Besteigung des Kilimandjaro

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

VON P. REINHARD, STUTTGART

Mit 2 Bildern ( 174, 175 ) « Halfway between Capetown and Cairo. » Dieses grosse Schild steht im Schatten eines Euka-lyptusbaumes neben dem Rondell eines von starkem Autoverkehr umbrandeten Platzes in Arusha, im Herzen Afrikas. Hier treffen und überschneiden sich zwei Hauptverkehrsstrassen, die von Daressalam und Mombassa kommende, die weiter nach Uganda und dem belgischen Kongo führt und die wohl längste Strasse Afrikas vom Kap nach Kairo. Dabei ist der Begriff Strasse durchaus auf afrikanische Verhältnisse angewandt und umfasst Wegstücke mit einmalig guter Teeranlage bis zu solchen, über deren Schlaglöcher und tiefen Sandrillen man geradezu verzweifeln könnte, muss man sie benutzen.

« Halfway », gerade halbwegs zwischen Kapstadt und Kairo gelegen ist die kleine Stadt Arusha, die mit ihren vielen indischen Kaufläden eigentlich genau so gut irgendwo in Indien liegen könnte. Wie ich in Gedanken versunken durch die asphaltierte Hauptstrasse Arushas spaziere, werde ich von einem südafrikanischen Farmer angesprochen, dessen Bekanntschaft ich vor Jahren machte, ohne weiteres in seinen Landrover verfrachtet und in seine etwa 25 Meilen entfernte Farm entführt. Er hatte gerade seine Einkäufe in Arusha getätigt, ein Gläschen Bier in der netten Bar neben dem oben erwähnten Schild getrunken und war auf der Rückkehr zu seiner Farm begriffen. Nun, ich wusste, was das für mich bedeutete.Vor zwei Wochen brauchte ich nicht damit zu rechnen, zum Kilimandjaro zu gelangen. Ich wurde in dieser Zeit von den sehr gastfreundlichen Buren von einer Farm zur nächsten eingeladen und vertrieb meine Zeit mit Zebraschiessen, Insektenbekämpfung auf den Maispflanzungen vom Flugzeug aus und Reparieren von Diesel-Einspritzpumpen. Dann endlich konnte ich die 50 Meilen nach Moshi auf gut geteerter Autostrasse zurücklegen. Moshi ist der günstigste Ausgangspunkt für eine Besteigung des Kilimandjaromassivs. Ich habe Glück, so eine wunderbare Aussicht auf die beiden schneebedeckten Häupter des Berges zu haben. Auf halber Höhe stehen vom Sonnenlicht hell weiss beleuchtete Wolken und kontrastieren herrlich mit den roten Blüten eines Hibiskusbusches, vor dem ich stehe.

Da es gerade Sonntag ist, hat der Sportclub, bei dem ich Erkundigungen über die bestmögliche Besteigung einziehen will, geschlossen. Ein Schwarzer, der als Handwerker auf der nahe gelegenen protestantischen Mission arbeitet, macht sich an mich heran und will mich zum Berg begleiten. Doch wie er meine ernsten Absichten erkennt, kneift er und ratet mir von einer Besteigung in der jetzigen Regenzeit dringend ab. Es war also bloss Neugierde, die sich ihn an mich heranmachen liess.

Mit einem Bus folge ich der Teerstrasse noch einige Meilen bis zur Abzweigung der nach Dar-essalam führenden Strasse. Hier muss ich eine Fahrgelegenheit abpassen. Glücklicherweise dauert es nicht lange, bis ein Personenwagen, mit Schneeketten bewehrt, eintrifft. Ich wundere mich über die Ketten, sehe aber in der nächsten halben Stunde die Nützlichkeit dieser Erfindung ein.

Es ist ein Fahrzeug von der Marangu-Mission, dem ich mich anvertraut habe und mit dem ich an kilometerlangen Sisalpflanzungen entlang fahre. Hier noch geht es mählich bergan. Aber dann steigt es und steigt es. Die aus rotem Lehm bestehende Strasse ist herrlich aufgeweicht, und es sind hier nur die Schneeketten, die ein weiteres Aufwärtsfahren erlauben. Wir passieren jetzt Bananen-und Kaffeepflanzungen und einige Waldstücke. In eines verschwindet gerade eine Kolonne halbnackter Schwarzer im Gänsemarsch, alle mit Speeren bewaffnet. Es sind Eingeborene, die sich auf Affenjagd begeben. Zurückblickend erkenne ich in der Nähe der Strassenkreuzung den riesigen Baobab, den Affenbrotbaum, unter dem ich vor einer Stunde stand. Wir sind noch nicht weit gekommen, haben aber schon ganz schön an Höhe gewonnen.

Dann muss ich absteigen und durch eine schöne schattige Eukalyptusallee noch einen Kilometer weiter laufen, um am heutigen Tagesziel, dem Kibo-Hotel, anzulangen.

Das von der Berlinerin Frau Brühl geleitete Kibo-Hotel nennt sich stolz das höchstgelegene Hotel Afrikas. Wenn es das vielleicht auch heute nicht mehr ist, in seiner unvergleichlich schönen Lage ist es sicher das schönstgelegene Afrikas. Umgeben von tropischem Wald, mit darin ein-gehefteten Kaffee- und Bananenplantagen und Blickpunkten auf den höchsten Berg Afrikas, ist das ein Erlebnis, das man nie vergisst.

Glücklicherweise ist es Regenzeit und es sind nur sehr wenig Gäste anwesend. Gemütlich plaudern wir am Abend beim Binoclespiel über Europa und Berlin. Ein jüdischer Emigrant von da, seines Zeichens Arzt, weiss uns durch nette Anekdoten den Abend zu würzen.

Ich bin geschlagen, mit welcher Initiative Frau Brühl das Hotel als einzige Weisse leitet. Ihre etwa 20 schwarzen Boys parieren auf den Blick, und stolz verkündet mir Frau Brühl, dass sie den besten Koch Afrikas hätte. Und wirklich, die Erzeugnisse dieses schwarzen Koches überragen den Durchschnitt und können auch noch den anspruchsvollsten Gaumen verwöhnen. Oh... ich sollte das ja nicht weitererzählen, damit nicht der Chefin des Hotels der Koch einmal ausgespannt wird!

Das Hotel liegt schon sehr hoch, und da macht es mir Spass, zwei Schäferhunde zu beobachten. Der eine ist sehr aktiv und springt spielend umher; aber oh je... der andere, der hat immer die Zunge aus dem Maul hängen und schleicht daher. Er kann die dünne Luft hier oben nicht vertragen.

Zwei Tage bleibe ich erstmal im Hotel und studiere den Kilimandjaro. Zwei Gipfel trägt er, getrennt durch einen 8 km langen Sattel, und ist nicht ganz 6000 m hoch. Kibo, der eine und höchste Gipfel, ist ein im Kraterinnern vergletscherter Vulkan, Mawenzi, der andere, ein dolomitenähn-licher schroffer Felsgesell, auch schneebedeckt.

Ich habe so gar keine Ausrüstung für den Kibo, den ich mir, da er der höchste, als Opfer ausgesucht habe. Frau Brühl leiht mir ihre Langschäfter aus Gummi, die ich aber nur ohne Socken anziehen kann Ein paar warme Pullover und Handschuhe finden sich auch und eine alte Hose zum Überziehen. Mein Magen wird etwas besser bedacht, und der Proviant in Konserven, Knäckebrot und Früchten reicht gut für sechs Tage.

Nein, ich trage mein Zelt, meinen Schlafsack, den Proviant und meine Filmausrüstung lieber selbst. Steige dafür langsam und habe dann wenigstens alles im Moment, wo ich es brauche, bei mir. Gesagt, getan. Den nächsten Morgen regnet es, und in einer Regenpause gegen 10 Uhr starte ich. Auf geht 's durch Bananenpflanzungen. Ich kaufe mir noch ein paar Hände voll Bananen und bin nach einer Stunde massigen Anstieges in Schweiss gebadet und bedrückt von der Last meines Rucksacks.

Nach zwei Stunden sind die Plantagen hinter mir, und der tropische Regenwald beginnt Ich habe noch einmal Glück, beim Betreten desselben von einem Schwarzen die genaue Richtung zu bekommen Sehr einfach, ich folge nur einem kristallklaren Bach aufwärts.

Die Blätterkronen der Bäume schlagen über mir zusammen, verschlungen hat mich das dunkle Urwaldgrün. Zunächst folge ich einem gut ausgetretenen Pfad und werde auf einer Lichtung von grossen Bremsen überfallen, die immer recht schmerzende Stellen finden für ihre bohrenden Rüssel. Wieder Urwald, wieder Lichtung. Diese hat es diesmal in sich mit dem mannshohen Gras. Kein Überblick, keine Sicht. Mit den Füssen muss man irgendwie den Pfad fühlen. Und nass ist alles. Ich habe mir Öltücher, zum Schutz vor Nässe, um die Beine gewickelt. Aber das hilft nur wenig.

Stetig geht es bergauf, und nach 1 ½ Stunden liegt der Regenwald hinter mir, und ich befinde mich auf lang ausgedehnten Grashöhen, mit Erikabäumen von 4-6 m Höhe bedeckt. Schade, dass diese nicht blühen. Was wäre dann die Lüneburger Heide dagegen?

Unvermittelt stehe ich vor der Bismarckhütte, die mit der morgen zu erreichenden Petershütte noch aus der deutschen Ostafrikazeit stammt. Ich gelange rechtzeitig hinauf vor einem wüsten Tropengewitter. Der in der Hütte befindliche Ofen erweist sich nur dienlich zum Rauchmachen, der höllisch in die Augen beisst, aber die Kleider nicht zu trocknen vermag, geschweige denn, Wärme zu erzeugen. Eine Quelle, gleich neben der Hütte, spendet frischen Trunk, zu dem ich ein tüchtiges Loch in meinen Proviant esse. Ein Päckchen Lebensmittel und meine unbrauchbaren Öltücher lasse ich zurück und starte bei schönem Sonnenschein nach unruhiger Nacht. Äusserst steil geht es wieder eine Stunde durch feuchten Regenwald. Ich finde Waldveilchen, die bis einen Meter hoch über den Waldboden wachsen, und Gladiolen.

An einer Stelle ist der Waldboden tief aufgerissen. Elefanten tun das nicht in dieser Art, die brechen die Bäume um. Ein Nashorn war hier, doch finde ich keine Exkremente. Beim Weitersteigen sehe ich einen Trupp der reizend gefärbten, heiligen Colobusaffen. Schwarzes seidiges Fell mit weissem buschigem Schwanz und weissem Schild auf dem Rücken. Sie springen von Baum zu Baum, dass sich die Äste tief biegen. Weiter steige ich über Wurzelwerk und beneide dabei die Affen um ihre Künste!

Nach der Passage des Waldes muss ich, wenig an Höhe gewinnend, mehrere Kilometer lang nach Westen die Hänge traversieren. Dabei geht es etwa achtmal durch tiefeingeschnittene Bachbette. Der Pfad, der deutlich ausgetreten ist, wird bei dem jetzt einsetzenden Nieselregen auch zum Bachbett « en miniature » und verursacht öfteres Ausgleiten.

Normalzeit von der Bismarck- zur Petershütte sind 4-5 Stunden. Ich brauche 6, da ich mir viel Zeit lasse. Man könnte gut die Entfernung vom Hotel zur Petershütte an einem Tage zurücklegen. Da die Petershütte über 4000 m hoch liegt, empfiehlt sich schon langsames Steigen, um dem Körper Zeit zu geben, genügend rote Blutkörperchen zur benötigten Sauerstoffaufnahme zu bilden. Und ich würde vieles versäumen bei zu grosser Hast.

Die Natur ist zu herrlich und zu interessant der Pflanzenwuchs. Die Gräser sind nur noch ½ m hoch und erlauben auch ein Verlassen des Pfades. Und dann entdecke ich auch eine Lobelia gigantea. In Europa ist die Lobelia ein kleines bescheidenes Pflänzlein, hier schiesst sie bis 5 m ihre Kerze hoch. Einige andere zeigen sogar noch ihren Blütenschmuck. Die einzelnen Blüten erinnern mich sehr an den blauen Enzian unserer Alpen.

Ganze Gebüsche mit seerosenartigen Blüten treffe ich an, aus denen bunte Vögel Honig und Insekten naschen. Dann verhüllt Niesei all die Pracht. Der Pfad gabelt sich hinter einem Bach, und ich bin unschlüssig, wie weiterzugehen. Ich hätte längst schon bei der Hütte sein müssen. Gerade da reisst der Nebel auf, und ich sehe die Petershütte 30 m über mir. Auch hier bringe ich kein rechtes Feuer zustande.

Gegen Abend kommt noch einmal die Sonne heraus, und, ein wenig umhergehend, gewinne ich von einem Punkt, 100 m südlich der Hütte, den schönsten Blick auf den weissen Vulkankegel des Kibo.Nördliche Tundraflora mit Moosen und Flechten überdeckt hier schon die Steine, über die ich zur Hütte zurückkehre. Bei Sonnenuntergang setzt leichter Frost ein. Ich schlafe diese Nacht gut.

Am Morgen studiere ich zeitig das Hüttenbuch. Und da steht es: Einmal war ein Büffel hier oben und hat die Tür beschädigt. Dann finde ich allerlei Hinweise für den weiteren Aufstieg. Dafür bin ich dankbar.

Gleich links von der Hütte geht es in nördlicher Richtung durch etwa 100 m Sumpf. Hier bewähren sich Frau Brühls Gummistiefel. Dann senkt sich der Weg etwas, und eine steile Kletterei beginnt. Der Pflanzenwuchs wird immer spärlicher und hört mit Erreichung des Sattels zwischen Mawenzi und Kibo völlig auf.

Welch prachtvoller Blick öffnet sich mit Erreichen dieses Sattels, der sich in 5000 m Höhe befindet! Ich mache eine lange Rast, denn der letzte dreistündige Anstieg hatte es in sich. Vor mir sehe ich den Pfad, der sich zunächst durch einen Felsgarten zieht und sich dann in ziemlich gerader Linie zum Kibo hin verliert. Und darüber erhebt sich der Gipfel in schneeweisser Pracht. Die Vulkanspitze liegt in einer leichten Wolkendecke, an deren Auflösung die Sonne emsig arbeitet. Die Natur ist ruhig, ausserordentlich ruhig. Kein noch so kleiner Laut entsteht, kein Vogel fliegt. Trotz eifrigen Suchens entdecke ich nicht einmal eine Ameise oder ein anderes Insekt. Tot ist die Welt hier oben.

Ich studiere die mir gegenüberliegende Flanke des Kibo. Unten am Fusse des Eruptionskegels blinkt etwas. Das wird vermutlich das Zinkdach der Kibohütte sein. Eine Halde führt von dort in leichtem Anstieg nach Süden. Durch markante Felsen, deren Art ich mir mit Hilfe des Fernglases gut merke, könnte ich, in nördlicher Richtung steigend, ohne durch Schnee zu müssen, bis zu einer wieder in südlicher Richtung verlaufenden Riefe ansteigen und dieser dann hinauf folgen, um dann im Schnee weiter aufwärts « Gillmann's Point », einen markanten Punkt am Kraterrand, zu erreichen. So sieht das hier vom Fusse des Mawenzi aus. Ich präge mir den Verlauf der ausgesuchten Route scharf ein, muss ich doch den ersten Teil derselben bei Nacht zurücklegen.

Gut ausgeruht gehe ich gemütlich los. 8 km sind es jetzt bis zur Hütte. Die Hälfte bringe ich erstaunlich leicht hinter mich, geht es doch immer ein ganz Weniges bergab. Ich fühle mich so wohl, dass ich in meinem Betätigungsdrang die vielen kleinen Umwege des Pfades korrigiere, so dass spätere Bergfreunde 100 m weniger zu laufen brauchen. Ausserdem kennzeichne ich den Pfad durch Errichten von Steinmännern. Das Aufsetzen von Steinen ist bei dem starken Sauerstoffmangel in dieser Höhe allerdings jedesmal eine Anstrengung, von der ich ausruhen muss.

Die zweite Hälfte des Weges wird mir aus demselben Grunde auch ein wenig sauer, steigt doch hier der Pfad wieder ganz leicht an. Nach ein wenig Felskletterei stehe ich dann vor der Kibohütte. Wasser gibt es keines. Holz zum Feuermachen schon gar nicht. Die vier Matratzen in der Hütte sind mit Sisalhanf gestopft.

Ich richte mich zur Nacht ein und zwinge mich zum Essen. Bin trotz der heutigen Anstrengung völlig appetitlos. Mit dem Schlaf wird auch nichts! In der Hütte messe ich 8° minus Eine Stunde nach Mitternacht stehe ich auf, stecke meine Taschen voll Proviant und hänge meine schwere Kinokamera und die Feldflasche um. Nun, die Halde, die ich in Angriff nehme, ist doch viel steiler, als sie vom Mawenzi aus erschien. Nach 50 Schritten bin ich schon höllisch ausser Atem. Lange stehenbleiben und ausruhen kann ich wegen des beissenden Frostes auch nicht. Ich bin aber froh, dass wenigstens kein Wind geht. Und zu allem « Kuhnacht »! Eine Laterne habe ich nicht mitgeschleppt. Ich finde die markanten Felsen und biege nördlich ab. Mein Kompass ist bei der Dunkelheit nutzlos. Die Sterne sind meine Helfer. Deutlich erkenne ich den Grossen Bären und das Südliche Kreuz, obwohl ich mich auf der nördlichen Hemisphäre befinde.

Das Steigen fällt mir immer schwerer. Meine Schmalfilmkamera scheint mir eine ausgewachsene Normalfilmkamera zu sein, so drückt mich ihr Gewicht. Und wie ich die Hans-Mayer-Höhle in 5400 Höhe erkenne, mache ich einen grossen Fehler. In einem Sprung laufe ich drauf zu, um mich dort auszuruhen. Ich muss diese Unvernunft mit völligem Sauerstoffmangel bezahlen. Jetzt werden mir die Aufzeichnungen in den Hüttenbüchern klar, die da sagen: « Once, but never again » ( Einmal und nie wieder ).

100 Male habe ich mir heute schon gesagt und die Worte eingeprägt: « Du musst zum Gipfel hoch » und immer wiederholt, « Du musst zum Gipfel hoch ». Und nun habe ich nur den einen Wunsch, wieder unten im Hotel zu sein. Ich bin weiss Gott kein Schwächling, aber der Mangel an Sauerstoff kann einem den Verstand nehmen. Ich lege mich hin, probiere das Sitzen, ich stehe auf, dass die Eiszapfen in der Höhle abbrechen. Umsonst, ich bekomme keine Luft. Soll ich hier oben enden? Der nächste Mensch ist 50 km entfernt.

Und da geschieht ein Wunder. Ein ganz schwaches Rosa erscheint am Osthimmel und klingt gleich wieder ab. Ein paar hellgrüne Lichter huschen über den Mawenzi und dann - oh ungeahnte Pracht: rötet sich der Himmel, und ein Sonnenaufgang steigt hinter dem Mawenzi auf, wie ihn selten ein Sterblicher geniessen darf. Fasziniert greife ich zur Filmkamera und halte das, was ich sehe, durch die goldigglänzenden Eiszapfen im Gegenlicht fest. Das ruhige Halten der Kamera raubt mir wieder den Atem, aber jetzt weiss ich, dass ich Sieger bleiben werde. Ein unbekanntes Glücksgefühl überkommt mich.

Nun steige ich immer 20 Schritt und ruhe mich dann so lange aus, bis mein Atem ruhig ist. Jedesmal 2-10 Minuten. Der Schnee leuchtet tief rot. Ein langer Schatten liegt vom Mawenzi über den Sattel und verkürzt sich schnell mit der aufsteigenden Sonne.

Es wird bald unerträglich heiss. Ich deponiere überflüssige Kleidungsstücke und klettere weiter. Der Schnee ist bald so weich, dass ich wiederholt bis an die Hüfte einsinke.

So klettere ich dann über schneefreie Felsen weiter und stehe gegen halb 8 Uhr am Gipfelgrat von Gillmann's Point. Im Krater sind Wolkenfetzen. Das Eis ist bläulich. In einem Wolkenloch erkenne ich den Eisthron, der, nach Menelik II., « Herrscher von Äthiopien », benannt ist.

Die Kaiser-Wilhelm-Spitze ist nicht zu sehen, nach Westen liegt eine dicke Wolkendecke. Die Aussicht ist auch nach den anderen Richtungen durch diverse Wolkenfelder verdeckt. Durch eine Wolkenlücke erkenne ich Moshi. Jetzt wird mir erst die enorme Höhe, in der ich mich befinde, klar.

Leider kommt jetzt ein Wind auf und treibt vom Mawenzi her Wolken heran. Das lässt es mir geraten erscheinen, auf weiteres Vordringen zur Kaiser-Wilhelm-Spitze zu verzichten.

Ein Gefühl der Unruhe beschleicht mich. Ich muss hier fort, hier ist keine Hilfe, wenn mir etwas passiert. So setze ich mich auf den Hosenboden und fahre eiligst über die Schneefelder hinab. Ich gerate in dichten Nebel, und gleichzeitig setzt Schneefall ein. Dort, wo der Schnee aufhört, schlage ich eine tüchtige Portion davon in mein Kopftuch ein und produziere in der Hütte, die ich nach 30 Minuten erreiche, Trinkwasser daraus.

Was nun? Soll ich gleich zur Petershütte weiter oder auf Schönwetter warten? Ich entschliesse mich für das letztere und verbringe eine weitere schlaflose Nacht in der Kibohütte. Nächsten Morgen liegt 20 cm Neuschnee, eine unangenehme Überraschung für mich. Gegen Nachmittag reisst die Wolkendecke etwas auf, so dass ich eiligst losmarschiere. Kaum beginne ich den Abstieg vom Sattel, da bin ich wieder in dichtem Nebel.

So errichte ich mein Zelt unter einem Felsen und warte noch eine Nacht. Auch diese vergeht mit leichtem Frost, und der kommende Tag bringt ein wenig Wärme und Regen. Mit klatschnassen Kleidern passiere ich die Petershütte und steige zur Bismarckhütte hinunter. Dort stürze ich mit einem tüchtigen Hunger auf mein Proviantpaket, habe ich doch seit den Tagen im Sattel ausser Flüssigkeiten fast nichts zu mir genommen Ich studiere wieder die Einzeichnungen im Hüttenbuch der Bismarckhütte und schreibe hinein: « Ich komme wieder. » Denn dieser Sonnenaufgang am Kilimandjaro, der allein war die Strapaze schon wert. Ich komme bald wieder, Kilimandjaro!

Feedback