Casnile- und Cacciabella-Pass

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L. Held ( Section Bern ).

Ton Maloja — Fornogletscher — Passo di Casnile — Albigna — Passo di Cacciabella — Val Bondasca — Promontogno — das sind Namen von gutem Klang, voll herrlicher Erinnerungen an arvenbekränzte Alpenseen, vergletscherte Felsencirken, grossartige Hochpässe und — nicht am Wenigsten bezaubernd — an die kastanienbeschatteten, edeln Wein spendenden Grotten von Promontogno, das würdige Ziel der glänzenden Hochgebirgstour, die jedem ausdauernden Clubisten aufs Wärmste empfohlen sei.

Als Ausgangspunkt wählt man am Besten das Hotel Maloja ( 1800 m ), wohin man sich von Vicosoprano aus einen tüchtigen Führer kommen lässt. Will man die Tour in zwei Tagen machen, so ist als Nachtquartier einzig die solid gebaute Hütte bei der Cascata dell'Albigna ( 2064 m ), welche der Gemeinde Vicosoprano gehört und zeitweise von einem Bergamasker Hirten bewohnt ist, geeignet. Dorthin kann man auch einen Träger mit Lebensmitteln von Vicosoprano aus beordern. Man vergesse nicht, durch Führer oder Träger den Schlüssel besorgen zu lassen, ansonst es einem passiren könnte, die Vortheile einer soliden Hütte nur von aussen rühmen zu können.

An Hand der beiden Blätter des topographischen Atlasses Nr. 520 Maloggia und Nr. 523 Castasegna ( resp. der Excursionskarte des S.A.C. ) ist nachbezeichneter Weg leicht zu verfolgen.

Vom Malojahotel aus der rechten Bachseite nach, über den alten, durch Lawinen versteinten Muretto-passweg gelangt man in einer Stunde zur Alp Piancanino ( 1987 m ). Der Weg auf der linken Bachseite verliert sich bei der Alp Cavloccio, worauf sumpfiges und bewaldetes Terrain das rasche Fortkommen hindert, so dass man hier mehr Zeit bedarf, als auf dem Murettoweg. Gleich hinter Piancanino gewinnt man leicht durch seitliches Ansteigen die Höhe des prächtigen Fornogletschers, der als ein flacher Eisstrom zwischen den hohen, stellenweise geglätteten Gneissfelsen gebettet liegt. Ohne Gefahr, mehr dem linken Ufer folgend, begeht man ihn, immer mehr gefesselt vom Anblick des schimmernden, mit dunkeln Felsenzinnen gekrönten Gletscherbeckens, das sich allmälig vor einem aufthut. Zwei Lawinen, vom Monte del Forno und dem Piz Bacone herunterstürzend, treffen sich mitten auf dem Gletscher und bilden eine riesige Barrikade, die, gleich Firn, Haarspalten zeigt. Ungefähr bei der Curve 2460 m ( lVa Stunden von Piancanino ) verlässt man den Fornogletscher, steigt am westlichen Abhang über Geröll und Rasenstreifen, in denen sich Murmelthiere angesiedelt haben, zum kleinen Gletscher empor und erreicht, mehr den rechter Hand aufstrebenden Felsen folgend, nach 1 xh Stunden etwas anstrengenden Steigens die Höhe des Casnilepasses, 2970 m.

Hier, auf der Schneide zweier Gletscherthäler, überlässt man sich wie billig dem Genüsse, den der Anblick naher und ferner Bergwelt bietet. Dass ich jetzt den Leser nicht mit der obligaten Rundschau-beschreibung langweile, dafür haben die Götter bei zwei Besuchen, die ich behufs topographischer Aufnahmen im September 1876 der benachbarten Höhe 3044 m machte, gesorgt. Das erste Mal liessen sie mich — die Hohen, Himmlischen — sechs Stunden lang vergeblich auf das Zerreissen des thauenden Nebelschleiers warten; das zweite Mal senkten sie — die Gnädigen — nach kurzem beschränktem Ausblick während vier Stunden kühlende Schneeflocken auf mein zornentflammtes Haupt. Möge ein geneigter Nachfolger ihrer neidischen Fürsorge entgehen!

Der Abstieg nach dem Albignathal ist leicht. Er führt genau westlich vom Worte « Passo » durch einen « Gang *, oder aber etwas weiter längs dem Casnilegletscher, wo sich das sogenannte Ricciata di Casnile* ) befindet. Es besteht aus GneisschieferIm Dialect Ricciöl di Casnile ( spitzes Steinpflaster ). Es sei hier bemerkt, dass für die Karte die Umschreibung sämmtlicher Dialecte amen des Bergells in das Schriftitalieni-sche auf strictes Verlangen des dortigen Kreisrathes erfolgt ist.

platten, die, ehemals vom Gletscher bedeckt, schön schliessend daliegen, indem alle vorstehenden Steine durch die Eisbewegung abgeschliffen oder ganz fortgeschoben worden sind. Ungefähr beim Buchstaben s des Wortes Casnile geht, wer zur Albignahütte will, rechts und steigt, stark nordwärts haltend, über Grasbänder hinab. ( 1V2 Stunden. ) Ein Besuch der Hütte ist empfehlenswerth wegen der Besichtigung des bedeutenden Albignafalles. Die Hütte selbst steht auf einem Kundhöcker von compactem Gneiss, der an einzelnen Stellen noch Gletscherpolitur zeigt, und in welchem Feldspathstiicke bis zu ein Decimeter Länge Torkommen.

Wer gleichen Tags den Cacciabellapass überschreiten will, wird gut thun, die Abschweifung zur Albignahütte zu unterlassen und ( links von genanntem s ) über den felsigen Abhang zum Ende des Cantonegletschers hinunter zu steigen. Man kann so in einer guten Stunde vom Casnilepass aus den Albignagletscher erreichen. Die nun folgenden zwei Moränen sind, wie gewöhnlich, mühsam zu überklettern. Der Gletscher ist in wenigen Minuten traversirt und nun suche man den in der Karte angegebenen Schafweg, der allein auf die Weide und Geröllhalde Cacciabella {schöne Jagd ) führt.

Gemsen sind hier, wie auch auf der andern Seite des Passes, häufig. In zwei Stunden vom Gletscher ( 2310 m ) aus ist auch diese steinige, nicht sehr steile Thalseite erstiegen und die Scharte des 2878 m hohen Cacciabellapasses gewonnen. Der Ausblick ist hier noch pittoresker, als vom Casnilepass aus. Namentlich fesseln die kühnen Formen der Badilekette, die sich, je weiter man über den felsigen, steinigen Abhang niedersteigt, immer drohender aufthürmt.

Man halte unbedingt die Richtung nach der Hütte der Alpe di Sciora ein. ( lVa—2 Stunden. ) Geht man weiter rechts, so geräth man in die glatten Gneiss-buckel, die zwar sehr interessant, aber höchst unangenehm zu begehen sind, und weiter unten in die Alpenerlenhalden, die unbestritten weder interessant noch angenehm sind.

Beachtenswertli ist der Schutthügel bei der Quote 2399 m. Vor etlichen 30 Jahren stürzte hier eine gewaltige Felswand — die Stelle ist noch an der helleren Färbung kenntlich — auf den kleinen Gletscher hinab, einen Hagel von Steinblöcken bis zu den Alphütten schleudernd, wobei etliche Kühe erschlagen wurden. Die Hauptmasse lagerte sich am Gletscherrande moränenartig ab und bildet nun, nachdem der Gletscher stark zurückgegangen, einen schönen Hügel in der steilen Halde. Ohne den " Gletscher hätte sich selbstverständlich ein gewöhnlicher Schuttkegel am Felsfusse gebildet. Analoge Bildungen aus vorhistorischer Zeit finden sich hie und da in den Alpen.

Die Alpe di Sciora, als oberer Staffel, ist nur kurze Zeit bewohnt. Steinige Weiden, ausgedehnte Schutthalden, zerrissene Gletscher in einem Zwinger von himmelanstrebenden, gezackten Felsen geben ihr so recht das Gepräge grossartiger Wildheit. Der Blick schweift über den Thalausgaug hin. Auf sonniger Terrasse erglänzt Soglio, dies Dorf der Contraste; tiefer dehnt 10 sich der unvergleichliche Kastanienwald « Brenta » um die Berglehne, an deren Fusse verhorgen unser Ziel noch ferne liegt.

Der Weg üher Naravedro ist stellenweise etwas verirrlich und der Uebergang von Laretto nach Lom-bardoi ( die meiste Zeit ohne Brücke ) verlangt bei grossem Wasser tüchtige Sprünge; dann aber geht es ganz ordentlich, nur, wie gewöhnlich, je näher dem Dorfe, desto steiniger, den Thalweg hinaus. Nach 2V2 Stunden tüchtigen Marsches defilirt man an dea klassischen Grotti, wo sicher schon einige « Signori » ihr abendliches dolce far niente geniessen, vorbei und betritt das gastliche Hôtel Bregalga in Promontogno, circa 825 m.

Stellt man die verwendete Zeit für die ganze Tour zusammen, so erhält man, unter der Annahme, dass der Tourist per Zeitstunde wenigstens 350 m zu steigen vermöge, folgende Zahlen:

von nach Zeit- Steigen.

Fallen.

stunde.

Maloja 1800 Piancanino 1987 1 187 — Piancanino Fornogletscher 2460 lVa 473 — Fornogletscher Casnilepass 2970 lVa 510 — Casnilepass Albignagl. 2300 1 — 670 Albignagletscher Cacciabellapass 2878 2 578 — Cacciabellapass Alp Sciora 2068 2 — 810 Sciora Promontogno 825 2 Va — 1243 11 Va 1748 2723:

Ruhepausen sind nicht mitgerechnet, weder sehr ungünstige, noch günstige Schneeverhältnisse ( z.B. Rutschpartien ) berücksichtigt, wohl aber das Begehen der groben Steinhalden und die Ermüdung am Schluss der Tour. Ein tüchtiger Gänger macht die Reise in kürzerer Zeit.

Was nur an Hochgenüssen irgend eine mir bekannte Hochgebirgswanderung bietet, das findet sich auf vorstehend skizzirter durch die Bergeller Gebirge in reichster Abwechslung.

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