Bergvagabunden sind wir

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Mit 2 Bildern ( 46,47Von Ernst Reiss

( Meiringen ) Wir sind deren viele, wir sind deren wenige; entscheidend ist nur, zu was wir uns bekennen!

Alle Wanderer und Bergsteiger, ob sie stille Sucher der Natur oder ob sie Stürmer der grössten Pfade sind, gehen den nie endenwollenden Weg der Pilger, gehören zu den Träumern von Höhen und Tiefen. Es ist das freie Leben in der Bewegung und der ungehemmte Flug des Geistes. Fort führen diese Wege von den Massen in die Einsamkeit, wo alles von Menschenhand Geschaffene sich verliert und nur mehr die Gesetze der unvergänglichen Schöpfung gelten. Für uns sind Berge Sehnsucht, Zuflucht, ja sogar ein Stück Lebensform. Nur als wahrhafte « Bergvagabunden » können wir an ihnen bestehen und wachsen.

Jugend und Werden Gespensterhaft widerhallt das Knistern des Feuers im hohen Dom der mächtigen Biwakhöhle. Dem Kameraden wartend, in Gedanken versunken, kauert ein Mensch am Ende der hufeisenförmigen Steinmauer, dem hellen Schein der Feuerstelle zugewandt. Aus der Stimme des raunenden Nachtwindes und dem Tosen der Bergwasser glaubt er aus weiter Ferne das Kirchengeläute seines Heimatdorfes zu vernehmen. Den züngelnden Flammen entsteigen die Erinnerungen an vergangene Jugend-VagabundenzeitMit einemmal stehen sie da: das einfache Stoffzelt auf der blumenübersäten Lärchen-wiese, die luftige Baumhütte in den obersten Ästen des mächtigen Tannenriesen. Von tiefer Romantik umwoben schaut die versteckte Felshöhle aus der rotbraunen Tobelwand. Ja, an Einfällen hat es diesen lebhaften Buben nie gefehlt! Dem guten Grossvater haben sie den gesamten Vorrat an Anbindeseilen heimlich fortgetragen, um an der hohen Kirchhofmauer von St. Johann sich abzuseilen. Was für ein gruseliges Gefühl, während der luftigen Fahrt im Innern der Entwässerungslöcher die bleichen Gebeine einer längst vergangenen Zeit zu erblicken! Später dann haben diese Jungen am grossen, gelben Felsen im Wald das Abseilen weiter geübt.

Jugenderziehung in der grossen Masse kannten diese wilden Burschen nicht. Sie suchten sich selber Spiel und Abenteuer. Sehr oft durften sie auch mit dem Vater oder mit älteren Kameraden den Weg in die Berge gehen. Wie kam man sich da als ein « Mordskerl » vor, schon mit neun Jahren einen richtigen Dreitausender bestiegen zu haben! Noch ist das erste, schutzlose Freilager im Schneesturm auf dem hohen Pass nicht vergessen. Als dann endlich im Morgengrauen die nahe Hütte gefunden wurde, fielen sie in einen todesähnlichen Schlaf. Doch schon am Nachmittag wollten sie ihren Tatendrang am verschneiten Passhorn beweisen. Dieses Unternehmen endete mit einem bösen Absturz am steilen Firnhang, hoch über den vielen, offenen Gletscherspalten. Wie durch ein Wunder kamen die jungen Draufgänger mit dem Schrecken davon. « Nun zurück ins grüne Tal, nie mehr auf diese Berge! » so haben sie hilflos zum Himmel empor gerufen.

Manches Jahr ist seither vergangen, denn lang und wechselvoll ist der Weg eines richtigen Bergvagabunden. Aber die herrlichen Sonnentage in den heimatlichen Wäldern und Wänden sind die Losung zu steter Wanderschaft geworden.

Bergkameradschaft Ein leeres Wort? Nein! Weit mehr bedeutet es jenen, die selber die Besten unter ihnen sind, die es wahrhaft und tief empfinden. Wohl darf jede menschliche Gemeinschaft das hohe Lied der Kameradschaft ihr Eigen nennen, doch auch dort sind es nur die, welche darin gelebt, sich darob gefreut und dafür unendlich viel hergegeben haben. So wollen wir den Begriff des Wortes « Kameradschaft » nicht nur beanspruchen, sondern in stiller, edelmütiger Tat weitergeben. Gerade in den Bergen, wo die Grösse der Natur und die erhabene Einsamkeit die Herzen der Menschen läutert, wo das gegenseitige Helfen Notwendigkeit ist, trägt der kameradschaftliche Geist seine schönsten Blüten.

Bergkameraden! Immer gedenken wir zuerst derer, die gefallen sind. Ob sie ihr Leben in Sehnsucht nach Licht und Höhe, aus frohem Tatendrang für ein Ideal oder gar für einen in Not geratenen Gefährten hergegeben haben; wir können sie verstehen, sie sind uns immer nahe. So steht unmittelbar neben der Frage um frohes, starkes Leben das Problem des Bergtodes.

Sommer 1943. Lieber Kamerad, weisst du es noch, wie wir auf einer neuen Wandroute in der Wetterhorngruppe so knapp dem Schneesturm entgingen? Damals hast du zu meiner Enttäuschung in einfachen Worten gesagt: « Das war mein Bestes, das ich hergeben konnte; für schwerere Fahrten musst du dir einen andern Gefährten suchen. » - Trotzdem zogen wir noch einige Male gemeinsam in die Berge. Bald darauf aber verlegtest du deinen Arbeitsplatz weit hinaus in das Flachland und bliebst den Bergen etwas fern. Es wurde still um dich, bis plötzlich die Nachricht von deinem Absturz im Alpstein auch zu mir drang. Schlichter Kamerad, dir waren die Berge lieb über alles, und deshalb sind sie für immer deine Heimat geworden.

Kürzlich traf ich wieder mit einem bekannten Felsgeher zusammen, mit welchem ich schon vor einem Jahrzehnt den Weg gekreuzt hatte. In der kurzen Zeit von kaum zwei Jahren verlor er seine besten Seilgefährten. Als Letztes musste er noch miterleben, wie am Grat eines Viertausenders seine junge Lebenskameradin abstürzte. « Freund, ändere auch du noch beizeiten deine Wege! » sprach er mir zu. Warum aber sind wir schon im nächsten Frühjahr wieder miteinander in die Berge gezogen?

Sollen uns solche tragischen Ereignisse von all unserem Tun zurückhalten? Nein! Unsere Ehrfurcht vor den Bergen wird nur wachsen, denn ungleich viel mehr Glück können wir durch sie empfangen.

Begegnungen.

Zu unserer Wanderschaft gehören nicht nur die Wälder und Bergeshöhen, die Blumen und Tiere als die nächsten Wesen, mit denen wir unser Erleben teilen, sondern auch die vielen Gleichgesinnten, denen wir begegnen. Aus dem anfänglich kleinen Kameradenkreis zieht ein unsichtbares Band in die Weite, ja selbst über unsere Landesgrenzen hinaus.

Bevor es aber so weit ist, müssen wir Jungen einen älteren, erfahrenen Lehrmeister gefunden haben, um durch ihn in der Tat und in eigener geistiger Auseinandersetzung vor dem Berg zu bestehen. Schritt um Schritt ist zu gehen, denn Sehnsucht und Zielsetzung würden gewaltig verlieren, wollten wir gleich baldmöglichst den Höhepunkt erreichen. In Dankbarkeit werden wir uns stets dieser Kameraden erinnern, die uns in den Stürmerjahren zur Vorsicht gemahnt und uns der vollen Verantwortung unserem jungen Leben gegenüber bewusst werden liessen. Ohne die Begegnungen mit diesen Altmeistern der Berge hätten wir die grosse Gemeinschaft der wahrhaften Bergvagabunden vielleicht niemals kennengelernt.

26./27./28. Dezember 1946: Kurz vor Einbruch der Nacht endet unsere Skispur im winterlich stillen Hochtal bei der trauten Klubhütte. Bald ist der kalte Raum von uns mit einer frohen Atmosphäre erfüllt. Nur André, wohl der Älteste und Erfahrenste unter uns, hält sich etwas zurückgezogen. Mit ihm haben Hannes und ich den schwierigen Winteraufstieg am grossen Südwestpfeiler besprochen, während die andern Kameraden die wildschöne Rundtour um den mächtigsten der drei Bergünerstöcke ausführen wollen. Nur allzu früh schreckt uns der schrille Weckerton aus tiefem Schlaf. Kaum habe ich das matte Petrollicht angezündet, tritt André vor mich hin. Entschlossen und enttäuscht zugleich spricht er: « Leider kann ich euch auf dieser schweren Fahrt nicht begleiten, denn mein gestriges Unbehagen hat sich in einen Fieberzustand umgewandelt. Hier aber gebe ich euch meine persönliche Winterausrüstung für den Fels; ich werde versuchen, mit den andern Gefährten heimzukehren. » - Wer hätte es noch geglaubtNach 32 Stunden harten Ringens im schweren, kalten Fels des zeitweilig vom Schneesturm umpeitschten Bergkolosses und nach einer schlimmen Biwaknacht erreichten wir den Gipfel. Mit dem mühevollen Abstieg über den tiefverschneiten Westgrat, dem Weg über die Aelascharte und den Aelapass Schloss sich der Ring unserer verwehten Skispur nahe der Klubhütte. Abgekämpft und ausgehungert betraten wir die dunkle Stube. Obwohl die Eltern und Kameraden um uns bangten, kam eine nächtliche Abfahrt nicht mehr in Frage. Und so suchten wir zuerst einmal nach etwas Essbarem.

Schaut her! André hatte uns vorsorglich seinen Proviant hier gelassen! Bald waren wir wieder ein wenig erwärmt, und es folgte ein kurzer, tiefer Schlaf.

Wenige Tage später stand ich im Zimmer unseres erkrankten Kameraden, um ihm für seine Hilfsbereitschaft zu danken. Zwei Augenpaare glänzten. Es bleibt eine unvergessliche Begegnung mit einem bescheidenen, besten Bergsteiger.

August 1950 Es ist erreicht; wir tummeln uns in den Strassen von Courmayeur, wohl einem der prägnantesten Bergsteigerorte der Alpen. Dann und wann, wenn die wilden Wetterwolken oben am Mont Blanc vom Sturmwind zerrissen werden, erblicken wir die eindruckvollen Grate und Flanken des Monarchen im blendenden Neuschneekleid. Einer wettertobenden Nacht zum Trotz liegt über den Steindächern von Courmayeur schüchternes Sonnenlicht. Wieder steigt neues Hoffen in unsere Herzen.

Auf der Mauer nahe der Kirche zählt Dolf nochmals unser bös reduziertes Lirebündel-chen, während ich durch das Erscheinen zweier österreichischer Alpinisten abgelenkt werde. Mit echten Bergsteigern unserer Sprache möchte ich wieder einmal plaudern, um all die gelangweilten, durchfrorenen Gesichter der Strassenpassanten zu vergessen.

Ebenso unsicher wie ich meine Anfrage anbringe, wird mir geantwortet. « Was, ihr seid gerade erst in Grindelwald gewesen? » staune ich. « Dann habt ihr ja den eintägigen Durchstieg an der Eiger-Nordwand ausgeführt! » Diese bescheidenen Burschen geben das aber erst nach einigem Hin und Her wirklich zu. Einer von ihnen ist der eher menschenscheue Leo Forstenlechner und sein Kamerad der einfache aber zielbewusste Erich Waschak. Noch gestern aber rangen die beiden während eines schweren Gewitters um den Rückzug aus der äusserst exponierten Westwand der Aiguille Noire.

Und heute? Mit schweren Rucksäcken gehen wir am Nachmittag gemeinsam den Weg zum Rifugio Torino. Das muntere Gespräch ist nahezu verstummt, denn der erneut einsetzende Schneefall lässt unsere Pläne immer weiter in die Ferne rücken. In der italienischen Hütte auf dem Col du Géant angelangt, werden wir nicht gerade freundlich aufgenommen; man hat uns hier als Bergvagabunden und nicht als « gute Herren » taxiert. Aber die gütigen Augen des bekannten Chamonix-Führers Raymond Lambert lächeln uns wohlwollend zu, wie wir mit den Wienern unser kostbares Bündner Fleisch gegen russische Konserven austauschen. Unaufhörlich heult der Schneesturm um die Hütte seine monotone Melodie, während wir bis nach Mitternacht mit Erich und Leo lebhaften Gedankenaustausch pflegen. Am nächsten Morgen tobt der Sturm mit unverminderter Stärke weiter. So verbergen wir all unsere Sehnsucht und alle unsere Erwartungen von den grossartigen Mont-Blanc-Bergen in vielen Heimatliedern. Als geschlagene Ritter, im tiefen Neuschnee und inmitten ziehender Nebel steigen wir schliesslich wieder hinab ins Tal. Auf einer Wiese bei Courmayeur, neben einem munter dahinfliessenden Bache, finden wir im Zelt unserer österreichischen Kameraden Unterschlupf.

Es klart langsam auf; die Nacht scheint kalt zu werden. Mit frohen Herzen, ohne Neid angesichts der hell beleuchteten, musikerfüllten Hotelpaläste, sitzen wir einträchtig bei der Abendmahlzeit am Lagerfeuer. Aus der grossen Pfanne löffeln wir gemeinsam den herrlich mundenden Griessbrei.

Über dem Mont Blanc, der Dent du Géant und der himmelhohen Mauer der Grandes Jorasses wölbt sich ein kaltblauer Sternhimmel. Während sich mein Blick im flackernden Lagerfeuer verliert, wird mir bewusst, was all diese vielen Begegnungen mit andern Berg- steigern in unserem Sein bedeuten, warum Hans Erti über alle grossen Taten hinaus sein kostbares Buch mit dem Titel « Bergvagabunden » bezeichnet hat.

Herbst 1951 Bald gilt es, Abschied zu nehmen von den fröhlichen Bergkameraden, die wir hier kennengelernt haben, Abschied von den sonnigen Tagen im Wilden Kaiser, vom leuchtenden Fels über stillen Wäldern. Während wir ein Jahr zuvor bei nahezu winterlichen Verhältnissen nur einige kleine Felsfahrten ausführen konnten, sind wir heuer ein paar der schweren, klassischen Routen des Kaisers gegangen. Neben all den tiefen Erlebnissen hat sich aber jene Begegnung mit dem Kriegsverletzten auf der Ellmauerhalt am eindrucksvollsten in unserem Geiste eingeprägt:

Wir sind eben der Südwand des Leuchsturms entstiegen, als wir in den nahen Gratfelsen den Einbeinigen mit seinen Gefährten entdecken. Mit bewundernswerter Geduld sichert der Hintermann, derweil voraus ein Mädchen dem Invaliden die eisernen Krücken trägt. Nach einer kurzen Gipfelrast und nach dem Besuch des eigenartigen Kapuzeis, dem markantesten Gipfel des Kopftörlgrates, treffen wir am Gipfel der Ellmauerhalt mit den Unbekannten zusammen. Wir freuen uns über die freundliche Begrüssung und an der verdienten, gemeinsamen Gipfelrast. Die Bewunderung für den einbeinigen Kletterer und seine sich aufopfernden Gefährten können wir allerdings kaum verbergen. Dann trennen sich unsere Wege.

Unterdessen ist von der sonnigen Woche nur mehr ein letzter Tag geblieben. Wir trauen unseren Augen kaum, als an diesem Morgen der Einbeinige mit seinem Kameraden plötzlich vor der Hütte steht. Nach einer strengen Arbeitswoche in München ist er heute bereits den weiten Weg von der Gruttenhütte bis zur Gaudeamushütte gegangen, um, wie er sagt, die Schweizer nochmals zu sehen. Hat je ein Unbekannter, dazu noch ein schwer Kriegs-verletzter, für mich so viele Schritte getan? Heute, zum Ausklang, könnten wir uns diesem schwächeren Kletterkameraden zu einer gemeinsamen Fahrt anbieten. Im Blick von Dolf finde ich Zustimmung. Die beiden Deutschen sind von unserem Vorschlag überrascht, sagen aber zu, und wir steigen zusammen über die Baumgartenalp an die schwere Aka-demikerkante der Törlspitze.

Es ist keine leichte Aufgabe. Wir verstehen uns aber gut, und freudestrahlend reichen wir uns beim eisernen Gipfelkreuz die Hände. Krückenmann, von dir haben wir heute etwas gelernt: mit deiner Freude hast du auch uns glücklich gemacht. Nie sprachst du ein Wort von Bitternis, nein, ganz schlicht erzähltest du uns: « Mit neunzehn Jahren habe ich nahe dem Elbrusgipfel das Bein durch einen Granatsplitter verloren, und das gerade an einem so schönen, schönen Ort! » Und eines haben wir uns dann im stillen versprochen: Wir werden Bergkameraden, wir werden Bergvagabunden bleiben.

« Im Abendglühen heimwärts wir ziehn, die Berge, sie lächeln uns zu.

Wir kommen wieder, denn wir sind Brüder, Brüder auf Leben und Tod.

Herrliche Berge, sonnige Höh'n, Bergvagabunden sind treu. » ( Aus einem Bergüed )

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