Bietschhorn-Nordgrat im Winter

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Mit 2 Bildern.Von Hermann Wäffler

( Zürich, Sektion Uto ).

Im warmen Sonnenschein erstiegen wir den letzten Steilhang, der von Süden zum Gredetschjoch hinaufführt. Auf der Passhöhe empfing uns ein frischer Wind. Unschlüssig darüber, ob wir uns nun dem Nesthorn oder dem Breithorn zuwenden wollten, blieben wir eine Weile stehen und entschieden uns dann für das letztere. Gemächlich spurten wir am Fusse des Gredetsch-hörnlis vorbei gegen das sanftgeneigte Firnplateau, das sich zum Südostgrat des Breithorns hinaufzieht. Gleichmässig kamen wir höher, das Nesthorn trat hinter uns zurück und gab den Blick in seine zerklüftete, in überhängenden Eisbrüchen abstürzende Flanke frei. Dann tauchte jenseits der Gratkante ein scharfer Schneefirst auf, eine breite Wand schloss sich an, wuchs höher und höher und füllte das Blickfeld. Das Bietschhorn! Gewaltig, in einsamer Grosse, ragte es aus dem eisigen Sockel des Gletschers empor. Tiefverschneit war die mächtige Flanke, nur zur Linken, wo sie in der wildzerhackten Kante des Südostgrates abfällt, trat dunkel der Fels hervor. Der Nordgrat aber, eine Schneide aus Schnee, stand in blendendem Weiss am wolkenlosen Himmel. Vom Baltschiederjoch zog sich eine Rippe zu ihm hinauf, die untere Hälfte Fels, die obere Firn. Unsere Blicke glitten prüfend der Gratlinie entlang. Der unterste, felsige Teil dürfte keine Schwierigkeiten bieten. Die anschliessende Firnrippe auch nicht. Aber der eigentliche Nordgrat, scharf, ausgesetzt und tief verschneit? Schweigsam, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, setzten wir den Aufstieg fort.

Zwei Tage später, am 24. März 1940, verliessen wir morgens 6 Uhr die Baltschiederklause. Auf einer vortags ausgetretenen Spur querten wir den steilen Schneehang, der unter der Südwand des Jägihorns auf den äussern Baltschiederfirn führt. Nach zwanzig Minuten war das Skidepot erreicht. Eine kurze Abfahrt brachte uns auf den Gletscher, auf dem wir nun in gleich-massigem Anstieg dem Baltschiederjoch zustrebten. Ein scharfer Nordwestwind trieb zarte Wolken über das Joch, die über unseren Köpfen in der Wärme der ersten Sonnenstrahlen zerrannen. Die Spitzen der Baltschiederhörner glänzten im Licht, im Schatten lag noch unser Weg von vorgestern: die Baltschiederlücke und das von ihr auf den innern Baltschiederfirn hinunterführende Couloir.

Um 8 Uhr standen wir am Fusse der Rippe, die vom Baltschiederjoch zum Punkt 3712 im Nordgrat hinaufführt. Die Ski blieben bei der Randkluft zurück, und wir gewannen stufenhackend über einen kurzen Eishang die Felsen. In leichter Kletterei kamen wir rasch höher und hatten bald die Stelle erreicht, wo die Felsen der Rippe im Schnee untertauchen. Hier seilten wir uns an, da der Schneegrat in einem mannshohen, senkrechten Wändchen zu den Felsen abbrach. Vorsichtig arbeitete ich mich hinauf, gewann die Grathöhe und nahm den Kameraden nach. Auf dem Grat war der Schnee hart und Verblasen. Über die Kante fuhr ab und zu ein Windstoss, doch der Rücken war breit und nach Osten geneigt, so dass wir windgeschützt, im wärmenden Sonnensche n ansteigen konnten. Die Steigeisen brachten uns leicht höher, und um 10 Uhr war Punkt 3712, in dem der vom Klein Nesthorn kommende Grat mit dem Nordgrat zusammenstösst, erreicht.

Wir standen auf der Grathöhe, dem Winde und der Betrachtung freigegeben. Weitreichend war die Sicht, über zahllose Gipfel glitt der Blick, begann sich in der Ferne zu verlieren und wurde dort plötzlich festgehalten von der Erscheinung des Mont Blanc. Alles überragend wölbte sich seine leuchtende Kuppel am Horizont. Dicht neben ihr aber erhob sich, finster und abweisend, die schwarze Mauer der Grandes Jorasses. Minutenlang blieben wir, in diesen Anblick versunken, stehen. Dann übernahm ich wieder die Führung, die ich im letzten Wegstück an Freund Zimmermann abgetreten hatte. Der nun folgende Teil des Grates verlief zunächst auf einer längeren Strecke in gleicher, kaum merklicher Steigung. Nur vereinzelte Buckel unterbrachen die ebenmässige Gerade seiner Kante. Dann richtete er sich auf, führte in gleichbleibender Steilheit empor und verlor sich im Dunst der Wolke, die sich soeben an dem Gipfel unseres Berges gebildet hatte. In schimmerndem Weiss lag der Weg vor uns. Soweit wir sehen konnten, keine Zacke, kein Stein. Der Grat war schmal, stellenweise kaum fussbreit, trug aber keine Wächte. Rechterhand brach er senkrecht ab, in der Flanke links lag haltloser Pulverschnees so dass der Weg vorgeschrieben war. Uns stets an die Kante haltend, meist gleichzeitig gehend, legten wir das ebene Gratstück zurück. Der Schnee war hier gleichmässig, fusshoher Pulver auf harter Unterlage, in der die Steigeisen gut griffen. In einer knappen Stunde hatten wir den Fuss des grossen Aufschwungs erreicht und begannen ohne anzuhalten mit dessen Ersteigung. Seine Schneide, die uns von weitem ganz regelmässig erschienen war, zerfiel, aus der Nähe gesehen, in einzelne Steilstufen mit dazwischenliegenden, sanfter geneigten Verbindungsgrätchen. Der Schnee wechselte jetzt zwischen tiefem Pulver, Windharsch und Lockerschnee auf vereistem Grund. Uns den Verhältnissen anpassend, wechselten wir die Technik: bald a tufenstampfend, bald mit abgewinkelten Knöcheln gehend, dann wieder scharrend, bis die Zehnzacker im Eis fassten. Der Wind, den wir bis hierher im Rücken gehabt hatten, traf uns jetzt von der Seite. Er stieg in der Flanke zu unserer Rechten hoch, fegte stossweise über die Gratkante und warf uns die Schneekörner, die sich von unseren Tritten lösten, ins Gesicht. Je höher wir kamen, desto kälter und heftiger wurde der Wind, desto schmäler und ausgesetzter der Grat. Wir gingen mit grösster Vorsicht, jedoch so viel als möglich gleichzeitig. Nur an schwierigen Stellen sicherte mich der Gefährte, bis ich sie hinter mir hatte, und holte dann in meiner Spur rasch wieder auf, während ich ohne anzuhalten weiterging.

Schliesslich umfing uns das brodelnde Grau der Gipfelwolke, schnitt uns von der Aussenwelt ab und liess uns allein mit dem Berg. Der Grat legte sich zurück, beschrieb einen Bogen und endigte einige Seillängen vor uns im Nordgipfel, dem Vereinigungspunkt von Nord- und Westgrat. Eine Scharte und ein mit kleinen, tiefverschneiten Türmen durchsetztes Gratstück trennten ihn noch vom Hauptgipfel, dessen Signal jetzt fern und verschwommen aus dem Nebel auftauchte. Wir überschritten den Nordgipfel, stiegen zur Scharte ab und gingen den letzten Verbindungsgrat an. Dieser erforderte noch unsere volle Aufmerksamkeit. Der Schneefirst zwischen den Türmen war schmal und hoch und bot nicht immer für die ganze Sohle Platz. Sorgfältig auftretend, jede Erschütterung vermeidend, balancierten wir von einer Zacke zur andern, überkletterten alle und gewannen über die letzte Schneide den Gipfel ( 3953 m ). Dichtverhüllt, bot er uns an diesem Tage nichts ausser der Freude an der gelungenen Fahrt. Nachdem wir uns der Beständigkeit der Gipfelwolke vergewissert hatten, stampften wir im Schnee ein ebenes Plätzchen zurecht, liessen uns nieder und stülpten den Zeltsack über. Es war 1 Uhr nachmittag. Wir hatten genau fünf Stunden vom Baltschiederjoch bis hierher gebraucht. Die behagliche Wärme, die sich alsbald unter unserer Hülle einstellte, brachte im Verein mit einem Becher heissen Tees die Einwirkungen der Kälte, unter der wir im letzten Teil des Aufstiegs gelitten hatten, rasch zum Verschwinden. Drei Viertelstunden vergingen mit Plaudern, Händereiben und Füsseklopfen. Dann strafften wir Seilknoten und Steigeisenriemen wieder und traten den Abstieg an.

Auf dem heiklen Übergang zum Nordgipfel sicherten wir einander wiederum von einem Gratturm zum andern. Dann aber nahmen wir das Seil kurz und stiegen in raschem, gleichmässigem Tempo in der Aufstiegsspur ab. Anderthalb Stunden nach Verlassen des Gipfels war Punkt 3712 wieder erreicht. Nun waren wir sicher, die Partie gewonnen zu haben, und liessen uns für den weiteren Abstieg Zeit. Bei den Felsen angelangt, entledigten wir uns des Seils. Behende kletterte der Kamerad die gutgriffigen Platten hinunter, währenddem ich langsam nachfolgte.

Um halb 5 Uhr abends, nach achteinhalbstündiger Abwesenheit, standen wir wieder bei unseren Ski. Hier unten war es warm und windstill. Die Wände der Baltschiederhörner ragten jetzt düster und ungegliedert in den blassen Himmel. Über das Baltschiederjoch aber flutete golden das letzte Licht, umfloss die Gipfel jenseits des Lötschentals und überströmte die Firne zu ihren Füssen, dass sie in zartem Rot aufflammten. Abgekämpft, aber glücklich und wohlig entspannt standen wir im Leuchten der Abendsonne, und in der stillen Schönheit des scheidenden Tages klang auch unsere Fahrt aus.

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