c. Festbericht

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Schweizerische Vereine dürfen in Winterthur immer auf eine sympathische Aufnahme zählen. Wenn deßhalb am 4. September die Stadt auch keinen Flaggenschmuck zeigte, weil er dem Charakter der Versammlung des Alpenclubs nicht entsprochen hätte, so war doch nicht blos das Quartiercomite zum Empfang der Gäste bereit, sondern es wandte außer den Mitgliedern der Section auch die Einwohnerschaft dem beginnenden Feste ihre warme Theilnahme zu.

Ueber den Mittag trafen die Delegirten ein und traten um 2 Uhr im Casino zur Sitzung zusammen, in welcher nach siebenstündiger Berathung in dem wichtigen Haupttractaudum einer neuen Hüttenordnung eine vollständige Einigung erzielt wurde. Unterdessen war eine stattliche Avantgarde von Clubisten einge-getroffen, welche von dem jungen clubistischen Nach-wüchse Winterthurs sofort zu ihren Quartieren geführt wurden und von 7 Uhr an im einfach decorirten Kronensaale mit den Mitgliedern der festgebenden Section sich zu einer geselligen Vereinigung zusammenfanden. Bald wurden hier alte Bekanntschaften erneuert, neue geschlossen und man fand sich so gut zusammen, daß man mit dem Antritte des Rückweges um so weniger pressirte, da Hr. Oberstlieutenant Kein- hart in seinem Begrüßungsworte den Gästen die beruhigende Erklärung abgab, daß die Clubhütten in Winterthur die ganze Nacht offen stehen und mit Allem versorgt seien, was unsre Freunde nothwendig haben.

Den herrlichen Sonntagmorgen benutzte ein Theil der Gäste, um unter einheimischer Führung dem Eschen-berger Wald einen Besuch abzustatten, andre sahen sich das Rigipanorama und die verschiedenen städtischen Sammlungen an. Die Frühzüge brachten von allen Richtungen her neue Festbesucher und um 10 Uhr fand man sich, von der mächtig aufsteigenden Fontaine von Weitem begrüßt, im Stadthaussaale zur Generalversammlung zusammen. Der Festpräsident, Hr. Pfr. Herold, wies in seiner mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Eröffnungsrede hin auf den landschaftlichen Gegensatz zwischen dem gegenwärtigen Festorte und dem letztjährigen, Villars — dort die großartige Alpennatur, hier nur Hügelland und Ebene. Doch habe für den gebildeten Beobachter auch dieser Boden eine eigenthümliehe Anziehungskraft. Findet sich hier nicht die Majestät des Hochgebirges, so fehlt es doch nicht an Lieblichkeit und Anmuth. Wie interessant ist nicht die Vergleichung des Charakters dieser Landschaft in verschiedenen erdgeschichtlichen Zeiträumen! Winterthur hieß früher Vitodurum, welcher keltische Name vielleicht Waldsee bedeutet. Die weite Ebene zwischen Oberwinterthur und Seen mag wohl ein ehemaliger Seegrund sein. Die ihn einschließenden Hügel hätten dann die Ufer gebildet. Der Wald ist jetzt noch Winterthurs Stolz nnd Freude. Auch geschichtlich interessant ist unsere Gegend, in der bedeutsame Denkmäler der Weltherrschaft der Römer, des eindringenden Christentums und des Regimentes mächtiger Dynasten des Mittelalters sich erhalten haben. Winterthur verdankt seine Entstehung den Grafen von Kyburg, seine Blüthe aber der Thätig- keit und dem Gewerbsfleiße seiner Einwohner. Aber nicht nur um die Beschaffung der äußeren Bedürfnisse und die Begründung des Wohlstandes mühten sich die verschiedenen Generationen, auch Kunst und Wissenschaft fanden ihre Pflege. Der Alpenwelt wurde in Winterthur schon seit Langem Aufmerksamkeit geschenkt. Aus neuerer Zeit kann hingewiesen werden auf Dr. J. M. Ziegler, den bedeutenden Geographen und Kartographen, der ein hervorragender Förderer der Alpenkunde war. Auch gegenwärtig ist in Winterthur lebhafte Sympathie vorhanden für die Bestrebungen des Alpenclubs, den der Eedner zu seinem Jahresfeste in dieser Stadt herzlich begrüßt. Der Alpenclub vereinigt in gemeinsamer Liebe zur Alpenwelt Männer, die nach Beruf und Stellung, nach politischer und religiöser Färbung verschieden sind. Je mehr sie das Vaterland bis in seine verborgensten Thäler und auf seine höchsten Gipfel hinauf kennen lernen, desto mehr lernen sie es lieben. Je mehr sie mit dem Volk der verschiedenen Kantone bekannt werden und aus verschiedenen Sprachen, Gebräuchen und Anschauungen heraus überall wieder schweizerische Biederkeit und Treue, Freiheitsliebe, schweizerisches Fühlen und Denken heraushören, desto besser lernen sie sich auch in den großen Fragen des öffentlichen Lebens verstehen. Die hehre Gebirgswelt redet in einer ergreifenden Sprache zum Herzen. Sie hebt uns hinaus über das kleinliche Treiben unserer Leidenschaften. Sie lehrt Ehrfurcht vor dem unsichtbaren Schöpfergeist, der auf den Höhen unserer Berge uns die unendliche Kleinheit des Menschen, aber auch seine Größe im Adel seines Geistes ahnen läßt. Mögen die Mitglieder des Alpenclubs allezeit sich in den Dienst dieses Geistes stellen und einstehen für Alles, was gut, schön und wahr ist, zu Berg und Thal.

Die Geschäfte der Generalversammlung wurden rasch erledigt durch Zustimmung zu den Anträgen der Delegirtenversammlung und Anhörung des Jahresberichtes des Centralcomite's. Das Anerbieten Biels, das Fest von 1887 zu übernehmen, wurde von der Versammlung gerne angenommen. Zum Schlüsse hielt Herr Dr. Kobert Keller einen interessanten Vortrag über die Größe und Farbenstärke der Blüthen der Alpenpflanzen.

Um 1 Uhr wurde die Sitzung aufgehoben und nun ging es zum Mittagessen in 's Casino, in dessen oberen, passend verzierten Säälen die 270 Festgenossen bequem Platz fanden. Dem trefflichen Mittagessen wurde gebührende Ehre erwiesen. Der Festwein schmeckte auch nicht wie Essig und so fehlte es nicht an Empfänglichkeit für dargebotene gute Gaben des Ernstes und des Humors. Der Centralpräsident, Regierungsrath Grob, brachte in schwungvoller Rede ein Hoch auf das Vaterland aus, Pfarrer Herold entbot mit launigen Worten dem Alpenclub den Gruß des Festortes. Daß auch der Gesang nicht fehle, war um so wünschenswerther, da die festgebende Section grundsätzlich darauf verzichtet hatte, eine Musik beim Bankette zu verwenden. Sie wurde in der That auch nicht vermißt. Soli und Chorlieder belebten das Bankett. Klang es nicht schön, so hatten doch die Sänger ihre Freude daran. Immer sicherer und kräftiger wurde nachgesungen, was das „ fröhliche Murmelthier " aus Grindelwald, das ehedem zu Bern zum ersten Mal mit großem Beifall aufgetreten, in gelungenster Weise vorpfiff, indem es die Hüttenordnung poetisch bearbeitete und mit allen im Leben eines Clubisten möglichen Vorfällen sich ebenso vertraut zeigte wie Siegrist, der Zürcher Clubhumorist, in seiner heitern Improvisation.

Der schöne Abend lockte nach aufgehobenem Bankett die Theilnehmer zu einem Spaziergang durch den Wald auf das Bäumli, das die beste Gelegenheit bietet, sich in der Umgegend zu orientiren. Nach hereingebrochener Dunkelheit aber nahm die electrisch erleuchtete Festhütte die Gäste und einen großen Theil der Einwohnerschaft in die weiten, vollständig ausgefüllten Räume auf.

Bei den Vorträgen der Stadtmusik und des Stadt-sängervereins und den Productionen der gewandten und unermüdlichen Turner flog die Zeit rasch vorüber. Die Gäste konnten sich überzeugen, daß sie bei der Bevölkerung gern gesehen seien.Regierungsrath von Steiger von Bern verdankte denn auch der Feststadt die freundliche Aufnahme der Clubisten.

Spät erst brachen die letzten Gäste aus der Festhütte auf. Ein wackerer Clubist bleibt aber nicht zu lange in den Federn. Auf Montag früh war die Wanderung über den Irchel angesetzt. Um 6 Uhr standen circa 200 Mann vor dem Bahnhofe zum Marsche bereit, der dann auch in der Richtung, welche die den Festtheilnehmern von Hrn. Randegger gewidmete Excursionskarte bezeichnete, angetreten wurde. Die Wanderung führte über den Veltheimer Berg und den Taggenberg nach Neftenbach und nun den Abhang des Irchels hinan bis auf die obere Hub, wo ein Halt Gelegenheit gab zu vollständiger Sammlung, da hier auch diejenigen Theilnehmer einrückten, welche vorgezogen hatten, einen directen Weg einzuschlagen. Während der Inhalt des gleichzeitig eingetroffenen Proviantwagens die gebührende Würdigung fand, wurde auch die Aussicht in 's Auge gefaßt. War dieselbe auch nicht so rein, wie es wünschenswerth gewesen wäre, so genügte doch das, was gesehen werden konnte, um manche Gäste zu dem Geständnisse zu veranlassen, daß sie diese Annehmlichkeit des Weges und den Reiz der Landschaft nicht erwartet hätten. Welch'fröhliches Leben entwickelte sich unter der auf den Brettern am Boden gelagerten Versammlung! Der Proviantwagen vermittelte nicht nur die leibliche Erquickung, sondern trug auch wesentlich zur Unter- haltung bei. Mit einem der Pferde wurde die gelungenste Kunstreiterproduction ausgeführt, während vom Wagengestelle als der Rednerbühne herab Re-clame gemacht wurde für Luzern als künftige Feststadt, wo ein Jahresfest unter Benutzung aller Hülfsmittel unserer fortgeschrittenen Technik ganz unerhörte Leistungen und Genüsse mit dem geringsten Kraftaufwande ermöglichen würde..

Nachdem man eine Stunde hier verweilt, wurde der Marsch fortgesetzt. Der Weg, dem südwestlichen Rande des Irchels folgend und fast unausgesetzt durch Buchenwald führend, bot reizende Ausblicke bald auf das Tößthal, bald auf die vom Rhein durchströmte^ den angenehmsten Wechsel von Hügeln und Ebenen,. Dörfern, Wäldern, Weinbergen und Feldern aufweisende Landschaft, in deren Hintergrund sich der Hohentwiel und die übrigen Hegauer Basaltkegel erhoben. Endlich senkte sich das Terrain rasch und bald war man bei der Rüdlinger Brücke am Rhein, wo die stattlichen Fergen des Eglisauer Rheinclubs in flotter Schiffertracht schon mit den Pontons warteten, um auf verdankenswertheste Weise den Festtheilnehmern noch den Genuß einer Rheinfahrt zu verschaffen. Unter vorsichtiger und sachkundiger Leitung füllte-sich bald Boot um Boot und schwamm, von den-wackeren Pontonnieren geführt, zwischen den steilen-malerisch bewaldeten Ufern des Stromes dahin. Kaum war die Flotille um den Winkel bei der Tößmündung herumgekommen, so krachten ihr Böller und Kanonen den freundeidgenössischen Gruß von Eglisau entgegen. Bald fuhr man unter der gedeckten Rheinbrücke durch,, von Zuruf und Tücherschwenken der dort angesammelten Bevölkerung festlich begrüßt, und landete beim Kurhause. Wo hätte man die letzten Stunden des-'Festes angenehmer verbringen können, als hier im Pavillon des Kurhauses mit dem Blick auf die im Sonnenglanz daliegenden Ufer des herrlichen, grünen Kheins! In dem nach dem Strome zu offenen Räume fanden die Clubisten bequem Platz zum Mittagessen, das von flinken Klettgauer Mädchen in Landestracht aufgetragen wurde. Es waren noch einige schöne, festliche Stunden, die man hier verlebte Alles trug ja dazu bei, ein Gefühl der Befriedigung unter der Versammlung aufkommen zu lassen — der prächtige Tag, die gelungene Excursion, die Rheinfahrt und der herzliche Empfang der Bevölkerung, die durch deö Gemeindepräsidenten und den Ortspfarrer den Clubisten ihren Gruß überbringen ließ. Der Teufener Ehrenwein half auch dazu mit, den Gästen Herz und Mund zu erschließen. Den wackern Pontonnieren, die erschienen, um den Gästen die Honneurs zu machen, zollte Steiger von Bern gebührenden Dank und Anerkennung. Pfarrer Straßer legte in berndeutschen Versen das Geständniß ab, daß die Winterthurer es verstanden hätten, sich eine freundliche Erinnerung bei ihren Gästen zu sichern. Zahlreiche andere Reden folgten und mit ihnen wechselten die Gesänge des Chors aus dem Liederschatze des „ fröhlichen Murmelthiers ", bis für die meisten entfernter Wohnenden die Abschiedsstunde schlug. Den Abreisenden gab man das Geleite bis zu dem auf der Höhe gelegenen Bahnhofe. Dann thaten sich die Winterthurer mit einigen zurückgebliebenen Freunden unten im Kurhause noch zu einem engeren Kreise zusammen, bis der letzte Zug erschien, um sie nach Hause zu führen. Man trennte sich mit dem fröhlichen Bewußtsein, ein schönes Fest gefeiert zu haben und in der Liebe zum Alpenclub neu bestärkt worden zu sein.

Der Festsekretär: E. Büchler.

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