam eines Tages die alte arme Mutter des Älplers auf Besuch, um ihren hungrigen Bauch mit Milch und Suffi zu füllen. Der gottlose Sohn aber habe, um die alte Frau bald wieder los zu werden, unter die Milch Pferdeharn gemischet und seine Mutter mit solch schlimmen Tractament abgefertigt. Daraufhin habe die Mutter ihrem verschwenderischen und gottlosen Sohn alles Unglück über den Hals ge-wünschet und die Erde hätte ihren Mund aufgetan und diese unnütze Erden-last mit seiner leichtfertigen Dirne verschlungen. Die blühende Alpe aber sei von den oberen Felsen verschüttet worden und sei seither gänzlich unfruchtbar. » Scheuchzer erwähnt hierzu:

« Ob sich diese Geschichte in der Tat zugetragen oder dieselbe von der frommen Clerisey ersonnen worden, um das gemeine Volk, absonderlich die Sennen von dem Laster der Hurerei abzuhalten, will ich nicht erörtern. » Auf alle Fälle seien die Anwohner der Gegend von deren Wahrheit überzeugt und dass sich der Bösewicht, der nun ewig in das Felsgeröll gebannt sei, sich noch heute bemerkbar mache. Ein durchaus glaubwürdiger Mann berichtet auch, dass er einmal im Ubermute den Versuch gemacht habe, den Unseligen zu necken, aber im Augenblick sei ein solcher Steinhagel auf ihn gefallen, dass er froh sei, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Eine ganz merkwürdige Geschichte spielte mehr wie ein Jahrhundert lang eine nicht unbedeutende Rolle in Luzern und nicht nur die Gerichte und viele angesehene Bürger der Stadt mussten sich damit befassen, sondern auch der Schultheiss und der hohe Rat. Es handelt sich um den luzernischen Drachenstein. Es hat damit folgende Bewandtnis:

« Ein Bauer ist mitten im Heuet auf einer Wiese in der Nähe von Luzern. Da kommt plötzlich mit ungeheurem Gepfauche und Gestank ein Drache durch die Luft gefahren, senkt sich in der Nähe des Bauern gegen die Erde und lässt eine Schwäre Bluts fallen, die sogleich zu einer sulzigen Masse erstarrt. Der Drache kommt vom Rigiberg her und fliegt gegen die Fräck-münd am Pilatus. Überwältigt von dem Ereignis, aus Furcht und auch des grässlichen Gestankes wegen, fällt der Bauer in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kommt, gewahrt er das Exkrement des Drachen und darin einen merkwürdigen, etwa faustgrossen Stein mit mystischen Zeichen und Verzierungen. Der Stein bewährt sich in der Folge als wundertätig und heilbringend BERGGEISTER.

und Könige und venezianische Kaufleute wollen ihn an sich bringen. Dutzende von angesehenen Bürgern beiderlei Geschlechts bezeugen, dass sie durch diesen Stein aus sicherem Tode errettet wurden und sofort geheilt von Pestillentz, dem schwarzen Tod, den Flüss oder dem roten Schaden. » Für uns hat dieser medizinische Wunderstein nur insofern Bedeutung, weil er von einem Drachen stammt und dieser von einem Berg zum andern flog. Somit ist auch hier wiederum der Beweis erbracht, dass es Drachen gibt und diese in den Bergen wohnen.

In seinem bekannten Brief Conrad Gessners 1541 an seinen Freund Vogel in Glarus schreibt der grosse Zürcher Naturforscher: « und da so die Macht der Elemente und der ganzen Natur sich hier in reichstem Masse kundgibt, so ist nicht zu verwundern, dass sich die Alten vorstellten, das Gebirg sei stark von Gottheiten bewohnt, wie die Faune, Satiren, und den Pan, die ausgerechnet Ziegenfüsse haben, wegen der Rauhheit der Berge und weil diese Tiere an den Bergweiden ihre Lust haben. Zugleich aber sahen sie in diesen Tieren die Urheber der Schrecken, weil auch vom Gebirge eine unbeschreibliche Befangenheit in der Menschenseele geweckt wird. Auch alle Nymphen, an die man seit alten Zeiten glaubte, sind in den verschiedenen Bergrevieren zu finden, die Oreaden, Nayaden und Dryaden. » Zum Schluss meint der exakte Naturwissenschafter Gessner: « Sind das auch Fabeln, so ist doch ein wahrer Kern unter ihrer Hülle verborgen. » Da haben wir ja das Verfängliche! Was ist Hülle und was ist Kern? Wie soll der einfache Mann Bescheid wissen, wenn die neunmal Weisen unsicher sind? Aber heute wissen wir es. Nein, es gibt keine Berggeister. Man ist mächtig in die Berge vorgedrungen, Haller hat inbrünstig sein grosses Lied gesungen. Scheuchzer hat die ganze Bergschweiz abgewandert, Rousseau dröhnte sein « Zurück zur Natur » über ein verpudertes Jahrhundert, und de Saussure ist beinahe bis in den Himmel gestiegen. Die rekordsüchtigen Engländer kamen in Haufen, jeder Spitz wurde erklommen, man hat Schienen-wege an den Fels geschraubt, man hat den Berg durchlocht, durchwühlt und unter die Lupe genommen, keine Spur von Berggeistern, alles Lug und Trug, Einbildung und Schwindel. Unsere Alten waren abergläubige Narren und trotz allem Heldenmut Kinder und Angsthasen.

In der Mittagsausgabe der « Neuen Zürcher Zeitung » vom 21. August letzten Jahres war ein Feuilleton, betitelt: « Das Erbe der Alpen », gezeichnet von einem A. Gr. Darin sind einige Sätze, die zu tiefstem Nachdenken zwingen. Es steht da geschrieben: « Das grösste und schönste Erlebnis der Berge spielt sich in den seelischen Bezirken ab. Die Berge sind leichter geworden, aber die Ehrfurcht ging verloren. Der einzelne muss seinen Weg zu den Bergen finden in einem begnadeten Moment, und dann wird es sich entscheiden, ob er ihnen einen Teil seines Lebens schenken muss oder nicht. » Es steht da noch mehr Wertvolles, und es ist noch vieles nicht geschrieben, das gleichen Geistes wäre und wohl auch Raum zwischen jenen Zeilen finden könnte.Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhange fast bedauern, dass wir nun die Berge so sehr entgeistert haben. Der Einsender sagt beinahe wehmütig: « Es ist ein Elend, aber es ist nicht aufzuhalten, unsere Zeit will es so ». Eine Legion von Turisten und muskelstarken Sportlern ersteigt heute den Berg, nein, nicht den Berg, zwei bis dreitausend Höhenmeter Wiesen, Wald, Fels und Eis. Sie bringen es fertig, in der und der Zeit, mit so und so viel Gepäck in die Vertikale emporzuklettern. Vor einigen Jahren wurden in Paris regelmässige Wettrennen auf den Eiffelturm durchgeführt. Leider haben wir keinen Eiffelturm in der Schweiz, deshalb gehen wir in die Berge. Das hat allerdings mit seelischen Bezirken und begnadeten Stunden nichts gemein, das ist nüchterne Sachlichkeit, Muskelkultur und stimmt genau zu der aufgeklärten Generation von heute und der herrlichen Zeit, die wir zu durchleben berufen sind.

Es sind nun vierhundert Jahre her, seit Conrad Gessner in seinem schon vorher erwähnten Brief folgendes schrieb: « Mein hochgelehrter Avienus! Ich habe mich entschlossen, fortan, solange mir von Gott das Leben vergönnt ist, jährlich mehrere Berge oder doch einen zu besteigen, wenn die Pflanzen in ihrer Vollkraft stehen, sowohl ihrer Erkenntnis halber, als auch wegen der edlen Körperübung und geistigen Erquikung. » Dann lobt Gessner die Schönheit der Berge mit feurigen Worten und schmäht die Menschen, deren Geist stumpf ist, die untätig daheim in ihren Winkeln versteckt bleiben und nicht hinaustreten in die herrliche Schaubühne des Weltalls und aus ihren Wundern nicht die erhabene Gottheit selbst erfassen. Er sagt ferner, sie seien « wie Schweine, die sich im Kote wälzen, unfähig sich zu erheben und nur ganz von Gewinn und ihren knechtischen Bestrebungen erfüllt ».

Welch ein Feuergeist muss dieser Gessner gewesen sein der in einer Zeit solche Worte schreiben konnte, da die Berge noch völlig unbekanntes Land waren und von allerlei bösen Berggeistern wimmelten! Aber seine Worte wirken auf uns, als ob sie gestern geschrieben worden wären, und der Geist, der sie hervorbrachte, ist derselbe, der dem Einsender der « Neuen Zürcher Zeitung » vom 21. August 1931 die Feder in die Finger zwang. Aber der Einsame vor 400 Jahren und der von heute sind nicht alleine in dem tieferen Glauben an den Berg.

Ihrer viele sind es auch heute noch, die stumm und andächtig den Berg angehen, die jede Rucksackvorbereitung mit innerem, heimlichem Beben vornehmen, als rüsteten sie sich für einen letzten Gang. Es sind viele, die sie lieben und notwendig brauchen, die starke, stille Tat.

Es ist eine dringende Auseinandersetzung mit sich selbst, so ein steiler Bergweg, eine gewissenhafte Abrechnung mit seinem zweiten « Ich ». Wir knechten bewusst das träge, müssige Fleisch, diesen sündigen Menschen schleppen wir empor durch Mühe, Schweiss und Unbehagen. Der Geist will hinauf, zum Licht, zu den Sternen. Es ist oft, als ob ein Gotteswort in Erfüllung gehen müsste, von Dornen und Disteln und vom Brote, das wir im Schweisse des Angesichts essen sollen. Wir alle sind am Ende Gottsucher, ob wir nun in Kutte oder Arbeitskittel stecken. Und wer die heilige Flamme in der Seele trägt, braucht daher nicht jedem Nachtwächter nachzutrotten.

Wenn wir in die Berge steigen, so wissen wir, dass es immer der Ewigkeit entgegengeht. Durch Nacht und Bergwald stapft unser gleichmässiger Schritt, das Bächlein zur Linken, und nur widerwillig und trotzig will sich VIII9 PIZ BERNINA-NORDOSTFLANKE.

das verrostete Knochengerüst anfänglich unserem Willen fügen. Ein dürrer Ast knackt unter den Füssen, und wir erschrecken leicht. Ein aufgescheuchtes Tierlein huscht vorüber, und wir bleiben einen Moment gebannt und stille lauschend. Da bricht der Mond durch die Bäume und zeichnet eine Teufels-fratze an den starrenden Fels, während über den Weg sich eine gräuliche Wurzelschlange windet. Wir ängstigen uns nicht, und doch hat es uns kühl bis ans Herz gegriffen. Alle Sinne sind so unheimlich klar und aufnahmebereit. Aber wir wissen, dass es keine Berggeister gibt, dass dieses alles nur natürliche Erscheinungen sind oder Reflexe unserer eigenen Phantasie. Das war auch schon so bei den Alten, nur waren sie sich dessen nicht bewusst.

Mit jedem Schritt der Höhe zu fällt unser Bangen dahin. Mit jedem Schritt der Höhe entgegen werden wir freier, besser und erlöst. Sorgen und Kümmernisse, kleinliche Nöte aus Stuben und Städten fallen wie Schuppen von uns ab, wir werden reiner, wunschlos und scheinbar nicht mehr zeitgebunden. Wie leicht fliegen uns die Gedanken voraus, wie gehoben und sicher fühlen wir uns in der fremden Wildnis, und oft scheint uns, als ob wir diesen Weg schon einmal gemacht, dieses Leben schon einmal durchkostet und durchlitten hätten. Nun geht der Weg über taufrische Alpen, über magere Schafweiden, ein zarter Nebel schleicht über das erwachende Nacht-gelände. Nun kommt der Fels, der ehrliche, jahrmillionenalte Stein, grau und wildgespalten oder schwarz und burghaft schwer wie eine Titanengruft. Jetzt wird es hell im Osten. Der Tag, der junge Tag bricht an. Der helle Kreis wird immer grösser, wir fiebern hinan, hinauf, als gälte es eine Himmelspforte zu erstürmen.

Nun stehen wir auf höchster Bergeszinne.Vor uns das erste goldene Leuchten, das uns erwärmt und unser Herz durchdringt. Da stehen wir, gebannt und frei, beglückt und zauberhaft befangen und fast gelockt, den Schritt zu wagen, vor dem ein anderer gern vorüberschleicht. Wir sinken hin, verschmelzen uns mit Berg und Blau und gehen auf im All. Und was da vor uns sich ausbreitet, das sind wir auch: Geschöpf und Teil der Schöpfung, sind Geist von jenem Geiste, den wir gläubig nur zu ahnen vermögen und dem wir gerade dann am nächsten sind, wenn wir als einsame Bergwanderer, angesichts der Herrlichkeit dieser Erde, uns ganz demütig vor der Allmacht beugen und unser Unvermögen laut bekennen.

Piz Bernina-Nordostflanke.

Berichtigung zu Seite 15 im Januarheft von « Die Alpen ».

Hans Wyss, C. Veteran in Unterbach bei Meiringen, teilt mit, dass G. Gruber bei seiner Besteigung am 8. August 1889 von den Führern Johann und Andreas Jaun von Zaun bei Meiringen geleitet wurde und nicht, wie W. Flaig glaubt, von J. und A.J.ann ( aus Klosters ). E. J.

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