Das alpine Versuchsfeld der eidg. Samen-Controlstation auf der Fürstenalp ob Trimmis

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F. G. Stebler und C. Schröter ( Section Uto ).

Das alpine Versuchsfeld der eidg. Samen-Controlstation auf der Fürstenalp ob Trimmis Von Im Itiiierariuin über das diesjährige Clubgebiet wird auf Seite 75 und 76 in freundlichen Worten des alpinen Versuchsfeldes auf der Fürstenalp gedacht. Die Leiter desselben hielten es nicht für unpassend, an dieser Stelle den Clubgenossen etwas Näheres über das dort Eingerichtete, Erstrebte und Erreichte mitzutheilen. Sie haben zwar darüber schon anderwärts berichtet 1 ), aber in Organen, die für einen ganz andern Leserkreis, den der praktischen Land- und Alpwirthe nämlich, bestimmt sind. Da zudem die Alp in unserem Excursionsgebiet liegt, so dürften einige Notizen über dieselbe auch als Beitrag zur Kenntniß desselben gerechtfertigt sein. Und endlich ist ja in unserem Vereinsorgan die Alp: wirthschaft schon mehrfach von andern Standpunkten aus zu Worte gekommen; es mag also auch einmal etwas über Alpenfutterpflanzen, Alpenfntterbauversuche, Alpweiden und Alpmatten zur Ergänzung dienen. Wir folgen dabei in der Hauptsache einem Vortrage, den der eine von uns ( Sehr .) in der Section Uto hielt, wie dem unten citirten Berichte im landwirtschaftlichen Jahrbuch und einem Vortrage des Andern von uns ( St. ) im landwirtschaftlichen Verein in Chur.

Die Entstehungsgeschichte des Versuchsfeldes auf der Fürstenalp ist folgende: Im Jahr 1881 bewilligte die Bundesversammlung zum ersten Male einen Credit zur Hebung des Futterbaues von Fr. 10,000, wovon der Samen-Controlstation Fr. 4000 zugewiesen wurden; es sollten dieselben 1 ) Vgl. Stebler und Schröter, Beiträge zur Kenntniß der Matten und Weiden der Schweiz, VIII: Die Fürstenalp und die Futterbauversuche auf dem alpinen Versuchsfeld daselbst. Landwirthschaftliches Jahrbuch der Schweiz, herausgegeben vom schweizerischen Landwirthschafts-Departement, III. Band, 1889, Seite 27 bis 96, mit einem Plan. Ferner sind auch in unserem Buche: „ Die Alpenfutterpflanzen ", Bern 1889, Verlag von K. J. Wyß, zahlreiche, auf der Fürstenalp gewonnene Daten enthalten.

Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

verwendet werden zur Erstellung eines mit Abbildungen versehenen Werkes über die wichtigsten Futterpflanzen, zur Herausgabe von Pflanzensammlungen, zur Abgabe von Samen an Landwirthe zu Versuchszwecken und endlich zur Anstellung von Futterbauversuchen im Tiefland und auf den Alpen.

Zur Durchführung dieser Aufgaben vereinigten sich die beiden Verfasser. Die Futterpflanzen in der Ebene wurden in zwei Bänden ( 1883 und 1887 erschienen ) behandelt. Um diejenigen der Alpen gründlich studiren und auch Futterbauversuche ( Acclimatisationsversuche ) anstellen zu können, erschien ein alpines Versuchsfeld unerläßlich.

Hr. F. Anderegg, der lange in Bünden sich aufgehalten hatte, machte uns auf die Fürstenalp bei Trimmis aufmerksam, deren Pächter, Herr Regierungsrath Pl. Plattner, der Sache jedenfalls das nöthige Interesse entgegenbringen werde. Wir setzten uns mit Letzterem in Verbindung, und die Angelegenheit war bald ins Reine gebracht; Hr. Regierungsrath Plattner unterstützte uns dabei in zuvorkommendster Weise und die h. Bundesversammlung hat uns seither alljährlich die nöthigen Mittel gewährt zur Einrichtung und Instandhaltung des Versuchsfeldes und was damit zusammenhängt.

Bevor wir berichten, was wir da oben zusammen gekünstelt haben, wollen wir uns erst im Gebiet unserer Alp etwas näher umsehen.

Die Fürstenalp liegt am nordwestlichen Abfall der Hochwangkette gegen das Rheinthal; das Untersäß bei 1782 m, im Sammelgebiet des Trimmiser Dorfbaches, das Obersäß bei 1970 m, im Sammelgebiet des Maschanzer Rütibaches.

Die Alp ist Eigenthum des Bisthums Chur und gehört zu dem ebenfalls in der Gemeinde Trimmis gelegenen Wintergut „ Molinära ", mit welchem sie gemeinsam betrieben wird. Beide Besitzungen kamen im Jahre 1528 mit der jetzt in Trümmern liegenden, auf dem Felshang oberhalb der Molinära thronenden Feste Aspermont zum Bisthum Chur. Bischof Heinrich, aus der Grafenfamilie von Montfort stammend, kaufte im genannten Jahr von Johann Peter, Graf zu Misox, Schloß und Veste Aspermont mit dem Hofe Molinära sammt Acker und Wiesen, dann „ etlich viel Liith zu Trimmis und auf Sayis seßhaft ", sowie die Alp Zamusch, Alles um die Summe von 3350 rheinischen Goldgulden. „ Zamusch " hieß damals die Fürstenalp. Unter Friedrich I. erhielten die Bischöfe von Chur den Fürstentitel. Von diesem Zeitpunkt an datirt auch der Name „ des Fürsten Alp " oder „ Fürstenalp ". Trotzdem der Bischof von Chur im Jahr 1806 den Fürstentitel verlor, lebt der Name im Volke doch noch fort, und noch jetzt heißt es in Trimmis: „'s Fürste kommet ", wenn das Vieh der Molinära zur Alp fährt. Im Volksmund heißt die Alp vielfach „'s Aelpli ".

Die geologische Unterlage ist im ganzen Gebiet dieselbe, nämlich Bündnerschiefer. Dieser geognostische Begriff umfaßt eine Menge von 7 8 F. G. Stebler und C. Schröter.

Abstufungen, vom Kalkschiefer und Mergelschiefer bis zu beinahe reinem Glimmerschiefer; im Fürstenalpgebiet ist es ein mergeliger Thonschiefer, leicht verwitternd und einen fruchtbaren Boden liefernd. Die Gräte sind stark zerrissen und von ihnen senken sich vielfach wilde Trümmerschluchten herab, namentlich am Nord- und Westabfall der Kette, wo die Schichtenköpfe bloßgelegt sind, während der Südabfall gegen das Schanfigg hin oben begrast erscheint und erst weiter unten tief eingerissene Tobel zeigt.

Die Eisenbahn führt uns rheinaufwärts bis Zizers, der letzten Station vor Chur. Von der Klima des Prätigau an haben wir zur Linken, im Osten, den Steilabfall des Grates, der vom Faulenberg, einem Knotenpunkt der Hochwangkette, nach Norden sich hinzieht, das Valzeinathal vom Rheinthal trennend. Es sind wilde, vielfach zerrissene Abstürze, und doch weiß der Wald, dank dem faulen Gesteine, überall Fuß zu fassen und bewimpert alle Gräte und die steil sich herabziehenden Kämme zwischen den Wasserläufen. Geschiebereiche Wildbäche brechen aus den finstern, bewaldeten Schluchten und stoßen ihre Schuttkegel weit ins Rheinthal hinaus: so die Igiserrüfe, Zizerserrüfe, Kleine Rüfe, Hagrüfe, Trimmiser-Dorfrüfe, und die berüchtigte, größte von allen, die Skalärarüfe, die aus dem sagenumwobenen Skaläratobel hervorbricht, in welchem die Geister abgeschiedener Churer-bürger ihr Wesen treiben; von Weitem schon fällt die gleichmäßige Böschung ihres riesigen Schuttkegels auf, der den Rhein ganz an den Calanda hinübergeworfen hat.

Immer und immer wieder bedrohen diese Rufen den bebauten Boden mit Schutt, der dann freilich eine fruchtbare Krume liefert. Im September des vergangenen Jahres ( 1890 ) waren wir Zeugen der enormen Verheerungen, die die Hagrüfe, welche aus einem ganz kurzen Sammelgebiet hinter Aspermont hervorbricht, bei dem Hochwasser im August angerichtet hatte; weit umher waren die Felder meterhoch mit Schutt bedeckt, die Straße beim Trimmiser Armenhaus unpassirbar.

Die Dörfer Igis, Trimmis, Zizers haben sich auf solchen Schuttkegeln angesiedelt Nur an wenigen Orten sänftigt sich das Gehänge zu bewohnbaren Terrassen; auf solchen liegen das Dörfchen Sayis und die Berggüter von Valtanna und Talein ob Trimmis; diesen drei Bergen verdankt Trimmis ( Trimons ) seinen Namen.

Von der Station Zizers aus führt uns entweder die Landstraße nach Trimmis, oder wir statten vorher, den kleinen Umweg nicht scheuend, dem bischöflichen Gut Molinära einen Besuch ab, zu welchem die Fürstenalp gehört und wo der gastliche Pächter wohnt. Es ist eine fruchtbare Gegend, die wir durchwandern — die „ Herrschaft "; denn so wird das Gebiet der „ fünf Dörfer " genannt. Mächtige Nußbäume beschatten den Weg, auf ausgedehnten Feldern erhebt der Mais seine üppigen Stauden, und die Dörfer liegen in Wäldern von Obstbäumen versteckt. Zahlreiche, oft sehr stattliche Hollunderbäu►ue prangen im Schmuck ihrer weißen Blütheiischirme Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

oder ihrer glänzenden Beeren, die, von der Bevölkerung fleißig gesammelt, zu Latwerge eingekocht oder zu Holderschnaps destillirt werden. Durch ihr Geäst rankt sich der wilde Hopfen in die Höhe, oft bedroht von der Hanfseide ( Cuscuta europæa ). Als landwirthschaftliche Nebenbeschäftigung wird hier eine selten vorkommende Thierhaltung betrieben: die Schnecken-zucht; in Trimmis finden sich mehrere „ Schneckenständen, und im September kann man an der Bahnstation Zizers die zahlreichen engen, hohen Fäßchen aufgestapelt sehen, in denen die eingedeckelten Schnecken versandt werden.

Wir sind circa 600 m über Meer ( Zizers 564 m, Molinära 584, Trimmis 648 m ), aber manche Bestandteile der Flora sagen uns, daß das Klima milder sein muß, als in Zürich ( 400 m ), trotz der größern Höhe und der Alpennähe. Wir nennen: Asperula taurina, Ballota nigra, Echinospermum Lappula, Stachys germanica, Astragalus Cicer, Urtica urens, Calamintha nepetoïdes, Poa bulbosa var. vivipara. Wir sind eben, wie Christ in seinem „ Pflanzenleben der Schweiz " zuerst klar aussprach, hier im Gebiet des Föhns, jenes warmen, trockenen Alpenwindes, der eine um so stärkere Erhöhung der Temperatur bewirkt, je mehr wir uns in seinen Rinnsalen dem Fuße der Alpen nähern. Ihm, „ dem wahren Traubenkocher ", ist auch großenteils der treffliche Weinwuchs der Gegend zu danken; sind wir doch in der Heimat des Jeninser und Malanser, des Completer und Costamser, des Spiegelberger letztere zwei bei Trimmis ), des Churer Lürlebader, und wie sie alle heißen, die guten Marken des Rheinthales.

Einen großen Feind haben die Culturen der Herrschaft in der oft auftretenden Trockenheit, deren Wirkung durch den durchlässigen „ Rüfi boden " ( Schuttboden ) und den stets wehenden Thalwind noch gesteigert wird. Die Wiesen namentlich zeigen in ihrer Grasnarbe deutlich diesen Einfluß, beherbergen eine Reihe von „ Trockenheitszeigern ": Daucus Carota, Centaurea Scabiosa, Ononis procurrens, ja sogar die südliche Poa bulbosa. Hier würde zweifellos die Bewässerung ausgezeichnete Dienste leisten und den Ertrag wohl um das Doppelte steigern, um so mehr, als das Bündner-schieferwasser auch eine kräftige mineralische Düngung bewirkt; hat doch Dr. A. v. Planta gezeigt, daß die Nollaschiefer, die zum Bündnerschiefer gehören, an Phosphorsäure und Alkalien den gewöhnlichen Gehalt guter Kulturböden um mehr als das Dreifache überragen.

Nach einer Stunde haben wir Trimmis erreicht, das sich eng an den Steilhang schmiegt. Dem Fremden mögen wohl die großen, etwa 2 m langen Doppelstangen auffallen, die ihre Arme aus einer schmalen horizontalen Spalte unter dem Dachfirst hervorrecken: es sind die Geleise für die herauszuschiebenden Dörrbretter, auf denen das Obst an der Sonne gedörrt wird; bei schlechtem Wetter können die Bretter rasch hereingezogen werden.

Wir passiren die protestantische Kirche, die in einem romantischen Winkel am Trimmiser Dorfbach liegt, wo er aus einer tiefeingerissenen F. G. Stebler und C. Schröter.

Schlucht mit nahezu senkrechten Felswänden hervorbricht. Noch wenige Schritte, und der Aufstieg zur Alp beginnt.

Ein schattiger Buchwald umfängt uns am Hang mit seinem wohligen dämmerigen Grün und läßt uns die empörende Steilheit des steinigen Saumpfades vergessen, der sich im Zickzack die jähe Halde hinaufwindet, halb Weg, halb Rüfi, und oft durch herabgeschleiftes Holz gefährlich glatt gescheuert. Es gibt nichts Ausdruckvolleres, als die trotzige Kraft dieser knorrigen, mächtigen Buchenstämme: nicht als rundliche, glatte Säulen stützen sie das Laubgewölbe, wie im Buchenhain der Ebene, sondern vielfach gewunden, geschrammt und geschunden, mit Beulen und Buckeln übersäet, den Wunden im Kampf mit den Wurfgeschossen des Berges, entsteigen sie dem mächtigen, oft genug bloßgelegten Wurzelwerk, das, weit ausgreifend, den Schutt der steilen Halde wie mit kräftigen Armen zusammenhält. Ein Abholzen würde zweifellos ein Nachrutschen des ganzen Schutthanges zur Folge haben. Bald sind wir am Rande der Terrasse; sie wird umsäumt von ragenden Kiefern, die sich ja gerne solche exponirte Standorte wählen. Unter ihrem weit ausgebreiteten, mit Misteln besetzten Geäste fällt der Blick in 's grüne Thal; friedlich schallt das Heerdengeläute der Trimmiser Heimkühe herauf, die am Rande des Fürstenwaldes in den „ Wytenen " weiden. Ein Flug wilder Tauben, die hier in Menge nisten, sucht die sicher am Felshang geborgenen Nester auf. Südlich schweift der Blick weit in 's Rheinthal hinaus bis zu den Hügeln von Ems. Im Schatten des Buchenwaldes gedeiht Coronilla Emerus, und der Blasenstrauch ( Colutea arborescens ) behängt sich mit seinen luftgefüllten Hülsen, ein letzter Gruß aus dem warmen Föhngebiet der Ebene. An den offenen Steilhängen oberhalb des Waldes breitet das Rauhgras ( Lasiagrostis Calamagrostis ) die graziösen Federbüschel seiner Rispen aus — eine Charakterpflanze der warmen Halden unserer Alpenthäler.

Auf dem Wiesenplan von Talein ( 000 bis 1000 m ) treffen wir schöne Matten von montanelli Typus. Es ist ein sehr complicirt zusammengesetzter Bestand, aus 88 Arten bestehend. Die Alpennähe wird durch das Vorkommen einiger alpinen Arten verkündet ( Carlina acaulis, Gentiana excisa, Polygonum viviparum, Selaginella spinulosa, Anemone narcissiflora ). Das Fehlen animalischer Düngung geht aus der Anwesenheit einiger typischer Bewohner des Magerbodens hervor ( Brachypodium pinnatum, Kœleria cristata, Sesleria cœrulea, Arnica montana, Antennaria dioica, Potentilla Tormentilla und drei Species von Orchideen ). Auf dem benachbarten gedüngten Theil fehlen dieselben vollständig, dagegen haben sich dort das Knaulgras ( Dactylis glomerata ), das Wiesenrispengras ( Poa pratensis ), der Goldhafer ( Trisetum flavescens ), die Bärenklau ( Heracleum Sphondylium ), der gemeine Thaumantel ( Alchemilla vulgaris ) als düngerliebende Arten eingestellt. Das völlige Fehlen der Raygräser ( Lolium perenne und Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

italicum, Arrhenatherum elatius ), des wolligen Honiggrases ( Holcus lanatus ) und des Wiesenkerbels ( Anthriscus sylvestris ) entspricht der montanen Lage.

Der Alpweg zieht sich vom Weiler Talein aus mit wenig Krümmungen durch den Wald am linken Hang des tief eingefressenen Trimmiser Tobeis hinauf mit einer mittleren Steigung von circa 20 °lo, einer maximalen von 30%. Seine Unterhaltung bis zum Gatter der Fürstenalp bei 1600 m liegt der Gemeinde Trimmis ob; sie hat dafür einen Bürger bestellt, den sie für die Arbeit entschädigt. Offenbar fehlt es aber an der nöthigen Aufsicht; denn der Weg ist sehr schlecht unterhalten, oft mehr einer steingefüllten Bachrunse als einem Weg ähnlich. Außer dem Wasser hilft hiezu namentlich die Gewohnheit der Trimmiser, ihre „ Blöcker " auf dem Alpweg auch im Sommer thalab zu schleifen; jeder hinterläßt eine tiefe Rinne im Weg, die dann das Wasser mit hineingeschwemmtem Schlamm und Steinen ausfüllt. Bei starken Regengüssen wird durch die in den Weg sich ergießenden Fluthen an den tiefer eingeschnittenen Stellen die Böschung angefressen, so besonders in den bösen Tagen des August 1890, wo an mehreren Stellen der Weg völlig verrutscht, an andern durch unter-waschene und querüber gestürzte Tannen versperrt war. Die Steilheit und Rauhigkeit des Weges erscheint in noch schlimmerem Licht, wenn man bedenkt, daß ein Roß mit der zweirädrigen „ Redig " oft Lasten von bis zwei Zentner da hinaufzuschleppen hat.

Der Wald besteht aus Lärchen, Fichten und Weißtannen und zeigt an den Blößen einen guten Nachwuchs. Der Neuling im Gebirg mag sich über die oft 2 m langen Stöcke wundern, die beim Fällen an steilen Stellen stehen gelassen werden; doch das ist keine unnütze Holzverschwendung, es ist vielmehr eine nützliche und streng vorgeschriebene Schutzmaßregel, die das Festhalten des Schnees am steilen Gehänge bezweckt.

Wir haben den Trimmiser Alpweg Dutzende von Malen und zu allen Tageszeiten zurückgelegt; nie aber übte er einen so eigenen Zauber auf uns, als zur Nachtzeit bei Vollmondschein. Die tiefe Stille, von keinem aus der Ebene herauf klingenden Laut unterbrochen, stimmt uns feierlich; nur die Laute der Natur dringen in die empfängliche Seele: das Rauschen der Gewässer, das Säuseln des Nachtwindes in den Wipfeln, das harmonische Schellengeklingel wiederkauenden Viehes, das taktmäßig die Kaubewegung begleitet. Noch ist für uns der Mond hinter dem zackigen Grat verborgen; aber über das Thal unter uns spannt er seine Silberfäden, und weben die wallenden Nachtnebel ihren duftigen Schleier, aus dem da und dort ahnungsvoll der Vater Rhein ein traumverlorenes, leuchtendes Lächeln heraufschickt. Drüben ragt die mondbeglänzte Masse des Calanda empor, durch das unsichere Licht ins Ungeheuerliche vergrößert; die weißen Kalkfelsen glänzen wie Schnee neben der Rabenschwärze der lichtverschluckenden Wälder.

F. G. Stebler und C. Schröter.

Der Trimmiserwald ist Gemeindewald. Jedem Grundbesitzer in der Gemeinde ( aber auch nur diesem,. den landlosen Bürgern nicht, wohl aber den Ortsfremden, welche im Gebiete der Gemeinde Land besitzen ) steht das Recht zu, für nothwendige Bauten Holz zu sehr mäßigem Preis aus dem Wald zu beziehen ( 20 Cts. der Kubikfuß Tannenholz, 35 Cts. das gleiche Quantum Lärchenholz, während der Marktpreis 55 bis 60, resp. 80 bis 90 Cts. beträgt ). Außerdem aber erhalten je zwei Haushaltungen zusammen alljährlich sogenanntes „ Loosholz ", etwa ein Klafter, das sie aber selbst holen müssen. Manchmal fehlen ihnen die Arbeitskräfte, um die gefällten Stämme thalabwärts zu schaffen; so liegt am Trimmiser Alpweg seit fünf Jahren ein prächtiger Tannenstamm und verfault jämmerlich, weil der glückliche Besitzer dieses „ Loosholzes " ihn nicht herab-. schaffen kann.

Die Flora des Trimmiserwaldes ist die typische unserer Gebirgswälder: da nicken die weißen Rispen der Schneesimse ( Luzula nivea ), da leuchten die Sterne des einblüthigen Wintergrünes ( Pyrola uniflora ), erheben sich die A ehren des Haargrases ( Elymus europæus ) neben den Rispen des Waldschwingels ( Festuca sylvatica ), und verbreiten sich die Schaaren des Waldwachtelweizens ( Melampyrum sylvaticum ).

Sehr bald schon stellen sich beim Aufstieg die Voralpen- und Alpengewächse ein.. Schon auf den Wiesen von Talein fanden sich bei 900 m der ausgeschnittene Enzian ( Gentiana excisa ), die narzissenblüthige Anemone ( Anemone narcissiflora ) und der knöllchentragende Knöterich ( Polygonum viviparum ). Beim Waldeingang bei 950 m gesellt sich das Alpenrispengras ( Poa alpina ) dazu, dann am Waldweg bei 1060 m der Goldpippau ( Crepis aurea ), bei 1170 m die rostbraune Segge ( Carex ferruginea ), als dominirender Rasenbestandtheil mit ihren Kriechtrieben den feuchten Boden durchspinnend; mit ihr tritt der Alpenthaumantel ( Alchemilla alpina ) auf und der Berghahnenfuß ( Ranunculus montanus ), bei 1180 m der Alpenwegerich ( Plantago alpina ), bei 1240 m der gelbe Steinbrech ( Saxifraga aizoides ), dann bei circa 1300 m der Braunklee ( Trifolium badium ), bei 1380 m der Bergwegerich ( Plantago montana ) und schon bei 1400 m die Muttern ( Meum Mutellina ). Das sind alles tiefe Standorte für diese Höhenbewohner; aber ihr Herabsteigen wird hier eben begünstigt durch die kühle Nordlage im feuchten Alpenwald und durch die Steilheit des Gehänges, das einem Hera.bschwemmen der Samen günstig ist.

Bei 1400 m gelangen wir zum „ Säßli ", einer ausgedehnten Waldlichtung, wo das Trimmiser Galtvieh weidet. Es wird nicht ständig gehütet, sondern nur etwa alle zwei Tage steigt der Hirt von Trimmis herauf,um nach den Thieren zu sehen.

Mit der offenen Weide stellt sich auch gleich die ganze Schaar der alpinen Weidepflanzen ein: der breitblättrige Germer ( Veratrum album ), der schmalblättrige Alpenwegerich ( Plantago alpina ), die Muttern ( Meum Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

Mutollina ), die Milchkräuter ( Leontodon-Arten ) mit gelbem Köpfchen auf nacktem Schaft und einer Rosette spateliger Blätter, der Goldpippau ( Crepis aurea ) von ähnlichem Wuchs, und wie sie alle heißen.

Von drüben, an einer nach Süden gerichteten Halde der Trimmiser-schlucht, grüßen ein paar heimelige braune Häuschen herüber: es ist das Trimmiser Maiensäß „ Martschellis ", das nicht zur Fürstenalp gehört, sondern von den Trimmisern befahren wird; dort wird im Frühling und Herbst, vor und nach der Alpfahrt, das Trimmiservieh zur Frühlings- und Herbstatzung aufgetrieben, im Sommer wird geheuet und das Heu im Winter an Ort und Stelle verfüttert, um auch den Dünger gleich zur Hand zu haben. Beim Vieh bleibt natürlich ein Theil der Familie oben.

Es ist im Winter ein verlorener, abgeschiedener Fleck Erde. Ein sprechendes Bild aus dem mühseligen Leben unserer Bergbewohner entrollte uns Georg Burger von Talein. Er wohnte im Winter mit seinem fieberkranken Vater da oben, und während fünf Wochen legte der treue Sohn alltäglich den vier Stunden weiten Weg nach Chur zurück und kehrte wieder, um dem Arzt Bericht zu erstatten und Instructionen entgegenzunehmen.

Die Matten von Martschellis liegen am steilen, trockenen Südhang ( 48% mittleres Gefäll ); der Rasen ist auch hier sehr complicirt zusammengesetzt: wir zählten 70 Arten, davon 48 auf dem Raum eines Quadratfußes. Die vorherrschende Art im Rasen ist die immergrüne Segge ( Carex sempervirens ) mit 12.79%; ihr schließt sich, ebenfalls ein Zeichen trockener Lage, die stengellose Eselsdistel ( Carlina acaulis, Wetterdistel, Eberwurz ) mit 1.05% an. Von Gräsern linden wir niederliegenden Dreizahn ( Danthonia decumbens ), mittleres Zittergras ( Briza media ), Wiesenhafer ( Avena pratensis ) und Kammschmiele ( Koeleria cristata ), als Beweis dafür, daß der Rasen ungedüngt ist. Bemerkenswerth ist der Reichthum an Schmetterlings-blüthlern ( 7 Arten ) und an Körbchenblüthlern ( 13 Arten)1 ).

Die Weide des Säßli geht nach oben allmälig wieder in Wald über; einzelne Vorposten des letztern stehen als Schirmbäume auf der Weide; daß das Vieh häufig unter ihnen weilt, erkennt man an dem unten in Viehhöhe wie abgeschnittenen Ansatz der Krone.

Der Alpweg führt uns weiter durch den Wald über zwei Bachrunsen, die ihre Natur als Lawinenzüge deutlich genug daran zeigen, daß sie wie ausgefegt erscheinen; nur die biegsamen Ruthen der Alpenerlen und einiger Weiden vermögen den alljährlichen Lawinendruck zu ertragen. Die Lawinen richten übrigens auf der Alp keinen weiteren Schaden an, da sie meist ihren Weg durch solche Bachrunsen einschlagen.

Auffallend ist auf den Weißtannen dieser Strecke ( circa 1500 m; es sind die obersten ) die Häufigkeit der „ Hexenbesen ", jener durch einen 1 ) Eine vollständige Darstellung dieser Wiesen-Analyse findet sich in unserem Werk: „ Die Alpenfutterpflanzen ", Seite 57.

F. G. Stebler und C. Schröter.

Rostpilz ( Aecidium elatinum ) verursachten besenartigen Abnormität des Wuchses; es sitzen gleichsam kleine, durch den Pilz gelblich gefärbte buschige Tännchen den Aesten auf. Noch ein anderer Rostpilz, der auch sonst in den Gebirgswäldern viel Schaden anrichtet, tritt hier häufig auf: es ist das der Goldschleim der Alpenrose ( Chrysomyxa Rhododendri ), der in einer Form die Alpenrose, in einer andern die Fichte bewohnt, deren Nadeln er goldgelb färbt. In dieser Höhe, bei 1500 m, beginnt gewöhnlich bei unserem ersten Besuch auf der Alp ( Ende Juni ) die Fichte zu treiben, also zwei Monate später als in Zürich bei 460 m.

Wir haben hier auch das Gebiet der Alpenrose betreten. Zunächst ist es nur die bewimperte ( von ca. 1500 m an ); etwa 80 m höher, gerade über dem Alpgatter bei 1657 m, tritt auch die rostrothe hinzu und überall, wo beide vorkommen, findet sich auch der Bastard, das Kreuzungsprodukt ( Rhododendron intermedium Tausch ); überall tragen die alten Blätter auf der Unterseite die gelben Flecken des schon erwähnten Pilzes Chrysomyxa Rhododendri.

Allmälig lichtet sich der Wald und an seine Stelle treten vereinzelte, stark zerzauste Gebirgsfichten 1 ) von beinahe cylindrischer Gestalt und mit kurzen hängenden Aesten: das typische Bild dessen, was Wind und Schneedruck aus der Fichte machen ( siehe das Lichtdruckbild bei pag. 80 ). Die Waldgrenze ist hier zweifellos keine natürliche, sondern durch die künstliche Ausdehnung der Weide auf Kosten des Waldes bedingt; denn gute 60 m oberhalb jener Grenze steht noch an demselben Hang ein kräftiges Einzel-exemplar; zahlreiche noch gut erhaltene Wurzelstöcke ziehen sich weit am Hang empor, und auf den Gräten des Faulenbergs steigt am Nordwesthang die Fichte bis weit über die Alp ( bis etwa 1860 m ). Die Halde, an der wir jetzt zur Alp emporsteigen, ist genau nach Norden exponirt; am benachbarten Westhang, wo die Verhältnisse ungestört blieben, geht der zusammenhängende Wald bis circa 1900 m, und von da steigen auf den Gräten und Rücken die Vorposten erst in stattlichem, dann in verkümmertem Wuchs bis zur Grathöhe, circa 2130 m. Besonders schön ist das bei frischgefallenem Schnee zu sehen, der zuerst wieder an der Tanne abschmilzt; da sieht man dann die schwarzen Reihen wie Tirailleure die Gräte erklettern. Auch auf den Felsabstürzen gegen das Rheinthal steigen am Westhang hochstämmige Fichten bis 1890 m ( so am Schänzli, einem nach Westen vorspringenden Felskopf auf der Fürstenalp ), auf der nach Süden gerichteten grasigen Halde an demselben Kopf dagegen ist, wohl wegen der starken Föhnwirkung, der Baumwuchs ein spärlicher.

1 ) Es ist das aber nicht die bündnerische „ Alpenfichte " ( Picea excelsa Lk. var. alpestris Brügger = medioxima Ngl .), welche durch vorn gerundete Zapfenschuppen und weißlich bereifte Nadeln sich von der gewöhnlichen Fichte unterscheidet, sondern nur eine Standortsform der letztern.

Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

Doch unterdessen sind wir der Hütte genaht; sie wird uns lange vorher schon angekündigt durch die Colonien von Ammoniakpflanzen, Blacken und Bohnern ( Rumex alpinus und Senecio cordifolius ), wie sie die Lagerplätze des Viehs bezeichnen; ein langer, thalab gerichteter Streifen solcher Nichtsnutze zeigt uns den Weg, den der verschwemmte Dünger zu nehmen pflegt.

Endlich grüsst uns der stattliche Giebel der gastlichen Sennhütte. Das Gehänge breitet sich hier zu einer kleinen Terrasse aus; nach Südosten erheben sich über ihr die kahlen, von wilden Schluchten durchfurchten Steilabfälle des Faulenbergs, aus dunkelm, faulem Schiefer aufgebaut, nach Süden ziehen sieh weite Weideflächen gegen den vom Faulberg ins Rheinthal sich hinabsenkenden „ Schänzligrat " empor, hinter dem das Obersäß liegt. DerWeg zum letztern führt als breiter ( nur zu breiter !) brauner Streifen allmälig zum Schänzligrat hinauf. Wenden wir unsere Blicke nach Westen und Nordwest, so erfreut uns eine herrliche Aussicht; gerade gegenüber entsteigen die waldbeschatteten und mattenbegrünten Abhänge des massigen Calanda der Rheinebene, gekrönt von kahlen Felsgipfeln; es folgen die vielzackigen Grauen Hörner; im Hintergrund schneidet die Säge der Churfirsten in den Abendhimmel und glänzt der Schnee des Säntis. Durch die weite Alluvialfläche wälzt der Rhein seine trüben Fluthen, bis er hinter dem Fläschberg um die Ecke biegt. Das freundliche Maienfeld grüßt sonnenbeglänzt zu uns herauf; hinter ihm thürmt der vielgipflige Falknis seine Felsmassen; weiter nach rechts schließen die bewaldeten Ausläufer des Valzeinergrats die Aussicht ( siehe pag. 80 und 87 ).

Sehen wir uns nun das Versuchsfeld etwas näher an! Es wurde auf dem „ Lägerboden " bei der Hütte erstellt. Das „ Lager " ist ein mehrere Jucharten großer Complex auf der Nord- und Ostseite der Hütte. Das Vieh kommt hier Tags zweimal zusammen und hält sich häufig auch Nachts da auf. Dadurch ist der Boden vom reichlich abfallenden Dünger durchsetzt, überdüngt. Die große Ausdehnung des Lägers rührt zum Theil daher, dass der Dünger mit Hülfe des Baches verschwemmt wurde und sich stellenweise stark ablagerte. Die Folge davon ist, wie überall auf ähnlichen Plätzen der Alp, daß sich ein üppiger Bestand von „ Ammoniakpflanzen " angesiedelt hat, d.h. von Arten, welche einen stick-stoffreichen Boden lieben.

Es gibt unter der Flora der Alpweiden zahlreiche solche Arten, zum Theil selbst gute Futterkräuter. Aber an einer Stelle, wo das Vieh so häufig sich zusammenfindet, können sich auf die Dauer nur Arten halten, die nicht gefressen werden. In der That besteht denn auch die Lägerflora stets aus theils giftigen, theils vom Vieh sonst gemiedenen Arten.

Der kräftige Boden bedingt eine üppige Entwicklung; hohe schattende Arten werden deshalb leicht die niedrigen verdrängen; so erklärt sich F. G. Stebler und C. Schröter.

Calanda.

Graue Hörner.

Churfirsten.

Säntis.

Die Fürstenalp ( 1782 m ) mit dem Versuchsfeld ( gezeichnet von L. Schröter ).

der förmliche Staudenwald, der das Läger gewöhnlich bedeckt. Unter andern Bedingungen, wie z.B. auf hohen Berggipfeln mit starker Windwirkung, kommen die niedern Arten mehr zur Geltung; so ist z.B. das Schafläger auf dem Gipfel des Hochwang ( 2565 m ) nur mit Alpenrispengras ( Poa alpina ) bewachsen. Die Lägerflora des Untersässes der Fürstenalp besteht vorzugsweise aus drei Arten: der Blacke ( Rumex alpinus ), der Bohnern ( Senecio cordifolius ) und dem Eisenhut ( Aconitum Napellus ). Neben diesen finden sich noch in spärlicher Zahl der gute Heinrich ( Chenopodium bonus Henricus ), Wald-Sternmiere ( Stellaria nemorum ), Meisterwurz ( Imperatoria Ostruthium ), Nessel ( Urtica dioica ).

Zur Blüthezeit der Böhnern oder Bluzge, die am häufigsten vorkommt, erscheint das ganze Läger als ein Blumengarten, schon von Weitem gelbschimmernd. Die Pflanze hat ein kräftiges Rhizom, aus dem eine grosse Zahl büschelweise zusammenstehender, bis über einen Meter hoher Stengel entspringen, mit breiten, herzförmigen Blättern und einer Doldenrispe gelber Köpfchen. Zur Fruchtzeit entwickeln sich mit einem Haarschopf versehene und deshalb sehr flugfähige Früchtchen, welche eine rasche Ausbreitung der Pflanze bewirken. Auch die Blacke ( Rumex alpinus ) hat einen sehr stark entwickelten, horizontal kriechenden, bis Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

C. Schröter gez.

Maienfeld.

Martschellis.

0 = Cyprianspitz.o = Kamm. V = Vorder-Jcninseralp.

Gl = Gleckwand.Gleckkamm. M= Mittel- Jeninseralp.

F = Hoch-Furnias.Fl = Fläscheralp.

J = Jenins. B = Berg.

Fa = Fadella.

über daumendicken Wurzelstock. Er geht am Ende in einen bis meterhohen Schaft aus, der von langgestielten mächtigen Wurzelblättern begleitet ist. Der braune Fruchtstrauß setzt sich aus Früchten zusammen, die durch die bleibende Blüthenhülle mit einem dreiflügligen Flugapparat versehen werden. Die Blacke entwickelt im Frühjahr sehr rasch ihre stark schattenden Blätter und verdrängt dadurch leicht andere Concurrenten. Schon am 5. Juni, kurz nach Beginn der Vegetationsperiode, maßen wir Blätter von 40om Länge mit einer Spreite von bis 18cm Länge und Breite; Anfang Juli blüht sie, Ende Juli steht sie in Frucht. Nach dem Schnitt wächst sie äußerst rasch nach; am 9. August geschnitten, war sie am 12. September schon wieder 30cm hoch.

Das Vieh berührt weder Blacken noch Bluzgen, noch den weniger häufigen giftigen blauen Eisenhut. Höchstens das Schwein kaut hie und da ein Blatt der Blacke ab. Die Lägerflora ist also eine absolute Unkrautflora. Wohl wird in vielen Bündner Bergdörfern die Blacke sogar in besonderen „ Blackengärten " gepflegt und zu Schweinefutter für den Winter eingekocht; aber hier auf der Alp hat man sie nicht nöthig, sie versperrt also nur bessern Kräutern den Platz.

F. G. Stehler und C. Schröter.

Ein Theil des Terrains wurde mit einer soliden Trockenmauer umgeben, der Boden mit dem Karst umgebrochen, die Unkräuter möglichst sorgfältig entfernt und das Feld hierauf, wie unten beschrieben, bestellt.

Neben dem Versuchsfeld befindet sich die Sennhütte mit den zugehörigen Stallgebäuden; dieselbe war anfänglich in drei Abtheilungen getheilt: Käseküche, Milch- und Käsekeller; über letzterem befindet sich ein Lager von Heu für den Senn und die Hirten. Ein eigentlicher Wohnraum fehlte. Die Versuche machten es aber nöthig, daß wir während der Vegetationsperiode öfters mehrere Tage oben zubringen mußten. Zu diesem Behufe mußten wir das Lager mit den Sennen theilen und bei Regenwetter unsere Arbeiten in der dunklen Käseküche ausführen.

Diesem Uebelstande abzuhelfen, wurde im Jahr 1885 ungefähr 2/5 der Käseküche abgetheilt und hier ein Arbeitszimmerchen mit einem Ofen, zwei Tischen und zwei Schränken eingerichtet. Ueber demselben wurde zugleich ein Schlaflocal mit vier Pritschen errichtet, so daß für ein bescheidenes Unterkommen gesorgt ist.

Nun waren die Verhältnisse erträglich. Das Leben ist aber stets sehr einfach. Das Menu bietet wenig Abwechslung: Milch und wieder Milch, Mittags etwa ein Reisbrei oder ein „ verstupfter Tatsch ", in goldgelber Butter schwimmend, oder „ Bazoggl ", oder Polenta, als Delicatesse etwa geschlagener Rahm; wir befanden uns aber stets wohl dabei und hätten nicht mit der besten Hôtelkost getauscht.

Seit Errichtung des Versuchsfeldes haben wir nun alle Jahre unter drei bis fünf Malen ( Juni bis September ) kürzere oder längere Zeit hier zugebracht, im Ganzen wohl vier Monate. Gelangweilt haben wir uns da oben nie; das Leben in dieser alpinen Einsamkeit, umgeben von den einfachen, treuherzigen Aelplern, hat für den naturliebenden und naturforschenden Menschen einen ganz eigenen Reiz. Mit Wehmuth scheiden wir jeweilen im September von dem uns lieb gewordenen Fleck Erde, mit Jubel begrüßen wir ihn im Juni wieder. In allen Wechselfällen des oft so launenhaften Alpenwetters haben wir die Alp gesehen, sei es, daß der Glanz der Alpensonne Alles verklärte, sei es, daß der heulende Sturm die Hütte in allen Fugen erschütterte und der Regen oder Hagel mit klingendem Geprassel auf dem Holzdach trommelte, sei es, daß wirbelnder Schnee seine weiße Decke über die Weide legte, die das hungernde Vieh brüllend zerstampfte. Wie manchen Abend saßen wir mit den Hirten „ um des Lichtes gesellige Flamme " geschaart und besprachen die Ereignisse ihres Lebens oder schöpften aus dem reichen Schatze ihrer Erfahrung-oder lasen ihnen eine volksthümliche Erzählung vor. Der Tag bringt uns Arbeit in Hülle und Fülle; da wird gegraben, gepflanzt, gesäet, gemessen, gezählt, gewogen, getrocknet, gesammelt, sortirt, geschnitten, notirt, mikroskopirt, gezeichnet, gemalt, beschrieben, gerechnet, verpackt, versandt!

Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

Nachts war es oft unheimlich, denn die Fürstenalp steht in schlechtem Ruf: ein Gespenst, genannt der „ Holzschuhma ", geht dort um! Es ist der Geist eines frühern ungetreuen Alpverwalters, der jetzt, von Reue getrieben, die gestohlenen Käse, einen nach dem andern, Nachts wieder in den Käsekeller zurückbringt, begleitet von zwei großen Hunden mit feurigen Augen. Die Sennen glauben steif und fest daran. Clubgenosse L. S. hörte sie einst Nachts bei Sturm und Unwetter ganz befriedigt vor sich hinmurmeln: „ So, hüt z'Nacht kunnt der Holzschuhma nüt; er förchtet si vor de Rüfene !" und ihre Bewunderung vor dem Muth des Genannten war grenzenlos, als er mehrere Wochen im Untersäß ganz allein schlief, während die Sennen das Obersäß befuhren; das hätte Keiner gewagt! Selbst die Einsegnung der Alp, die der Pfarrer von Trimmis bei jeder Alpfahrt vornimmt, und der allabendliche Segensspruch Peters erweisen sich machtlos gegen das Gespenst: es treibt sein Wesen nach wie vor. Die rentable Seite dieses Geisterspuks, die zurückgebrachten Käse, ist freilich so wenig reell, wie die andere.

Mehrmals hatten wir das Vergnügen, Fachmänner auf der Alp zu begrüßen, welche sich für die Versuche interessirten; wir nennen folgende Ausländer: Herren Dr. Ritter v. Weinzierl, Vorstand der Samen-Control-station in Wien: C. Fruwirth, Professor in Mödling bei Wien; C. Pirc, Secretär der Landwirthschaftsgesellschaft für Krain, in Laibach; Gustav Hickler, junior, in Darmstadt; Graf Platz in Salzburg.

Dann war das Versuchsfeld zu wiederholten Malen das Ziel von Excursionen, so z.B. der Section Uto des S.A.C. und mehrmals von Schülern des eidgenössischen Polytechnikums. Es wurde ferner als Station zum Malen von Alpenblumen und von einem Studirenden der Landwirthschaft zu längerem Aufenthalt behufs Studium der Alpenflora und Alpwirthschaft benutzt.

Was wir da oben zunächst trieben und zu erreichen strebten, läßt sich ungefähr folgendermaßen zusammenfassen:

1. Studium des Verhaltens der wichtigsten Futterpflanzen der Ebene bei ihrer Cultur auf der Alp.

2. Versuche über die Anlegung alpiner Kunstwiesen auf Lägerbodeu durch Aussaat von Grasmischungen.

3. Studium der wichtigsten alpinen Futterpflanzen nach ihrem Futter-werth, ihren Lebensbedingungen, ihrer Entwicklungsweise und Culturfähigkeit.

4. Studium der natürlichen Flora des Fürstenalpgebietes, besonders seiner Weiden, Heuberge und Wildheuplanken.

5. Meteorologische Beobachtungen.

6. Phänologische Beobachtungen über die Verspätung des Blühens und der Fruchtreife mit dem Aufsteigen im Gebirge.

F. G. Stebler und C. Schröter.

Als unsere Hauptaufgabe betrachteten wir, durch Versuche darzuthun, ob und wie die Anlage einer künstlichen Dauerwiese auf dem überdüngten Lägerboden sich in der Praxis durchführen läßt. Daß Alpmatten ein dringendes Bedürfniß sind, das wurde schon seit Langem von den Organen des alpwirthschaftlichen Vereins immer und immer wieder betont. Ein auf solchen Alpwiesen ( und eventuell auf Wildheuplanken ) gewonnener Heuvorrath ist für jede höher gelegene Alp eine Nothwendig keit, um die Thiere bei Schneefällen, in Krankheitszeiten, zur Zeit der Rinderigkeit und in manchen Fällen auch bei anhaltend nassem und kaltem Wetter im Stall füttern zu können. Der schweizerische alpwirthschaftliche Verein hat denn auch zur speciellen Förderung dieser Anlagen seit 1885 Prämien für Alpmatten ausgesetzt. Im Jahr 1885 kamen die Kantone Graubünden, St. Gallen, Appenzell an die Reihe; von den circa 1000 Alpen dieser drei Kantone aber haben sich nur 20 zur Prämienconcurrenz angemeldet, ein Fingerzeig, wie nöthig hier ein weiteres Vorgehen ist.

Daß wir gerade den überdüngten Lägerboden für diese Versuche wählten, hatte einen zweifachen Grund; einmal war vorauszusehen, daß hier die Culturen am ehesten gelingen würden, und zweitens schien es uns von Wichtigkeit, den Versuch zu machen, ob nicht das gewaltige Düngercapital, das in diesen wahren Guanolagern der Läger seit Jahrhunderten brach ruht, für die Alpwirthschaft zinstragend zu machen sei. Wohl sind Läger oder ebene Stellen, wo das Vieh ruht und wo es bei der Hütte sich zum Melken zusammenfindet, eine Nothwendigkeit; aber dafür genügt in der großen Mehrzahl der Fälle ein kleiner Theil der jetzt mit der ertraglosen Ammoniakflora überzogenen Flächen. Wenn auch nur der überflüssige Lägerboden nutzbar gemacht wird, so würden auf den circa 5000 Alpen der Schweiz 1 ) mindestens ebenso viel Jucharten des besten Bodens der Cultur dienstbar gemacht werden können.

Die Versuche über künstliche Wiesenanlagen wurden in doppelter Weise ausgeführt: erstens wurden die hiebei in Frage kommenden Arten von Futterpflanzen der Ebene einzeln auf Beete ausgesäet, um ihr Verhalten kennen zu lernen, und zweitens wurden gleichzeitig auf zehn Parzellen von je einer Are Fläche neun verschiedene Grasmischungen und eine Reinsaat ausgesäet, die aus den wichtigsten der einzeln cultivirten Arten bestanden und natürlich auf 's Gerathewohl combinirt wurden, da uns keinerlei Erfahrungen über das Gedeihen der einzelnen Arten unter den vorliegenden Bedingungen zu Gebote standen. Wir haben absichtlich nicht erst die Resultate der Einzelculturen abgewartet, um die Mischungen darnach zu combiniren, weil wir so schneller zum Ziel gelangten und vielseitigere Erfahrungen machen konnten.

1 ) Die schweizerische Alpstatistik von 1864 zählt zwar nur 4559 Alpen, ist aber unvollständig. Ganze große Bezirke und Thäler fehlen ( Niedersimmenthal, Eringerthal, Eifischthal ).

Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.Bei den Einzelculturen der Ebenenpflanzen stellte sich Folgendes heraus:

Es gibt eine Reihe von Futterpflanzen der Ebene, die auch in ihrer natürlichen Verbreitung in die alpine Region steigen. Von diesen gedieh eine große Zahl in den Culturen gut, auch wenn man zur Aussaat Samen aus der Ebene verwendete. Wir nennen: den dichtrasigen Rothschwingel ( Festuca rubra var. fallax ), dessen Beete seit 1884 bis jetzt von einem bürstendichten, feinblättrigen Rasen überzogen sind, der kein Unkraut zwischen sich aufkommen läßt; auch das Wiesenrispengras ( Poa pratensis ), der Wiesenschwingel ( Festuca pratensis ), das Fioringras ( Agrostis alba ), Goldhafer ( Trisetum flavescens ), Kammgras ( Cynosurus cristatus ), und von den Kräutern der Kümmel ( Carum Carvi ) und die Schafgarbe ( Achillea millefolium ) haben sich gut bewährt.

Eine Anzahl Arten, die in ihrer natürlichen Verbreitung mit den eben genannten übereinstimmt ( d.h. auch spontan in die Alpen steigt ), zeigte sich insofern verschieden, als die aus der Ebene stammenden Samen keine winterharte Saat lieferten, wohl aber die auf den Alpen gesammelten. Hier hat also die Pflanze durch die natürliche Acclimatisation auf der Alp eine erbliche Eigenschaft erlangt, die sie vorher nicht besaß: die Fähigkeit, das Alpenklima zu ertragen; sie hat gleichsam eine alpine klimatische Abart gebildet. So verhielt sich der gewöhnliche Rothklee ( Trifolium pratense ). Die Culturen, die aus Samen der Ebene stammten, gingen bald zu Grunde; ausdauernd zeigte sich dagegen der Klee, dessen Samen auf der Fürstenalp selbst und den Schanfigger Heubergen gesammelt wurde. Analoges Verhalten zeigt das Knaulgras ( Dactylis glomerata ).

Aber auch eine Anzahl entschiedener Ebenenpflanzen, die in ihrer spontanen Verbreitung nie bis zur Baumgrenze gehen, zeigten auf dem düngerkräftigen Boden ein gutes Gedeihen. Darunter war namentlich eine Grasart, deren überraschend üppiges, alle andern übertreffendes Gedeihen sie als die werthvollste Acquisition für die Wiesencultur der Alpen erkennen läßt: es ist das der Wiesenfuchsschwanz ( Alopecurus pratensis ). Die Saat ( 15. Juli 1884 ) keimte bürstendicht, überwinterte ausgezeichnet und entwickelte sich im folgenden Jahre überraschend schnell und schön: schon am 26. Juni 1885 begann das Gras zu blühen, am 1. August stand das ganze Beet mit 1 m hohen Halmen in voller Blüthe und lieferte beim Schnitt am 10. August einen Ertrag von 7.8 kg. ( von 4 m2 ). Im dritten Jahre hatten sich am 12. Juli die lm hohen blühenden Halme gelagert; am 20. Juli wurde das Gras geschnitten ( Ertrag 11.7 kg. ); drei Wochen später, am 12. August, war es schon wieder in 40 bis 50cm hohe Halme geschossen und blühte am 10. September zum zweiten Male auf 80cm hohen Halmen. Die Pflanze ist also vollkommen winterhart, ausdauernd und liefert große Erträge und einen starken Nachwuchs für den zweiten Schnitt; da sie sehr früh blüht und fruchtet, so fallen die Samen zum Theil vor der Heuernte aus, und die Pflanze vermehrt sich von selbst in F. G. Stebler und C. Schröter.

beträchtlichem Maße. Uebrigens zeigt die Species auch durch ihre große Verbreitung in Nordeuropa und ihre frühzeitige Entwicklung in der Ebene, daß sie mit geringen Wärmemengen auszukommen vermag.

Am nächsten steht dem Wiesenfuchsschwanz das Timothegras ( Phleum pratense ), trotzdem es in der Ebene sich sehr spät entwickelt; es ist aber etwas weniger winterfest. Auch das in der Ebene an Bachufern und feuchten Niederungen vorkommende Rohrglanzgras ( Phalaris arundinacea ) erwies sich als vollkommen acclimatisationsfähig. Aehnlich noch sieben weitere Arten.

Andere Pflanzen der Ebene, und zwar gerade solche, die hier eine Hauptrolle bei Wiesenaussaaten spielen, haben sich untauglich gezeigt, indem sie schon im ersten Winter größtentheils zu Grunde gingen. Hieher gehören vor Allem die drei Raygräser und die Luzerne.

Die Versuche mit den Grasmischungen wurden folgendermaßen ausgeführt: Nachdem der Boden im Juni 1884 umgehackt und von Unkraut gereinigt war, wurden die zu besäenden zehn Parzellen mit nur 50 kg. Knochensuperphosphat gedüngt und darauf angesäet.

Die Saatmischung war folgendermaßen zusammengesetzt:

Ausgesäete Arten.

1. Trifolium pratense,Rothklee.

2. Trifolium repens,Weißklee.

3. Trifolium hybridum,Bastardklee.

4. Arrhenatherum elatius, Französisches Raygras.

5. Lolium italicum,Italienisches Raygras.

6. Lolium perenne,Englisches Raygras.

7. Phleum pratense,Timothe.

8. Dactylis glomerata,Knaulgras.

9. Festuca pratensis,Wiesenschwingel.

10. Trisetum flavescens,Goldhafer.

11. Alopecurus pratensis,Wiesenfuchsschwanz.

12. Cynosurus cristatus,Kammgras.

13. Poa pratensis,Wiesenrispengras.

14. Medicago sativa,Luzerne.

Vertheilung auf die Parzellen.

Parzelle I Art-Nummer.

1.

"

II 1, 2.

"

III 1, 2.

"

IV 1, 3, 5, 6.

"

V 1, 2, 3, 4, 5, 6.

"

VI 1, 2, 3, 4, 5, 6, 8, 14.

"

VII 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8.

"

VIII 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10.

"

IX 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11.

"

X 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8. 9, 10, 11, 12, 13.

Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

Die Samen keimten schön und gleichmäßig; Anfangs September 1884 verließen wir die Saaten in vielversprechendem Zustand. Ganz anders aber sah es im Juni 1885 aus. Ganze Parzellen, namentlich die ersten fünf mit den Raygräsern und dem Rothklee besäeten, waren mit den gebleichten Leichen der unter der langen Schneebedeckung zu Grunde gegangenen Saaten völlig, stellenweise filzartig bedeckt.

Am besten haben sich die complicirten Mischungen bewährt, einfach deshalb, weil sie eine Anzahl winterharter Arten ( Kammgras, Timothe, Goldhafer, Wiesenrispengras und namentlich Wiesenfuchsschwanz ) enthielten.

Die Parzellen IX und X lieferten folgende Heuerträge in Kilogrammi:

1885. 1886. 1887. 1888. 1889. 1890. Parzelle X.. 50.5 94.5 92.5 56.5 55 29.75 Parzelle IX.. 4171.8 8151.5 50 35 Es haben also diese Parzellen in den Jahren 1886 und 1887 Erträge abgeworfen, die dem einer guten Naturwiese im Tiefland entsprechen, und das auf einem vorher absolut ertraglosen Boden. Daß sie seither im Ertrag stetig zurückgingen, ist zum Theil den schlechten Jahrgängen, zum Theil aber auch dem Umstand zuzuschreiben, daß die Composition der Mischungen eben noch nicht die bestmögliche war. Mit der neuen, auf die hier gewonnenen Resultate gegründeten Mischung wird sicher eine größere Constanz der Erträge erreicht werden. Wir geben nun, gestützt auf unsere Erfahrungen, folgende Vorschrift für die Ansaat alpiner Kunstwiesen auf Lägerboden:

1. Der Lägerboden ist umzubrechen, möglichst von Wurzeln und Steinen zu reinigen und zu verebnen. Zweimalige Beackerung ist zu empfehlen, wo der Pflug anwendbar ist.

2. Die umgebrochene Fläche ist, wenn nicht natürlich abgegrenzt, mit einem soliden Zaun zu umgeben.

3. Im ersten Jahr ist in niederen Lagen, etwa bis 1600 m, eine Hackfrucht, in höhern weißer Senf anzubauen, um die Unkräuter zu verdrängen.

4. Nach Aberntung dieser Vorfrüchte wird der Boden nochmals beackert und 5. im kommenden Frühjahr mit folgender Mischung per Juchart ( 36 Aren ) besäet:

Wiesenfuchsschwanz152.5 kg.

Timothe151.8 „ Rothschwinge120 ,,4.5 „ Wiesenschwinge152 „ Wiesenrispengras101.8 „ Uebertrag 6512.1 kg.

F. G. Stebler. und C. Schröter.

Uebertrag6512.1 kg.

Fioringras100.7

Goldhafer 51Rohrglanzgras 50.8Bastardklee 50.5Gemeine Schafgarbe 50.8Kümmel 50.8Zusammen 10016.2 kg.

Die Procentzahlen beziehen sich auf das Saatquantum bei Einzelsaat der betreffenden Art.

Daß in diesem Vorschlag lauter Ebenenpflauzen figuriren, hat seinen Grund darin, daß bis jetzt Samen von Alpenpflanzen im Handel nicht erhältlich sind. Sollten solche in größerer Menge gesammelt werden können, so empfehlen sich besonders folgende Arten zur Aussaat: Muttern ( Meum Mutellina ), kalte Berglinse ( Phaca frigida ), dunkler Süßklee ( Hedysarum obscurum ), gemeiner Thaumantel ( Alchemilla vulgaris ), Alpenlieschgras ( Phleum alpinum ), Alpenrispengras ( Poa alpina ), schöner Schwingel ( Festuca pulchella ), violetter Schwingel ( Festuca violacea ) und violettes Rispengras ( Poa violacea ).

Auf einem im Jahre 1888 neu umgebrochenen und zum Versuchsfeld zugeschlagenen Stück des Lägers von vier Aren Flächeninhalt haben wir nach diesem Recept eine Kunstwiese angelegt, mit dem einzigen Unterschied, daß statt 5% Schafgarbe 10% und statt 15 %Wiesenfuchsschwanz 10% in der Mischung sind1 ). Es wurde als Vorfrucht weißer Senf eingeschoben, der durch seinen dichten Stand, rasche Entwicklung und starke Beschattung des Bodens das Unkraut unterdrückt. Am 25. September wurde er geschnitten und am 8. Juli 1889 die Grasmischung angesäet. Sie hat sich trefflich bewährt, stand am 20. Juni 1890 bürstendicht, mit einer Durchschnittshöhe des Rasens von 30 bis 35cm, und Halmen des Wiesenfuchsschwanzes von 40 bis 50cm Höhe; sie ließ kaum ein Unkraut aufkommen und lieferte am 15. Juli einen Ertrag von 237.25 kg Heu im ersten Schnitt; am 19. September war das Gras, trotz des starken Schneefalls vom Ende August, wieder 30 bis 35cm hoch, und wir heimsten sogar von der Hälfte derselben einen zweiten Schnitt ein ( 107.25 kg. grün ).

Das verhehlen wir uns keineswegs: der schlimmste Feind dieser Grassaaten auf fettem Boden ist auf den Alpen, wie in der Ebene, das Unkraut. Es ist erstaunlich, mit welcher Raschheit und Ueppigkeit das Unkraut auf manchen schlecht bestandenen Beeten sich entwickelt. Auf einem speciell für diese Untersuchung reservirten Beet von 1 m2 Fläche zählten wir jährlich einige Male die spontan auftretenden Keimpflanzen, 1 ) Wir sehen uns zu obigem Abänderungsvorschlag veranlaßt, weil die Mischung nun etwas zu viel Schafgarbe enthält.

Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

um ein Bild zu erhalten von der natürlichen Ansaat. Wir fanden 1888 225 Pflänzchen, 1889: 182, 1890:455, im Ganzen also keimten im Laufe dreier Sommer 862 Samen auf dem Raum eines Quadratmeters.

Es sind neben den oben erwähnten Blacken ( Rumex alpinus ) namentlich einige niedrige einjährige Arten, mit denen wir so zu kämpfen hatten, daß die Einzelbeete alle vier Wochen wieder frisch gejätet werden mußten. Die ausdauernde Alpenform des einjährigen Rispengrases ( Poa annua L. var. supina Schrader ) war im Stande, in dieser Zeit ( vier Wochen ) die Beete mit einem geschlossenen Filz zu überdecken; ebenso die Waldsternmiere ( Stellaria nemorum ), von der wir einmal 290 Keimpflanzen auf dem Quadratfuß zählten.

Auf dem 1889 neu dazu gekommenen Stück des Versuchsfeldes macht uns auf den wenig besetzten Beeten der Einzelculturen merkwürdigerweise ein Lebermoos ( Marchantia polymorpha ) als Unkraut viel zu schaffen; es bedeckt mit seinem blattartigen, verzweigten, dem Boden fest angedrückten Thallus ganze Beete und ist im Stande, durch langsames Vorwärtsschieben des Thallus junge Culturpflänzchen umzuknicken und so zu vernichten.

Daß aber ein ganz dichter, lückenloser Bestand auch diese so enorm expansionsfähige Gesellschaft abhalten kann, das lehren zahlreiche, gut besetzte Einzelbeete, sowie die neu angelegte Kunstwiese.

Es scheint uns also das Problem insoweit gelöst, daß wir der Praxis empfehlen können, nach unserem Verfahren Alpmatten auf Lägerboden einzurichten. Die Kosten für Umbrechen und namentlich für Einzäunung sind zwar nicht unbedeutend; aber eine sorgfältige Rechnung zeigt, daß doch ein Reinertrag erzielt werden kann.

Auf das Betreiben des verdienstvollen Alpfachdirectors der Stadt Chur, Hrn. Nationalrath M. Risch, wurde auf den Churer Alpen bei Arosa, und zwar bei der „ Hintern Hütte " auf dem Lägerboden, eine solche Kunstwiese im Jahr 1889 angesäet, die 1890 einen sehr schönen Stand zeigte.Vivant sequentes!

Als zweite Hauptaufgabe stellten wir uns das Studium der wichtigsten Alpenfutterpflanzen. Es werden gegenwärtig auf der Alp etwa 300 Arten von Wiesenpflanzen der Alpen auf Einzelbeeten cultivirt; über ihre Entwicklung, Blüthezeit, Fruchtzeit etc. werden regelmäßig Notizen gemacht; von den wichtigsten wurde das Heu chemisch analysirt und ihre Tauglichkeit als Zusatz zu Grasmischungen für Alpwiesen untersucht. So lieferte uns das Versuchsfeld zahlreiche Daten für das oben erwähnte Buch über die Alpenfutterpflanzen. Es würde zu weit führen, hier auf Einzelnes einzutreten; vielleicht kommen wir später einmal auf dieses Thema zurück.

Weiter haben wir uns bemüht, die Flora der Weiden, Heuberge und Wildheuplanken im Fürstenalpgebiet namentlich nach ihrer procentischen F. G. Stebler und C. Schröter.

Zusammensetzung hin zu studiren. Um die letztere genau kennen zu lernen, schnitten wir jeweilen an Stellen von mittlerer Zusammensetzung einen Rasenziegel von einem Quadradfuß Fläche heraus und sortirten das, was darauf wuchs, nach Arten; später wurde jede Art in trockenem Zustande gewogen und so ihr procentischer Antheil ermittelt.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Gesammtleben dieser alpinen Wiesen!

Welch ein harmonisches Bild, ein Schauspiel des tiefsten Friedens, der freundlichsten Eintracht gewährt eine solche Pflanzenfamilie, die mit ihrem blumenbesternten Teppich unser Auge erfreut! Aber auch die harmlosen Kinder Floras entgehen nicht dem unerbittlichen Loose der Natur, dessen Erfüllung den Keim zu allem Elend, aber auch zu allem Fortschritt in sich trägt: Kampf, erbitterter, unausgesetzter, erbarmungsloser Kampf um die Existenz! Die bunte Mischung des Pflanzenteppichs ist nicht das Resultat des Zufalls, wo jeder Ankömmling seinen zufällig erworbenen Platz behält, der ihm von andern gegönnt wird: nein, sie ist ein veränderlicher Gleichgewichtszustand, in welchem jeder Mitbewerber für sich allein das Terrain besetzen möchte; der momentane Besitzstand eines jeden ist nur das Resultat seiner Zurückdrängung durch andere, der momentane Ausdruck dafür, wie weit die Art unter den herrschenden Bedingungen im Stande ist, ihr Terrain gegen die von allen Seiten ein-stürmende Concurrenz zu behaupten oder auf Kosten derselben auszudehnen. So ist für jeden Fleck des Weidebodens, für jede bestimmte Combination der Bedingungen: Nährstoffmengen, Feuchtigkeitsvorrath, Bindigkeits-grad, Wärme- und Lichtzufluß und, last not least, Bedrohung durch den Zahn des Viehes im Laufe der Jahrhunderte, eine bestimmte Combination herangezüchtet worden, welche der größtmöglichen Ausnützung der gebotenen Vegetationsbedingungen entspricht.

Sehen wir uns eine solche Gesellschaft etwas näher an, z.B. auf der Weide des Obersäßes in der Nähe des Baches! Da finden wir im engen Raum eines Quadratfußes 31 Arten zusammengedrängt, mit nicht weniger als 2401 einzelnen, oberirdischen Trieben. 44% des Gewichts fallen auf die Gräser, obenan steht das unvermeidliche Borstgras ( „ Soppa ", Nardus stricta ) mit 29 °Io; 32 °io nimmt das treffliche Adelgras ( Plantago alpina ) in Anspruch, 10 % die Milchkräuter und andere Körbchenblüthler. Der Bestand wechselt natürlich von Stelle zu Stelle etwas. Im Ganzen zählten wir auf der Weide des Obersäßes über 100 verschiedene Arten.

Noch complicirter ist die Zusammensetzung eines Rasens auf dem Gipfel des Montalin, wo gemäht wird ( 36 Arten ), oder an einer andern trockenen Stelle der Schanfigger Heuberge ( 41 Arten ); den höchst zusammengesetzten Rasen fanden wir, wie bereits erwähnt, auf einer Mager-matte bei Martschellis, einem TrimmiserMaiensäß, circa 1500 m Meereshöhe, wo auf einem Quadratfuß 48 Arten wuchsen. Die größte Triebzahl erreichte Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

eine Schafweide unter dem Gipfel des Hochwang mit 3836 Trieben per Quadratfuß.

Im Allgemeinen sind die alpinen Bestände artenreicher als die der Ebene; wir fanden bei unseren Wiesenuntersuchungen in der Culturregion meist Zahlen unter 30 pro Quadratfuß; auch ist die Zusammensetzung meist anders. Die Gräser spielen in der Ebene eine größere Rolle und werden im Gebirge durch die Kräuter abgelöst: daher der herrliche Anblick der Alpmatten. Daß auch das Längenwachsthum der Triebe mit der Höhe abnimmt, ist einleuchtend: auf der Spitalwiese bei Zürich ( 460 m ) ist die mittlere Höhe der Halme 80cm; auf einer Schafweide am Teufelskopf ( Hochwangkette ) in 2500 m Meereshöhe nur 7.8cm.

Wir sprachen von dem erbitterten Kampf um 's Dasein unter den Wiesenpflanzen; nirgends wird die Richtigkeit dieser Auffassung klarer als an Stellen, wo die Bedingungen sich auf kleinem Raum stark ändern. Die auffallendste Wirkung bringt hier der animalische Dünger hervor. Wo ein Kuhfladen den Stickstoffreichthum des Bodens vermehrt hat, stellt sich gleich eine andere Flora ein, diese sogenannten „ Geilstellen " sind schon von Weitem an der üppigen Entwicklung des Rasens kenntlich. Eine sorgfältige Zusammenstellung der Geilflora hat uns gelehrt, daß es ein kleiner Kreis düngerliebender Arten ist, der sich hier stets einzustellen pflegt. Im großartigsten Maßstab ist diese Ammoniakflora auf den „ Lägern " entwickelt, was schon oben besprochen wurde.

Es ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Zukunft unserer Alpwirthschaft, daß gerade die besten Futterpflanzen der Alpen, die Muttern ( Meum Mutellina ), das Adelgras ( Plantago alpina ), die Romeye oder das Alpenrispengras ( Poa alpina ) auch düngerliebend sind und also durch die Düngung auf alpinen Matten nicht vertrieben werden. So fanden wir auf einer Fettmatte beim Julierberghaus, 2220 m über Meer, 68 % Muttern im Rasen und auch an Geilstellen sticht sie oft mitten durch die Fladen hindurch.

Sehr gut läßt sich im Fürstenalpgebiet der Unterschied zwischen Alpmatte und Alpweide studiren. Auf der Paßlücke von „ Furkli ", am Grat zwischen Montalin und Faulberg, überblicken wir Weide und Matte zu gleicher Zeit: jene am Nordabhang, zur Fürstenalp gehörend, diese, auf dem Südabhang, die Schanfigger Heuberge bildend.

Als frappanter Unterschied fällt uns gleich die Gestaltung des Bodens auf; der beweidete Boden ist stark ausgetreten: zwischen kleinen Hügeln finden sich tief ausgetretene Gänge, die entweder nackt oder nur spärlich bewachsen sind, während auf den kleinen Hügelchen eine ganz andere Flora sich findet; oder es ziehen sich an den Hängen eine Menge horizontaler, ausgetretener Wege hin ( Kuhtreihe, Kuhsteigli ), welche den productiven Boden bedeutend beeinträchtigen. Auf der Matte dagegen bedeckt ein zusammenhängender, wenn auch magerer Teppich gleichmäßig den steil abfallenden Hang.

F. G. Stebler und C. Schröter.

Dieses Austreten des Weidebodens, das wohl jedem Clubisten als eine weitverbreitete Calamität unserer Alpen, besonders auf tiefgründigem, bindigem, wasserzügigem Boden bekannt ist, tritt in verschiedener Form auf: an Hängen als vielfach sich durchkreuzende, nackt getretene Wege, auf flacheren Stellen als regelmäßig vertheilte Hügelchen von geringem Umfang, zwischen denen tiefe, schmale Hohlweglein verlaufen, wohl von manchem Wanderer verwünscht, wenn er etwa Nachts ein derartiges Stück zu passiren hatte, wo ein Hängenbleiben und Verrenken des Fußes so leicht geschieht.

Diese Hügelbildung kann verschiedene Ursachen haben: Entweder steckt ein großer Stein im Centrum des Hügels; an solche Steine legen sich gerne kleine Alpensträucher an ( Dryas, Weiden ); wenn sie ihn mit einem Spalier überzogen haben, in dem sich dann Staub und Erde fängt, siedeln sich Moose an und, wenn die Humusbildung dick genug ist, schließlich auch Gräser, Schmetterlingsblüthler und andere Weidepflanzen. Oder es ist ein Alpenrosen- oder Heidelbeerstrauch, in dessen Schatten sich Gräser und krautartige Gewächse entwickeln, die dem Vieh unzugänglich sind und deshalb nicht abgeweidet werden können; es erhöht sich die Stelle allmälig, und hat das Uebel einmal begonnen, so trägt es den Keim zur Weiterentwicklung in sich, denn auf dem besser drainirten und deshalb trockenem Hügelchen siedelt sich bald eine Flora an, welche vom Vieh gemieden wird: Borstgras und Flechten. Wenn das Vieh zwischen diesen Hügeln weidet, so sucht es mit seinem Fuß immer die ebenen, sichern Stellen aus, wodurch die Kuhwegli immer tiefer und tiefer und die Hügel immer höher werden. Schließlich werden die Hohlwegchen ganz überwuchert und die Haidekräuter oder Alpenrosen werden zum geschlossenen Bestand, der die Weide in ein ertragloses Strauchgebiet umwandelt.

In manchen Fällen scheint ein Wechsel in der Consistenz des Bodens den Beginn zu bilden; einzelne Stellen sind fester, die dazwischen liegenden weicher; sie werden vom schweren Tritt des Viehs ausgetreten; dann sammelt sich das Wasser in ihnen, macht sie noch weicher und ruft so einer Steigerung des Uebels.

Abzuhelfen wäre nur durch Ausebnen des Bodens, Wiederansaat desselben und Abschluß gegen das Vieh bis zur Consolidirung der Narbe.

Werfen wir noch einen Blick auf den Ertrag der Matte! Die Schanfigger Heuberge werden nie gedüngt und alle zwei Jahre gemäht ( „ Wechsel-mähderes wird also für den abgeführten Pflanzenstoff kein Ersatz geschaffen, und so verarmt der Boden und liefert sehr geringe Erträge. Der Hang ist so steil, daß die Mähder Fußeisen tragen müssen, und das Gras oft so kurz, daß man es mit dem Besen zusammenwischen muß. Die Sensen sind klein und scharf; unverständigerweise greifen die Mähder oft zu tief und schädigen die Narbe; so entstehen wunde Stellen, die Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

dann gewöhnlich von einer kleinen kriechenden Weide oder der Azalee überzogen werden. Welch prächtigen Rasen diese Matten liefern könnten, wenn ihnen das Entzogene wieder ersetzt würde, zeigen deutlich die nie gemähten Grenzlinien der Parzellen, wo das Gras zwei bis drei Mal so hoch und dicht steht als auf der übrigen Matte.

Das Heu wird in die „ Barmen " ( Heustadel, Finel ) getragen und im Winter in 's Thal geschüttet. Das Product ist ein vorzügliches; die Schanfigger behaupten, es gelte auf dem Markte doppelt so viel als das Thalheu. Wir sammelten im August frisch geschnittenes Gras, trockneten es sorgfältig und ließen das außerordentlich aromatisch duftende Heu chemisch analysiren: es hatte einen Eiweißgehalt von 11.18%o ( mittleres Wiesenheu 9.0/o ) und namentlich einen sehr hohen Fettgehalt ( 6.1% gegenüber 2.5%o ), ferner wenig Rohfaser ( 17.25% gegenüber 26.4% ), zeigte also gerade die drei Vorzüge, die man dem Alpenheu nachrühmt, die aber durchaus nicht immer zutreffen.

Der Ertrag dagegen ist ein außerordentlich geringer; er wird auf drei bis vier Zentner per Juchart veranschlagt, was, auf zwei Jahre vertheilt, 1 ½ bis 2 Zentner gibt, während man auf eine gute Thalwiese im Durchschnitt 40 Zentner rechnet. Der jährliche Geldertrag einer Juchart ist also hier nur ( wenn wir das Heu sehr hoch, zu Fr. 5 den Zentner, taxiren ) Fr. 7112 bis Fr. 10, was einem Capitalwerth pro Juchart von Fr. 150 bis Fr. 200 gleichkäme!

Neben den Heubergen und den Weiden wäre noch als dritte verbreitete Form des Grasbestandes die der „ Wildheuplanken " zu nennen.

Unter diesem Begriff fassen wir die geschlossenen Rasenbestände zusammen, welche weder geweidet, noch regelmäßig geheuet werden, also entweder gar nicht oder nur hin und wieder zu Wildheu genutzt werden. Sie finden sich an den steilen obersten Einhängen der Wildbachrunsen, auf schmalen Terrassenabsätzen an steiler Felswand, auf hochgelegenen, schwer zugänglichen ebenen Böden und am Fuße steiler Felswände, den Uebergang vom Fels zur sanfter geneigten Weide bildend. Sie sind das Eldorado der Ziegen, Gemsen und Murmelthiere und könnten wohl auch „ Gizihimmel ", „ Gemsihimmel " und „ Munggihimmel " getauft werden, nach Analogie eines „ Gizihimmels " am Faulenberg.

Der Alpenwanderer ist oft erstaunt, an solchen Planken bis in große Höhen einen üppigen, langhalmigen, oft über fußhohen Rasen anzutreffen. Namentlich an schattigen Nordlagen im Schutz der Felsen schießt der Plankenrasen üppig in 's Kraut; an sonnigen Hängen bleibt er kürzer, liefert aber ein kräftigeres, aromatischeres Wildheu.

Nicht nur als „ Gizihimmel ", sondern auch als „ Botanikerhimmel " könnte man die Planken bezeichnen. Sie sind neben den Felsen und Schutthalden die unantastbaren Refugien der seltensten Alpenkräuter, die sich von der Weide weggeflüchtet haben, dem nagenden Zahn des Viehes F. G. Stebler und C. Schröter.

zu entrinnen. Sie mischen sich nie unter das gemeine Volk der Weide-kräuter, zum großen Schaden unserer Alpwirthschaft; denn es gehören eine große Reihe der besten Futterkräuter, namentlich Schmetterlings-blüthler und Gräser, zu diesen Aristokraten.

Den Zettel im Rasenteppich der Grasplanken unseres Gebietes bilden Gräser und Scheingräser. Da zittern die zarten, schlaffen, goldbraunen Rispen des schönen Schwingels ( Festuca pulchella ) im Winde, es erheben sich stolz im dunkeln Gewand aus feinblättrigem, üppigem Horst die leicht übergebogenen Schmalen des Alpenrothschwingels ( Festuca violacea ), es schwanken im Winde die leicht violett überhauchten Cylinderbürsten der Scheinähren von Micheli's Lieschgras ( Phleum Micheliifeuchtere Stellen durchzieht die rostbraune Segge ( Carex ferruginea ) mit ihren Kriechtrieben; ihre schlafen, langen Blätter folgen dem Hang und legen sich nieder. Steifer erheben sich die glänzenden Blätter der immergrünen Segge, die an trockenen Orten in Gesellschaft der physiognomisch ähnlichen blauen Sesleria oft beinahe allein die Narbe bildet. An wunden Stellen des Rasens siedelt sich etwa die seltene, keulenförmige Segge ( Carex clavæformis ) an, mit stattlichen, bis drei Fuß hohen Halmen und weitausgreifenden Kriechtrieben.

Diesem Grasteppich ist ein bunter Blumenschmuck eingewirkt. Da leuchtet das feurige Roth der blüthenreichen Traube des dunkeln Süßklees ( Hedysarum obscurum ); schaarenweise drängen sich die bleichen Sträuße der kalten Berglinse ( Phaca frigida ), steif ragen die Schäfte des Feld-spitzkiels ( Oxytropis campestris ), purpurne Flecken streut über den Teppich die Berg-Esparsette ( Onobrychis montana ), und im hellen Violett grüßen uns die Sterne des Alpenasters; dazwischen erhebt das hohe, durchblätterte Läusekraut ( Pedicularis foliosa ) seine hohen, hellen Trauben, begleitet von seinen niedrigen Schwestern, dem wirtelblättrigen und dem beschnittenen ( Pedicularis verticillata und recutita ); Glockenblumen, Enziane, Habichtskräuter, Pippauarten und wie sie alle heißen, die rasenliebenden Kräuter, fehlen ebenfalls nicht.

Nicht ohne Interesse ist es, einen Blick auf die Zahl der Keimpflanzen zu werfen, die auf dem Raum eines einen Quadratfuß großen Rasenziegels sich finden. Diese Zahl ist gar nicht so unbeträchtlich. Wir fanden in der alpinen Region im Maximum 191 Keimpflanzen pro Quadratfuß ( und zwar auf dem Schänzli, Fürstenalp ) und noch bei 2400 m deren 144; die Procentzahl der Keimpflanzen steigt bis 17.6 ( Käshalde ).

Es sind namentlich folgende Arten, die sich durch reichliche Aussaat auszeichnen: Anthoxanthum odoratum, Leontodon hispidus hastilis, Plantago alpina, Poa alpina vivipara, Sagina saxatilis, Polygonum viviparum, Ranunculus montanus, Veronica alpina, Gnaphalium supinum, Taraxum officinale, Campanula rotundifolia.

Sehr langsam schreitet die Wiederberasung der durch das Abschälen der Rasenziegel bloßgelegten Stellen fort. Das Wiederbewachsen dieser Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

Stellen geht auf zweierlei Arten vor sich: einmal durch Austreiben stecken- gebliebener Rhizome und dann durch Ansaat. Letztere ist indessen stets sehr spärlich.

Auf einem am 2. August 1885 bloßgelegten Stück Erde bei 2400 m waren am 22. August 1886, also nach einem Jahr, drei Keimpflänzchen zu sehen: zwei von Sagina saxatilis und eines von Polygonum viviparum. Bei 2500 m ( auf dem Gipfel des Hochwang ) war die Aussaat etwas reichlicher. Nach einem Jahr fanden sich: zehn Keimpflanzen von Poa alpina vivipara aus Bulbillen, sechs Bulbillen lagen noch am Boden; sechs aus Brutknöllchen von Polygonum viviparum entwickelte Pflänzchen; drei Samenpflanzen von Euphrasia nemorosa; eine Samenpflanze von Potentilla aurea.

Immerhin dauert es auf diese Weise ein Jahrzehnt, bis ein Quadratfuß wieder überwachsen ist. Es zeigt dies auch deutlich den Vortheil, den die Knöllchen und Knospen tragenden Arten vor andern haben.

Um die klimatischen Factoren, unter deren Einfluß unsere Culturen wenigstens während der Vegetationszeit stehen, nach Maß und Zahl kennen zu lernen, haben wir mit freundlicher Hülfe des Hrn. Billwiller, Director der eidgenössischen meteorologischen Centralanstalt, eine kleine meteorologische Station mit Regenmesser, Thermometer, Psychrometer und neuerdings auch Sonnenschein-Autograph eingerichtet. Die Beobachtungen besorgt entweder unser treuer Senn Peter oder das Personal der Samen-Controlstation, wenn es sich auf der Alp befindet. Es wird täglich drei Mal beobachtet: Morgens 7 Uhr, Mittags 1 Uhr und Abends 9 Uhr.

Es bietet neben der Bedeutung für die Pflanzenwelt ein gewisses Interesse, die Wechselfälle der Witterung kennen zu lernen, denen Menschen und Vieh während der Alpzeit ausgesetzt sind; es möge deshalb hier ein Résumé der Beobachtungen eingeschaltet werden ( siehe pag. 102 ).

Es ergibt sich aus dieser Tabelle, daß kein Monat des Jahres regelmäßig von Schnee und Frost frei ist, und daß die längste schneefreie Periode in den vier Beobachtungsjahren 53 Tage beträgt, die kürzeste nur 19 Tage! Das Datum des Auf- und Abtriebs des Viehes schwankt in weiten Grenzen; im Mittel dauert die Weidezeit vom 20. Juni bis 20. September, also drei Monate. Im Jahr 1865 konnte die Alp schon am B. Juni bestoßen werden, 1888 am 16. Juni, 1889 am 18. Juni, 1871 erst am 24., 1881 am 25., 1874 am 26. und 1867 sogar erst am 28. Juni. Die späteste Alpfahrt differirt also um drei Wochen von der frühesten! Der früheste Abtrieb in den letzten zwei Dezennien erfolgte im vergangenen Jahre 1890, nämlich am 30. August. Schon am 25. legte sich eine 17 bis 20cm tiefe Schneedecke über die Alp, die erst am 28. die Weide wieder frei werden ließ. Das Vieh mußte unter den Tannen des unter der Alp gelegenen Waldes sein spärliches Futter suchen, da der geringe Heuvorrath bald aufgezehrt war.

1887 1888 1889 1890 Dauer der Beobachtungszeit:

25. Juni bis 23. Sept.

15. Juni bis 26. Sept.

21.

Juni bis 19. Sept.

31. Juni bis 3. Sept.

Also 90 Tage Also 103 Tage Also 91 Tage Also 75 Tage 29. Juni 16.19. Juni. 1.2. Aug.

28. Juli 29 Juni. 6—7. Juli'21 .August 1.2. Juli. fi. Aug.

23.25. Aueust 12.14. Juli. 25.26.Aug.

Schneefälle während der Weidezeit..

14. September 11.12. Juli. 18.Aug.

29 Aug. bis 3. Sept.

19. September 1., 2., 9. September ( 45cm Schnee ) Längste schneefreie Periode während 29. Juni bis 21. Aug.

12. Juli bis 1. August 21.

Juni bis 28. Juli 14 Juli bis 25. Aug.

der Weidezeit Also 53 Tage Also nur 19 Tage Also 36 Tage Also 41 Tage Reif wurde notirt an folgenden Tagen:

24. Juli. 16. Sept.

16. Juni 28. August 20. Aug. 20. Sept.

29. Juli 16 —19. September — 23. Aug. 22./23. Sept.

Gänzlich nebel-, regen- und schneefrei 40 Tage 48 Tage 44 Tage'23 Tage Regen oder Schnee fiel an

38 Tagen 52 Tagen 47 Tagen 49 Tagen Volle Nebel tage ( d. ganz.T.ag Nebel ) waren 4 Tage 12 Tage 8 Tage 11 Tage Tage, an welchen während der Tageszeit ganz'oder vorübergehend Nebel herrschte 24 Tage 34 Tage 23 Tage 24 Tage Völlig bedeckte Tage, an welchen den ganzen Tag die Bewölkung nicht unter 8/10 sank, zählte man

16 Tage 25 Tage 16 Tage 24 Tage Heitere Tage, an welchen die Bewölkung 2/10 nicht überschritt

11 Tage 13 Tage 16 Tage 16 Tage Monatsmittel der Temperatur Juli August 13.05 10.17 8.56 9.4 9.57 9.53 8.82 9.85 Juli 5° ( 6. Juli, 9h Morg. ) 1.2° ( 12.Juli, 7h Morg. ) 2.2° ( 28. Juli, 7h Morg. ) 1 » 13. Juli, 7hMorg. ) Temperaturminimum.... August l.1° ( 22. Aug., 7h Morg. ) 0.1° ( 6. Aug., 9h Morg. ) -0.1° ( 24.Aug.,7hMorg. ) -1.2° ( 31.Aug.,7hAbd. ) Juli 23.5° ( 29. Juli, lhMitt. ) 17.6° ( 25. Juli, lh Mitt. ) 27° ( 13. Juli, lh Mitt. ) 21° ( 31. Juli, 1h Mitt. ) Temperaturmaximum... August 21°(7.Aug ., lhMitt. ) 25.2°(10. Aug., lhMitt. ) 18.6° ( 19.Aug.,lhMitt. ) 22° ( 1. Aug., 1h Mitt. ) NiederschlagsmengeAugust 89.9 mm 145.3 mm 164.4 mm - 148.6 mm 165.8 mm 176.3 mm 253 mm 386.4 mm 102 F. G. Stebler und C. Schröter.

Das alpine Versuchsfeld auf der Fürstenalp.

Am 29. begann es von Neuem zu schneien, und zwar so tief herab, daß auch die Schneeflucht in den Trimmiserwald nichts mehr nützte und das hungernde Vieh am 30. ( drei Wochen früher, als gewöhnlichzu Thal getrieben werden mußte. Am 3. September, als das Molken per Schlitten abgeführt wurde, lag der Schnee 45cm tief. Die Alp wurde freilich später wieder vollkommen schneefrei, und die Verfasser verlebten vom 17. bis 22. September noch schöne Tage da oben; ein erneuter Auftrieb des Viehes hätte indeß keinen Sinn gehabt, da der Rasen doch nur sehr spärlich nachgewachsen war.

Endlich mögen noch einige der Beobachtungen kurz erwähnt werden, die sich auf die Verzögerung des Eintritts periodischer Erscheinungen im Pflanzenleben ( namentlich der Blüthe ) durch die Höhendifferenz beziehen. Sie wurden in der Weise angestellt, daß für die gleiche Pflanze in Zürich auf dem dortigen Versuchsfeld der Samen-Controlstation bei 460 m und auf der Alp bei 1780 m das Datum des ersten Blühens notirt wurde. Es zeigte sich dabei, daß für verschiedene Arten die Verzögerung der Entwicklung durch diese Höhendifferenz von 1320 m eine verschiedene ist.

Für die Muttern ( Meum Mutellina ) wurde als mittleres Datum des Blüthen-Eintritts in Zürich der 8. Mai, auf der Alp der 20. Juni constatirt, d.h. in der um circa 1320 m höhern Lage tritt dieselbe Phase 43 Tage später ein ( auf 100 m macht das 3.25 Tage Verspätung ). Diese Zahl ist ein ganz reiner Ausdruck der Höhendifferenz, da alle andern Bedingungen gleich waren: wir cultiviren die Muttern seit 1886 oben und unten in derselben Erde, in zwei ganz gleichen Kisten.

Für den Wiesenfuchsschwanz ergab sich in Zürich im Jahre 1888 der 5. Mai als Zeitpunkt der beginnenden Blüthe ( erstes Hervortreten der Narben ), am 13. Juli auf der Alp, also hier eine Verzögerung von 59 Tagen ( 4.5 Tage auf 100 m ).

Der Weißklee ( Trifolium repens ) zeigte 1881 seine ersten Köpfchen in Zürich am 24. Mai, auf der Alp am 14. Juli, also 51 Tage später.

Das sind im Wesentlichen die praktischen und theoretischen Resultate, die wir bis jetzt da oben gewonnen haben. Wir verhehlen uns keineswegs, daß damit erst ein kleiner Theil der Aufgaben in Angriff genommen wurde, die hier zu lösen sind.

Als nächstliegende unter den weitern praktischen Fragen haben wir die Heranzucht winterharter Formen bewährter Futterpflanzen der Ebene und die Samenzucht alpiner Futterpflanzen im Großen in 's Auge gefaßt. Für erstere liegt ein Anfang vor, indem wir von den wenigen übriggebliebenen Stöcken des französischen Raygrases Samen gesammelt und ausgesäet haben; der dichte Stand der jetzt dem dritten Jahre entgegen- F. G. Stebler und C. Schröter.

gehenden Saaten scheint guten Erfolg zu versprechen. Für die Samenzucht von Alpenfutterptlanzen dagegen erscheint unser Versuchsfeld, als zu hoch und zu schattig gelegen, wenig geeignet, und wir suchen deshalb nach einer dafür günstiger gelegenen weitern Station.

Zahlreich sind die Fragen rein wissenschaftlicher Natur, die auf einer solchen Station noch ihrer Lösung entgegengeführt werden können: der verändernde Einfluß des Gebirgsklimas auf Gestalt und Leben der Ebenenpflanzen, der Zusammenhang nahe verwandter Formen der Ebene und der Alpen, die Ursache der Beschränkung mancher Arten auf gewisse Bodenarten; diese und viele andere Fragen können hier aufgeklärt werden. Wir hoffen, daß unsere erst in ihren Anfängen begriffene alpine Station auch in diesen Richtungen dereinst etwas leisten werde und damit zugleich dem hohen Ziele unseres S.A.C., der Erforschung der Natur unserer Alpenwelt, noch weiter dienstbar werden kann.

II.

Freie Fahrten.

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