Bergsteigen im Alter

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JJVon Ernst Akerf

( P. Tamaro und CadlimogebietLugano ) « Das sollten Sie nicht mehr tun », riet mir ein immerhin sechs Jahre jüngerer Klubgenosse in väterlich wohlmeinendem Tone. Aber was will man, wenn 's einem in den Knochen liegt!

Vor bald einem halben Jahrhundert veröffentlichte das Jahrbuch des SAC ein Bild von Christian Almer, dem grossen Oberländer Bergführer, der zusammen mit seiner Frau zur Feier seines 70. Geburtstages das Wetterhorn bestiegen hatte.

Heute lebt man durchschnittlich 10 Jahre länger. Das Alter fängt also wohl auch etwas später an als früher, sagen wir vielleicht bei 80 Jahren. Da ich die 80 überschritten habe, muss ich mich wohl oder übel zu den Alten rechnen, wenn ich auch nicht « ein Alter » sein will und mich noch jung fühle. Soll man da nun das Bergsteigen aufgeben? Ich glaube, nein sagen zu dürfen, trotz dem wohlgemeinten Rate.

Alle Klubmitglieder werden ja mit 80 Jahren nicht mehr auf die Berge steigen können, leider. Wer aber die dafür erforderliche Konstitution hat, die Gesundheit und die Kraft dazu besitzt, der mag ruhig auch im Alter seine geliebten Berge aufsuchen, solange er den Trieb dazu und die Freude am Wandern und Bergsteigen empfindet. Selbstverständlich wird der ältere Bergsteiger nicht mehr mit dem Elan der Jugend, sondern gemessenen Schrittes zur Höhe steigen und alles vermeiden, auf alles verzichten, was über seine Kräfte geht, also vernünftig und überlegt zu Werke gehen.

So dachte ich, als ich mich anschickte, mein 81. Lebensjahr abzuschliessen. Dieses « auszuläuten », setzte ich mich mit meinem Sohne in das Postauto nach Cademario, wo wir um 12 Uhr eintrafen und uns sofort auf den Weg über den Berg nach Arosio machten. Bei herrlichem Wetter stiegen wir durch das enge Tälchen der Fontanella auf einem steilen, aber hübschen Weglein bis La Bassa am Ende des Südostgrates des Gradicioli empor. Der schöne Alpweg nach der Alp Gern, am Fusse des Gradicioli, verleitete mich, ihm zu folgen. In kurzer Zeit war die Alp Gern erreicht, aber der Aufstieg auf den äusserst steilen Halden des Berges erforderte etwas mehr Zeit als vorgesehen. So wurde der Gipfel ( 1940 m ) erst abends 6 Uhr erreicht.

Die Nordseite des Gradicioli - es war am 15. April - lag noch tief im Schnee. Der Abstieg in die Lücke zwischen Gradicioli und Tamaro war mühsam, sank man doch bei jedem Schritt bis zu den Hüften, weiter unten bis zu den Knien in den weichen Schnee ein. Der uns zugekehrte Osthang des Tamaro war schneefrei. Es wurde aber 8 Uhr, bis wir auf dem Gipfel des Tamaro ( 1966 m ) standen. Die prächtige Aussicht auf die Magadinoebene, auf den Lago Maggiore, auf Locarno und seinen Berghintergrund hätte zu ausgiebiger Betrachtung und Bewunderung eingeladen, aber die Zeit drängte, denn schon nahte die Dunkelheit. Als wir die Gratlücke erreichten, war es bereits Nacht. Der Weg zur Klubhütte am Motto rotondo ( 1930 m ) war tief verschneit. So nahmen wir im fahlen Lichtschimmer, der von der Beleuchtung Locarnos und der Orte in der Magadinoebene ausging ( der Mond wäre erst um 10 Uhr als schmale Sichel aufgegangen ), den Weg unter die Füsse. Er war durch ein schmales, steil abfallendes Schneeband angedeutet. Über diesem « Weissen Band » stieg die dunkle Felswand steil in die Höhe und unter demselben fiel der mit Knieholz bewachsene Hang jäh in die tiefe Schlucht hinunter. Die auf dem Wege liegende Schneeschicht hatte eine Neigung von ca. 50 Grad und war nicht sehr hart. Deshalb mussten wir vorsichtig gehen und mit den Schuhspitzen Stufen in den Schnee treten. Diese Arbeit erforderte eine gute Stunde.

Der herrliche Anblick der aus der Tiefe heraufleuchtenden Lichterfülle der Städte Locarno und Bellinzona, der Dörfer und Einzelhöfe war aber eine schöne Entschädigung für die Mühen, die der Weg bot.

Dass man beim Bergsteigen immer Mühe hat und Schweiss vergiessen muss, ist ein lästiges Beiwerk. Aber wie im Leben die Rose stets von Dornen begleitet ist und ein Erfolg meist nur mit Mühen erreicht wird, so ist es auch beim Bergsteigen. Ist das Ziel erreicht, dann sind alle Anstrengungen vergessen! So fühlten auch wir, als wir um 9*4 Uhr endlich die Hütte gefunden hatten. Nach langen Versuchen gelang es uns, die hintere Hüttentüre zu öffnen, und bald umgab uns die wohlige Wärme des eingeheizten Ofens. Heisser Tee war bald gebraut.

Nach einer schlaflosen, durchfröstelten Nacht stellten wir am Morgen fest, dass wir wegen des dichten Nebels auf die geplante Begehung des sonst so schönen, aussichtsreichen Berggrates, der vom Tamaro bis zum Monte Lema führt, verzichten mussten. Deshalb entschlossen wir uns um die Mittagszeit zum Abstieg auf dem direktesten Wege durch die Valle Duragno nach Sorencino und zur Station Rivera-Bironico am Monte Ceneri. Kurz vor Erreichen des Tales grollte ein Gewitterchen von Süden her, das uns aber nichts mehr anhaben konnte. So war mein Eintritt ins 82. Lebensjahr! Fürwahr, keine schönere Begehung des Geburtstages hätte ich mir vorstellen können.

Vier Monate später, am 6. August 1952, führten wir, mein bergbegeisterter Sohn und ich, eine viertägige Tour ins Gebiet der Cadlimohütte aus. Vom Ritomsee stiegen wir die rund 800 m betragende Höhendifferenz bis zur Cadlimohütte ( 2575 m ) in 5 Stunden hinauf, in sehr gemässigtem Tempo. Es regnete leicht, was uns veranlasste, ein halbes Stündlein unter einem überhängenden Stein Unterschlupf zu suchen. Die Hütte war von einem Dutzend Touristen besetzt.

Der folgende Tag begann mit Regen und Nebel, aber nach dem Mittagessen schien sich eine kleine Besserung einzustellen, die wir benützten, um dem « Menschengedränge » zu entfliehen. Wir erstiegen den Piz Borel ( 2953 m ), auf dem wir eine halbe Stunde prächtiger Fernsicht genossen, die einzige halbe Stunde des Tages, in der sich der Nebel etwas senkte, um die Gipfel weit freizugeben. Vom Vorgipfel des Piz Borel genossen wir einen prächtigen Tiefblick auf das Bergseelein, das auf ca. 2800 m Höhe liegt, das noch zur Hälfte von Eisschollen bedeckt war und den über ihm sich erhebenden Gipfel ( 2875 m ) bezaubernd im klaren Wasser spiegelte. Aber auch der nahe, wilde Piz Ravetsch und die vom Piz Blas nach Norden streichende Gipfelkette fesselten unsern Blick, nicht minder aber auch die Fernsicht auf die Gipfel des Basadino- und des Campo-Tencia-Massives. Im Nebel stiegen wir wieder zur Hütte ab.

Der 8. August war für den Piz Blas reserviert. Frühzeitig machten wir uns auf und überschritten bei prachtvollem Wetter und schönster Fernsicht die Gratgipfel, die zum Piz Blas führen, den Piz Tanelin ( 2848 m ) und den Piz Denter ( 2957 m ). Die Begehung dieses Grates ist, wenn auch leicht, doch recht pikant. Sie erfordert volle Aufmerksamkeit, denn sie ist reich an exponierten Stellen, die an die Trittsicherheit und die Schwindelfreiheit starke Ansprüche stellen. Beim Abstieg vom Piz Denter in die Lücke, die zum Gipfel des Piz Blas führt, meinte mein Sohn, er hätte keine Lust, diesen Steinhaufen noch zu besteigen. Es wären noch ca. 100 m Höhendifferenz gewesen. Er schlug vor, ins Tal abzusteigen. Wie er nachher gestand, wäre er gerne noch auf den Piz Blas gestiegen, hatte aber geglaubt, ich sei zu müde, und verzichtete in meinem Interesse auf die Besteigung. Ich wäre natürlich mitgegangen. So kamen wir um das Vergnügen, auch den Piz Blas noch erstiegen zu haben!

Über die steilen Halden stiegen wir in das tiefe Val Cadlimo ab. Der Piz Blas wie die ganze Bergkette, über die er ragt, wird von einer Felswand begleitet, die östlich bis unter den Piz Rondadura und westlich bis unter den Piz Borel in der Nähe der Cadlimohütte sich hinzieht. Sie gibt den Abstieg ins Val Cadlimo nur an wenigen Stellen frei. Eine solche Stelle befindet sich südlich vom Piz Tanelin, die wir für den Abstieg benützten.

Ich dachte bei diesem Abstieg an das Unglück, das am 26. Juni 1903 der Zürcher Kan-tonsschulklasse zustiess, als sie aus dem Val Nalps über den Passo Nalps ins Val Cadlimo hinüberstieg und in dieser felsigen Steilhalde in einem Schneerutsch den Lehrer und drei Schüler verlor.

Der Abstieg ins Val Cadlimo und nach Sta. Maria am Lukmanierpass war lang und mühsam; insbesondere die Partien des Weges, die durch Bergsturzgebiete führen.

Tags darauf brachten wir, teils im Postwagen, teils zu Fuss, bei leichtem Regen die Lukmanierstrasse hinter uns bis Aquarossa, wo wir uns der Bahn anvertrauen konnten.

Schön sind die Erinnerungen an Bergfahrten, die der Alpinist in seinem Gedächtnis-kärtchen aufbewahrt und im Alter hervorzieht, um sich an ihnen zu erfreuen. Schöner aber noch ist das dauernd neue Erleben der hehren Gebirgswelt. Deshalb geht er auch im Alter, soweit die Kräfte es ihm gestatten, gerne in seine geliebten Berge!

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