Berninaberge

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Ein Tag und ein halber genügen für das grosse Erleben. Am frühen Nachmittag schauen wir zwischen Chur und Reichenau auf Wäldchen von Mais; die Herbstsonne hat die Schutz- blatter der verheissungsvollen Kolben noch nicht geöffnet. Im Domleschg kocht sie den Äpfeln rote Backen und süssen Saft. Zwischen Herbstzeitlosen und Misthäufchen hocken wackere Bündner Bauern auf den gemähten Wiesen der warmbestrahlten Nordhänge des untern Albulatales. Piz Üertsch schickt von seinem feingebauten Nordgrätchen den ersten Gletschergruss herunter. Bergwaldwieslein zeigen uns hochstielige, spitzblättrige Enzian-büschel und wecken Ahnungen von allerlei Gewild.

Piz Ela tut sich breit und prächtig vor uns auf: Wer ist so schön wie ich mit Fels und Firn und Gletscherbruch, so mächtig gross an Flügelweite und Haupteshöhe? Tu nicht allzu wichtig, Piz Ela! Freilich wärest du der Herrlichste von allen - aber hinter den Bergen des Albulapasses ist der noch Herrlichere: Piz Palü! Dafür hast du, Piz Ela, das herzige Dörfchen Latsch vor der Nase und die kühnen Kehren und Brücken der Albulabahn. Zwischen Naz und Preda recht ein Bergler ein feines Emdlein zusammen. Und schon trinken Nase und Lungen Engadinerluft. Soll ich zur Windjacke noch die wollene Weste anziehn? Tue so! rät der Malojawind. Oder bläst 's vom Berninapass über Pontresina herunter? Gleichviel, stärkende Kühle flutet um die Stime. Der graue Filzhut ruht noch rollig unter den Steigeisen, die oben auf dem Rucksack gebändigt klirren. Liebe Eisen, morgen früh dürft ihr ins Eis beissen! Eis genug, dort seht ihr ihn ja: Piz Palü grüsst oder grollt eisgepanzert über den tosenden Berninabach zu uns Bergsteigern herüber, die ihm im gelben Wagen der Berninabahn näherrutschen. Er grüsst und grollt übrigens nicht; sagen wir es sachlicher: wir sehen den vergletscherten Berg mit Freude und Ehrfurcht. Auch ein bisschen Furcht ist dabei, nicht wahr? Nein, Furcht nicht, aber das Bewusstsein: es ist eine ernste Sache; sie kann gut oder schlecht gelingen oder misslingen oder Verderben bringen.

Piz Alv, von der Abendsonne erleuchtet, beherrscht heute die jedesmal wieder durch einfache Grösse zum Herzen sprechende Landschaft der Berninahäuser. Der Hang, den wir jetzt durch borstiges Bergheidelbeergestrüpp und mancherlei Gestein bergan steigen, bekommt feingrauen Nebelschub von oben. Gelbe Gemswurz und stark himmelblaue Vergissmeinnicht leben zwischen steinigen Platten und Brocken ein spätes und kurzes Sommerleben; ein Strauss davon wäre schön für eine Liebe oder auf ein Grab. Grau liegt der Diavolezzasee im Grau von Stein und Nebel. Jetzt aber, eine Viertelstunde später und höher, schauen wir ihn grün, und die Steinwildnis dahinter, dem Namen Diavolezza nach offenbar Werk teuflischer Willkür und Wurfwut, lebt in braunen und roten Tönen auf, ohne dass die Sonne ihr wesentlich hülfe. Wunder dem Auge ist wieder einmal das smaragdgrüne Seelein von Arlas drunten im Hang zum Berninapass hinüber. Neben dem Pfad ist noch kleines Blumenleben, Ivakraut und Mannsschildpölsterchen. Jetzt ist 's aus damit: wir queren durch den Firn gegen den Diavolezzapass hinüber. Maultier und Mensch haben ein Weglein getreten bis hinauf zum Diavolezzahaus.

Wie mundet im kühlen Bergabend draussen das Abendbrot, ohne Abendrot zum Glück, aber über allem Herbstnebel erhaben, in der grossen, weissen Gletscherwelt! Zerschrundet freilich sehen die Gletscher aus, gerade auch der obere Morteratschgletscher, durch den wir morgen absteigen sollen. Vielleicht ist 's dort gar nicht möglich; dann muss uns jener beschneite Felsrücken abwärts helfen. Wunder nimmt mich, wo und wie man von dieser Fortezza in den Persgletscher hinunter gelangt. Unheimlich sieht das alles aus, im Ver-dämmern des Tages, im Nahen der Nacht. Da ist aber einer, der Klarheit und Ruhe ins Gemüt bringt: unser Pontresiner Bergführer. Wie er Bescheid weiss über alle diese Gletscher und ihr gegenwärtiges Befinden und Benehmen! Man wird voll wohlbegründeter Zuversicht für Aufstieg und Abstieg. Dort, Richtung Mond, wird er uns morgen früh zuerst führen. Der Vollmond wandert strahlend über Piz Arlas und Piz Cambrena; an ihrem Gletscherfuss soll Die Alpen - 1955 - Les Alpes10 unser Durchschlupf sein, und dort über der weissen Steile erreichen wir den Palükamm. Unsere Hochgebirgsnacht hätte nicht silbriger sein können. Getrost legt man sich schlafen.

Kerzenlicht brauchen wir zum Aufstehen. Zur frühen Wanderung leuchtet uns der Mond. In harten Firn stösst der Pickel, auf Geröll und Fels dann am Osthang des Piz Trovat, bis nach mehrfachem Auf und Ab über Felsschultern der liebe Einklang von Eisenspitze und Stein verstummt: in der Nähe der Fuorcla d' Arias betreten wir für ein paar Stunden den Persgletscher. Ist das noch Mondschein oder schon Tageslicht? Zauberisch mischt es sich. Gepriesen sei der Erfinder der Steigeisen! Mit den spitzen Zacken unter dem Bergschuh ist es ein erquickliches Steigen, auch an den steilsten Eis- und Firnhängen, und ein sicheres Treten, auch zwischen tiefen Klüften und Eisbrüchen. Auf der Firnschulter des Hauptkammes blicken wir zum erstenmal nach Osten und Süden, wo der Palügletscher sich zur berühmten Alp Grüm hinunterstreckt. Nichts zu sehen! Aber ein « Nichts » von grosser Art: zugedeckt alles Gelände und Gewässer weit und breit von einer weichformigen Nebeldecke. Auch im Norden die endlose wolkige Fläche. Darüber erhaben in lauterem Himmelslicht alles, was 3500 Meter hoch und höher ist, auch wir auf unserm Grat, dann nach steilem, schmalem Anstieg, hoch über den Gletschertiefen zu beiden Seiten, auf den Ostgipfel des Piz Palü. Schnee von bester Härte, auf dem Eis festgefroren, hat den Steigeisen durchweg festen Biss gewährt. Gemüt und Geblüt wahrten Sicherheit. Auf den Gipfelblöcken ist gut sitzen und schmausen.

Beim Übergang zum Hauptgipfel, Muot dal Palü, 3912 Meter, muss man ruhigen Herzens und Blicks, ganz sichern Tritts sein. Der Führer bleibt grundsätzlich und standhaft auf der Gratschneide, die man zwar nicht messerscharf, aber doch nur einen Bergschuh breit nennen kann. Bei solchen Gängen hält man es am besten wie Wilhelm Teil, der « auf Gott vertraut und die gelenke Kraft ». Auch auf der Strecke zwischen dem Mittel- und dem Westgipfel, Piz Spinas, darf man nicht zittrig und schwindlig werden und bei aller Treue zum eisigen Gratkamm ja nicht auf eine überhangende Wächte treten. Sogar am Spinasgrat, der in der Hauptsache auf festen Felsen zur Fuorcla da la Bellavista hinunterführt, behält man die Eisen gern am Fuss, weil doch immer noch scharfe Firngrätlein eingestreut sind. Bricht einer im Fels eine der acht Zacken oder gar ein Steigeisen entzwei, so ist es begreiflich, aber schade. Haben Arbeit und Gefahr der Gletscher- und Gratwanderung sich gelohnt? Überreich! Ein wahrhaft erhabenes Stück Bündnerland und Gotteserde habe ich mit Leib und Seele erfasst.

Jetzt nur nicht nachlassen an Spannkraft und Aufmerksamkeit: die 1200 Meter Abstieg von der Fuorcla durch das obere, mittlere und untere « Loch » hinunter bergen Spaltengefahr, wenn dieses Gletscherstück auch nicht so zerrissen ist wie dort drüben der « Buuch », den wir auch schon durchstiegen haben zur Fuorcla da la Crast'Aguzza und zum Piz Bernina hinauf. Bleibt stramm und federnd, schwergeprüfte Knie, das ist immer noch nicht der letzte Firnhang; noch einmal senkt es sich ein paar hundert Meter tief. Erst auf dem flachen Boden des Morteratschgletschers legen wir Seil und Eisen ab. Die Bovalhütte, schon oft unser trauliches Dach vor grossen Taten, lassen wir links oben liegen. Nur unser wackerer Bergführer Koller steigt hinauf: vielleicht darf er schon morgen wieder Menschen zum wagemutigen Glück der Gletscher und Grate führen.

Verborgen bleibt er auch uns drei Bergsteigern noch stundenlang, als wir ihm zu Leibe rücken. Nicht dass es an Sicht fehlte! Die Julivollmondnacht silbert über der Gletscher-majestät der Berninawelt, als wir drei Stunden nach Mitternacht ohne Laterne von der Bovalhütte auf den Kamm der Moräne, dann zwischen Blöcken hindurch, quer durch nächtlich festgefrorene Rinnsale und über den schneefreien Gletscherboden zum Fuss des felsigen Fortezzagrates wandern. Hell genug ist es auch zum Anschnallen der Steigeisen, auch wenn einer noch Gurten anstatt der handlicheren Riemen gebraucht. Freilich ginge es ohne Eisen, aber doppelt oder dreimal so lang. Schon bei jenem ersten Anstieg über pickelhartgefrorene Firnhänge von recht ansehnlicher Steilheit müsste man stundenlang Stufen schlagen, wenn der Fuss nicht bewehrt wäre, und man müsste in häufig wechselndem Zickzack erledigen, was man in fast geradem Aufstieg unter die Zacken bringt, abgesehen natürlich von achtungsvoller Rücksicht auf Gletscherspalten, die zu Seitenpfaden zwingen. Einem schmalen Eisbrücklein, das uns über einen breiten Schrund trägt, gestehen wir jetzt schon, dass wir ihm nachmittags beim Abstieg nicht mehr trauen und unser gewichtiges Wesen zutrauen werden.

Unmerklich ist die Mondnacht in die Morgenfrühe übergegangen, den Knien nicht ganz unvermerkt etwa die Höhe von 3000 Metern gewonnen worden und eine Flachstufe des Gletschers. Beschaulich dürfen wir erleben, wie das Sonnenlicht an die Spitzen des Piz Bernina und seiner Nachbarn schlägt. « Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang », aber nicht so laut wie in der Bergsinfonie von Richard Strauss. Ihr Anblick gibt uns Stärke wie den Engeln zu Beginn der Faustdichtung, und « die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag ».

Links liegen lassen wir den Steilhang zum « Loch », halten uns an den Bernina«weg » unter den Bellavistafelsen durch und über den « Buuch ». Da zeigt der Gletscher seine Urgewalt in ungeheuren Schrunden, breit und tief und schauerlich und doch gewaltig schön. Neben der blanken Proviantbüchse mit belegten Broten ( sie umschliessen auch Vitamine in Gestalt oder Ungestalt gehackter Petersilie ) und der alten Teefiasche aus Aluminium habe ich in den Rucksack Schillers Werke nicht auch noch gepackt. Aber ich dachte, glaub'ich, in jenem Spaltenbereich an Schiller, der uns den schauerlich-schönen Tatbestand deuten kann. Mehr als je gilt ja für den Menschen in einem Gletscherlabyrinth: « Umgeben von zahllosen Kräften, die alle ihm überlegen sind und den Meister über ihn spielen, macht er durch seine Natur Anspruch, von keiner Gewalt zu erleiden. » Da hat der Mensch einen « rüstigen Affekt » zum Begleiter, einen Genius, ernst und schweigend: « mit starken Armen trägt er uns über die schwindlichte Tiefe ». Grundgefühl des Bergsteigergemüts bleibt es, das Gefühl des Erhabenen: « Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äussert, und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann und, ob es gleich nicht eigentlich Lust ist, von feinen Seelen aller Lust doch weit vorgezogen wird. » Zwischen Gletscherspalten und unter Gletscherbrüchen ginge aber diese « Verbindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl » allzuleicht in die Brüche, das Wehsein könnte über das Frohsein Herr werden, wenn das Bewusstsein der Gefahren den Glauben an ihre Bewältigung überwöge. Mein Freund stellt fest: Schrunde von solcher Ungeheuerlichkeit hat er im Wallis und im Berner Oberland nirgends gesehen. Da tut es gut, wenn man einen wackern Führer bei sich hat. Den hatten mein Freund und ich, und zwar einen der allerbesten Pontresiner Führer, den wahrhaft hochberühmten Chasper Grass. Noch einmal Schiller: « Nicht in der Unwissenheit der uns umlagernden Gefahren, nur in der Bekanntschaft mit denselben ist Heil für uns. » Eisschlag, der dort immer von den Eisbrüchen der Bellavista droht, könnte zwar auch ein Grass nicht unschädlich machen. Vor wenigen Jahren sind dort Bergsteiger verschüttet worden, und wenige Tage vorher waren wir heil durchgekommen und auf den Piz Bernina gestiegen. Das liegt in der Hand eines Höheren.

Der Führer erspart uns Suchen und Zweifeln, Irrgänge, unnützen Verbrauch seelischer und leiblicher Kräfte. Er verfügt nicht nur über Gletscherkenntnis im allgemeinen, sondern kennt im besondern auch diesen Gletscher und seine Beschaffenheit in diesem Juli. Er weiss, wo man jetzt gerade sicher durchkommt, auch wenn man ein Stück weit die Eismauer vor der Stirn hat, Stufen für den Fuss, Griffe im Eis für die Hand braucht.

Jetzt ist « der Verborgene » sichtbar. Wir steuern dem Sattel zu, der zwischen Piz Zupò und Piz Argient, dem « Silberhorn », liegt, Fuorcla dal Zupò. Der seltsame Felsenzahn der Crast'Aguzza ragt in roter Morgenglut aus der noch grünlich schattigen Gletscher-weisse. Ein frischer und immer frischerer, ein kalter und immer kälterer Wind kommt mit den Sonnenstrahlen von Osten. Nennen wir ihn noch besser Nordwind; denn das ist er. Man zieht die Zipfelmütze aus dem Rucksack und über die Ohren, die Windjacke über den Rücken. Einer hat sie im Vertrauen auf den wolkenlosen Tag in der Klubhütte zurückgelassen: die Gewichtsersparung trägt ihm die wichtige Erfahrung ein: auch bei hellem Himmel kann die Windjacke nützlich und nötig werden; sie heisst mit gutem Grund nicht Wolken- oder Regen- oder Schneejacke, sondern eben Windjacke. Praktische Philologie! Eissplitter stieben uns beim Gipfelanstieg ins Gesicht. Es gilt, den Stossen des Sturmes standhaft standzuhalten und Stand und Stoss zum Trotz vorzurücken. Die Gipfelfelsen des Piz Zupò, die wir um 9 Uhr erreichen, schenken uns immerhin ein bisschen Windschutz, wenn auch nicht viel: zwei Stunden Schauern und Schauen, in aller Nähe und Weite Gletscher und Spitzen und Himmel, hoch erhaben auf dem Grenzkamm zwischen Nord und Süd, Graubünden und Italien. Das Lied von seiner rätoromanischen Muttersprache singt Chasper Grass: Chara lingua da la mamma, er, der im Klubhüttenschlaf urrätisches Bärengebrumm hat erdröhnen lassen.

Ein Abflauen des Sturmes warten wir ab für die Gratwanderung in den Pass dal Zupò hinab und weiterhin über die vier Bellavistaspitzen. Immer noch mächtig schnaubt er uns aber noch an, als wir den schmalen Firngrat hinuntersteigen. Der wandelt sich willkommener-weise bald in einen währschaften Felsgrat. Vom Sattel erklettert man dann auch den westlichsten Bellavistagipfel auf gutgriffigem Grat, Steigeisen und Pickel auf und in dem Rucksack. Nachher braucht man beides wieder beim Überschreiten des Bellavistakammes, besonders dankbaren Gemütes auf den Strecken, wo man den sehr abschüssigen Nordhang mächtiger Wächten zu begehen hat. Kein Sturm nötigt uns mehr zum Rasten: jetzt treibt die Wärme des Mittags weiter, die den Schnee weich, mühsam und rutschgefährlich zu machen beginnt. Wollen wir noch über den nächsten Felsengrat auf den Piz Spinas klettern und den ganzen Palü überschreiten? Sonnenstand und Verstand raten davon ab, zumal da der Abstieg zum Diavolezzapass diesen Sommer mühe- und gefahrvolle Arbeit im unheimlich zerrissenen Gletscher mit sich brächte. Also die steilen Firn- und Eishänge hinab durchs obere und untere « Loch », schliesslich zurück in die Spur der Morgenfrühe. Nachmittags-müdigkeit nimmt Knie und Kopf in Beschlag. Er verspricht jenen wieder einmal: Diese 1200 Meter Schneeabstieg mute ich euch nie mehr zu, mag ein noch so herrlicher Morgen-aufstieg auf einen wunderbaren Berninaberg locken! Wie vielmal hat der Kopf das schon versprochen? Die Knie haben ihn nie beim Wort genommen.

Den strahlenden Namen hat er ein für allemal, obwohl seine Nordwand seit einigen Sommern und schneearmen Wintern weniger und immer weniger von Eis leuchtet. Die Eiswand wird zur eisgeschmückten Felswand, die sich Stotzig und stolz aus immer noch mächtigen Gletschern aufbäumt. Der Berg bringt das fast Unmögliche zustande, neben seinem Nachbarn Piz Roseg, dem unvergleichlich schön gestalteten, etwas zu bedeuten, auf eigene Art selber wieder überragendes Haupt voll Macht und Schönheit zu sein in dem herrlichen Eis- und Schneegebirge, das sich vom Sellapass mit Dschimels, Sellaspitzen, Glüschaint, Muongia, Chapütschin um das Rosegtal rundet und dann mit einem Felsgrat in den Firnglanz des Corvatsch übergeht. Piz Glüschaint gehört zu den Bergen, die den Bergfreund aufrufen: Wie manches Jahr schon trachtest du nach mir, komm doch mich begreifen! An einem Julimorgen greift man ihm handgreiflich in die Felsen des Südwestgrates.

Keineswegs ohne Vorarbeit! Sie macht aber selber das Leben süss, sicher schon die einsame abendliche Wanderschaft von Pontresina durch Val Roseg hinein. Das ungestüme Gletscherwasser rauscht heute so urgewaltig wie vor einem Jahrhundert durch das Jagd-reich des Gemsenjägers M. Colani, über den V. Tschudi im « Tierleben der Alpenwelt » romantisch berückend erzählt, nachher C. Heer romanhaft verrückend gefaselt hat. Dort drüben unter dem Piz Tschierva steht noch die steinerne Alphütte der Alp Misaun, weiter oben das einfachste Hirtenhüttchen von Margun: Nachtquartier der wahrhaft mannhaften Männer, die als bergtüchtige Wegsucher, manche zugleich als eidgenössische Kartenmacher, mit viel Gefahr, Mühsal, Willenskraft Aufstiege in die wilde Stein- und Eiswelt gesucht und gefunden haben. Das einräumige Hirtenhüttchen war ihnen Sturm- und Gewitterdach, Küche, Schlaf lager. Dem Wackersten der Wackeren, Johann Coaz, ist im Jahre 1926 zum Andenken die Alpenklubhütte geweiht worden, die uns hinten in den Gemsen- und Jung-viehweiden von Mortel über dem linken Ufer des Roseggletschers Gemach und Gemächlichkeit bietet. Der rührige Hüttenwart rührt schon Suppe über dem Herdfeuer. Nach der labenden Abendkühle auf dem steingefügten Vorbau des lieben Bergheims lässt sich der Leib das Liegen auf Stroh und Wolldecken gefallen. Der Geist sucht Schlaf zu erschleichen. In einer Juninacht war er ganz allein mit dem Berggeist in der gletscherluftdurchwehten Dachkammer. Heute hat der Hüttenwart bis Mitternacht zu walten und immer wieder noch neue Ankömmlinge in die Lagerreihe zu schalten. Um 2 Uhr hat er schon wieder Feuer im Herd ( mit weniger Hineinblasen als der einsame Hüttengast vor vier Wochen ). Um 3 Uhr stapfen wir unter Sternen den für Viehklauen und Nagelschuhe geschaffenen Pfad den Hang entlang den hintersten Bächen zu. Unser Führer, Cadisch aus St. Moritz, hält sich diesmal mit Recht nicht an den gedruckten Klubführer; wozu erst von der Hütte in den Gletscher hinunterstolpern, wenn man ihn weiter hinten und weiter oben unter die Steigeisen nehmen kann? Einen grossen Bogen machen wir über einem schwarzen Felsenauge hin durch den gutartigen Gletscher in vier Stunden zur Fuorcla dal Glüschaint und Fuorcrota, die mit 3365 m Höhe eine « hohe Scharte » genannt zu werden verdient. Wer Sehnsucht nach Zitronenblüten und Goldorangen spürte, der könnte da durch die Rinne im Schuss auf toddrohendem Steingerümpel ins gelobte Land hinunterreiten, freilich vorderhand auf die Firnbreite des Scerscengletschers, wo er noch weit weg von Südfrüchten und Zitronensaft dürsten dürfte. Wir stehen auf dem eis- und schneebewehrten Grenzkamm, der sich von der Schulter des Piz Bernina über Piz Scerscen, Piz Roseg, über die Sellakuppen und -spitzen und den Piz Glüschaint, dann zu den Gräten des hintersten Fextales hinzieht. Die spitzen Steigeisen haben wieder einmal ihren treuen Dienst getan: morgenharte Firn- und Eishänge von fussfeindlicher Steile haben wir fast ohne Pickelhieb hinter uns gebracht.

Wir greifen dem schönen Berg in die Felsen des Grates. Unbegreiflich stellt er sich gleich, ist keineswegs herablassend, erst recht nicht herauf lassend. Was der Steinerne wehrt, das gewährt die menschliche Schulter des Bergkameraden: dem nagelharten Bergschuh den höher führenden Tritt. Alles Lobes wert ist weiterhin der Grat, zumal sein Hauptvorzug: je höher, um so besser wird er, was ihm keineswegs alle Gräte und Grossen nach- machen. Lieb wird er einem durch zuverlässige Griffe und Tritte. Nach drei halben Stunden will er dem vorauskletternden Auge weismachen, jetzt laufe er in den Gipfel des Berges aus, springt dort ab in eine schmalfelsige Scharte, dann aber endgültig hinauf zur Spitze. Nicht zu Ende ist man mit den Kräften nach diesem lustvollen Klettern.

Droben sitzest du jetzt auf dem jahrelang ersehnten Leuchtenden - wieder ein Lebenswunsch erfüllt, ein oft mit ehrfürchtigen Augen geschautes Bergbild dem Leib eingebildet durch morgenfrische Tat des Gebeins, Geblüts, Gemüts. Die herrliche Natur und dazu die Kraft, sie zu fühlen, zu geniessen: der Bergsteiger dankt für die zwiefache Gabe.

Die Gipfelschau ist mehr als Rundblick auf Hunderte von Bergketten nah und fern, auf Zacken und Kuppen, auf wilde Wasser, die aus Gletschern und Hochweiden durch waldige Talschaft den Dörfern zuströmen. Dankbares Gedenken ist sie an hohe Stunden. Dort an dem schwarz sich Aufreckenden mit der Firnstirne, wer war dabei? und wer dort an dem Breiten mit der Eisnase, wer war der Seilkamerad? Durch eigenwilligen Farbenzauber hat es ein anderer Berg den Seelenaugen für immer angetan, gerade der heute so nahe Piz Tremoggia: dein rötliches Gelb ist schöner als Gold; das schwarze Band deiner Nordflanke, das seltsam bedeutende, das zeigst du mir heute nicht, aber ich kenne und liebe dich. Unerfüllte Wünsche sieht man auch - unerfüllbare? Piz Roseg bekundet heute eindringlich, dass er hinter seiner göttlichen Firngestalt einen bedenklichen Übergang zum düstern Haupt verlangt. Nein, niemals! trotz den wohlbestandenen schmalen Gräten am Piz Bernina, Piz Zupò, Bellavista, Piz Palü, Piz Arlas, trotz der Eisnase des Piz Cambrena. Zu hoffen ist aber noch anderes, vielleicht diesen Sommer noch.

Jetzt aber ist der Abstieg vom Piz Glüschaint zu vollbringen. Vertraulichen Fels klettern wir nur noch eine halbe Stunde über den Nordgrat hinab. Gar nicht Übeln Halt gibt dann den Absätzen der durch Sonnenwärme erweichte Hochfirn. Jetzt aber sperrt uns das Fortkommen der steil abstürzende Gletscher mit Ungeheuern von Spalten quer durch den ganzen Eishang. Im Bergsteigerschrifttum hat man über den zwei- und dreifachen Bergschrund des Glüschaint gelesen, über die Eisbrüche dieser leuchtenden Gletscherwand, über Zerklüftung, die den Durchstieg unmöglich machen könne. Das will sie jetzt. Ein Schneebrücklein wölbt sich über breitklaffende Kluft. Auf unterhöhlten Schrundrändern sitzt es aber, die kein Abspringen und Überspringen anraten; einer Zuckerbäckerarbeit gleicht es mehr als dem Werk eines Brückenbauers. Man darf nicht hinüber, kann also nicht weiter abwärts. Wäre es ein Bergschrund von der zahmen Art, man ginge ihm möglichst ebenaus entlang und suchte nach Wegsame. Hier aber tun sich Querspalten und Eisabgründe von mannigfachster Richtung zu solch böser Eintracht zusammen, dass man nur aufwärts entkommen und vielleicht, vielleicht weiter oben und drüben einen Durchschlupf abwärts finden kann. Hüben oder drüben und wie hoch und wo und wie? Der Führer erwägt und wagt. Mühsamer Anstieg auf heissem Nachmittagsfirn über unheimlichem Eisabgrund schräg nach links hinauf ist ein widrig Werk. Wir ruhen und stärken uns auf der mühseligen Suche im Schatten einer überhangenden Eiswand, nicht ohne festgestellt zu haben, dass es keine mit Einsturz drohende Kluftwand ist, die uns, sagt einer, ein kühles Grab bereiten könnte. Über eine Schneeschulter dann noch: kein Schrund tut sich auf: da ist der Durchgang in gangbares Firngelände. Der Führer hat sich bewährt. Noch mehrmals hat man aber Grund genug, den Vorsatz zu stärken: Mag ein Berg noch so herrlich in die Seele leuchten, nie mehr in einen so berüchtigten Gletscher, in solche Eisfälle hineinWer weiss?

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