Cecil Slingsby, der Vater des nordischen Alpinismus (1849-1929)

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Der Vater des nordischen Alpinismus

VON HORST H. THER, ULM

Der Vater des nordischen Alpinismus Mit 1 Kartenskizze und 2 Bildern ( 81 und 82 ) Zum 40. Todestag eines bei uns nahezu unbekannt gebliebenen Mannes, der jedoch in einem Atemzug mit Whymper und Mummery genannt werden muss, sollten die alpinen Taten dieses kühnen Bergpioniers Erwähnung finden, der so viel für Norwegen getan hat und der als « Vater des nordischen Alpinismus » in die Annalen der alpinen Geschichte eingegangen ist.

Im Sommer 1872 steht ein drahtiger, 23jähriger Brite am Sognefjell, ganz in sich versunken und wie verzaubert vom Anblick der wilden Hurrungane.

« Ohne Frage », wie er später schrieb, « die schönste Bergkette in Norwegen. Solange ich lebe, werde ich niemals meinen ersten Blick zum Skagastölstind vergessen, dem grossartigsten Berg Europas nördlich der Alpen. Unser Führer erklärte mir, dass dies der höchste Gipfel in Norwegen sei, dass ihn noch keines Menschen Fuss je betreten und dass niemand an seiner Unersteiglichkeit zu zweifeln wage. Konnte es verwundern, dass ich entschlossen war, wenn möglich die erste Besteigung zu machen? » Dieser junge Mann war Cecil Slingsby, und im selben Moment hatte sich seine innere Berufung als Bergsteiger erfüllt.

Hartnäckig bemüht, sein Ziel zu erreichen, kam Slingsby 1874 erneut nach Norwegen, und schon ein Jahr später befand er sich in Jotunheimen, wo er eine Anzahl jungfräulicher Besteigungen und Traversen unternahm, die seinen Namen überall im Land bekanntmachten. Begleitet von Algernon Dewhurst, traversierte er erstmals die Hurrungane und rekognoszierte gleichzeitig die Position der grossen Gipfel. Diese erste Durchquerung stellte mehr als einen bedeutenden Sieg für den norwegischen Alpinismus dar.

Noch im selben Jahre war der Norweger Emanuel Mohn mit Slingsby zusammengetroffen. Er hatte sechs Jahre zuvor vom Gipfel des Galdhötind die Berggruppe der Hurrungane gesichtet und seinen ersten überwältigenden Eindruck gewonnen. Beide besassen die seltene Gabe - gewissermassen einen Instinkt -, den idealen Gefährten zu finden, um so gemeinsam das Ziel der stolzen Gipfel zu erreichen.

Slingsby, der Fremde, benötigte Mohns umfangreiche topographische Kenntnis von Jotunheimen, und Mohn an seiner Seite fühlte sich vom Alpinismus verlockt, dieser für ihn völlig neuen grossartigen Bewegung. Eine echte Freundschaft erwuchs zwischen beiden, und sie vereinbarten einen gemeinsamen umfassenden Feldzug während des Sommers 1876. Die norwegische Bergwelt lag offen vor ihnen - das verwegenste Abenteuer ihres Lebens. Konnte ein Bollwerk existieren, das zu überwinden sie nicht gemeinsam imstande gewesen wären?

Dann erwachte 1876, das Jahr, in dem Bergsteigen, diese grossartige Idee, seinen entscheidenden Sieg in Norwegen errang. Die beiden Freunde engagierten für ihr Unternehmen den Rentier-jäger Knut Lykken, einen Mann von beträchtlicher Eiserfahrung. Der Feldzug entpuppte sich als ein wahrer Triumph: In sechs Tagen wurden fünf bedeutende Erstbesteigungen gemacht, die erfolgreichsten friedlichen Schlachten, die jemals in Jotunheimen geschlagen wurden.

Die Masse der wilden und zackigen Berge, zerfurcht und zerschrammt von Gletschern, verbunden durch den vielversprechenden Namen Hurrungane, war zu jener Zeit die einzige Gegend in Jotunheimen, die noch völlig unerforscht war. An welchen Teil dieser Bergwelt man auch immer herantritt, überall müssen aufgebrochene Gletscher überwunden werden, ehe die eigentliche Basis erreicht werden kann. Dort dominiert aus allen Perspektiven der stolze Skagastölstind, der damals allgemein als der höchste Berg Nordeuropas angesehen wurde. Die bäuerliche Bevölkerung der angrenzenden Täler lebte zu diesen Zeiten völlig zurückgezogen. Keiner war so vermessen, zeitsparende Wege durch die Hurrungane zu erzwingen - so wie anderswo, beispielsweise quer durch den Jostedalsbreen. Die Hurrungane verblieb in einem besonderen Zustand der Isolation: Berge und Gletscher übten auf den Menschen eine derartige Abschreckung aus, dass niemand die aufragende Schwelle der Hurrungane zu überschreiten wagte. Kein Wunder daher, dass die erste Traverse mit gemischten Gefühlen von Scheu und Bewunderung aufgenommen wurde. Sie schlug in der Tat die erste entscheidende Bresche in eine Mauer unbegreiflicher Voreingenommenheit, die auch dann nicht völlig verschwand, als der Skagastölstind selbst erobert wurde...

Am Nachmittag des 21. Juli 1876 fanden sich Slingsby, Mohn und Lykken hoch über dem wilden und steilen Gletscher, dem Slingsbybreen, der sich gegen die stolze Lücke presst, am Mohns Skar, 150 Meter unterhalb des Gipfels. Diesen Gletscher hatte Slingsby im Jahre 1875 gesichtet und sofort erkannt, dass dies sein Weg zum Erfolg werden würde.

Nach der harten Kletterarbeit der vergangenen Tage, nach schlecht verbrachten Nächten auf spartanischen Lagern stellte sich der Anstieg auf dem siebenhundert Meter hohen Gletscher als äusserst kraftraubend heraus. Aber Slingsby war restlos erfüllt von dem Drang, sein Ziel zu erreichen. Unangeseilt trieb er seinen Weg gegen die Scharte voran. Doch unmittelbar unter dem Ziel seiner Träume erwartete ihn bittere Enttäuschung:

161 « Ich sah den wahren Skagastölstind, fühlte mich geschlagen und glaubte, mein Traum habe ein abruptes Ende gefunden, denn es ist schwierig, sich irgendeinen Berg vorzustellen, der sich unersteiglicher präsentiert als dieser Gipfel aus dem Skar. » Während Slingsby in verzweifelter Ratlosigkeit verharrte, kamen seine beiden Gefährten aus der Tiefe heraufgestapft, und Mohn fragte ihn:

« Was meinst du, Cecil, sollen wir ihn als unersteigerlich deklarieren? » « Ich weiss nicht, wir haben noch nicht geprüft, ob dies der Fall ist; wird dürfen nicht aufgeben ohne einen Versuch. Kommst du mit? » « Nein! » « Knut, du? » « Nein, ich will dort nicht mein Leben riskieren! » Dann sagte Mohn etwas gedankenlos: « Zwei guttrainierte Kletterer würden das Problem vielleicht doch lösen! » « Well, ich will es wenigstens versuchen! » rief Slingsby aus, eilte längs der Scharte gegen die steile Wand des Gipfels, sagte dem Schnee, dem grossen Helfer auf allen Anstiegen, Lebewohl und packte die 150 Meter hohe kalte Felsmauer an. Er stürzte sich in sein Abenteuer - und gewann!

Was wohl Slingsby fühlte in seiner letzten entscheidenden Attacke ohne seinen treuen Freund Mohn?

Aber Slingsby war ein Mann, zum Klettern wie geschaffen. Seine Berufung war offensichtlich und unabwendbar vom ersten Moment an: « Konnte es verwundern, dass ich entschlossen war, wenn möglich die erste Besteigung zu machen? » Er musste durch die Feuerprobe des Skagastölstind gehen, und dieser grossartige und glücklich vollendete Alleingang schenkte Slingsby das Vertrauen in seine eigenen phänomenalen Fähigkeiten, überzeugte ihn davon, dass für ihn in Norwegen nichts anderes existieren konnte als Klettern in Fels und Eis.

Im Verlaufe seiner Karriere als Forscher und Bergsteiger bewahrte Slingsby seine auffallende Vorliebe für die Hurrungane, wo er das Privileg besass, den stolzesten Gipfel herausgeschält und allein erklommen zu haben. Es mag daher befremdend erscheinen, dass er so viele Jahre vorübergehen liess, bevor er in dieses Gebiet zurückkehrte. Aber für Slingsby war dies nur zu natürlich. Er war ein ungewöhnlicher Mensch, ein Abenteurer, der alles zu sehen wünschte, genau so, wie er in der Lage war, stets das Schönste herauszupicken, eben weil er fühlte, dass er sich beeilen musste, damit ihm niemand zuvorkam.

Slingsby schrieb in seinem Buch « Norway - The Northern Playground »: « Noch vor einigen Jahren hatte ich dieses Gebiet völlig für mich allein, so lange, bis auch der nordische Alpinismus allgemein anerkannt wurde. Obgleich ich in den Alpen und in Norwegen über 50 erfolgreiche Expeditionen unternahm, hätte ich die Anzahl der Erstersteigungen ( etwa 100 !) leicht verdoppeln können, wenn ich mir das Prinzip der Errichtung von Basislagern angeeignet hätte, um von dort aus zu starten und wieder zu diesen Ausgangspunkten zurückzukehren. Wie auch immer, diese Methode fand niemals meinen Geschmack. » Vom Augenblick seines ersten Besuches an hatte Slingsby stets ein offenes Auge für die unerschöpflichen Möglichkeiten der norwegischen Bergwelt. Und er besass einen Instinkt dafür, wo und wie die wichtigsten und faszinierendsten alpinen Probleme zu finden waren. Auf den stolzen Gipfeln von Jotunheimen, Romsdal, Sunnmöre, Trollheimen, Lofoten, Lyngen - überall hat er seine Steinmänner als persönliches Merkmal unauslöschlich hinterlassen. Folgefonn, Smörstabb und andere grosse Gletscher, genau so wie der 100 Kilometer lange Jostedalsbreen, waren ihm wohlvertraute Gebiete. Schillerndes Eis! Immer wieder lockte es ihn - jener Bereich des Gebir- ges, den er vielleicht als das Schönste betrachtete, was ihm die Berge zu bieten vermochten. Während seiner vielen Fahrten in Norwegen erweiterte Slingsby unaufhörlich seine Kenntnis der norwegischen Lebensbedingungen, und er empfand eine tiefe Sympathie für das norwegische Volk, zu dem er sich selbst ausserordentlich stark hingezogen fühlte.

Auch in den Alpen hat Slingsby bemerkenswerte Fahrten unternommen, von denen ich einige der interessantesten herausgreifen möchte: 1879 Castor- und Pollux-Traverse, Grivola, Matter-horn- und Dent d' Herens-Überschreitung; 1890 Dent Blanche mit den Hopkinsons, wo er in ein schweres Gewitter geriet und am Grat biwakieren musste; 1892 Grand Charmoz mit Carr und Solly; Versuch an der Aiguille du Plan mit Carr und Mummery; 1893 Erstersteigung der Dent du Requin mit Collie, Hastings und Mummery ( nachzulesen in den Annalen des Alpinismus ), Erstüberschreitung der Aiguille du Plan, Neufahrt am GrandCombin; 1896 Mont-Blanc-Traverse...

Mag sein Name in unserer schnellebigen Zeit vielleicht schon längst in Vergessenheit geraten sein - unvergessen wird bleiben seine einsame Eroberung des stolzen Skagastölstind in der Hurrungane, sein « glorious solitary climb »; unauslöschlich bleiben der Slingsbybreen, das Slings-byskar, der Slingsbytind.

Noch streicht ein schwacher Hauch jener längst erloschenen Pionierromantik über Berge und Gletscher; noch ahnt man zwischen endlosen Hochflächen und unberührten Gipfeln einen Ab- glanz jener glorreichen Zeit, als der Alpinismus ein Vorstoss ins absolut Unbekannte war. Aber wie lange noch wird es währen, bis über der Bergwildnis Norwegens der Geist Cecil Slingsbys, des Vaters des nordischen Alpinismus, aufgehört hat zu existieren?

« ...Geh in die Berge, die für dich die besten Worte finden. Lausche der Bergeinsamkeit, den Lektionen, die du lerntest auf deiner Mutter Knie, die du vielleicht vergessen hast im Getriebe dieser lärmenden Welt!

Du wirst Freundschaften schliessen inmitten von Sturm und Sonnenschein, Hitze oder Kälte, hartem Kampf und wohlverdienter Entspannung, herrlichem Vergnügen, Gefahr oder Furcht -Freundschaften, die zuverlässiger sind als jene in der Stadt oder in den Niederungen.

Ja, geh und verehre diese gewaltigen Kathedralen der Erde, mit ihren Pforten aus Fels, Pflastern aus Wolken, Chören aus Bächen und Steinen, Altären aus Schnee, Gewölben aus Purpur, durchkreuzt von den ewigen Sternen... »

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