Bergsteigen, Skifahren und Gesundheit

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von Sardasca. Es ist halb 3 Uhr. Bis nach Klosters, das wir kurz nach 4 Uhr erreichen, können wir die Skier benützen.

Unser steter Begleiter ist der rauschende Sardascabach. Kalter Hauch steigt aus seinen Wassern. In tage- und wochenlanger Arbeit wurden die wunderbarsten Rauhreifgebilde hervorgezaubert. Busch und Baum, jeder Stein über dem Wasser und jedes auch noch so kleine Tännchen am Wege sind mit feinsten Kristallgebilden überzogen. Wie Fischschuppen setzen sich all die kleinen Wunder eins ans andere, schönste Fächer bildend.

So finden wir den Weg zurück aus den erhabensten Werken des Schöpfers, aus den Bergen, hinab zum kleinen, aber nicht weniger schönen Naturwunder in der Tiefe des Tales.

Hinter uns liegen, Übergossen vom Licht der scheidenden Sonne, die Spitzen und Gletscher der herrlichen Silvretta.

Bergsteigen, Skifahren und Gesundheit.

Von Kurt Wehrlin.

Der Sport ist keineswegs eine Erfindung der modernen Kulturvölker. Freude an Körperbewegung hat nachweislich schon die alten Ägypter zu gymnastischen Übungen geführt. Grabgemälde beweisen dies. Auch kretische Funde aus der Zeit des Königs Minos haben Darstellungen von Faustkämpfen zutage gefördert. Dass die Griechen grosse Freude am Speer- und Diskus-werfen, an Kampfspielen aller Art hatten, wissen wir. Die heutigen internationalen Olympiaden fussen ja bekanntlich zum grossen Teil nicht nur im Namen auf griechischen Vorbildern. Auch bei alten und lebenden Naturvölkern zeigt sich die Freude an beherrschter Anwendung von körperlicher Kraft und Gewandtheit in mancherlei Art von Gymnastik und Kampfspielen.

Unser Bergsteigen und Skifahren verdankt jedoch seinen Ursprung andern Instinkten: dort war es der Forschungstrieb, der Naturforscher, Gelehrte, nachher Topographen ins unbekannte Gebirge trieb, um physikalische, botanische, zoologische, meteorologische, geographische Probleme zu lösen, hier einfach das Bedürfnis nach praktischeren Fortbewegungsmitteln, als es die Schneereifen und Schneebrettchen in der Winterlandschaft darstellten; und es ist ja in der Tat das winterliche Hochgebirge zumeist erst mit der Einführung der Ski entdeckt worden. Aber auch hier kam der alte menschliche Drang zu Körperbewegung, disziplinierter Anwendung der Kräfte, der Ehrgeiz, das natürliche Bedürfnis Schwierigkeiten zu überwinden, an denselben seine körperlichen und geistigen Kräfte zu messen, wieder zur Geltung, und daraus entstand unser Berg- und Skisport. Darum ist er an Vielseitigkeit in der Beanspruchung des Körpers und Geistes, der Charakterfähigkeiten, der künstlerischen Empfindung allen andern überlegen, und gerade deshalb ist er auch in geringerem Grade als manche andere Sportart Verirrungen ausgesetzt. In jeder Sportart ist das Bedürfnis nach Spitzenleistung begründet, und es wird ja schliesslich fast jeder Fortschritt dadurch erreicht, dass der Strebende es besser machen will als seine Vorgänger. Ehrgeiz, oft nur dessen Abart: Eitelkeit, ist manchmal das treibende Element. Aber uns Bergsteigern und Skifahrern wird und muss es leichter gelingen, diese Fehler zu vermeiden. Spitzenleistung wird und darf uns nicht die Hauptsache sein. Wir werden die glücklicherweise seltenen Versuche, beispielsweise das Matterhorn als Wettlauf in einer Mindestzahl von Stunden zu « machen », hoffentlich immer als Verirrung bezeichnen.

In welcher Weise beeinflussen nun Bergsteigen und Skifahren, vernünftig betrieben, Körper und Geist?

Da ist zuerst die Klimawirkung. Wir unterscheiden zwei Grundformen des Klimas: Reizklima und Schonungsklima. Das letztere zeichnet sich vor allem für den Menschen durch das Fehlen starker Körper- und Nervenreize aus: geringe Höhenlage, Gleichmässigkeit der Tages- und Nachttemperatur, also Fehlen schroffer Temperaturwechsel, mittlere Luftfeuchtigkeit, Fehlen starker Winde, Fehlen zu greller Besonnung. Der Arzt schätzt dies Klima für Leidende, die nach schwerer zehrender Krankheit, nach körperlicher und seelischer Erschöpfung Mangel an jeder Widerstandskraft zeigen, also der Schonung bedürfen, um sich rascher zu erholen. Der herbstliche Südtessin, der Genfersee, der Vierwaldstätter- und Walensee, besonders im Frühsommer und Herbst, gehören in diese Gruppe.

Unsere Berge dagegen haben das typische Reizklima: starke Kontraste zwischen Tages- und Nachttemperatur, schroffe Witterungswechsel, bei gutem Wetter geringste Luftfeuchtigkeit mit ihrer austrocknenden Wirkung auf die Schleimhäute, stärkste Sonnenwirkung infolge der geringeren Ausbildung der Nebelschicht, die ja im Flachland speziell den ultravioletten Strahlenteil der Sonne absorbiert, schroffe Windwirkung mit viel Wechsel in Richtung und Stärke. Dazu die durch den geringeren Luftdruck bedingte reduzierte Sauerstoffspannung der Luft, die den Körper zu rascherer Atmung, beschleunigter Blutzirkulation zwingt und zur Neubildung von roten Blutkörperchen anregt. Der Arzt verwendet diese Klimawirkung dort, wo Widerstandskraft von Körper und Geist noch nicht ganz darniederliegen, wo er also mit anregender Wirkung auf Stoffwechsel rechnen kann, wo ferner gewisse Katarrhe, z.B. Tuberkulose der Lungen, die Austrocknung der Schleimhäute durch die trockene Höhenluft wünschbar machen, wo er bei trägem Stoffwechsel ( Fettsucht, Zuckerkrankheit, Skrofulöse der Kinder ) dessen Beschleunigung wünscht; alle unsere Höhenkurorte kommen hier also in Betracht. Solche Klimawirkungen sehen wir nun natürlich nicht ohne weiteres bei einer kurzen Bergtur, sondern erst im Verlauf eines längeren, mehrwöchentlichen Bergaufenthaltes, und wir wissen, dass wenigstens die Erwachsenen, wenn sie direkt aus dem Flachlande in höhere Gebirgslagen kommen, eine gewisse Zeit brauchen, um sich zu akklimatisieren, die ersten Erscheinungen der unvollkommenen Anpassung wie Müdigkeit, Herzklopfen, Atemnot bei Bewegung, Schlaflosigkeit, nervöse Reizbarkeit zu überwinden.

BERGSTEIGEN, SKIFAHREN UND GESUNDHEIT.

Kinder allerdings, mit ihrem noch mit grösseren Reservekräften versehenen Herz und ihrem unempfindlicheren Nervensystem, brauchen eine solche Anpassungszeit meist nicht. Dem Erwachsenen aber ist zu empfehlen, für die erste Woche der Bergferien nicht viel Grösseres zu unternehmen, und es gehört ein langjähriges turistisches Training dazu, um allsonntäglich eine Hochtour zu unternehmen und doch am Montag nicht erschöpft, sondern an Körper und Seele gestärkt, zur Berufsarbeit zu gehen. Die günstigen Wirkungen des Reizklimas zeigen sich also, wenigstens für den Schwächlichen, Untrainierten oder gar Kranken, erst nach einer gewissen Anpassungszeit. Wann und in welcher Form können wir also das Bergsteigen und Skilaufen auch den etwas Schwächlicheren mit Gewinn für ihre Gesundheit anraten? Es wird dies ganz verschieden sein, je nachdem es sich um Jugendliche beiderlei Geschlechts, um Frauen und Männer im reifen Alter oder um « Senioren » handelt.

Zuerst einmal die Kinder des Volksschulalters: Eigentliche Bergturen kommen ja noch nicht in Betracht, sondern — bei beiden Geschlechtern — Spaziergänge im Gebirgsland, mit und ohne Pfad. Das eigentliche turistische Interesse ist bei ihnen ja noch nicht gross, und wir werden ihren Ehrgeiz und ihre Eitelkeit nicht vorzeitig aufpeitschen wollen. Auch ihr naturwissenschaftliches Interesse ist meist noch bescheiden und jeder Vater oder Lehrer, der mit der Jugend durch die Berge wandelte, weiss, dass auch der Sinn für landschaftliche Schönheit, Beleuchtungsstimmungen usw. meist noch längst nicht erwacht ist. Vieles was uns Erwachsenen grossen Eindruck macht, wird von den Kindern einfach übersehen; sie brauchen Abwechslung, Ereignisse, äussere Erlebnisse. Das rein Sportliche macht ihnen natürlich Freude, und so wird man Knaben und Mädchen ( letztere natürlich in geeigneter Kleidung ) gerne Kletterübungen machen lassen können, selbstverständlich unter allen Vorsichtsmassregeln, denn Kinder sind ja bekanntlich sehr unvorsichtig. Auch werden wir dabei nicht vergessen, dass Kinder viel rascher psychisch und physisch ermüden, wie ja überhaupt die Ausdauer ein Charakteristikum des Mannesalters, sogar des reifen Mannesalters ist; eine Erfahrung die wir unter anderem im Militärdienst beim Vergleich der Auszug- und der Landwehrtruppen machen können. Im Winter ist natürlich der Skilauf für die volksschulpflichtige Jugend ein die spätere Winterturistik gut vor-bereitender Sport, doch auch hier zeigt die Erfahrung die rasche Ermüdbarkeit, und man weiss daher in Kinderheimen, dass man die Zöglinge vorsichtshalber höchstens zweimal in der Woche und nur bei gutem Wetter, auf die Übungshügel Ski laufen lassen darf und mit dem turenmässigen Skilaufen zurückhalten muss; dieser Sport verlangt eben, ausser körperlicher Gewandtheit, die Kinder freilich rasch erwerben, vor allem auch Kraft ( Fallen im tiefen Schnee, Steigen mit schwerem Rucksack erschöpft sehr rasch ). Es darf nie so weit kommen, dass ein Kind aus Müdigkeit weint, dann ist, das weiss der Erfahrene, schwere Erschöpfung nicht mehr weit. So schadet man dann und nimmt dem Kind den Genuss. Es hat eben vorerst an solchen Dingen vor allem Spielfreude, erst später kommt das Streben etwas zu erreichen, zu lernen, der Ehrgeiz usw.

Anders steht es schon bei der mittelschulpflichtigen Jugend: Wir machen hier natürlich schon einen Unterschied zwischen Knaben und Mädchen. Die körperliche Gewandtheit pflegt, insbesondere bei den Städtern, geübt durch guten Turn- und Turnspielunterricht, recht gross zu sein; Ehrgeiz, Streben sich auszuzeichnen, etwas zu leisten, es den Älteren gleichzutun, ist stark ausgebildet. Gering ist noch die Ausdauer, gross die Gefahr der Übermüdung; die Verwegenheit, die Missachtung der Gefahr ist bei der Mehrzahl deutlich, nur eine Minderzahl ist besonders ängstlich. Die letzteren sind oft geistig und körperlich durchaus leistungsfähig, jedoch nervös, oft durch überängst-liche Erziehung, eventuell durch erbliche Belastung ein wenig neuropathisch. Gerade ihnen tut in den Entwicklungsjahren sportliche Betätigung gut, insbesondere eine so vielseitige wie Bergsteigen und Skilaufen. Man darf nur nicht weiter gehen, als bis eine gesunde Ermüdung erreicht ist, die einen guten Nachtschlaf verbürgt. Der Arzt freut sich bei solchen Jugendlichen — man sieht ja in diesem Alter auch Schlaflosigkeit, speziell schweres Einschlafen abends im Bett, das dann leicht zu üblen Angewohnheiten führt — wenn sie sich nach derartigen Anstrengungen in 8-10stündigem Schlaf erholen. Unter keinen Umständen darf Übererregung infolge zu starker Anstrengung mit Schlafmitteln übertüncht werden. Darum wird das Ideal auch hier sein, dass Jugendliche das Bergsteigen und Skilaufen im Rahmen der eigenen Familie treiben lernen, wo die Eltern, in Kenntnis der Leistungsfähigkeit ihrer Kinder, am besten dosieren können. Eltern, die in der Lage sind, den Rucksack auf dem Rücken, Wanderungen über Pässe und leichtere Bergturen mit ihren Kindern zu unternehmen, wissen ja, dass dies zum Schönsten gehört. Nicht alle können es, der Gesundheitszustand der Eltern, wirtschaftliche Lage, soziale Verhältnisse verhindern es oft, manchmal auch ein Missverhältnis im Alter beider Generationen, bedingt durch späte Heirat. Auch ist in unserer raschlebigen Zeit der Charakterunterschied zwischen beiden Generationen manchmal so gross, dass die seelischen Unterschiede einem Zusammenleben in der Freiheit überhaupt hinderlich sind; oder es hat falsche Erziehung überhaupt schon längst das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern untergraben, und die ersteren werden von den letzteren sowieso nur noch als Inhaber elterlicher Gewalt, Ernährer, Taschengeldgeber eingeschätzt. In solchen Fällen wird dann der Alpenclub mit seiner Jugend-Organisation eingreifen müssen oder der Staat selbst mit Hilfe der Schule. Auch Pfadfinder und ähnliche Verbände leisten hier, dank dem System, mit dem sie Wanderungen und Ferienlageraufenthalte organisieren, viel Gutes. Dass natürlich die hier vorhandene straffe militärische Organisation unter Umständen auch einen unerwünschten Ehrgeiz züchten kann, dass die Gefahr bekämpft werden muss, dass die Befehlsgewalt der oberen Chargen im Missverhältnis zu einem noch nicht genügend entwickelten Verantwortungsgefühl stehen könnte, weiss man ja wohl auch in Pfadfinderkreisen. Eine grössere Gefahr liegt in der Zusammenkoppelung von politischer Gesinnung und Sport, wie wir sie vor allem auch in Jugendverbänden in Nachbarländern sehen, und die dortigen Beobachtungen können uns Schweizern, die das Schicksal bisher von derart schroffen Gesinnungskämpfen bewahrt hat, eine Lehre sein.

BERGSTEIGEN, SKIFAHREN UND GESUNDHEIT.

Für die heranwachsenden Mädchen gilt das oben Gesagte gleicherweise. Wie beim Schulturnen, wird auch bei Bergturen und Skilaufen auf die speziellen Bedingungen des weiblichen Körpers Rücksicht zu nehmen sein; sicher ist, dass auch der werdenden Frau beides gut tut.

Als Grundregel für die Jugendlichen gelte aber: Extreme Leistungen, insbesondere solche, die viel Ausdauer erfordern, sollen wir ihnen nicht zumuten, ebensowenig gefährliche Klettereien oder Gletscherturen auf Ski. Dagegen — und dieses Prinzip haben ja gerade die Pfadfinder ausgebildet — soll man ihnen — und das wird gerade den besten Eltern am schwersten — Gelegenheit geben, sich selbständig auf leichteren Türen zu betätigen, selbst zu organisieren, Verantwortung zu übernehmen, womit wir auch etwas für die gesunde Entwicklung ihres Geistes und Charakters tun. So wird der gesunde Jugendliche von den Bergwanderungen im Sommer und Winter nur Vorteile für Körper und Geist haben; wie weit wir dem Schwächlichen. und gar Kranken das Reizklima der Berge und dazu die körperlichen Anstrengungen zumuten dürfen, wo hier das Training aufzuhören und die Schonung anzufangen hat, darüber wird der Arzt, am besten der in diesen Dingen selbst erfahrene Hausarzt, befinden müssen. Ein Moment werden übrigens noch speziell Eltern einziger Kinder nicht vergessen, die charakterbildende Wirkung die darin liegt, dass bei Bergwanderungen der primitive Egoismus des einzelnen gegenüber dem Zusammenarbeiten mehrerer zurücktreten muss: nichts machen, was der Kamerad nicht auch leisten kann, den übermüdeten oder gar krank und marschunfähig gewordenen Freund nicht sich selbst überlassen, als Stärkerer dem Schwächeren die Last abnehmen, beim Verwundeten ausharren, seine letzte Kraft für die Rettung des Verunglückten hergeben, solche Charakterschulung bieten uns vor allem die Berge.

Schliesslich noch ein weiteres Moment zur Seelenhygiene des Jugendlichen. Auch er hat ja oft schon ernste Lebenspflichten, sei es, dass er bereits im Erwerbsleben steht oder sich auf einer Mittel- oder Hochschule für späteren Beruf vorbereitet. Der Arzt kennt viele, die sich dabei im Verhältnis zu ihren noch bescheidenen Kräften überarbeiten. Vorbereitung zu Prüfungen und geistige Arbeit in der Freizeit macht sie schlaflos. Auch hier sind unsere Berge eine gute Medizin.

Die grössere Rolle spielt dieses letztere Moment natürlich bei den Erwachsenen. Der Mann in vollem Erwerbskampf, die Frau, voll beschäftigt in Beruf oder Haushalt, ihnen werden die Berge Sonntags- oder Ferien-erholung sein müssen, wobei ihnen die ihrer Rüstigkeit entsprechende Leistungsfähigkeit in bezug auf Momentanleistung sowohl wie auch auf Ausdauer zustatten kommen wird. Der gut Trainierte wird ohne wesentliche Akklimatisationsschwierigkeiten die Vorteile des Reizklimas auch bei Weekendturen haben. So kann er die körperlichen und seelischen Reize des Witterungswechsels, des Windes, die besonderen Eigentümlichkeiten eines Sturmes ( Othmar Gurtner in seinem Büchlein: Schlechtwetter-Fahrten ) geniessen; der Kampf mit den Gefahren der Natur kann ihm Anregung werden. Vor allem aber wird ihn die Bergtur im Momente der Ausübung so stark körperlich und seelisch in Anspruch nehmen, dass er das Zuhause vergisst, und darin liegt die Erholung. Im Gegensatz zur Jugend wird er auch einen vollen ästhetischen Genuss an der Landschaft haben. Die Erkenntnis, dass er sich trotz einseitiger Berufsarbeit seine Leistungsfähigkeit in den Bergen bewahrt hat, wird ihn heben, wenn er ob Ärgerlichkeiten des Alltags oder kleiner körperlicher Beschwerden kleinlaut werden will. Das selbständige Disponieren in der Hütte, die Primitivität der Ernährung und Schlafgelegenheit, die Originalität eines Biwaks in schöner, heller Nacht wird ihm ein willkommener Kontrast gegenüber der Geregeltheit des häuslichen Kulturlebens sein. Das alles ist seelischer Gewinn. Dazu das Körperliche: der Erwachsene hat ja meist zu Hause wenig Gelegenheit zu systematischer körperlicher Betätigung, selbst Handarbeiter üben ja nur einen Teil ihrer Muskeln unter völliger Vernachlässigung anderer, dazu oft nur im geschlossenen Raum. Klettern, Stufenschlagen, Abseilen, Skischwünge sind ganz ungewohnte Muskelübungen. Auch die anderen Körperorgane haben Vorteil von der Änderung der körperlichen Betätigung. Der Magen und der ganze Stoffwechsel reagiert günstig auf die ungewohnte, eventuell knappe Nahrung, sofern er, wie ja meist zu Hause, zu reichlich belastet wird. Andere wieder, bei Büroarbeit appetitlos, bekommen einen gesunden Heisshunger, wir kennen ja alle den Riesenappetit, der sich in frischer Winterluft nach Skituren einzustellen pflegt. Weniger von Vorteil mag allerdings dann der oft auch beobachtete Riesendurst sein. Immerhin ist ja richtig, dass im stoffwechselfördernden Reizklima der Alkohol nach, nicht während der Tur, relativ besser ertragen wird als daheim, auch merken wir ja seine lähmenden Wirkungen weniger, da wir ja beim Sport die strenge Geistesarbeit zu Hause gelassen haben. Dass er während der Tur als Medikament für Notfälle, nicht als normales Stärkungsmittel betrachtet werden darf, ist ja nachgerade allgemein bekannt. Ähnliches gilt wohl vom Nikotin; es wird in Form von Zigarette oder Pfeife als stimmunghebendes Beruhigungs- oder Ablenkungsmittel auf dem Gipfel, bei der Rast, vor oder nach besonderer Anstrengung und vor allem nach der Tur in der Hütte seine Hauptaufgabe erfüllen. Das alles gilt vom Gesunden; wann kann der Erschöpfte, gar Kranke noch Gewinn von Berg- oder Skituren haben? Einen beginnenden Schnupfen, eine drohende Erkältung bei einer Bergtur ausschwitzen zu wollen, ist gefährlich, man weiss ja nie, was für eine Krankheit sich unter diesen Anfangserscheinungen verbirgt; es ist schon etwa ein Schwerkranker mit Lungenentzündung von einer Hütte heruntertransportiert worden, der bei entsprechender Voraussicht der Krankheit hätte entgehen können. Ob bei einem verschleppten Reizhusten ohne Fieber eine Tur zu erlauben ist, entscheide der Arzt; noch viel wichtiger ist sein Urteil in der Frage, ob ein Patient mit sogenannten Herzbeschwerden Türen machen soll. Wir finden bei Nervösen, Überarbeiteten oft belästigendes Herzklopfen, Druck in der Herzgegend, das sie mehr stört als manchen richtig Herzkranken sein Klappenfehler. Jedes Fieber, auch leichten Grades, sei Gegengrund gegen den Beginn einer Tur; leichtes Fieber nach strenger Tur kann dagegen einfache Folge der Überanstrengung sein ( Muskelkater ) und ist oft bedeutungslos, sofern es rasch wieder abklingt. Auch die leichteste Temperatur und an sich harmloseste Erhöhung wird aber stets die Leistungsfähigkeit erheblich herabsetzen. Dass Menschen mit empfindlichem Magen und Darm ganz gut Türen machen können, wissen wir. Bei entsprechend vorsichtiger Ernährung werden sie sich ganz wohl befinden, schwieriger ist natürlich die Durchführung einer gewissen Diät. Wer die ganz vernünftige Gewohnheit hat, kurze Türen — bei längeren ist es natürlich unmöglich — mit knapper Ernährung durchzuführen, wird hier am besten durchkommen Die nicht seltene Erschlaffung von Magen und Darm mit Neigung zu Verstopfung wird durch sportliche Bewegung meist günstig beeinflusst. Von dieser Erfahrung werden speziell die Frauen profitieren können. Auch sonst tut ihnen das Bergsteigen und Skilaufen, bei Rücksichtnahme auf die wünschbare Schonung an kritischen Tagen, entschieden gut. Frauen ermüden allerdings leichter, speziell beim Tragen, sie regen sich, wegen der grösseren Labilität des weiblichen Gemütes, leichter auf, reagieren daher auf eine drohende Gefahr stärker, verlieren vielleicht einmal leichter den Kopf, gewinnen aber das seelische Gleichgewicht meist rasch wieder. Man trage also ihrer Natur in Anlage und Ausführung der Tur Rechnung und mute ihnen nicht zuviel objektive und subjektive Gefahr zu, sonst bleibt, statt der körperlichen und seelischen Erholung, ein Angstzustand, der schwer überwunden wird. Dass übrigens Frauen an Ausdauer und Zähigkeit dem Mann manchmal durchaus ebenbürtig sind, ist bekannt ( Frau Prof. Dyhrenfurth und andere bekannte Alpinistinnen ). Vergessen werden wir aber nicht, dass die Frauen in dem Alter, in dem wir am liebsten und erfolgreichsten Türen machen, gleichzeitig oft Mütter sind, und zwar manchmal geplagte, seelisch und körperlich überanstrengte Mütter, die Tag und Nacht weniger Ruhe kennen als der Mann, der ja nach des Tages Mühen und Arbeit meist arbeits- und verantwortungs-frei ist. Sie dagegen haben oft das einmalige Ausschlafen am Sonntagvormittag nötiger als die besonders frühe Tagwacht zu einer Tur; ihnen mag oft ein mehrstündiger Sonntagnachmittagsspaziergang eher eine Erholung sein als eine zehnstündige Tur nach schlechter Ruhe in überfüllter Clubhütte mit Heimfahrt im letzten Bummelzug. Bei ihnen wird oft erst eine zweite und dritte Ferienwoche für die grosse Tur geeignet sein.

Für die bisher besprochenen Altersstufen bedeutet natürlich die Bergtur im Sommer, die Skitur im Winter gesundheitlich auch nicht immer das gleiche: die Reizwirkungen des Winterklimas sind, abgesehen von der etwas schwächeren Sonnenwirkung, grössere Temperaturkontraste und krassere Witterungsumschläge. Ausserdem stellen die schwere Bekleidung, der schwere Winterrucksack, das vermehrte Bedürfnis nach Nahrung viel höhere Anforderungen, von den Verschiedenheiten der Unfallgefahren ganz zu schweigen. Auf alle Fälle wird die eigentliche Winterhochtur nur dem geübten erwachsenen, widerstandsfähigen Turisten vorbehalten bleiben müssen, während im Sommer ja auch der untrainierte Schwächere sich unter geeigneter Führung manche richtige Bergwanderung erlauben kann.

Und nun die Veteranen: dass der Mensch von glücklicher konstitutioneller Veranlagung bei vernünftiger Lebensweise und regelmässiger Sportausübung sich bis ins hohe Alter seine Leistungsfähigkeit in den Bergen erhalten kann, beweisen viele alte Bergführer ( Christian Klucker ), auch manche Turisten, ( Charles Simon; siehe sein Buch: Erlebnisse und Gedanken eines alten Bergsteigers ). Einmal aber werden doch gewisse Organe untüchtig. Zwar vermag ein systematisches Training langer Jahre, die durch lange Übung erworbene Fähigkeit, die noch vorhandenen Kräfte systematisch — nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmasses — zu verwenden, noch längere Zeit, die abnehmende Leistungsfähigkeit zu verdecken, aber schliesslich nehmen die Reservekräfte, die in der Jugend ja überreichlich vorhanden sind, doch ab, und es kommt der Moment, wo « es nicht mehr langt ». Zuerst ist es das Blutgefässsystem und das Herz selbst. Die Schlagadern werden brüchiger ( Arterienverhärtung und -Verkalkung ), Herz, Gehirn, Lunge wird schlechter mit Blut versorgt, die so reduzierte Sauerstoffaufnahme bedingt Kurzatmigkeit, speziell in der dünneren Luft der Berge, das Herz wird bei der dadurch bedingten rascheren Tätigkeit überanstrengt ( Pulsbeschleunigung, Herzklopfen ). Der Arzt erkennt diese Mangelhaftigkeit des Gefässsystems am sogenannten erhöhten Blutdruck. Die Lunge erweitert sich, weil ihr Gewebe, unelastischer geworden, sich nicht mehr recht zusammenzieht. Muskeln und Gelenke neigen mehr und mehr zu Rheumatismen, vertragen die Temperaturwechsel, das nasse Wetter nicht mehr. Das Biwak, selbst der Aufenthalt auf primitivem Hüttenlager, wird zur Last. Der Magen verliert seine Anpassungsfähigkeit gegenüber dem Nahrungswechsel. Die zunehmende Körperfülle, als Folge des mangelhaft gewordenen Stoffwechsels, vermehrt das Eigengewicht, das mitgeschleppt werden muss. Das Nervensystem wird leicht ermüdbar, seine Fähigkeit, sich zu erholen, verringert sich. Damit tritt die Schlaflosigkeit in den Vordergrund. Der Gesamtcharakter selbst neigt mehr zu Bequemlichkeit, der Leichtsinn der Jugend, die vernünftige Vorsicht des Mannes wird zur Ängstlichkeit des Greises.

Falsch ist es dann, unter Aufwendung aller Energie, sich zu Leistungen zwingen zu wollen, denen man nicht mehr gewachsen ist; dies ist auch gefährlich und hat schon manchen körperlichen und geistigen Zusammenbruch auf der Tur verschuldet und damit zu Katastrophen geführt. Also bescheiden werden! Im Einzelfall wird ein sportlich erfahrener Arzt nach Vornahme der nötigen Untersuchungen am ehesten beurteilen können, wieviel der ältere Bergsteiger sich noch zumuten darf. Mancher, dem grössere Berg- oder gar Skituren nicht mehr erlaubt sind, der sich auf Wanderungen im Mittelgebirge beschränken muss, kann noch jahrelang ruhige Ferienaufenthalte auch in grösseren Höhen ertragen.

Schliesslich kommt ja dann für uns alle einmal die Zeit, wo wir aus dem bequemen Gartenstuhl von der Hotelterrasse aus die Berge beschauen. Das Alter neigt ja zum Zurückschauen und freut sich der Vergangenheit, weil es keine Zukunft mehr zu erwarten hat. Glücklich derjenige, der nach reichem Bergsteigerleben sich noch an den Erinnerungen an frühere Taten zu erfreuen vermag.

Vom Adler.

Von B. Schocher und W. Zeller.

I. Mit der Kamera im Adlerhorst.

Hoch über Pontresina, mitten in trotziger Felswand, horstet das Stein-adlerpaar. Seit Wochen schon verfolge ich sein emsiges Treiben. Nun hat der junge Sprosse das weisse Flaumkleid abgelegt, und bald wird er zum ersten Fluge starten. Drum rasch hinauf, ehe dieser zukünftige König der Lüfte den schützenden Horst für immer verlässt. Schier unerreichbar scheint das Raubritternest zu sein. Doch von oben herab muss es gehen I Handfeste Kameraden begleiten mich zur Höhe. Eine uralte Wetterarve am Rande der Kluft bietet den letzten Halt. Um ihren Stamm legen wir das Seil, und hinunter geht es in die Tiefe. Haushohe, blanke, oft überhängende Felsplatten gestalten die Arbeit sehr beschwerlich. Jeder Vorsprung, jeder kleine Riss in der granitenen Wand wird ausgenützt. Siebzig bis achtzig Meter mag ich schon hinuntergeklettert sein. Da gibt eine scharfe Felskante einen Teil des Horstes frei. Keine zehn Fuss trennen mich mehr von ihm. Aber die Wand ist überhängend und aufrechtes Klettern ganz ausgeschlossen. Auf schmalem, messerscharfem Felsbändlein kriechend, ganz auf die Sicherung durch das Seil verlassend, wird auch dieses letzte Bollwerk genommen.

Ein kurzes, scharfes Fauchen bietet der Königsohn mir zum Gruss. Weit-ausgreifend bohren sich seine furchterregenden Krallen in das Reisig des Nestes. Die ganze Kampflust seines stolzen Geschlechtes spiegelt sich in seinen Augen, strafft seinen Körper. Nur seine Schwingen vermögen den gewaltigen Leib nicht zu tragen. Kampfbereit weist er mir den kühngeschnittenen Hakenschnabel.

Nur seine drei Schuh im Quadrat misst der Horst. Doch welch königlicher Sitz! Lotrecht fallen auf allen Seiten die Wände hinab zum rauschenden Berninabach, und in der Ferne gleissen lockend die eisgepanzerten Flanken des stolzen Piz Palü. Zum Glück sind die elterlichen Beschützer des jungen Königs weit weg auf der Jagd. Nur kümmerliche Überreste zeugen von dem üppigen Mahl, das sie dem Sohne gestern abend bereitet haben. Armes Murmeltierchen!

Leicht ist es aber wahrhaftig nicht, hier von der Kamera Gebrauch zu machen. Die überhängende Felswand zwingt mich, die Kamera mit einer Hand zu bedienen, so gut es eben geht. Verliert die andere Hand den spärlichen Halt, dann sause ich am Seil hinaus ins Leere. Jeder Schnappschuss des Apparates wird durch grimmiges Fauchen meines Freundes beantwortet. Die anfangs gravitätische Haltung des jungen Aars nimmt allmählich hahnen-kampfartige Formen an. Jetzt wird es Zeit!

Ungeduldiges Zupfen am Seil belehrt mich darüber, dass die Kameraden oben über meinen Verbleib in Sorge sind. Also wieder hinauf! Hart war die Arbeit, reich aber der Lohn. Und der trockene Gaumen und die schmerzenden Glieder vermochten die Freude am gelungenen Werk nicht zu dämpfen.

B. Seh.

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