Bergsteigerinnen in der Krinoline

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VON HERMANN KORNACHER, MÜNCHEN-PASING

Heutzutage ist so viel von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau die Rede; von der Gleichberechtigung vor dem Gesetz, bei der Arbeit und vor dem Steuersäckel des Finanzamts. In den Bergen jedoch, sozusagen auf höherer Ebene, ist dieses Problem schon längst gelöst. Wie viele Frauen und Mädchen gibt es doch, die selbst im schwersten Fels Hervorragendes leisten oder geleistet haben. Immer wieder begegnet man auch ausgesprochenen Frauenseilschaften, und auf leichteren Bergwanderungen trifft man heutzutage oft mehr weibliche Wesen als Mannsbilder. Heute hält man das fast schon für selbstverständlich, und doch sind es noch keine hundert Jahre her, dass sich - von einigen früheren Ausnahmen abgesehen - die ersten Bergsteigerinnen in der Öffentlichkeit kaum zu zeigen wagten; mutige Mädchen und tapfere junge Frauen, die nicht mehr bei jeder Gelegenheit nach dem Riechsalz riefen oder kreischend die Röcke rafften, wenn ihnen einmal eine Maus über den Weg lief! Einige dieser ersten Bergsteigerinnen möchten wir hier kurz vorstellen.

Den Reigen der weiblichen Bergsteiger eröffneten zwei Französinnen, von denen die eine, Maria Paradis, heute so gut wie vergessen ist, während die andere, Henriette d' Angeville, immer noch den an sich gar nicht einmal berechtigten Ruhm geniesst, im Jahre 1838 den höchsten Berg Europas, den 4810 Meter hohen Mont Blanc, als erste Frau bestiegen zu haben. Fast dreissig Jahre vor ihr stand nämlich Maria Paradis, eine arme, einfache Bauernmagd, als erstes weibliches Wesen auf der höchsten Spitze des Weissen Berges. Freilich musste sie den letzten Teil des mühsamen Anstiegs fast hinaufgetragen werden, worüber sie selbst berichtet: « Auf dem Grand Plateau wollte ich nicht mehr weiter. Ich war sehr krank und legte mich in den Schnee. Ich schnaufte wie ein Hund, wenn es sehr heiss ist. Aber man fasste mich auf beiden Seiten unter den Armen und schleppte mich weiter. Doch bei den Rochers rouges konnte ich mich einfach nicht mehr weiterbewegen. Ich sagte: „ Werft mich in eine Spalte und geht, wohin ihr wolltNein, du musst mit uns zum Gipfel !" sagten die Führer. » Dreissig Jahre später konnten dagegen die Bergführer von der ungleich berühmter gewordenen Henriette d' Angeville sagen: « Sie klettert so gut wie wir und hat überhaupt keine Angst. » Dass Henriette d' Angeville aber auch keine Angst vor den strengen Vorurteilen ihrer Zeit hatte ( es war die Zeit des bürgerlichen Biedermeiers ), bewies sie, als sie mit 12 Bergführern zur « Eroberung » des Mont Blanc auszog. Ganz Chamonix war damals auf den Beinen, denn schon ihr Aufzug brachte eine Sensation: Um die Knöchel baumelten lange, bunt karierte Hosen, die unten zugeschnürt waren. Darüber trug sie ein weites Kleid und um die Schultern ein Pelzcape. Über das Gesicht hatte sie als Windschutz eine schwarze Tuchmaske gezogen und überdies noch gegen die Sonne einen Strohhut und eine dunkle Brille aufgesetzt. Vergnügt winkte sie mit ihrer über zwei Meter langen Alpenstange den gaffenden Dorfeinwohnern zu und schritt dabei so rüstig aus, dass die keuchenden Träger kaum mitkamen. Kein Wunder, denn die hatten unter anderem nicht weniger als zwei Hammelkeulen, 24 Hühner, 18 Flaschen Bordeaux und noch ein Fässchen gewöhnlichen Weins zu tragen.

Und trotz einer Herzschwäche unter dem Gipfel hielt sie durch. « Wenn ich sterbe », soll sie gesagt haben, « bevor wir den Gipfel erreichen, dann schleppt meine Leiche hinauf und lasst sie dort liegen! » Droben, endlich auf dem Gipfel angelangt, hoben die von dieser mutigen Frau begeisterten Führer das Persönchen auf ihre Schultern und erklärten, Mademoiselle müsse noch höher hinauf kommen als nur auf die höchste Spitze des Berges. Danach habe sie, so wird uns berichtet, alle anwesenden Führer der Reihe nach umarmt und geküsst.

Auch den mühseligen Abstieg brachte Henriette d' Angeville wohlbehalten hinter sich. Und hatte man diese mutige Frau bei ihrem denkwürdigen Auszug noch für verschroben, ja für verrückt erklärt, so glich ihre Rückkehr nach Chamonix einem jubelnden Triumphzug. Überall wurde sie, wie sie erzählt, als Heldin gefeiert. Derweil sie meinte: « Nur weil ich zwei starke, ausdauernde Bergsteigerbeine hatte und den festen Willen, mich ihrer kräftig zu bedienen, erreichte ich den Gipfel. » Nach dieser glanzvollen Mont Blanc-Besteigung hat Henriette d' Angeville noch eine ganze Reihe weiterer Bergtouren unternommen; die letzte noch im Alter von 69 Jahren auf das 3124 Meter hohe Oldenhorn!

Seit dem Jahre 1838 haben wohl Hunderte von Frauen aus aller Herren Ländern den höchsten Berg Europas bestiegen, wenn auch nicht mehr mit Gesichtsmaske, Strohhut und Alpenstange angetan. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts wagten sich einzelne bergbegeisterte Frauen, angefeuert durch die aufsehenerregende Tat der « Mont Blanc-Braut », auch in andere Gebirgsgruppen der Alpen, deren Drei- und Viertausender ausschliesslich den Männern vorbehalten zu sein schienen. Ganz besonders taten sich hier die Engländerinnen hervor, unter ihnen Mrs. Freshfield, die Mutter des später berühmt gewordenen Bergsteigers und Forschers Douglas Freshfield.

Doch die erste Frau, die regelmässig Hochtouren unternahm, war Lucy Walker; als 48jährige bestieg sie ihren ersten Gipfel, dem in den folgenden 21 Jahren noch 48 weitere folgten. Gewöhnlich ging Lucy Walkers zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder. Dabei trug sie fast immer schneeweisse Kattunkleider, die sie allerdings auch sehr oft wechseln musste. An sich recht unternehmungslustig, litt sie doch des öfteren unter der Berg- oder Höhenkrankheit; aber nach ein paar Schlucken Champagner oder Asti - etwas anderes pflegte sie, ausser einigen Biskuits, selten mitzunehmen -war sie dann meist rasch wieder bei Kräften!

Lucy Walkers grosse Rivalin in den 60er Jahren war die Amerikanerin Miss Claudia Brevoort. In einem Pariser Kloster aufgewachsen, verbrachte Claudia Brevoort die meiste Zeit ihres Lebens in Europa. Sie unternahm 82 grosse Hochtouren und war unter anderem von dem brennenden Ehrgeiz besessen, als erste Frau das Matterhorn zu ersteigen. Aber infolge einer Indiskretion kam ihr Lucy Walker am 21. Juli 1871 unter der Führung von Melchior Anderegg zuvor. Miss Brevoort holte sich dann allerdings mit der ersten Überschreitung des Matterhorns wenige Wochen später eine Art « Trostpreis », wobei sie den Abstieg über den italienischen Grat nach Breuil wählte. In der Folgezeit galt ihr ganzes Streben dem schönsten Berg des Dauphiné, der fast 4000 Meter hohen Meije, die sie als erster Mensch überhaupt besteigen wollte. So schrieb sie 1876 an ihren berühmten, Neffen Coolidge: « Ach, wenn ich an all die andern denke, die da kommen werden und von denen einer den Erfolg ernten wird!... Grüsse mir alle meine lieben alten Freunde, die du jetzt vor dem Fenster stehen hast. Ganz besonders die erhabene Meije. Und bitte den Berg, er möge sich für mich aufsparen. » Einige Monate später starb jedoch Claudia Brevoort ganz plötzlich während eines Aufenthaltes in England.

Die erste Besteigung der Meije durch eine Frau gelang dann 1888 Miss Katharina Richardson. Sie war ein braunhaariges, grünäugiges Mädchen, von dem die Führer schwärmten: « Sie isst nichts und klettert wie ein kleiner Teufel! » - Und das kleine, schlanke Mädchen konnte unter den Frauen ihres Zeitalters die erstaunlichsten Bergerfolge für sich buchen: 116 grosse Touren, darunter 6 Erstbesteigungen, und 60 kleine Besteigungen in einem Zeitraum von elf Jahren! Die meisten Bergfahrten unternahm Katharina Richardson gemeinsam mit ihrer Freundin Mary Poillon; so zum Beispiel auch die Besteigung der Aiguille d' Arves, bei der die beiden Bergsteigerinnen ein recht gefährliches Erlebnis hatten: Der Rock der Französin löste einen Stein, der Miss Richardson am Kopf verletzte. Trotzdem liess diese ihre Freundin dann vorausgehen, indem sie meinte: « Ich hab ja die Meije gemacht, du nimmst jetzt die Aiguille d' Arves! » Freilich, die Bergsteiger der damaligen Zeit konnten sich nur langsam an den Anblick von Frauen in Fels und Eis gewöhnen.

Und noch 1879 schrieb Miss Aubrey le Blond, eine andere erfolgreiche Bergsteigerin des vorigen Jahrhunderts, in einem Brief: « Ich musste mühsam um meine Freiheit kämpfen, und meine Mutter nahm nur mir zuliebe die Folgen auf sich, als meine Grosstante ein aufgeregtes SOS aussandte: Halte sie doch um Gottes Willen zurück von dieser unsinnigen Bergkletterei! Sie ist ja für ganz London ein Skandal und sieht aus wie eine Indianerin! » - Tatsächlich war der Aufzug der englischen Hochtouristinnen nicht weniger auffallend als derjenige Henriette d' Angeville, vierzig Jahre vorher. So wird in dem von Mrs. Cole verfassten Buch « Wanderung einer Dame rund um den Monte Rosa » die « empfehlenswerteste Kleidung für Alpinismus » folgendermassen beschrieben: « Jede Frau, die auf eine Bergtour geht, sollte ein Kleid aus leichtem Wollstoff tragen, das bei schlechtem Wetter, wenn es feucht wird und dann wieder trocknet, nicht ganz aus der Form geht. Ein Reifrock ohne Oberteil, der leicht angezogen und wieder abgelegt werden kann, ist von unschätzbarem Wert. » Tatsächlich richteten sich damals viele bergsteigende Frauen nach den Vorschlägen von Mrs. Cole, und es ist interessant, dass Margherita Almer, die Frau des berühmten Bergführers Christian Almer, ein ganz ähnliches Kostüm trug, als sie am Tage ihrer goldenen Hochzeit im Jahre 1896 - 71 Jahre alt - ihre einzige grössere Bergtour unternahm, und zwar auf das 3708 Meter hohe Grindelwaldner Wetterhorn. Eine andere Bergsteigerin dieser Zeit trug stets die Reithosen ihres Bruders unter ihrer Krinoline. Kaum war sie ausser Sichtweite des Hotels und der Eltern, streifte sie auch schon die Krinoline ab, die dann einem der Führer aufgehalst wurde, bis die ganze Gesellschaft am Abend wieder in zivilisiertere Gegenden zurückkehrte.

Es dauerte Jahrzehnte, bis die hohe Mauer der gesellschaftlichen und moralischen Vorurteile gegenüber den « Bergsteigerinnen in der Krinoline » wenigstens etwas abgetragen wurde. Im Jahre 1892, also kurz vor der Jahrhundertwende, konnte zwar eine der beiden Schwestern Pigeon - die ihre oft recht gewagten Klettertouren stets ohne männliche Begleitung unternahmen - befriedigt feststellen: « Früher, da würdigten uns viele Alpenclubmitglieder nicht einmal eines Wortes. Heutzutage sind die Leute immerhin schon etwas an weibliche Hochtouristinnen gewöhnt. Ja sogar Einzelgängerinnen sind keine Seltenheit mehr. » Aber erst 1910 wurde in England der erste Alpenclub für Frauen gegründet, dem dann später ähnliche Vereinigungen in anderen Ländern folgten, so der SFAC in der Schweiz.

Die Liste der « Hochtouristinnen in der Krinoline » liesse sich noch beliebig verlängern. Denn erst nach der Jahrhundertwende beginnt eigentlich die grosse Zeit der Bergsteigerinnen, unter denen dann auch Frauen aus den Alpenländern selbst von sich reden machten. Allerdings waren diese Frauen auch weit weniger von den Vorurteilen ihrer Zeitgenossen behindert und verfolgt, während noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts die « Suffragetten der Alpinistik » überall auf Unverständnis und moralisierende Entrüstung gestossen waren. Unter diesen Umständen erscheinen ihre Leistungen wirklich bewundernswert, auch wenn wir heutigen Bergsteiger den manchmal etwas übertriebenen Ehrgeiz dieser Frauen und ihre altmodische, unpraktische Kleidung belächeln mögen...

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