Blümlisalp-Nordwand

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Von Othmar Föhr

( Beni ) 17. Juni 1945 Dem Kampf um den Berg voran geht oft der Kampf mit sich selbst, und dieser steht gern im bestimmten Verhältnis zur Schwere des Vorhabens überhaupt.

Da springt vor einigen Wochen so nebenbei der Zündfunke zu diesem Kampf über Spöhels Lippen: « Ein Wändli, so etwa wie am Blümlisalphorn.r — Und das hat eingeschlagen! Kopfschütteln zuerst — und die Bemerkung von Verrücktheit. « Was willst du auch, Thüru, gibt es nicht auch andere gerissene Höger? » Man trennt sich an jenem Abend mit einem kräftigen Händedruck: « Ja, das muss ich mir doch erst noch überlegen. Wer würde überhaupt als Dritter mitmachen? » Und vor dem Einschlafen sehe ich mich bereits mitten im Hängegletscher und dann oben in den Nordabstürzen dieses reinweissen Berges, Eis hackend und auf schmalem Tritt in der steilen, kalten Gipfelwand den Körper balancierend. Nein, einfach Blödsinn das! Erledigt! Ich drehe mich unwillig aufs Ohr und träume von anderen Dingen.

Aber der Nordwandbazillus tut weiter sein Werk. Er nagt und zündet; er frisst und wächst. Tag und Nacht. Bald offen, bald versteckt und schlau. Er ficht mit Erlebnishunger und Abenteuerlust. Mein Inneres pariert mit Vernunft, Erwägungen über den Wert solchen Unternehmens; aber immer schwächer und aussichtsloser wird diese mahnende Stimme Man bespricht dann mit leisem Gemurmel das Vorhaben, und ich wünsche mir dabei heimlich schlechtes, die Ausführung verunmöglichendes Wetter. Aber eines Samstag abends um 9 Uhr stehen wir drei: Thüru Spöhel, Studer Godi und ich Unterlegener, durchnässt von Regen und Schweiss, unter der Türe der voll besetzten Hohtürlihütte.

Um halb 2 Uhr rasselt der Wecker des Hüttenwartes Ogi. Bald darauf höre ich das Öffnen der Hüttentüre und dann die Bemerkung Kilians, man müsse noch eine Stunde warten, da das Wetter noch nicht wisse, was es wolle. Das lassen wir auch für uns gelten und überlassen den wohlig wärmenden Wolldecken noch weiter ihren behaglichen Dienst. Um halb 3 Uhr ist jedoch BLtîMLISAIJ-NORDWAND der- Himmel frei, und ein ganz schwacher Föhnschleier lässt in der ersten Vor dämmerung das Licht der Sterne durchblinken. Unser Berg verhüllt sich noch schüchtern in einen Nebelschleier, und gegen Norden liegen in Windstille flache blaugraue Wolkenbänke. Der Föhn wird den Himmel reinwaschen. Solches Bergwetter brauchen wir ja! Um halb 4 Uhr treten wir in den anbrechenden Morgen eines Tages hinaus, von dem wir noch nicht genau wissen, was er uns bringen wird.

Wie wir in einer knappen Stunde den Sattel unterhalb der Schnapsfluh erreichen, hat sich die Blümlisalp noch nicht ganz vom nächtlichen Schlummer gelöst; hauchdünne Nebelschleier umhüllen immer noch züchtig ihre Formen, aber doch so entblössend, dass wir sie mit unseren kritischen Blicken abzutasten vermögen. Ein grosses eisiges Schweigen, geheimnisvoll lockend und starr( abweisend zugleich, herrscht in dieser Flucht von Schnee und Eis, scheinbar unberührt — und doch voller Erwartung. Steil in ihrer ganzen Höhe mit breitem Sockel, dem Himmel zustrebend und in senkrecht scheinender Gipfelwand auslaufend.

Der Tag ist inzwischen in voller Helle der eingetretenen Föhnaufheiterung angebrochen, und einige Gipfel im Norden leuchten schon auf im Glanz der ersten Sonnenstrahlen. Der nicht allzu tiefe Pulverschnee lässt uns gut vorwärtskommen. Unterhalb der ersten Eisbarriere wird ein etwas weniger steiles Schneeband, nach Westen ansteigend, bis zur Mitte des Berges gequert, bis wir um eine Wölbung gelangend unversehens jene Stelle erreichen, wo sich die Durchstiegsmöglichkeit bietet. Nach einem halben Dutzend Stufen im Eis ist dieses Stück rasch hinter uns. Wieder nach links steigend, ist ein frischer Lawinenhang zu queren, der vom Hängegletscher herrührt. Wir müssen uns, oft bis zu den Hüften im Schnee eingesunken, hindurcharbeiten, wobei manch kritischer Blick den latent hängenden Eismassen über uns gilt, die aussehen, wie wenn sie jeden Moment sich lösen könnten. Aber auch diese Stelle ist bald überwunden, und nach der Ausnützung einer Steilmulde ist auch der 50 Meter höher liegende Buckel dieses hängenden Eises unter unseren Füssen. Es folgt ein längeres schräg nach rechts aufwärts führendes Schneecouloir, das wir in der Frühe nicht beachteten, und wir sind ganz erstaunt, nach Überwindung desselben schon in unmittelbarer Nähe der oberen überhängenden, aber schaurig-schönen, stolzen Eisbarriere zu stehen, deren zartes grünliches Schillern in eigenartigem Gegensatz zum schattigen Graublau der unberührten Schneehänge wirkt.

Von jetzt an gibt sich der Berg in seiner ganzen Steilheit, doch bietet die hier oben dünner werdende Schneeschicht bei dieser Neigung immer noch genügend Halt, um uns im gemeinsamen Anstieg, fast der Fallirne folgend, jener Stelle zustreben zu lassen, wo die quer verlaufende Wand eine schmale Stelle zeigt, die über einen unbedeutenden Überhang hinauf ihren oberen Rand erreichen lässt.

Aber von hier .weg zeigt sich die Wirkung der nachmittäglichen Sonne der Vortage: eine ständig dünner werdende Harschschicht bedeckt den eisigen Untergrund. Doch versuchen wir solange wie möglich, ohne die Steigeisen auszukommen. Wir denken auch kaum daran und sind ausserdem zu sehr mit unserer Arbeit beschäftigt, um auf die kalten, erstarrenden Finger- spitzen und die gefühllos werdenden Fussballen achten zu können. Die vom vorabendlichen Regen durchnässten Schuhe sind inzwischen steinhart gefroren. Die schönsten Eiskristalle kommen sekundenlang zum Aufleuchten, wenn ein Fuss von den uns jetzt erreichenden Sonnenstrahlen getroffen wird.

Eine mühsame Hackarbeit hat angefangen. Thüru geht voran. Ohne Unterbruch fallen die Eisbrocken auf Schädel, Schultern und Hände. Andere zischen an mir vorbei in die Tiefe, die bereits in gähnender Steilheit im schattigen Kessel unten lauert. Wir arbeiten uns alle gleichzeitig voran: Studer bessert Spöhels « Blitzstufen », die eben nur diesem Routinier genügen können, noch mehr aus, und ich selbst hacke meinen Teil, um in Hände und Körper etwas Wärme zu bringen.

So mögen wir uns während einer Stunde hinaufgearbeitet haben, bis uns die Verhältnisse doch nicht mehr ohne die Steigeisen auskommen lassen; sie müssen endlich angezogen werden! Glücklicherweise befinde ich mich an einer Stelle, wo ich gerade den Pickel bis zur Haue in einen schmalen Eisspalt stecken kann, so dass eine Seilschlaufensicherung möglich ist. Und trotzdem habe ich alle Mühe, den Rucksack zwischen mich und die Wand zu klemmen, die Eisen davon loszubinden, den Sack wieder auf den Rücken zu nehmen und mit letzter Konzentration der Bewegung jedes Eisen an seinen Schuh zu passen und festzuschnallen. Gottlob, das ging gut vorüber! Mich wundert nur, wie meine beiden vorderen Kameraden diese Arbeit fertigbrachten, da sie nichts anderes tun konnten, als da, wo sie sich gerade befanden, einen etwas grösseren Tritt ins Eis zu schlagen!

Wenn auch die engen Gurten an den Füssen den Blutkreislauf hemmen, so kommen wir doch bedeutend rascher vorwärts. Aber eine endlose Hackerei; wie lange mag sie schon dauern? Die Wand kommt immer näher an unsere Nase heran, und es bleibt nur wenig Platz, um zum Pickelhieb ausholen zu können. In den Armen spüre ich die ersten Ermüdungserscheinungen, und auch die Beinmuskeln bleiben nicht ohne die Wirkungen des andauernden, pausenlosen Gleichgewichthaltens auf jedem einzelnen Trittlein. Dabei steht uns das schwerste Stück noch bevor! Ein Blick zur Höhe, die uns den Gipfel fast in greifbarer Nähe erscheinen lässt, macht mich kaum glauben, dass die immer noch zunehmende Neigung der Wand überhaupt zu bewältigen ist.

Verstohlen schiele ich nach links zum unweiten Verbindungsgrat, der von hier aus noch einigermassen gut zu erreichen wäre. Aber Spöhel zeigt keine Miene für diesen Gedanken zu haben. Ihn treibt es aufwärts. Dabei gibt sich hier das Eis in seiner widerlichsten Art: auf stahlhartem Grund, der jeden Pickelschlag einfach abfedern lässt, haftet eine unzuverlässige und poröse Kruste, welche wohl vom nassen Schneegestöber des Vorabends herrührt und den Eisen den nötigen Halt verweigert.

Also allen Ernstes hier hinauf, die letzten 40 Meter? Es scheint mir unmöglich. Aber Spöhel entschliesst sich zu einer Art Sturmangriff. Vermittelst der klauenartigen Horizontalzacken seiner Steigeisen, die sich ins Eis einbeissen, strebt er zur Höhe, sich nach jedem Schrittpaar in die eingehackte Pickelspitze hängend, gute zehn Meter, mit einer Selbstverständlichkeit ohne gleichen, katzenartig behende, flüssig und flink wie ein Wiesel. Dann rasch ein Hieb mit der Hacke für einen Handgriff und unmittelbar darauf eine Kerbe für den Fuss — sich aufrichten und rufen: « Nachkommen! » sind eins! Spöhel sichert Studer, welcher seinerseits wiederum mich nachnimmt. Das wiederholt sich so in drei Etappen. Es sind spannende, bange Momente, in denen nichts gilt als der Gedanke: Vorwärts! Dann — es ist 9.45 Uhr — stehen wir oben, drücken uns die Hand, nachdem dieses letzte Stück dem Berg regelrecht abgestohlen worden ist!

Ich erinnere mich kaum einer Gipfelrast solch vollkommener Bergfreude. Gleichsam als Anerkennung für unsere Mühe strahlen alle Gipfel ringsum in wundervollstem Sonnenglanze. Sogar der Mont Blanc hat sich in nie gesehene Nähe gerückt, als wollte er an unserem Wonnegefühl, das nur auf einem Berggipfel erlebt werden kann, teilhaben. Auch das Mittelland hat seinen üblichen Dunstschleier weggelegt. Wir schauen über Höhen, Wälder, Seen und Matten, und fern im Norden lassen sich die Höhenzüge des Schwarzwaldes und der Vogesen erkennen.

Nach ausgiebiger, anderthalbstündiger Rast und Stärkung beginnen wir die Traverse hinüber zur Weissen Frau, zum Teil auf den gut ausgehauenen Stufen einer uns entgegenkommenden Partie. Nach einer kleinen Siesta auf dem Morgenhorn müssen wir uns von unserem herrlichen Bergdreigestirn trennen und nehmen im zunehmend aufgeweichter werdenden Schnee den Weg zur Hütte unter die Füsse.

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