Brenta-Dolomiten

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VON LISA SCHELLENBERG-GENSETTER, DAVOS

14.21. Juli 1968 Mit 3 Bildern ( 83-85 ) Besonders viel Abwechslung bietet die Reise nach Madonna di Campiglio via Flüelapass, Berni- napass, Col dell'Aprica und Passo del Tonale heute nicht. Der ununterbrochene Regen bleibt sich da wie dort genau gleich: grau und nass. Verdrossene, gelangweilte Gesichter der verregneten Gäste in Campiglio empfangen uns in der Hotelhalle, und nur die im Wein des sonnigen Südens eingefangene Wärme vermag uns doch ein wenig in Ferienstimmung zu versetzen. Optimistisch hofft männiglich auf Wetterbesserung.

Wer aber trabt anderntags, in Kapuzenmäntel eingemummt, eine halbe Stunde lang auf feucht-glänzender Asphaltstrasse zur Seilbahnstation hinauf? Natürlich der Davoser SAC, ein bisschen weniger hoffnungsfreudig zwar als am Abend vor den geleerten Flaschen. Fröstelnd drängen wir uns in die Seilbahnkabine und entschweben in höhere Gefilde. Der in die Weite schweifende Blick fängt aber nicht ein, was der Kurortprospekt verspricht; nur das triefende Geäst des Tannenwaldes unter uns taucht hie und da schemenhaft aus dem dichten Nebelvorhang.

Groste - Endstation. Zum Glück hat man vorher noch die Ansichtskarten am Kiosk studiert, damit man sich wenigstens mit etwas Phantasie vorstellen kann, wie es hier oben aussieht, welch grossartige Felskulisse sich über dem wohlangelegten Steig zur Tucketthütte aufbaut. Statt dessen alles grau in grau. Während wir über glitschige Steine zuerst abwärts stolpern, verlieren wir bald jeden Zeitbegriff. Die sich langsam im Genick, an Hosen und Strümpfen bemerkbar machende Nässe führt zu lebhaften Diskussionen über garantiert wasserdichten Regenschutz. Nach knapp zweistündigem Marsch stehen wir unversehens vor der Tucketthütte. Hüpfende Regentropfen auf Gartenstühlen und Tischen, nicht gerade zu wohliger Rast einladend, verbessern unsere langsam brummig werdende Laune schon gar nicht. Wie nasse Hunde ihr Fell, schütteln wir die Pelerinen unter dem Vordach, und siehe da, plötzlich reisst die Wolkendecke! Zwischen grauen Nebelfetzen guckt der blaue Himmel über unwahrscheinlich kühnen Felszacken hervor; eine steile Wand strebt aus dem Gewoge, beklemmend hoch und düster - unsere erste, fast unwirkliche Begegnung mit der Brenta.

Edelweiss blühen nah am Wegrand zur Brenteihütte. Wie ist dies nur möglich an einer von Hunderten von Touristen begangenen Route? Sonnenlicht funkelt im perlnassen Gras, trocknet rasch die Kleider. Die neuerwachten Lebensgeister treiben uns munter aufwärts über abschüssigen Halden, wo das Überholen eines mit Brettern hochbeladenen Maulesels auf dem schmalen Pfad zum Problem wird. Das Rifugio Brentei thront kühn wie ein Adlerhorst auf einem Felssporn. Gegenüber erhebt sich der berühmte Crozzon, jetzt schon wieder in Nebel verhüllt.

Minestrone und Spaghetti führen den Reigen des italienischen Hüttenspeisezettels dieser Woche an, derweil unbemerkt die mit wieder einsetzendem Regen gespeiste Dachtraufe unsere draussen sorglos abgestellten Rucksäcke gründlich tauft.

Was tut 's! In gut zwei Stunden werden wir das Quartier für die beiden nächsten Tage, die Tosahütte, erreicht haben - nicht ohne vorher auch noch die Schuhe im matschigen Schnee am steilen Firnfeld zur Bocca di Brenta aufzuweichen. Überraschender Ausblick auf der Bocca zum Berghaus und der hübschen Kapelle unter uns. Der warme Kachelofen in der Hüttenstube ist bald bekränzt mit unserer arg mitgenommenen Ausrüstung. Die zweite unverhoffte Aufhellung dieses Tages lässt aber bald die müden Gestalten wieder in Bewegung geraten und eine Kletterpartie unternehmen.

Der klare Abend hält nicht, was er versprochen hat. Schwere Wolken ziehen am trüben Morgenhimmel - kein erfreulicher Start zur Via di Bocchetta, dem bekannten Klettersteig im wildesten Teil der Dolomiten. Am Einstieg nach der Bocca di Brenta weist eine Eisenleiter hinauf zum ersten Felsband. Flink verschwinden schon die ersten oben um die vorderste Nase. Ich bin an der Reihe. Leitern sind nicht so ganz nach meinem Geschmack: zuviel Luft ringsherum! Aber bald verliert sich die Unsicherheit. Geniesserisch wandert man auf der kühnen « Promenade » dem Drahtseil entlang, quer durch die senkrechten Mauern der Brenta Alta, ins felsumschlossene Massodi-Kar. Geisterhaft ragt der Turm der Guglia ins Nebelgebräu, weltentrückt, beklemmend schön. Vorspringende Felsriegel über tiefen Abgründen wechseln ab mit schluchtartigen Rinnen; dann wieder höchste Ausgesetztheit mitten in den Wänden der Sfulmini und des Torre di Brenta. Welch einmaliges Erlebnis! Der Nebel und leichter Nieselregen verstärken noch das Gefühl endgültigen Abgeschlossenseins. Etwas benommen steigt man von der Bocca dei Armi die Leitern hinunter zum kleinen Gletscher im Val Brentei, um sich im Kreise der Kameraden bei lustigem Wortgeplänkel in diese Welt zurückzufinden. Eine weite, fast flache Karrenrampe, ein steiles Weglein zwischen frischem Grün hinunter zur Brenteihütte - Minestrone - und endlich Aufstieg auf schon bekanntem Weg zur Tosahütte, wie gewohnt im Regen! Eine Wette über Abkürzungsmöglichkeiten zum Pass führt zu einem heissen Rennen zwischen Theo und Severin. Endergebnis: unentschieden; inbegriffen unfreiwillige, aber gekonnte Überschläge im jenseitigen Schneehang. In der Tat die beste Abkürzung - und eine feuchte dazu.

Über Nacht ist Schnee gefallen. Nicht wenig enttäuscht, starren wir hinaus in die winterliche Landschaft. Viele Kletterpläne lösen sich im leisen Flockengewirbel auf. Jeder vertreibt sich den unfreiwilligen Ruhetag nach Lust und Laune. Auf die Rätselfrage, woran man den Schweizer Bergsteiger an Schlechtwettertagen in der Hütte erkenne, gibt es natürlich nur eine Antwort: am bodenständigen Jass! Sogar die Frauen nehmen Unterricht in diesem Nationalsport. Gesang und allerlei freundschaftliche Scherzspiele mit einer italienischen Touristengruppe verkürzen den Abend, dazu ein Wettstreit zwischen Sepp und dem Bergführer-Journalisten aus Mailand im Vollschlagen der Bäuche...

Auch über Nacht bessert sich Petrus'Laune nicht. Trotzdem stärkt sich Sepp mit 12 Spiegeleiern für kommende grosse Taten. Vergeblich kämpft sich die Sonne durch eine dichte Wolken- front, während wir im fusshohen Neuschnee nordwestwärts unter der Cima Brenta Bassa und Cima Margherita der Cima Tosa zustapfen. Der höchste Brentagipfel ( 3173 m ), scheint recht unnahbar. Die weissüberzuckerte Ostwand zeigt sich der Klettergruppe von einer wenig einladenden Seite. Doch Erwin steuert unbeirrt dem Einstiegskamin zu. Die Wanderer queren unterdessen den Rücken der Sella della Tosa. Oben, auf 2860 Meter, schweift der Blick frei in die Runde. Weit draussen gegen Süden liegt der Gardasee, mattblau zwischen Höhenzügen eingebettet. Ein bissiger Wind drängt uns weiter. Der Versuch, die Agostinihütte über den gesicherten Felsenweg, den Sentiero Brentari, zu erreichen, scheitert kläglich. Der schlechte Zustand der Drahtseile und die mit glasigem Eis überzogenen Schuttbänder zwingen zum Rückzug. Kari versucht in einer verschneiten Rinne einen weniger gefährlichen Abstieg zu finden, während wir, mehr oder weniger ergeben und schlotternd, hinter Felsblöcken Schutz vor dem Sturmwind suchen. Was tut sich wohl bei der Klettergruppe? Plötzlich taucht diese hinter uns auf. Enttäuscht haben die Unentwegten nach der ersten Seillänge ebenfalls rechtsum kehrt machen müssen. Totale Vereisung war der Grund dieses sicher nicht leicht gefallenen Entschlusses.

Erwin erkennt die aussichtslose Situation hier oben auf der Sella Tosa, und wir steigen auf seinen Rat hin zurück in den Kessel der Pozza Tramontana. Der Sinn der sechs Kameraden steht nicht mehr nach weiteren Schnee-Exkursionen. Sie trennen sich von uns, um nach Madonna die Campiglio zurückzukehren. Wir andern folgen in steilen Kehren dem Sentiero Palmieri zur Forcletta di Noghera ( 2423 m ). Schade um die vielen Meter Höhendifferenz, die wir bei unserem ersten Versuch verloren haben! Jetzt nimmt ein neuer Bergraum den Blick gefangen. Unser Steig führt in das innerste Val d' Ambiez, unter die Felswände der Cima Ceda, und damit ist auch die Agostinihütte endlich erreicht. Bei einer netten Wirtin gefällt 's unseren Mannen immer, und dem Wein wird demzufolge eifrig zugesprochen.

Der weite Weg zur XII-Apostel-Hütte drängt zum Aufbruch, wenn 's auch schwer fällt. Hinauf geht 's über eine Schrofenzone in das Kar, wo die Wände der Cima d' Ambiez, Cima d' Agola und Cima Pra Fiorito senkrecht über unsern Köpfen ins Nebelgrau emporschiessen. Bange fragt man sich, wo hier ein Durchstieg möglich sei. Die Bocchetta dei Due Denti scheint kein ganz harmloser Passübergang zu sein; dazu noch diese winterlichen Verhältnisse mitten im Juli. Da sind sie aber schon, die Leitern, die das Problem lösen und in der Fallirne 200 Meter Höhendifferenz am glatten Fels überlisten. Gut, dass der Wein manch ängstliches Gemüt zu forschem Start im « Leiterli-spiel » ermutigt hat! Andrea und Kurt, unsere « Jüngsten », turnen wie der Blitz keck die Sprossen hinauf, nicht ohne uns Frauen mit ein paar faulen Sprüchen aufzumuntern. So sei 's denn; los! Schliesslich wollen wir lieber in der XII-Apostel-Hütte übernachten als hier in einem Schneebiwak. Rasch gewöhnt man sich an die luftige Angelegenheit. Wenn nur der Schnee nicht die defekten Eisensprossen überdecken würde, wenn nur die Drahtseile nicht so verdächtig lose herumpen-delten, manche Leiter nicht nur noch auf der einen Seite im Fels verankert wäre und nicht so bedenklich schwankte und ächzte! Und doch, man geniesst das kleine Abenteuer; mit klammen Fingern greift man das Eisen, lässt sich das Wasser vom tropfenden Vorsprung klaglos in den Kragen rinnen, schaut vergnüglich in die Tiefe, wo sich die Kameraden am klirrenden Gestänge emporarbeiten. In der engen Scharte auf 2859 Meter ändert die Szenerie. Befreiend weite Firnfelder von wechselnder Steilheit ermuntern zu übermütigen Rutschpartien. Jetzt trennt uns nur noch ein breites Karrengebiet von der Hütte, unter deren Türe freundlich die Hüttenmutter grüsst. Um 17 Uhr, nach zehn ereignisreichen Stunden, schätzen wir den herzlichen Willkomm und die gute Unterkunft besonders. Mit vorzüglichem Essen werden wir reichlich verwöhnt und fühlen uns so richtig daheim. Die kalte Nacht entlockt zwar einigen mit wenig « Speck » gesegneten Gestalten auch unter den Decken ein vielsagendes Zähneklappern. Die in den « Bunker » Verdammten dagegen schnarchen friedlich einem strahlend schönen Morgen entgegen.

Die Cima Tosa spukt immer noch in den Köpfen, und früh brechen die Männer Richtung Bocca dei Camosci auf, um den breiten Gipfelaufbau von dieser Seite zu ersteigen. Die vorgesehene Tour auf die Cima d' Ambiez muss sowieso vom Programm gestrichen werden. Die schlechten Verhältnisse erlauben einfach keine anspruchsvolleren Klettereien. Die weibliche Gilde bummelt unterdessen zu einem Geröllhaufen, der immerhin eine hübsche Aussicht verspricht. Aber weit gefehlt! Man sieht nur in einen öden Schuttkessel, und Theo, der « Damenführer », meint plötzlich energisch: « Also jetzt mues öppis ga bi dämWätter! » Rechterhand leuchtet einladend der Gipfel der Cima Pra Fiorita. Wir queren den kleinen Vedretta und mühen uns über den steilen Firn bei brütender Hitze zum Grat. Ein Blick zurück lässt uns allerlei ahnen: Weit unten hasten ein paar schwarze Punkte über den Gletscher. Sollten die Unsrigen zum zweiten Male an der Tosa abgeblitzt sein? In der Tat, dem war so! Ich warte auf meinen Mann, um mit ihm das letzte Stück zum Steinmännchen zu gehen, doch wie von Furien gehetzt, saust er keuchend an mir vorbei - ich verdutzt hintendrein über loses Gestein. Erst oben dämmert es mir leise, als auch Walley und Erwin mit nicht geringerem Tempo zum traditionellen Kampf um den Gipfel davonschnauben. Alter schützt vor Torheit nicht! Nach und nach sind wir dann alle beim kleinen Kreuz versammelt und schauen wohl zum letzten Mal in die blockerfüllten Schuttgrüfte und zerfetzten Eisrinnen, lassen die ganze wilde Herrlichkeit der Dolomiten mit ihren riesigen Felsentreppen auf uns wirken, nehmen jetzt schon Abschied von der Brenta, der unvergleichlichen.

Obwohl der Himmel schon bald wieder jegliches Licht erlöschen lässt, die Adamellogruppe jenseits des Tales langsam im feuchten Dunst verschwindet, möchten wir den Nachmittag noch mit ein paar vergnüglichen Kletterstunden ausfüllen. Dazu ist der nahegelegene Hüttenberg das Richtige. Jede Seilpartie sucht sich nach Lust und Können eine schwierigere oder leichtere Route im Kalk. Ich begnüge mich zuerst mit Photographieren, bis die ersten vom Gipfel jauchzen. Da packt auch mich der Drang, noch einmal Fels unter den Händen zu fühlen, und ich turne glücklich am Seil meines Mannes über die scharfkantigen Blöcke und Grate. Kleine Edelweisssterne grüssen aus den Felsnischen. Unter uns ertönen die etwas massiven Seilkommandos von Andrea und Kurt, die ihre überschüssigen Kräfte an einer luftigen Kante abreagieren. Der anschliessende Besuch in der ganz in den Fels gehauenen Kapelle mit den Gedenktafeln verunfallter Bergsteiger ( auch einiger Schweizer ) hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck und mischt in die Abschieds-stimmung leise Wehmut.

Der letzte Tag sieht uns talwärts ziehen ins Val d' Agola mit dem gleichnamigen Seelein, einem dunklen Kleinod, das zwischen Tannen unter sonnenvergoldeten Graten der Brenta träumt. Seltene Bergblumen leuchten am Ufer im hohen Gras. Was für ein Genuss, der Sprung ins kristallklare Wasser, wo man die Wellen langsam immer weitere Kreise ziehen sieht! Wer könnte solch vollkommene Stille und Schönheit vergessen! Nur widerstrebend löst man sich vom Zauber dieser Morgenstunden. Immer dem rauschenden Bache entlang führt uns das Strässlein zum lauten Treiben von Madonna di Campiglio. Aber noch einmal entwischen einige von uns ganz zufällig für kurze Zeit dem Lärm der Autostrasse. Auf irgend einem Fussweg gelangen wir zur Cascata di Vallesinella, einem Wasserfall in Kleinformat - mit « Beizlein ». Und wer hebt dort schon das Glas? Otti und Theo mit ihren Frauen! Die Begrüssung ist so herzlich, als hätte man sich auf dem Mond getroffen.

Erst im Hotel in Campiglio verspürt man die Müdigkeit des langen Marsches in den Gliedern, und der Sinn steht nicht mehr nach grossen Unternehmungen. Anstatt gelangweilt durch das Hoteldorf zu bummeln, fahren Severin und ich mit der Seilbahn zum Monte Spinale. Hier paradiert der Brentakamm in seiner ganzen Eindrücklichkeit vor unsern Augen, zum ersten und letztenmal. Fast die ganze Route, in einer Woche meist im Nebel begangen, wird sichtbar, erinnert an die Erlebnisse, die leider nicht vom besten Wetter begünstigt waren, aber in echter Kameradschaft beglückende Stunden schenkten.

Die üblichen gewitterhaften Regengüsse des Sommers 1968 begleiten uns auf der Heimfahrt durch das Gebiet des Kalterersees mit seinen üppigen Rebbergen nach Meran. Später, am Ofenpass — wie könnte es auch anders sein !-, empfängt uns die engere Heimat mit Schneeschauern. Somit kann Davos nicht mehr weit sein...

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