Besteigung des Fuji-Yama

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Jean Sesiano, Genf

25.Juli 1969: Die Abfahrt in Tokio erfolgt um io Uhr ohne einen zum voraus bestimmten Fahrplan; aber eine glückliche Folge ausgezeichneter Bahn- und Busverbindungen bewirkt, dass ich schon um 14 Uhr in Gogome, am Abhang des Fuji-Yama, auf 2300 Meter eintreffe.

Das bedrückende Gefühl des Gedränges, das wir schon im Bus empfunden haben, verstärkt sich hier noch: über zehn Busse, Autos, Hunderte von Touristen sind versammelt, und jede Art Aufmachung, von der konventionellsten bis zur ausgefallensten, ist erlaubt. Man unternimmt die Besteigung sowohl in Bergschuhen als auch in Sandalen, in Golfhosen und Sportjacken, ja sogar im weissen Hemd mit Krawatte.

Die Aussichten sind wenig einladend: nicht der von den nachmittäglichen Kumuluswolken fast ganz verhüllte Gipfel bereitet Unbehagen, sondern eher die unübersehbare, ununterbrochene Menschenkolonne; es wimmelt nur so an den Abhängen des heiligen Berges. Angewidert von diesem Getümmel und dem Herdentrieb abhold, beschleunige ich meine Schritte, um der Menge zu entfliehen.

Die meisten Besucher haben am Fuss des Berges eine Art Stock gekauft, der dazu dient, den Aufstieg zu erleichtern, wenn sich die Müdigkeit bemerkbar macht. Alle diese Stöcke sind mit Glöckchen versehen, die an die Aussätzigen, die Ausgestossenen des Mittelalters, erinnern.

Seit kurzem werden Lasttiere eingesetzt, um den begüterten Touristen die Anstrengungen soweit zu ersparen, dass sie nur in den Sattel steigen und vom dampfenden Pferd, das für sie den Aufstieg bewältigte, absteigen müssen.

Aber wer sind in Wirklichkeit all diese Leute?

Ungefähr die Hälfte setzt sich aus Pilgern in weisser Kutte zusammen; für sie ist die Besteigung des Fuji-San eine religiöse Pflicht, die sie wenn möglich einmal in ihrem Leben zu erfüllen haben. Für andere ist es ein weniger hochgestecktes Ideal, das sie dazu treibt, sich so sehr anzustrengen: Sie suchen ganz einfach die kühle Frische auf, die man nur auf den Bergen findet. Man kann sie begreifen, denn die Luft in der Tiefe unten ist im Sommer drückend heiss und feucht. Schliesslich sind da noch die japanischen Alpinisten, worunter man in Japan diejenigen versteht, welche im Stande sind, einen Sack auf dem Rücken zu tragen und etwas zu marschieren; es gibt deren Legionen im japanischen Reich ( ungefähr i o Millionen ). Für diese ist der höchste Gipfel des Inselreiches ebenfalls ein begehrtes Ziel.

Der Aufstieg ist eintönig und nicht interessant: Von Gogome, der 5. Station des historischen Weges, der vom Fuss des Berges ansteigt, sind noch 1500 Meter Höhenunterschied bis zum Gipfel, auf 3776 Meter, zu bewältigen. Hie und da senken sich Nebelschwaden auf das Menschenge- wimmel herab, so dass man sich in diesen Augenblicken allein glaubt auf diesen kahlen, mit schwarzer und roter Lava bedeckten Hängen.

Eine beruhigende Feststellung im Blickfeld: es sind noch Schneespuren in den Couloirs, die sich vom Gipfel herunterziehen, festzustellen. Das sehr wichtige Wasserproblem ist damit gelöst. Später in der Saison wird das Wasser auf Mannes-oder Maultierrücken hinaufgetragen und zu « Goldpreisen » verkauft, wenn man nicht so klug war, es selbst mitzunehmen.

Es folgen nacheinander die Stationen des alten Weges, die sich alle gleichen: ein Mauerwerk, in den Hang eingelassen, ein grosser Tatami, eine aus Stroh geflochtene Bodenverkleidung, die jederzeit den erschöpften Wanderer aufnimmt.

Wie zu erwarten, ist dieser Raum immer vollständig besetzt. Ausser dem Lager kann man hier Getränke und Verpflegung erhalten, allerdings zu einem « respektablen » Preis, denn alles muss heraufgetragen werden.

Ständig ertönen die Glöckchen, manchmal mit dem Geplärr der Transistor-Radios vermischt, denn gewisse Leute zögern nicht, solche mitzutragen. Die Musik ist ein wirkungsvolles Aufputschmittel, das ihnen die Schwierigkeiten überwinden hilft.

Kurz vor dem Gipfel ist die Menschenmenge geringer, die Strapazen haben sich ausgewirkt; viele blieben auf den Tatamis zurück. Der halbe Nachmittag ist schon vorbei, und sie werden den langen Marsch erst heute Abend oder in der Nacht fortsetzen.

Dreieinviertel Stunden nach meinem Abmarsch in Gogome erreiche ich den Gipfel, die Stelle, wo der Weg den Kraterrand erreicht, den viele kleine Mauerwerke umsäumen. Die meisten sind « Kammern » mit Tatamis, welche die Besucher bis zum Sonnenaufgang beherbergen; auch ein kleiner Shinto-Tempel und ein Nebengebäude sind vorhanden, wo geschäftstüchtige Priester den Gläubigen für einige hundert Yen ( einige Franken ) zum voraus erstellte Horoskope im Beisein der Kunden in Umschläge stecken.

Dem ganzen Umfang des Kraters entlang ( er ist 200 Meter tief und hat einen Durchmesser von 600 Metern ) führt ein gut markierter Weg, und die Touristen tun gut daran, ihm zu folgen. Grosse Schneefelder bedecken noch die Wände des Vulkanschlotes und versorgen die kleine Schar, die sich dort oben für eine Nacht einrichtet, mit Wasser. Gegenüber, auf dem höchsten Punkt des Kraterrandes, sind die meteorologische Station und die Radaranlage installiert, die der frühzeitigen Erkennung von Taifunen dienen, damit die Küstenbewohner gewarnt werden können.

Die örtliche Formgestaltung gleicht derjenigen von Abhängen, nur weist sie zusätzlich noch steile Basalt- und graue Andesit-Felsen auf, die dieser Welt sanft abfallender Hänge eine alpinere Note verleihen. Schwefelablagerungen, welche zweifellos aus der Zeit der letzten vulkanischen Tätigkeit vom Anfang des XVIII. Jahrhunderts stammen, haben auf diesen Felsen hellgelbe Flecken hinterlassen; doch wirkt alles kalt und monoton, weil Pflanzen und Tiere fehlen.

Trotz der dringenden Einladung der Hoteliers, bei ihnen die Nacht zu verbringen - denn sie sind daran interessiert, Fremde aufzunehmen, die ihnen den mehrfachen Preis der Einheimischen bezahlen -, suche ich die einsamste Stelle am Kraterrand auf, wo dieser einen Absatz bildet.

Mit einigen Steinen errichte ich ein Mäuerchen, das mich vor dem Wind schützen soll. Nach meiner Schätzung dürfte die Temperatur einige Grade über Null liegen und damit gut erträglich sein.

Die Nacht bricht an, und nach dem weltlichen Betrieb breitet sich wieder die Stille der Natur über den Berg. Zeitweise überfluten Nebelschwaden den Gipfel, doch die nächtliche Kälte wird sie bald wieder vertreiben; der Mond erhellt die Landschaft mit grellem Schein.

Nicht der geringste Laut mehr; der Berg hat die Welt verschluckt, welche ihn überfiel und eroberte; nur ein schwaches Licht in der Radaranlage zeugt von der Anwesenheit der Menschen.

Gegen ein Uhr weckt mich die Kälte; der Himmel ist sternenübersät, der Mond steht schon tief am Horizont und wird bald hinter den gezackten Kraterrändern verschwinden. Ein Satellit wandert sehr langsam am Himmel, geräuschlos, um den schlafenden Berg ja nicht aufzuwecken.

Ich versuche zu schlummern, doch vergebens. Die Landschaft liegt so ruhig da, dass sie zum Spazieren anregt. Auch ohne Taschenlampe genügt die Helligkeit des nächtlichen Himmels, zur Höhe des Aufstiegsweges zu gelangen. Der Kontrast ist überraschend: all die kleinen Mauerwerke sind beleuchtet; es herrscht hier ein emsiges Treiben, und ich glaubte in meinem Biwak, alles Leben sei ausgestorben.

Die Tatamis sind immer noch belagert, der Tempel ist ebenfalls noch stark besucht; die Leute kommen und gehen und schreien.

Ich fliehe vor der wiedergefundenen Menschenmenge und setze meinen Weg um den Krater herum fort. Von einem erhöhten Punkt aus werfe ich einen Blick in die Tiefe. Und welche Überraschung! Unzählige kleine Lichtlein kennzeichnen im Dunkel der Nacht den Aufstiegsweg.

Noch bevor die Morgendämmerung den jungen Tag verkündet, beginnt ein allgemeiner Aufbruch. Aus allen Zwischenstationen strömen die Gäste, die dort ein paar Stunden verbracht haben, und werden bald die Zahl der - jetzt noch schlafenden - Touristen auf dem Gipfel vergrössern.

Im Westen verblassen die Gestirne nach und nach, und gegen halb vier Uhr werden sie vom Schein der Morgenröte abgelöst. In der Ebene, mehr als 3000 Meter tiefer, zeichnen sich die Dörfer ab, welche den Fuji-Yama umsäumen.

Die Anhöhen rings um mich herum bevölkern sich nach und nach. Endlich, gegen halb fünf Uhr, beginnt ein enttäuschender Sonnenaufgang, bei mit hohen Wolkenbändern bedecktem Himmel, unter dem Rhythmus regelmässig aus-gestossener Kehllaute der fanatischsten Pilger und unter dem Klicken der Photoapparate.

Nun erfolgt die zunehmende Invasion des ganzen Kraterrandes: Tausende von Personen besetzen den Grat, gehen und kommen, richten sich zum Essen ein.

Die Maskerade hat für mich lange genug gedauert, und diese Kirmessstimmung drängt mich, den Gipfel so rasch als möglich zu verlassen. Die ersten Besucher haben übrigens schon den langen eintönigen Abstieg angetreten, der wegen der ständigen Begegnungen mit den Aufsteigenden, die ihren Ritus vollenden wollen, noch verzögert wird.

Begegnung mit « Ihm »

H. R. Stadler t, Zürich Nur diesen Aufschwung noch, dann ist 's erreicht; Ich seh den Grat; was dort folgt, scheint mir leicht.

- Und langsam jetzt hinauf - sacht - ohne Ruck -Mit weichem Zug und angehalt'nem Druck.

- Da bricht der Fels - ich werf mich an die Wand -Mit rascher Drehung find ich Griff und Stand.

- Und in die Tiefe stürzen, Schlag auf Schlag, Seh ich den Block, der erst noch Halt mir gab.

- Ein kalter Hauch weht in den Nacken mir:

« Nimm dich in acht - einmal fass ich nach dir! » Ich stürze mich Hals über Kopf über die Aschen- und Schlackenhänge hinunter, gelange in fünfzig Minuten nach Gogome und erreiche gerade noch rechtzeitig den ersten Morgenbus.

Mein Eindruck war enttäuschend. Bei meiner ersten Besteigung dieses Berges im Jahre 1962 herrschte eine ganz andere Atmosphäre: eine natürliche Bergstimmung, wie wir sie kennen. Heute macht sich dort oben, wie ich schon sagte, ein Jahrmarktbetrieb breit, und allem Anschein nach wird sich diese Entwicklung höchstens noch verschlimmern.fv,T,,,,.

Übersetzung: Jakob Meier

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