Botanische Erinnerungen aus Saas

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Von Fritz Wille.

Über das Saastal existieren schon eine ganze Reihe von Arbeiten verschiedenster Natur. Dübi hat seinerzeit einen Führer von Saas-Fee geschrieben, und erst kürzlich ist die wertvolle naturhistorische Monographie des Matt-markseegebietes von Lütschg und Mitarbeitern herausgekommen Es scheint somit etwas vermessen, über das gleiche Gebiet referieren zu wollen. Die nachfolgenden Ausführungen möchte ich besonders als Anregung gewertet sehen zur Sammlung von Beobachtungen, da beim Durchgehen der Literatur eine gewisse Unvollständigkeit sich ergibt, exakte Daten aber immer ihren Wert besitzen. Um zuletzt mit M. Kurz zu reden, befinden wir uns ja in der dritten und letzten Periode der Erschliessung der Alpen, in der schon alle grossen Probleme gelöst sind und die daher fast als uninteressant scheinen mag. Dies stimmt in der Tat für die rein turistische Erschliessung. Eine kleine Kenntnis der Literatur zeigt aber, wie gerade in biologischer Beziehung noch viel fehlt und wie oft richtige Beobachtungen generalisiert worden sind. Die Wissenschaft ist gerade bei der Erforschung der am höchsten hinauf reichenden Lebenserscheinungen auf die Mitarbeit von allen guten Beobachtern angewiesen.

C. Schröder bespricht in seinem Pflanzenleben der Alpen anhangsweise die Nivalflora und stützt sich dabei auf die grundlegenden Untersuchungen von Braun-Blanquet über « die Vegetationsverhältnisse der Schneestufe in den rätisch-lepontischen Alpen ». Unter Nivalflora versteht man die Pflanzenwelt, die alle Arten oberhalb der klimatischen Schneegrenze umfasst. Die so definierte Höhenstufe umfasst 263 Arten und Varietäten. Von diesen steigen nur neun Arten über 4000 m. Es sind dies: Ranunculus glacialis, Gletscherhahnenfuss 4270 m Finsteraarhorn Acillea atrata, geschwärzte Schafgarbe4270 m » Saxifrage aspera v. bryoides, moosartiger Steinbrech 4000 m » Saxifraga moschata, moosartiger Steinbrech... 4000 m » Androsace alpina, Alpenmannsschild4043 m Lauteraarhorn Saxifraga muscoides, moosartiger Steinbrech... 4200 m Matterhorn Saxifraga biflora, zweiblütiger Steinbrech 4200 m » Schulter Gentiana brachyphylla, kurzblättriger Enzian.. 4200 m » » Phyteuma pedemontanum, Piemonteser Rapunzel. 4200 m » » Eigentümlich bei dieser Zusammenstellung berührt zunächst neben der Armut der Arten die Tatsache, dass von unseren 49 schweizerischen 4000 m erreichenden Gipfeln nur 3 davon Gefässpflanzen beherbergen sollen, und man wird die Vollständigkeit dieser Liste mit gutem Recht bezweifeln dürfen. Es knüpfen sich an diese Aufstellung sofort einige Fragen an. Sind die drei erwähnten Gipfel besonders vegetationsfreundlich, oder sind die Funde nur zufällige, da besonders Matterhorn und Finsteraarhorn sehr häufig Besuch erhalten, oder gibt die grosse Bekanntheit dieser Arten die eventuell einfache Erklärung ab?

SAASER ERINNERUNGEN.

Einige Beobachtungen, die ich über diese Frage anstellen konnte, dürften vielleicht einiges Interesse beanspruchen.

Anlässlich der Überschreitung des Rimpfischgrates ( Ende August 1926 ), der sich bekanntlich in seinem oberen felsigen Teil in einer Höhe von 4119 bis 4203 m hinzieht, fand ich als neue Viertausender Poa alpina var. minor, das Alpenrispengras, Linaria alpina, das Alpenleinkraut, und Draba fladnizensis, Fladnizers Hungerblume, letztere Art mit reichlichen Früchten, sodann die schon oben erwähnte Gentiana brachyphylla und eine Steinbrechart, die ich nicht erreichen, aus der Ferne auch nicht sicher bestimmen konnte.

Von gewissem Interesse sind aber auch viele negative Funde respektive Beobachtungen, die ich in den letzten Jahren machen konnte. Als gefäss-pflanzenlos erwiesen sich: Südgrat Täschhorn; Nord- und Westgrat des Dom; Südflanke, Nord- und Ostgrat der Lenzspitze; Südflanke von Hohberghorn und Stecknadelhorn; Südflanke, Ost- und Nordgrat des Nadelhorns; Nord- und Südostgrat des Weissmies; Ostgrat des Fletschhorns. Die Angaben beziehen sich natürlich nur auf die Teile über 4000 m. Der Mangel an Blütenpflanzen gilt aber auch für das Bietschhorn, an dem Krustenflechten auch äusserst selten sind. Es muss betont werden, dass alle diese Angaben sich auf die mehr oder weniger normalen Aufstiegsrouten beziehen und dass es sich um keine ausgesprochen botanische Exkursionen handelte.

Das « Warum » für ein Fehlen von Blütenpflanzen kann dreifacher Natur sein: Zufall oder Unkenntnis, Boden, Klima.

Es könnte sich um Zufall oder um Unkenntnis der Verhältnisse handeln. Meines Wissens ist in den penninischen Alpen nur das Monte-Rosagebiet von Vaccari auf das Vorkommen von Blütenpflanzen geprüft worden. Viele Besucher dürften dann infolge Unkenntnis der Pflanzenarten nicht in der Lage sein, zufällig gemachte Beobachtungen zu verwerten. Kommen dann sterile Formen in Frage oder handelt es sich um Gräser und andere weniger auffällige Arten, so begreift man die relative Seltenheit der Angaben.

Über die Beeinflussung der Bodenunterlage existieren zunächst die schon erwähnten Untersuchungen von Braun-Blanquet. Der Autor findet, dass die Flora auf Kalkböden ärmer sei als auf Silikatböden. Zur Begründung gibt er folgende Gegenüberstellung:

Kalkgipfel Calanda58 Arten Piz Nair/Plessur 44 » Piz Uertsch28 » Silikatgipfel Parpaner Rothorn. .103 Arten Piz Ot88 » Piz Languard76 » Monte Garone/Bernina .16 » Diskutabel scheint mir die Frage, ob die Individuen- oder Artenzahl bestimmend bei dieser Lösung dieses Problems ist.

Von rein theoretischem Standpunkt aus ist bei der Besiedelung neuer Standorte für die Pflanze auf basischen Böden grössere Leichtigkeit vorhanden als bei stark sauren. Bei letzteren ergibt sich folgerichtig eine mehr oder weniger grosse Schwierigkeit in der Beschaffung der Alkalien zur Neutralisation der sauren Reaktion. Diese nötigen Alkalien können manchmal nur von aussen durch Luftbewegung zugeführt werden, d.h. die Pflanze muss sich der zugewehten Staubpartikel bedienen. Es ist ein Verdienst von Jenny und Braun-Blanquet, im Nationalpark als Erste diesbezügliche quantitative Zahlen beschafft zu haben.

Was nun die Herkunft unserer Böden im hinteren Saastal anbetrifft, so zeigt uns die geologische Karte, dass das Gebiet Schwarzenberg-Weisstor bis gegen den Alphubel hin der Muldenzone von Zermatt-Saas angehört, d.h. dem Kontakt von Monte-Rosa- und Bernhardsdecke und aus basischen Eruptivgesteinen ( Amphibolithe, Gabbros, Serpentine ) sowie aus Sedimenten ( Dolomit, Rauhwacke und glimmerhaltige Marmore ) besteht. Wir können eine Fortsetzung der gleichen Schichten besonders über das Rothorn gegen Zermatt, dann gegen das Breithorn und den Fuss des Matterhorns verfolgen, auf der anderen Seite über den Egginer, Furgtal, Sonnighorn, Latelhorn, dann wieder zwischen Weissmies und Portjengrat. Im Gegensatz dazu besteht die Fortsetzung der beiden Ketten nach Norden aus kristallinen Silikatgesteinen der Bernhardsdecke.

Neben dem Rimpfischhorn zeichnet sich aber auch der Egginer, wenn zwar auch bedeutend weniger hoch, durch seine reiche Flora aus. Dann ist aber besonders die Ostflanke des Sonnighorns durch ihren Blumenreichtum bekannt, er soll dem Berg zu seinem Namen verholfen haben ( Eritrichium nanum, Himmelsherold; Androsace-Arten, Mannsschild; Saxifraga, Steinbrech; Gentiana brachyphylla, kurzblättriger Enzian; Ranunculus glacialis, Gletscherhahnenfuss ). Gehen wir auf die Westseite unseres Ausgangspunktes, so ist wieder das Findeier Rothorn durch Artenreichtum und hohe Standorte berühmt, dort findet sich in der Nähe der Wolfsbalm zwischen 2750—3000 m der höchste Standort für Lärche in der Schweiz ( Kümmerformen ). Auch beim Matterhorn handelt es sich vorzugsweise um basische Eruptivgesteine; nicht aber beim Finsteraarhorn und beim Lauteraarhorn. Aus diesen paar Angaben scheint sich demnach doch zu ergeben, dass mehr basische Böden mehr Möglichkeiten bei der Besiedelung neuen Geländes gewähren oder dass zum mindesten das Problem nicht gelöst ist und uns auf breiter Grundlage bearbeitet werden sollte.

Der Vollständigkeit halber mag erwähnt werden, dass der leider so früh verstorbene « Hamo » ( Morgenthaler ) dieses Problem als Dissertationsthema gestellt bekam und dass er es dann später wechseln musste.

Bei allen oben zitierten Standorten mag natürlich neben der Bodenbeschaffenheit auch die Exposition eine Rolle gespielt haben. Die Beispiele Südlenz, Nadelhorn, Hohberghorn, Bietschhorn scheinen aber zu belegen, dass ihr nicht die ausschlaggebende Rolle zugeteilt werden kann. Inwieweit das Klima von Wichtigkeit ist, scheint zurzeit noch unklarer. Die Exposition wird ja mitsprechen. In Saas wird die Mischabelgruppe als kalt, die Umgebung der Britanniahütte als bedeutend wärmer angegeben. Ob diese Ansicht, die ich oft vertreten hörte, richtig ist, da sie sich nicht auf Zahlen stützt, vermag ich nicht zu belegen. Auf jeden Fall ist mir bei Temperaturstürzen im Saastal aufgefallen, dass die am Dom bis Balfrin vorhandene Schneedecke viel weiter hinunter reicht als weiter südlich. Nach der neuen Regenkarte von Maurer und Lugeon, die mir leider nur in der Verkleinerung in Frühs Geographie vorliegt, sind in der Mischabelgruppe grössere Niederschläge verzeichnet; die eventuell eine Verschärfung des Klimas bedingen. Unklar scheinen aber dann wieder die Verhältnisse auf der östlichen Talseite; auch dort vermehrte Niederschläge über den drei Viertausendern, dafür aber an Exposition mindestens so günstig wie die andere Talseite. Dass beim Sonnighorn die direkte Verbindung mit dem Tosatal — während die drei andern nur indirekt via Zwischbergen verbunden sind — von Bedeutung ist, scheint mir nicht ausgeschlossen.

Die paar Beobachtungen scheinen eher zugunsten der Bedeutung des Bodens zu sprechen.

Um zu einer gewissen Vollständigkeit zu gelangen, wäre der ganze Grat Strahlhorn-Alphubel genau zu untersuchen; ebenso die Fortsetzung der Muldenzone nach Ost und West. Da kämen an Viertausendern noch das Breithorn, der Grand Combin und der Gran Paradiso in Frage. Zu vergleichenden Untersuchungen böten die Ketten südlich des Monte Rosa, d.h. Valtournanche, Challanc und Gressoney, trefflich Gelegenheit.

Der ganzen Frage scheint mir eine gewisse Bedeutung zuzustehen bei der schon seit Jahrzehnten entfachten Diskussion über die Herkunft unserer Alpenflora. Wird auf der einen Seite eine nacheiszeitliche Einwanderung besonders aus Oberitalien angenommen, so halten andere Botaniker dafür, dass während der Eiszeit gewisse Teile der Alpen sich ständig über dem Eismantel befanden und eine gewisse Anzahl von Arten so überdauern konnte. Dazu scheint eine weitere Vertiefung unserer Kenntnisse der Nivalflora vonnöten zu sein; die vorhandenen Listen für die Südostschweiz wären speziell in den penninischen Alpen zu ergänzen; aber ich bin überzeugt, dass sämtliche Alpengebiete hier nur viel Unerforschtes bieten würden.

Von gewissem Interesse sind noch die blütenbiologischen Verhältnisse unserer Arten. Mit den 12 Arten unserer Liste Statistik treiben zu wollen, muss aber zu Fehlern führen. 11 Arten sind insekten-, 1 windblütig, während man sonst mit zunehmender Meereshöhe eine Zunahme der Wind-blütigkeit festgestellt hat.

Die oben erwähnte Findelerhalde ist im fernem berühmt durch das Vorkommen der höchsten Getreidekulturen in Europa. Die obersten Äckerchen fanden sich anno 1924 in Eggen bei ca. 2180 m. Gleich hohe Standorte besitzt aber auch das Saastal. So bestimmte ich im Herbst 1926 folgende Maximalhöhen für Getreidekulturen: Sevenen 2130 m, Heimischgarten 1960—2000 m, Dählwald 2020 m. Es handelte sich dabei um Roggen und Gerste. Über die Erträge usw. konnte ich nichts erfahren, ebensowenig über die Herkunft des Saatgutes ( Visperterminen ?). Alle drei Standorte sind an Exposition ungünstiger wie die Findelerhalde, da bei keinem direkte Südlage vorhanden ist. Dass die Verhältnisse hier besonders günstig sein müssen, beweist im weiteren der Dählwald, der ein abnormal hohes Vorkommen von Waldföhre darstellt.

Da wir uns gerade mit den maximalen biologischen Grenzen beschäftigen, so möge eine Beobachtung, die mir von Führer Adolf Zurbriggen in Almagel gemacht worden ist, erwähnt sein. Es handelt sich um das abnormal hohe Vorkommen eines Raubtiers. Unser Gewährsmann berichtet, sowohl auf Nadelhorn als auch Weissmies « schwarze Wiesel » beobachtet zu haben. Göldi gibt das grosse Hermelin bis auf 3500 m an. Sehen wir uns nach dessen eventueller Nahrung um, so findet sich nach dem gleichen Autor die Schneemaus noch in einer Höhe von 3500 m. Zu denken wäre aber noch an die Alpendohle, die alle turistisch besuchten Orte nach Speiseresten absucht und hiebei vielleicht vom Wiesel überrascht wird. Oder hat der Mangel an Nahrung dem Hermelin vielleicht iltisartige Allüren angezüchtet, dass es selber in der Hochsaison den Abfällen nachstreicht? Es handelt sich hier um eine blosse Vermutung; ein solches Anpassungsverhältnis scheint aber nicht ausgeschlossen.

Die Zahl solcher Beobachtungen, die ich während eines vieljährigen Aufenthalts im Wallis zu machen Gelegenheit hatte, liesse sich noch stark vermehren. Die paar Beispiele mögen zeigen, dass man sich in den Alpen manchmal auf Schritt und Tritt auf Neuland befindet und dass es heute noch jedermann möglich ist, sich an der Erschliessung der Alpen zu beteiligen.

Es darf wohl als Selbstverständlichkeit bezeichnet werden, dass gerade diese letzten Pioniere unserer Schonung bedürfen und dass beim eventuellen Sammeln zu Bestimmungszwecken nur das Allernotwendigste entnommen wird.

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