Bergseil, Strick und Lebensfaden

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VON HERMANN KORNACHER, MÜNCHEN

Die Verwendung von Seilen zum Fortbewegen schwerer Lasten, zur Sicherung von Mensch und Tier und schliesslich auch zur Fortbewegung in schwierigem, sonst unzugänglichem Felsgelände ist uralt. Bereits Alexander der Grosse soll, als er den uneinnehmbaren Sogdianischen Felsen im fernen Hindukusch bestürmte, Bergseile und Eisenhaken verwendet haben. Niemand freilich vermag heute zu sagen, was für Stricke das damals gewesen sind. Ausrangierte Schiffstaue vielleicht oder im Feindesland requirierte Wäscheleinen? Auch in der Frühzeit des Alpinismus wurde zur Sicherung im Hochgebirge so manch jämmerlicher Strick mitgeführt, der in Notfällen nicht einmal den kleinsten Ruck ausgehalten hätte. Die kläglichen Seilreste im Alpinen Museum von Zermatt, unter Glas gelegte Reliquien jenes schrecklichen Bergunglücks am Matterhorn, sie sprechen Bände.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war in den Alpenländern das « gute, alte » Hanfseil im Gebrauch, 12 Millimeter stark, in besseren Ausführungen sogar mit einem grünen oder roten Prüffaden versehen. Doch entsprachen auch diese Hanfseile noch nicht in jeder Hinsicht den an sie gestellten Erwartungen. Vor allem die Reissfestigkeit liess noch zu wünschen übrig. Erst mit der Entwicklung und Verwendung der synthetischen Fasern bei der Herstellung von Bergseilen wurden einigermassen befriedigende Werte erreicht. Die Polyamidfaser besitzt gegenüber dem Hanf neben einer grösseren Zugfestigkeit eine wesentlich bessere Elastizität, ist unempfindlicher gegen Feuchtigkeit, wetterbeständiger und - auch das spielt eine Rolle - erheblich leichter. Strenge Prüfnormen, die von der Union Internationale des Associations d' Alpinisme ausgearbeitet wurden, sorgen dafür, dass nur diejenigen Fabrikate das Prüfzeichen der UIAA erhalten, die wirklich allen Bedingungen der Prüfung und auch in den übrigen Belangen ( Metergewicht, Dicke, Geschmeidigkeit, Fangstoss, Bruchlast, Dehnung, Wetterfestigkeit ) den modernsten technischen Erkenntnissen wie auch den bergsteigerischen Erfordernissen entsprechen.

Während da und dort im Land heute noch Geisselschnüre, Kälberstricke, Heu- und Aufzugseile aus Hanf und fast durchweg im Handbetrieb hergestellt werden, kommen die heute gebräuchlichen Bergseile fast durchwegs aus modern eingerichteten Fabriken und vollmechanisierten, zum Teil sogar schon automatisierten Werkstätten. Wo früher einfache Seilschlagmaschinen, Kurbeln und die sogenannte « Lehr » in Betrieb waren, empfängt uns heute das ohrenbeträubende Rattern komplizierter Maschinen. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, und es scheint ein vergebliches Unterfangen, mit dem Seilermeister ins Gespräch kommen zu wollen. Aufmerksam überwacht er das aufgeregte Hin- und Herzappeln der Spindeln, die wie schlanke, hohe Biergläser auf einer eisernen, kreisrunden Platte von etwa anderthalb Meter Durchmesser stehen. Im rasenden und doch immer gleichbleibenden Rhythmus drehen sie sich nicht nur um die eigene Achse, sondern je fünf bilden unter sich eine Gruppe, während schliesslich auch noch der ganze Spindeltisch in drehender Bewegung ist. Wie in einer Zeltspitze laufen die von den verschiedenen Spulengrup-pen kommenden Zwirnfäden an einer Metalldüse über dem langsam sich weiterdrehenden Spindeltisch zusammen, wo sie sich als dichtes Geflecht rings um einen senkrecht nach oben steigenden weissen Strang aus endlosen Perlonfasern herumlegen.

Als « geschuppter Wurm » kriecht das fertige Seil oben aus der Sammeldüse heraus, läuft über zwei Räder und wird schliesslich von einer grossen, schweren Trommel dicht über dem Boden aufgenommen. Und es sieht fast so aus, als hinge die ganze, sicherlich tonnenschwere Maschine mit ihren vieltausend Einzelteilen, mit ihren sich wie rasend drehenden Spindeln an einer Art Galgen. Langsam dreht sich die Trommel weiter, langsamer als der Sekundenzeiger einer Uhr. Millimeter-weise wächst ihr vom grossen Umlaufrad her das rote Seil entgegen. 25 Meter etwa sind es in der Stunde. 96 Minuten also benötigt die Seilflechtmaschine zur Herstellung eines 40-Meter-Bergseils. 96 Minuten lang hat der Seilermeister oder einer seiner Gesellen mit wachsamen Augen an der Maschine gestanden, hat mit prüfenden Augen das fertige Seil verfolgt, immer auf der Suche nach Fehlern und Fehlerquellen.

Grundstoff für das heutzutage fast ausschliesslich im Gebrauch befindliche Perlonseil ist die Per-lonfaser, beziehungsweise das vom Hersteller gelieferte Perlonband. Es ist endlos und besteht seinerseits wieder aus mehreren einzelnen Fasern - Reissfestigkeit: 6 kg -, dünn wie Spinnwebfaden und, wie diese auch, durchsichtig, d.h. farblos. Neun oder dreizehn solcher Perlonbänder werden je nach gewünschter Seilstärke zum sogenannten Zwirn zusammengedreht oder -gezwirnt, der dann wieder auf sogenannte Kreuzspulen umgespult und nun auf den grossen Drehtisch der Flechtmaschine gesetzt wird.

Bei den modernen, vor allem bei den Kletterern sehr beliebten Seelen- oder Kernmantelseilen wird um die aus zehn bis zwölf endlosen Perlonzwirnen bestehende « Seele » ein in herkömmlicher Weise spiralgeflochtener Mantel « herumgestrickt ». In der Stunde produziert so eine moderne Seilflechtmaschine ( Kostenpunkt rund Fr. 12000. ) etwa 23 Meter 9-mm-Seil oder 25 Meter 11-mm-Seil. Das entspricht bei ständig laufender Maschine einem Ausstoss von etwa 500 Meter Bergseil. Von der grossen Stapeltrommel wird nun das Seil in den üblichen Längen ( 25, 30, 40, 60 und 80 m ) abgezogen, abgelängt, die Enden werden abgebunden und - da Perlon bei bestimmten Hitzegraden schmilzt, aber nicht brennt - abgeschmolzen. Plombiert und mit Prüfetiketten versehen, kommt es dann zum Verkäufer und in die Hände des « Endverbrauchers », des Bergsteigers und Kletterers.

Die Seilerei ist kein leichter und ein sehr verantwortungsvoller Beruf. In seiner Wohnung droben hebt der Seilermeister eine ganze Schublade voll Dank- und Anerkennungsschreiben auf. Denn seit mehr als 40 Jahren hat er nun schon mit Bergseilen, aber auch mit Seilen für den gewerblichen und industriellen Bedarf zu tun. Recht anschaulich weiss er von Zeiten zu erzählen, in denen die Seile noch von Hand zusammengedreht wurden. Da ist kein Seil, dem er nicht einen guten Wunsch mit auf den Weg gegeben hätte, und es sind gewiss schon ungezählte, die seit seiner Jugend durch die schwieligen Hände gegangen sind. Die Meterzahl, rechnete man sie zusammen, ginge bestimmt in die Millionen, und den halben Erdball könnte man damit sicherlich umspannen.

Gedreht oder geflochten, mit oder ohne « Seele », weiss oder rot, orange oder blau oder - paten-tiert«bicolor »: Das Angebot an Bergseilen und Fabrikaten verschiedener Firmen ist verwirrend. Trotzdem sollte man sich beim Kauf eines neuen Bergseils eingehend mit seiner Herkunft befassen, ob es geprüft ist und allen Sicherheitsanforderungen genügt. Zuviel hängt daran, kostbare Güter, Menschenleben. Ob Seil oder Strick, Leine oder Schnur, mannigfach sind auch die mehr oder weniger liebevollen Bezeichnungen, mit denen das Seil in eingeweihten Kreisen belegt wird. Und doch wäre vielleicht « Lebensfaden » die treffendste; denn in wie vielen Fällen war das Bergseil tatsächlich der letzte, der einzige dünne Faden, an dem ein Menschenleben hing - oder auch zwei...

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