Cengalo, cengalo

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Emil Z°Pfi> Zürich... wenn du cengalo sagst, dann denke ich an schuppige felspanzer, die wie reptilrücken aus dem eise brechen und ihre winzigen saurierköpfe in weissen wachten verbergen wie scheues getier.

und an den grat in der höhe, der wie ein scharfes messer ein stück vom blauen himmel schneidet.

cengalo, cengalo...

cengalo tönt fremd, unheimlich, wie...?

wie das eintönige hämmern vielleicht, das durch schwarze Sommernächte schwebt, wenn die bauern vor den klotzigen hätten da unten ihre sensen schärfen ...so vielleicht?

ja, so.

Eigentlich wollten wir an die Dru-Nordwand, die sollte doch noch schnell unter Dach, schnell, bevor die Tage kürzer würden. Und dann hatte Hori ja noch diesen Kurs im September, diesen Programmierkurs oder weiss der Teufel was. Der neue rote Klettersack stand schon bereit, vollgepackt, stand im Korridor draussen auf dem neuen Spannteppich, auf dem ruhigen, eintönigen Grün; auf der künstlichen Wiese, der maschinell gekräuselten. Und die neuen Tapeten, verdammt, die hatten einen Kratzer abbekommen, weil ich den Gummizapfen für den Pickelhammer nicht mehr gefunden hatte in der Eile. Da läutete das Telefon.

« Hast du den Wetterbericht gehört? » « Ja und...? » « Die Gewitter im Westen... ist Scheisse, grosse Scheisse. » « Und ich habe doch schon Urlaub eingegeben für morgen... und die Sitzung, die Sitzung mit den BBC-Leuten... » « Die andern wollen ins Bergeil... » « Ins Bergell? » « Anden Cengalo. » « Cengalo, Cengalo... Moment mal. » « Morgen um eins geht 's los. » « An den Pfeiler, den wir damals nach der Badile...? » « Klar, ruf mich nochmals an im Büro. » Wir sind zu viert. Und unser Guide hatte angeordnet: « Pro Seilschaft ein paar Steigeisen plus ein Fuchtel. » Das heisst, dass Dieter und ich, die Fuchtelbewehrten, uns stufenhackend über schwarzglitschiges, sandiges Eis hinaufarbeiten, emporfuchteln sozusagen, fluchend und schlotternd und mit dem Strahl der Stirnlampen im trüben, sumpfigen Dämmerlicht stochernd; während die zwei andern, der Guide und Hori, mit den Händen in den Hosentaschen an uns vorbei-spazieren... kratsch, kratsch, kratsch... Mit ihren Steigeisen; die sind wie Raubfischzähne, die immer wieder schnappen, schnappen, schnappen... Und da taucht noch einer auf hinter uns, einer mit einem fürchterlichen roten, rostigroten Schnauz, einer von der Konkurrenz, und mit ihm:

Anja.

« Geht's noch? » « Für Anja hacken wir uns durchs Badilecouloir hinauf und durchs Gemellicouloir wieder herunter, wenn 's sein muss. » Plötzlich befällt uns die Krankheit, ja, die schreckliche Krankheit, Kluckeritis, benannt nach ihrem ersten Opfer, Christian Klucker, Bergführer, der sich einst durch alle diese schwarzen Eisschlünde da hinaufhackte, weiss der Teufel, was ihn trieb, hinauffuchtelte und dann wieder hinunter. Rätsel, Rätsel... Die Kluckeritis treibt uns, und wir hacken, hacken, hacken...

Und Anja trappt vorbei mit dem Roten, leichtfüssig wie ein Reh... kratsch, kratsch, kratsch...

... doch halt mal, da ist ein licht, hoch oben in der schwärze der platten, unter der wachte... menschen, menschen dort oben?

die andern sehen nichts, stapfen weiter.

da ist es wieder, klar und ruhig hängt es im kalten, toten gemäuer; es ist kein funkeln, kein warmes blinken, nein, nur fahles, knochenfahles leuchten.

wie heisst doch die sage? bergleuchten, felsleuchten, alpenleuchten... johannisleuchten, johannisnächte... weiss der kuckuck ,'s ist lange her seit dem zeug.

tote Seelen vielleicht, tote seelen, die unruhig über kämme und grate geistern?

aber das licht dort ist ruhig, einsam und unendlich hoch...

klucker,ja, der alte klucker, der verbitterte, vergessene alpenkönig; das ist seine betrogene seele, die über den berg hin streicht und leise wimmert wie der wind...

cengalo, cengalo...

Nach dem Bergschrund steigen wir durch sandige, brüchige Rinnen, durch die manchmal Steine herabschwirren wie böse surrendes Insek-tengeschwärm. Der Atem geht schwer; verdammt, diese Rucksäcke drücken. Endlich, endlich sind wir an der Kante, auf dem Drachenrücken, der sich unheimlich steil da oben im milchigen Morgenlicht verliert.

Der Guide drängt weiter.

« Los, macht schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren. »... was heisst schon zeit, wenn drüben am badile das Sonnenlicht auf die gipfelplatten fällt, urplötzlich, wie hingeworfen, wenn es dann langsam herabrinnt durch den grossen trichter, sich sammelt in den rissen zu feinen fäden, spinnwebenartig, dann als lautlose kaskade über die steilstufe herabfällt und unten auf die felsschuppen prallt, die links vom eisfeld herabtreppen, dann weiter tropft über stufen und dächer hinab, bis es endlich, endlich im Spaltengewirr des bondascagletschers versickert.

was heisst da schon zeit... weisst du noch vielleicht?

« Wie viele Jahre sind 's nun schon wieder - » Hori kaut an einem zähen Stück Speck.

« Wart mal... » « Dreiundsiebzig haben wir doch jetzt... » « Und vor vier, nein, vor fünf Jahren habe ich geheiratet, oder... » « Natürlich, das war vor dem Südafrika-Trip. » « Zwei Jahre nach dem Diplom. » « Dreiundsechzig, in Winterthur draussen, glaub ich. » :> L, « Dann war es also zweiundsechzig... » « Zweiundsechzig, richtig. » « Vorelfjahren... » Anja lächelt. Der Rotschnauz packt Käsebrote aus und eine riesige Feldflasche, während der Guide und Dieter in grasigen Verschneidungen nach Griffen suchen, nach Bierhenkeln, nach Hakenrissen, Felswarzen und was sie sonst noch brauchen, um höherzukommen. Wir staunen hinüber an die platte Badilewand und können es kaum fassen, dass es elf Jahre sein sollen, seit wir dort hinaufgeklettert sind, bei schlechtem Wetter, nach einem Biwak am Wandfuss.

« Du... » «... wart schnell, der Karabiner klemmt... » « Mir ist, als sei 's gestern gewesen. » « Verdammt... »... da hängt die erinnerung in unseren köpfen wie milchiger nebel, jahrelang, beinahe vergessen, und plötzlich ist alles wieder da, um uns, in uns, spürbar und greifbar.

der eiskalte, feuchte fels zuerst, wie er wächst unter unseren händen, sandig und glitschig, und wächst im däm-merlicht zu einer gewaltigen schwarzen mauer.

und dann die erregungjenes morgens, die uns wieder erfasst.

sieben Seilschaften hinter uns, die sich als glühwurm-kette über den gletscher nähern, durch die nacht.

knallrotes wolkengefetz schiesst über den gipfelgrat... schlechtes wetter, umkehren.

umkehren nach einer kalten biwaknacht, nach jähren, deren träume nur diesem einen, einzigen morgengrauen gegolten hatten?

NEIN!

dann zieht die wand unter unseren händen vorbei wie ein stummer, eintönig grauer film.

ist das klettern?

nein, das ist schweben, fast ohne die wand zu berühren, höherschweben und hinein in die milchige, brodelnde kälte.

nach stunden reisst der streifen, und wir blicken vom gipfelgrat zurück, hinunter über die platten, und da unten in der tiefe gehen die andern gerade vom wandfuss weg; winzige gestalten, wie müde ameisen.

die geschlagenen.

der guide war damals auch unter ihnen.

graue Jahnen zogen herauf aus dem trubinascakessel.

war das gestern?

ist das heute?

vor elf Jahren?

und morgen, was ist morgen?

wir hatten den gipfel gerade verlassen, als ein fürchterliches gewitter hereinbrach.

wasser und hagel schössen über die platten hinab, rissen alles mit sich, was nicht fels war, schössen als weisse kaskade hinaus ins leere, über die steilstufe hinweg und zerfransten im Sturm zu einer schäumenden gischtwolke.

was kümmerte uns das unwetter?

wir stiegen ab.

Der Guide hat 's eilig.

« Weiter, weiter... » Er ist Architekt, und die Kunden warten; Zeit ist Geld, Geld, Geld. Der Rotschnauz folgt uns auf den Fersen. Er klettert gut; nur seine Sprache ist scheusslich, eine richtige Halskrankheit.

« Wie alt bist du eigentlich, Anja? » « Siebenundzwanzig. » « Und der Rote, der Baffone, was ist mit dem los? » « Das ist mein Mann. » ...cengalo,cengalo...

seltsames, fremdes wort.

einmal wollten wir doch in den Süden.

aufbrechen, weg, irgendwohin, wo das meer um weisse felsen brandet; wo die mädchen dunkle haut haben und leise schwebende stimmen, wie anja.

weisst du noch?

cengalo klingt wie ferne, wie trauer, wie vergessen...

In den warmen Platten des mächtigen Gipfelrückens steigt es sich wie auf einer herrlichen Treppe. Höher, immer höher, den gleissenden Strahlen entgegen. Über uns hängen die andern wie Fliegen am Horizont, krabbeln im Blau mit ihren zerbrechlich dünnen I nsektengliedern, und an ihren Rücken schimmert es wie von Flügeln. Zwei- oder dreimal schlägt der Guide einen Haken.

... cengalo, cengalo, das ist musik.

das sind die bauern, die ausziehen in Sommernächten, wenn noch in der morgenfrühe sumpfige wärme hängt über denfeldern.

und die schwarzen mädchen wach in ihren kammern liegen...

Langsam beginnen unsere Füsse zu brennen von den winzigen Trittchen, und die Fingerbeeren sind schon lange wund gerissen. « Weisst du noch... »... damals hat uns die wand dort drüben kraft gegeben.

sie war ziel und hoffnung zugleich; sie war der inhalt unserer Jugend, und wir haben geglaubt, geglaubt... und vergessen.

fieber hatte uns gepackt, und keine macht der weit hätte uns zurückgehalten, da unten.

zwei tage später, als wir durchs bondascatal hinauszogen, blieben wir immer wieder stehen, staunten zurück, bis die wand zwischen den bäumen im mittagsdunst und schatten verschwunden war und daneben nur noch der Pfeiler wie eine unvorstellbar glatte flamme aus der schwärze brach...

wir wollten wiederkommen, doch wer dachte an elf jähre.

« Und nun... » « Du, Anja und der Rotschnauz haben ein Kind, hast du gehört, einen Buben. Er heisst Anton. » Seltsam... etwas fehlt uns heute, weiss der Teufel. Das Steigen fällt uns leicht, ist wie eine geölte Mechanik, wie ein tausendmal durchgespieltes Programm. Aber das Fieber, das uns früher den Atem verschlagen hatte, ist weg. Nicht einmal die Ängste sind zurückgeblieben, die Ängste der Nacht an der Wand, als im Badilecouloir drüben Steinlawinen herabkrachten, funkenstiebend...

hinauf, fallen, absteigen durchs bondascatal, wo man von weitem schon die parkierten autos riecht; mühsam über passe zurück zur sascfurä, im schneeweissen audi hundert heim, und kaffee trinken, kaffee, morgen die Sitzung bei bbc, Spannteppiche im büro, verdammt, der stein, ein kopfschwartenriss, nähen vielleicht, neuer wagen, grün, beinahe ein Schädelbruch, getroffen, doch die Versicherung, war erfahrener bergsteiger, verschollen, salär auf dreisieben hinauf, posthum, tot, beinahe, vergessen, vergessen, vergessen...

fang von vorne an.

« Du Hori, haben wir uns verändert seit damals...? » Er zuckt die Achseln.

Morgen wieder durch die Glastür und hochsteigen, durch das graue Treppenhaus bis in den sechsten Stock. Es ist wie ein Film, nur ohne die kalten, festen Griffe, die unter den Händen wachsen aus der Nacht. Ein Film, der wohl irgendwann einmal reisst, aber ohne dass wir auf einem Gipfelgrat sitzen und hinunterblicken, hinunter, wo sie weggehen wie Ameisen.

Irgendwo... hol 's der... NEIN!

Nach einem letzten Aufschwung sitzen Dieter und der Guide im Geröll und haben ihre Seile schon zusammengerollt. Der Schuppenpanzer hat sich plötzlich zurückgelegt, und die Gipfelwächte ist zum Greifen nahe, über einem kurzen Geröllgrat.

« Wer will, kann hinauf. Wir steigen ab. » Der Guide hat 's eilig.

« Hinunter, bevor der Nebel kommt. In die Hütte ist 's noch weit, und morgen wollen wir früh ins Tal. » « Warten wir nicht auf Anja ?» Die andern schütteln die Köpfe.

Als wir schon weit drüben sind in einer Scharte, bevor wir nach Süden ein Couloir hinuntersteigen, tauchen sie auf über dem letzten Aufschwung. Wir winken.

... sitzen sollte man, auf warmen granitbrocken da unten im bondascatal, zwischen den letzten fahren.

sitzen und schauen, wie die schuppenpanzer langsam schwarz werden im abend, wie die wachte, unter die sich die saurierköpfe kauern, in die nacht hineinschmilzt und wie dann langsam, langsam ein licht aufgeht über dem ge-wänd und geschrund und geschuppe...

klucker, der seltsame, unruhige berggeist irrt über die kämme und grate und findet keine ruhe...

sitzen sollte man, ihren warmen körper neben sich spüren und die langen schwarzen haare durch die finger gleiten lassen...

anja...

schliess die äugen...

und dann zwei worteflüstern:

cengalo, cengalo...

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