Citlaltepetl (Mexico)

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rv7Von J. Stapfer

Mit 3 Bildern ( 81—83Langwiesen ) Das Feuer flackert im kühlen Bergwind und beleuchtet eine merkwürdige Gruppe von Sonntagsbummlern. Wohl sind die meisten mit Schlafsack, Kochgeschirr, Laterne, Kompass und ähnlichen Requisiten ausgerüstet, aber tüchtiges Schuhwerk scheint ihnen entbehrlich zu sein. Unsere handlichen Pickel, :" X:

besonders aber die schweren Schweizer Bergschuhe, werden von allen immer wieder bewundert und gehen von Hand zu Hand, während wir Wäsche und Socken wechseln und dann das Biwak vorbereiten. In der Nähe gähnt unter riesigen Lavatrümmern eine geräumige Höhle, aber sie ist dumpfig und feucht. Von ihren Wänden tropft Kondenswasser, und so denkt niemand daran, sich in dem Loch häuslich einzurichten. In einer kleinen Mulde ebnen wir, so gut es geht, den Boden für das Freilager und breiten die schweren mexikanischen Wolldecken aus. Inzwischen hat unser Indio den Maultieren die Vorderfüsse lose gefesselt und ihnen eine tüchtige Ladung Heu vorgesetzt. Ausser dem gelegentlich genaschten Laub und Steppengras haben die genügsamen Tiere den ganzen Tag nichts gefressen. Jetzt geniessen sie mit hörbarem Wohlbehagen das verdiente Futter und schnuppern dann mit gierigen Nüstern nach Wasser. Aber in weitem Umkreis ist wohl nicht der kleinste Tümpel oder auch nur eine erbärmliche Pfütze zu finden, denn wir sind auf 4600 m Höhe, mitten in ausgedehnten Lavafeldern, wo während fünf Monaten Trockenzeit im tropischen Sonnenbrand alle Wasseransammlungen der verschwenderischen Regenzeit bis zum letzten Tropfen versickert, verdampft und verdunstet sind. So ist es nicht verwunderlich, dass die Indianer, die wir mit Kanistern nach dem nötigsten Wasser ausgeschickt haben, länger als drei Stunden unterwegs sind, bis sie uns nach 9 Uhr ein paar Liter einer schalen Brühe ausschenken können, mit der wir eine Suppe und einige Becher Kaffee kochen. In dieser bedeutenden Höhe haben wir mit empfindlicher Kälte gerechnet, aber die Nacht ist immer noch merkwürdig mild, und das macht uns dem Wetter gegenüber etwas misstrauisch. Bevor wir zur Ruhe gehen, visieren wir mit dem Kompass noch den Gipfel an, der fahlschimmernd in den leuchtenden Bogen der Milchstrasse ragt. Rechtschaffen müde, bis über den Kopf in die Decken gehüllt, legen wir uns nieder. Um Mitternacht wollen wir aufbrechen. Nach kurzem, unruhigem Schlaf erwache ich und merke mit nicht geringem Erstaunen, wie ich schwitzend nach Luft schnappe. Die schwere Wolldecke ist feucht und behindert mich wie ein geschlossener Sack. Mit der einen Hand öffne ich über meinem Kopf ein Atemloch. Ein leichtes Rieseln kühlt die ausgestreckte Hand. Hurtig rolle ich mich aus meiner Packung. Es regnet! Ringsum rabenschwarze Nacht. Ich zünde die Laterne an. Es ist 12 Uhr. Wir stecken mitten in schwerem Gewölk. Auch mein Kamerad ist munter geworden. Unwirsch brummt er seinen Kommentar zur Wetterlage. Wir entschliessen uns zu schnellem Aufbruch. In die Rocktaschen kommen Feldflasche, Schokolade, Brot, Zucker und Zigaretten. Die Säcke bleiben zurück. Der Indio hat den Auftrag, hier am Biwakplatz auf uns zu warten. Den Aufstieg zum Firnsattel im Osten werden wir mit der Laterne unmöglich finden. Jetzt gilt es nach dem Kompass direkt gegen den Gipfel anzusteigen. Mit ein wenig Glück werden wir auf diesem Wege eine der drei Felsrippen erreichen, die den Südhang durchbrechen. Und nun losÜber einen dachsteilen Geröllhang steigen wir auf den Lavastrom und stolpern dann in seinem leicht ansteigenden Bett über ein schauderhaftes Blockgewirr der Höhe zu. So geht es eine —, zwei —, drei Stunden lang in verbissener Stummheit dem unsichtbaren, in Nacht und Wolken verborgenen Ziele entgegen. Nur hie und da unterbricht ein Fluch meines Kameraden die eherne Stille. Seine « freundlichen » Ermahnungen gelten im allgemeinen der sehr mangelhaften Beleuchtung und im besondern mir, dem Laternenmann, der natürlich den spärlichen Lichtstrahl in alle Himmelsrichtungen schwenkt, nur nicht dorthin, wo man gerade den Fuss setzen sollte. Das Strombett steilt sich auf, die Pulse hämmern und der Atem fliegt. Noch hundert Tritte keuchen wir bergan — verflucht! —, wir sind am Ende und geben uns geschlagen.

« Wie hoch? » — « Fünftausend. » — « Wir hätten warten sollen! » — « Dummheit, das Wetter wird nicht besser. » — « Du hast ein ganz verrücktes Tempo angeschlagen. » — « Wieso ?! » — « Natürlich, da kommt doch kein Mensch mehr nach, und dazu ohne Licht! » — « Was, ohne Licht ?! ich habe doch immer geleuchtet. » — « Aber mir nicht! » — So knurren wir einander erbost an. Der richtige Bergkoller. Inzwischen aber können sich Herz und Lunge beruhigen, und eine Zigarette besänftigt auch die aufgebrachten Gemüter. Der Regen lässt nach. Dichte Nebelschwaden fegen im auffrischenden Wind über unsern Rastplatz, und plötzlich klafft zu Häupten — für Sekunden nur — die Nebelflut auseinander und hernieder bricht das diamantene Gefunkel des nachtklaren Himmels. Augenblicklich sind Kleinmut und Überdruss in der Sternenweite ertrunken. Wir klettern zuversichtlich über den steilen Lavawulst empor und stampfen nach einer halben Stunde auf seinem flachen Rücken in den ewigen Schnee. Erlöst atmen wir auf. Zu unsern Füssen liegt die Wolkendecke, und am Himmel kreist der allmächtige Reigen der Sternenheere in einer Pracht, wie sie nur auf solcher Höhe und in diesen Breiten das sterbliche Auge beglücken kann.

Es ist 4 Uhr, eine Stunde vor Tagesanbruch. Bleich schimmert der Schnee im Sternenlicht. Nun kann man die Laterne gut entbehren. Die Kälte treibt uns weiter. Nach einem Blick auf den Kompass steigen wir über die Schollen eines grobhöckerigen Schneehanges mühsam auf. Die ungewohnte Höhe zwingt zu vielen kurzen Atempausen. Das Auge späht immer wieder in die Nacht empor nach den Felsrippen, die doch endlich einmal aus dem Schnee heraustreten müssten, wenn wir nicht gänzlich abgeiirt sind. Aber die am gestrigen Tage geschätzten Entfernungen trügen bedenklich, denn erst nach anderthalb Stunden können wir uns erschöpft gegen die ersten Klippen eines steilen Grates lehnen. Wieder wird eine Rast eingeschaltet. Im Osten zeichnet bereits ein dunkelvioletter, schmaler Streifen den Himmelsrand, und bald trennt als scharfer Schnitt eine purpurne Wunde den Himmel von der Erde. Dort, wo am Rande der Welt der Tag aufdämmert, dunkelt wie mit Tusche gezogen, die Schattenlinie des Ozeans. Schon lohen blutige Brände hinter der sammet-schwarzen Kante auf, dann überschwemmt goldgrüne Flut den fernen Himmelsraum. In rosigem Gischt versinken Sternenschwärme, glühende Garben brechen aus dem Abgrund der Welt, sprühen goldnen Überfluss bis zum Zenit, und dann steigt der feurige Sonnenball aus der dunklen Flut des ewigen Meeres empor in seine gleissende Tagesbahn. Von unerhörter Pracht geblendet schliesst sich das müde Auge, die Seele erbebt in der Gnade der seltenen Stunde; überwältigt von der Allmacht des Schöpfungswunders erstirbt das erdgebundene Sein. Mit dem Frührot ist der Meerwind aufgewacht und heraufgestiegen aus der Wasserwüste zur eisigen Höhe. Sein rauher Atem rüttelt uns aus der Versunkenheit in den fordernden Tag. Wir klettern über kantige Riffe auf den Grat. Behutsam greifen die Hände den grauroten Fels. Die schartigen Brüche sind glasscharf und reissen bei jedem hastigen Griff blutige Schrammen in die unachtsamen Finger. Sorgfältig muss jeder Tritt gewählt werden, soll das Schuhwerk nicht bald zerfetzt und zerschrotet sein. Länger als eine Stunde klettern wir in den heikein Lavafelsen und haben kaum 200 m an Höhe gewonnen. Bei diesem Tempo werden wir den Gipfel nie erreichen. Darum verlassen wir den Grat und steigen durch seine Flanke in den Schnee. Dem hat aber die Morgensonne schon so zugesetzt, dass man bei jedem Tritt bis zu den Knien einsinkt. Eine unendlich mühsame Schneestampferei bringt uns in einer weiteren Stunde zu der Stelle, wo der Grat sich im obersten Firndach des Gipfels verliert. Hier rasten wir ausgiebig und peitschen die erlahmenden Energien mit Schokolade, Brot und starkem Kaffee etwas auf. Noch wichtiger aber sind die Zigaretten. Tiefe Lungenzüge zwingen zu intensiverer Atmung, die dem Organismus den nötigen Sauerstoff zuführt. Im Anstieg zum östlichen Schneesattel krabbeln die Deutschen und Amerikaner als weit verstreute Punkte. Sie müssen spät aufgebrochen sein und werden im durchweichten Schnee des Ostgrates nicht eitel Freude erleben.

Wir brechen auf und greifen die letzten 300 m zum Gipfel an. Die Hänge sind steil, der Schnee ist schon so durchweicht, dass wir oft bis zu den Hüften versinken. Auf dieser bedeutenden Höhe sind wir nach einem Dutzend Tritte völlig ausgepumpt und müssen neuen Atem schöpfen. So stampfen wir in kurzen Etappen mühselig gipfelwärts. Immer wieder legen wir den Kopf zurück in den Nacken, der Blick sucht über dem einförmig gähen Schneedach sehnsüchtig die abschliessende Linie des Kraterrandes, kehrt entmutigt zurück und senkt sich wieder müde auf den Schneehang, der kein Ende nehmen will, oder richtet die stumme Frage an den Kameraden: « Was hat das alles für einen Zweck? » Zum Glück bleibt es bei diesen fragenden Blicken. Eine einzige laut gewordene Frage müsste jetzt die Krisis auslösen und mit ihr den Entschluss zu Kapitulation und Umkehr. In verbissenem Trotz wühlen wir uns durch den Schnee empor. Und endlich, endlich legt sich der Hang zurück, im schwarzblauen Himmel steht eine blendende Firnkrone, der Blick klammert sich an ihren zackigen Saum, während der Körper seine letzte Kraft hergibt, um das nahe Ziel zu erreichen. Nach 10 Uhr sinken wir erschöpft und erlöst zugleich in den Schnee auf dem Rande des Kraters.

Tiefe Befriedigung und Genugtuung über das erkämpfte Ziel erfüllt uns, und kaum hat der fliegende Atem sich beruhigt, ist auch die Mühsal schon vergessen und der Kleinmut entflohen; ungetrübte Freude weitet die Brust, und stiller Triumph leuchtet aus den Augen. Wir zwei Kameraden sind mutterseelenallein auf einsamer Höhe. 5700 m über den beiden Weltmeeren, über allen Niederungen, dampfenden Dschungeln, glühenden Steppen und brodelnden Sümpfen, emporgehoben über Menschenleid und -quäl.

Wir schieben uns zum äussersten Rand der Schneekrone, die den Krater säumt. Basaltwände stürzen wohl 150 m senkrecht in die Tiefe des Riesen- Schlotes, der einen Durchmesser von 1000 m haben mag. Vom Fuss der violett-grauen, ockerbraunen und schwarzgrünen Mauern senkt sich ein steiler Trümmersturz von vereisten Lavablöcken zum schattenfinstern Schlund des ausgebrannten Höllenkessels. Kein Menschengeist vermag die Urgewalten zu erahnen, die einstmals das Mark der Erde mit Weltuntergangsgetöse gen Himmel schleuderten. Im Angesicht der seit Jahrhunderten vernarbten Wunde packt einen noch das kalte Grauen im Nacken; die primitive, kreatürliche Angst fragt zaghaft die Vernunft, ob nicht vielleicht — im gegenwärtigen Augenblick — der längst erstorbene Schoss in neuen Krämpfen rasende Verheerung und donnernden Untergang gebären könnteAber noch wölbt sich das Firmament als blaudunkler kristallener Dom über der Welt, und aus seiner Weite schaut eine fremdartige Sonne weissglühend auf uns nieder. In der Tiefe schwebt, so weit das Auge nach Südwesten reicht, eine flaumige Wolkendecke. Darüber ruht am fernsten Horizont, als schneeiges Zeltdach, die Spitze des Popocatepetl, und daneben schimmert, gleich einer schäumenden Woge, der Gipfelkamm des Ixtlacihuatl. Nach Süden und Norden fliessen die Ketten der Sierra Madre Oriental in die blaudämmernde Ferne, und im Osten verebben die dunklen Wogen der Wälder im Dunst der Küstenebenen.

Unheimliche Grabesstille lastet auf der fremden, unwirklichen Welt, die um uns steht. Vergebens horcht das Ohr nach den tausend Stimmen, wie sie in den heimatlichen Bergen zur vertrauten Symphonie zusammenklingen, in der das dumpfe Rollen polternder Blöcke und das donnernde Krachen berstender Eismassen den Grundbass dröhnen, über dem die orgelnden Stimmen der Gratwinde ihre brausende Melodie streichen und das vielstimmige herrliche Rauschen der Wasser schwermütige Heimwehlieder singt.

Windesatem und Tropfenfall, Wasserrauschen und krachendes Dröhnen sind hier oben verstummt. Im Ohr klingt einzig der bedrängende Gesang des eignen Blutes und schreckt uns aus der Versunkenheit. Wir schlendern auf dem Kamm nach Osten, um Ausschau zu halten nach den Touristen, die wir vor Stunden im Anstieg sichteten. Wir tauschen Bemerkungen aus über den Abstieg und freuen uns dabei am Klang der eigenen Stimme, obschon sie dünn und spröde klingt. Tief unten auf dem Grat bewegt sich als verlorener Punkt ein einzelner Mann, im Sattel hocken unbeweglich zwei andere und unterhalb pflügen fünf — sieben — acht im Abstieg den Schnee. Scheinbar haben alle den Kampf aufgegeben bis auf den einen, der sich umsonst um den Gipfel müht, denn zu dieser Stunde sind die Schneeverhältnisse, besonders auf Grund der herrschenden Windstille, äusserst ungünstig. Wer möchte es uns verargen, dass, für einen Augenblick nur, ein leises Triumphgefühl nationaler Prägung unsere Siegerfreude erhöhtAuf den höchsten Punkt zurückgekehrt, ruhen wir noch eine Weile. Dann reissen wir uns aus dem bedrohlichen Bann, den das ungeheure Schweigen dieser Einsamkeit wie einen ehernen Mantel aufs neue um uns legt, und steigen in südöstlicher Richtung schräg abwärts. Steile, unübersichtliche Firnwogen senken sich rechterhand bis zur Tiefe der Schneemulde, die zwischen dem Citlaltepetl und dem felsigen Vorgebirge eingebettet liegt. « Wollen wir die Abfahrt wagen? » — « Warum nicht!»«Los! » — Schon gleiten wir in rascher Fahrt über die erste Welle.

zur Tiefe. Sie verliert sich in einem Steilhang, der unser Tempo zu rasendem Sturz beschleunigt, und schon sausen wir über den nächsten Schneebuckel hinaus in einen neuen Absturz; die Tiefe fliegt nur so auf uns zu, die Luft reisst den Atem entzwei, Schneeschwaden peitschen das Gesicht, in den Ohren rauscht und dröhnt es wie von einem Katarakt, Muskeln und Nerven sind zum Zerreissen gespannt, und immer wieder ein neues Crescendo, noch wilderes Stemmen und Sperren um einem haltlosen Sturz zu begegnen; schon wollen die Kräfte versagen —, da verlangsamt sich die Fahrt, zwinkernd erkennen die geblendeten Augen den Grund der Mulde, der uns entgegenkommt, und dann liegen wir, von der Anstrengung an allen Gliedern zitternd, im Schnee, zu Häupten die gleissende Krone unseres Berges, schon unwirklich fern, im Mittagsglast flimmernd wie ein berückendes Traumgesicht.

Nach kurzer Rast queren wir die Schneemulde, steigen über einen Geröllhang zur Höhe eines Lavastromes, tanzen mit verwegenen Kreuz- und Quersprüngen durch sein Trümmerbett, steigen jenseits über die apere Flanke in einen weitgebuchteten Trog, dessen gegenüberliegender Hang wieder zu einem Lavastrom aufsteigt. So geht es auf und ab, auf und ab, über mächtige Wülste und getürmte Trümmer, durch zerklüftete Mulden und geborstene Wannen, bis wir gegen 3 Uhr, rechtschaffen müde und ausgedörrt vom Sonnenbrand, den Biwakplatz wieder erreichen. Wir schütten einen Rest Kaffee in die schmachtenden Kehlen und essen uns an den zurückgelassenen Vorräten satt. Von den Amerikanern und Deutschen sehen wir keine Spur. Ihre indianischen Begleiter seien schon vor Stunden mit den Maultieren ostwärts gezogen, berichtet unser Indio. Wahrscheinlich hatten sie Befehl, ihre Herren an den östlichen Ausläufern der « Crestones » zu erwarten, um von dort direkt nach Orizaba abzusteigen. Leider können wir an eine ausgedehnte Rast nicht denken, denn vor Einbruch der Nacht möchten wir den Abstieg durch die unwegsamsten Waldpartien hinter uns bringen und wenn immer möglich noch den Nachtzug erreichen, der von Veracruz nach Mexiko-City fährt und um 2 Uhr in San Andres eintrifft.

Die ausgeruhten Maultiere stehen bereit, ein Lasttier brauchen wir nicht mehr, die Vorräte sind ja aufgebraucht. Das kommt unserem Begleiter zugut. Alle drei steigen wir in die Sättel, und der Rückmarsch in die Niederung beginnt. In der im Aufstieg passierten Furkel halten wir an, um aus solch unmittelbarer Nähe zum letztenmal den Blick auf den Citlaltepetl zu werfen. Mächtige Wolkenzüge umgürten jetzt seinen schimmernden Leib, wogen als schäumende Brandung um den gewaltigen Sockel und werfen dunkle Schatten auf den basaltenen Fuss des Berges. Gewaltsam reissen wir uns los von dem berauschend schönen Bild und treiben die Tiere zu beschleunigtem Schritt an. Bald im Sattel zahme Halden und lichten Wald durchreitend, bald zu Fuss gähe Hänge und unwegsames Dickicht bewältigend, erreichen wir bei Nachteinbruch die untere Laubwaldzone und darin eine gute Wegspur, auf der die Maultiere auch im Finstern rasch und sicher ausschreiten. Schwer legt sich die drückende Schwüle auf unsere Müdigkeit, schlaftrunken nicken wir im Sattel und werden von Zeit zu Zeit aus den Träumen recht unsanft in die rauhe Wirklichkeit aufgeschreckt, wenn der vornübersinkende Kopf vom hochgeschweiften Sattelknopf einen derben Nasenstüber erhält. Als der Hufschlag im Torgewölbe des Aquäduktes dumpf widerhallt, werden wir munter. In der Tiefe blinzeln die spärlichen Lichter von Chalchicomula. Um 11 Uhr steigen wir todmüde aus dem Sattel, entlassen den braven Indio, der nach reichlicher Entlohnung sich unter ungezählten Dankes- und Ergebenheits-bezeugungen mit seinen Mulas davonmacht. Im « Hotel » stürzen wir in aller Hast mit Limonade verdünntes Bier in die ausgedörrten Gurgeln und eilen dann nach der « Plaza », wo der Camion zur Fahrt nach der Bahn schon bereitsteht. Zum Glück dürfen wir diesmal neben dem Chautfeur Platz nehmen und zeigen uns mit einem guten Trinkgeld für diese Bevorzugung erkenntlich. Im schlafenden San Andres sinken wir, übermannt von der Müdigkeit, beim Bahnhofschuppen in den Sand, und erst der heranbrausende Nachtzug schreckt uns um 2 Uhr aus tiefem Schlaf. Mit steifen Gliedern klettern wir in den Zug, schlafen sogleich ein und erwachen erst wieder, als wir um 7 Uhr in Mexiko-City ankommen.

Auf jegliches Abenteuer gefasst waren wir ausgezogen, und nun hatte die unvergessliche Bergfahrt einen alltäglich-normalen Verlauf genommen und ein glückliches und gänzlich unromantisches Ende gefunden. Aber die stolze Pyramide, in ihrer fremd-erhabenen Einsamkeit und todesstarren Ruhe, hatte unser Bergheimweh nicht zu stillen vermocht. Erst lange Jahre später kam es zur Ruhe in den ewigschönen Bergen der Heimat.

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