Berninaflug im Winter

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Von Wilhelm Metzmeier.

Einmal über alle die Berge fliegen zu können...! Welcher Bergsteiger hätte nicht schon diesen Wunsch gehabt? Und wenn dann plötzlich die Erfüllung dieses Wunsches in die Nähe rückt, ist es da nicht verständlich, wenn man zapplig wird und nicht erwarten kann, bis der Tag wirklich angebrochen ist? Als ich an einem schönen Februarmorgen 1933 den Schein in der Hand hielt, der mir die Berechtigung gab, einen Flug mit unserem bekannten Piloten Mittelholzer zu machen, da konnte ich die Stunde und den Tag nicht erwarten. So oft bin ich nie an den Barometer gegangen wie damals. Aber einmal kommt jede erwartete Stunde.

An dem strahlenden Februarmorgen eilte ich mit hochgespannten Erwartungen an den Davoser See, wo der graue Riesenvogel schon bereit stand. Start und Landung eines Flugzeuges ist heute etwas so Alltägliches! Für mich war der Gedanke, über alle mir bekannten Berge zu fliegen, etwas vom Grössten, was ich mir vorstellen konnte. Als endlich der Pilot in seinem Pelz steckte, konnte ich mich noch schnell an ihn heranmachen, um zu fragen: Welche Blende und welche Geschwindigkeit muss ich bei meiner Leica nehmen? Wusste ich doch, dass Mittelholzer ein ebenso guter Flieger als Photograph ist. Und liebenswürdig gab er Auskunft: 1/200 und Blende 9. Nachdem ich mir den Platz an dem Schiebefenster gesichert hatte, konnte es meinetwegen losgehen.

Die Motoren brummen, unser Schatten fliegt über den Davoser See, schon sind wir in der Höhe der Häuser, jetzt sind wir schon darüber, da unten liegt die Platzkirche, Herrgott, das ist ja schon Frauenkirch! Je höher wir kommen, je weiter wird der Blick. Wer findet die richtigen Worte, das zu beschreiben? Und nun so mühelos über allen den Bergen zu sein, auf die man sich sonst nur mit vielem Schweiss, mit und ohne Ski hinauf geschafft hat! Für mich war es ein tiefes Erlebnis, kannte ich doch fast jeden Berg und jeden Hügel. Nicht müde wurde ich, meinen Begleitern zu zeigen und zu rufen. Einer hat mir dann gesagt, als wir wieder auf festem Boden standen: Metz, Du warst ja wie ein Kind an Weihnachten!

Übers Bühlenhorn flogen wir, so niedrig, dass wir nicht nur die Skispuren, sondern auch die der Füsse sahen, dort, wo man die Ski auszieht, um die letzten par Meter zu Fuss zu gehen. Und das da unten? Das ist ja Bergün, mit dem Dörflein Latsch! Ja, und der Piz d' Aela! Herrgott, ist das ein Kerl! Jedes Bändlein ist zu sehen, jeder Absatz liegt vor dem Auge, das fast all diese Pracht nicht zu fassen vermag! Nur das Knipsen nicht vergessen!

So, nun sieht man aber schon St. Moritz. Auf dem gefrorenen See erkennt man deutlich die Piste der Rennen, und die Häuser sehen aus wie die kleinen Suppenwürfel, mal gelb, mal braun.

Man denkt, eine Steigerung des Eindruckes ist nicht mehr möglich, und doch, was uns jetzt der Pilot vorführt, ist so erhaben, dass man nur noch Rufe wie Ah! 0h! hört. Unter uns breitet sich der Morteratschgletscher aus. Gerade unter dem Flugzeug kommt der Persgletscher und vereinigt sich mit dem Morteratsch. Und in der Runde all die Eisriesen! Nahe an den Biancograt führt uns der Pilot, fast über den Gipfel des Bernina. Zupo, D' Argient und Bellavista leuchten auf, der dreigipflige Palü ist zum Greifen nahe. Darüber hinaus trifft der Blick noch den Lago di Poschiavo. Ein Panorama tut sich auf, wie man es nur von dieser Warte haben kann. Mit einem Blick übersieht man nun, wo man sich damals beim Aufstieg abgeschunden hat, dort ist die Stelle, wo man angefangen hat, Stufen zu hacken, hier um diesen Spalt mussten wir damals so weit herum, und an dem Grat hat uns der bissige Wind angefallen. Und jetzt sitzt man bequem in seinem Sessel und schaut auf all die Pracht hinab und hinüber!

Es ist schön, unendlich schön, und jeder Alpinist sollte einmal einen Flug über sein bevorzugtes Gebiet machen können. Aber zu solchen Gedanken ist jetzt keine Zeit. Es gibt noch so viel zu schauen und zu bewundern. Hier liegt das ganze Berninamassiv noch einmal vor uns, denn der Pilot hat eine Schwenkung gemacht und zeigt uns all die Herrlichkeit noch einmal. Kaum vermag der Blick, sich loszureissen.

Schon sind wir mit unserem Vogel über dem Inntal, und Campovasto liegt in der Tiefe. Aha, er will uns unsere Keschwanderung zeigen! Richtig, über Val d' Eschia biegt Mittelholzer ab, und ich bin glücklich, als ich die Raschèrhütte entdecke. So, nun aber folgt mein Skifahrerauge der Route auf die Fuorcla d' Eschia, folgt der herrlichen Abfahrt über den Porchabellagletscher und dem Aufstieg zum Sertigpass.

Aber der Pilot hat anderes im Sinn. Er lenkt nach links, und über den Scaletta fliegen wir ins Dischmatal, am Schwarzhorn vorbei. O weh! da sind ja schon die ersten Häuser von Davos, dort ist der See und damit das Ende all dieser Herrlichkeit. Tiefer. Schon kann man die Leute auf dem See erkennen. Sanft setzen wir auf den Schnee, aus, vorbei! Doch ein tiefes Erlebnis bleibt mein eigen.

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