Das Blümlisalphorn

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Hermine Tauscher-Geduly ( Ehrenmitglied der Section Rhätia ).

Das Blümlisalphorn Von Spricht die Sage wahr? Ist hier wirklich eine blühende Alm versunken, oder soll dereinst all dies harte, kalte Eis zerschmelzen, damit des Berges früh- lingsduftiger Name begründet sei? Jetzt magst du weit und breit Blumen vergeblich suchen, außer denen, die in besonders rauhen Nächten der Frost auf die Firndecke der Gletscher zaubert, und doch scheint es räthselhaft, daß der Volksgenius gerade dies eine Mal bei der Wahl der Benennung so arg fehlgegriffen hätteBliimlisalphorn! Gewiß, es steigert seinen Reiz, weil Niemand erklären kann, warum der Berg so heißt; voll Begier möchtest du dem Geheimniß nachspüren, Mühsal und Gefahren nicht achtend, an der Eispyramide schwindligen Kanten zur Höhe klimmen. Keine Frage, daß man oben Ungewöhnliches erlebt.

Als die Reisezeit kam, wollten wir ohne Verzug den oft besprochenen Plan ausführen. Mit Hast eilten wir vom Hause fort über Zürich in 's Bernerland, des Das Blümlisalphorn.127 "

vielbewegten Stadtlebens mehr als je müde, lechzend: nach des Hochgebirges Schönheit. Und schon beim » ersten Halt sahen wir davon die Fülle: sahen in Thun-in völliger Klarheit die Wundergebilde Jungfrau, Mönch; und Eiger über dem blauen See riesenhoch sich thürmen und jenseits des bunt umblühten Herren-sitzes der Rougemont, den Horizont verklärend, das, Blümlisalphorn und die Weiße Frau im Schmuck, glitzernder Gletscher prangen.

Der helle Tag von Thun endete aber mit einem » trüben Abend, den wir, gleich mehreren darauf folgenden, in wohlthuender Zurückgezogenheit in Kandersteg verbrachten. Ein traulich anheimelnder Ort! Nicht unbelebt, da der stark besuchte Gemmiweg dort mündet,, und doch merkwürdig verschont vom Lärm anderer ähnlicher Touristenstationen.

Doch als eines Morgens — am 23. Juli — aller Neuschnee auf den Höhen zu schwinden begann, weil » die Sonne nach längerer Pause wieder zur unbestrittenen Herrschaft gelangte, erwachte alsbald unsere Thatenlust und der ehrgeizige Wunsch, den zu verwirklichen wir nach Kandersteg kamen; das Blümlisalphorn wollten wir ja kennen lernen, das sagenumwobene, dessen Eisespracht so verführerisch lockt..

Mit Führern — Alois Pinggera und Joseph Reinstadler aus Tirol, dann der Schweizer Ch. Ogi — sowie verschiedenem Proviant trefflich versorgt, brachen wir um 1 Uhr auf, ohne Ueberlegung die sehr unpassende Zeit wählend, wo die Hitze am fühlbarstem war, und ich möchte Allen, die zur Frauenbalmhütte wandern, von Herzen rathen, entweder am frühen.

Morgen oder in vorgerückterer Nachmittagsstunde die Tour anzutreten, denn der gan^e lange Weg liegt vollständig an der Sonne. Glühend brannte sie uns auf den Kopf, da wir die wiesenumsäumte Straße im Thalgrund verfolgten; die Atmosphäre hatte etwas im Gebirg ungewohnt Beklemmendes, sie war wie von heißer Nässe geschwängert. Und droben, dicht in der Umgebung des lichtspendenden Gestirns, schienen sich alle der Erde entsteigenden Dünste zu concentriren; mehr noch als an andern Tagen dieses Sommers war der farbig beleuchtete Hof um die Sonne ausgeprägt, unser lebhaftes Interesse erregend.

Vom Walde erhofften wir Linderung der Pein; fehlgerathen! Fichten und Tannen vergaßen heute ihre Aufgabe, wenn auch nothdürftig, doch Schatten zu geben; ihr intensiver Geruch machte die Luft nur noch drückender, und den Wasserstaub der Sturzbäche, die drüben von steiler Wand in großer Zahl nieder-rauschten, sog der Sonnenbrand längst auf, ehe unser schwüler Pfad davon Kühlung empfing. Nicht zu erkennen war der Oeschinensee, dies unerzählte Märchen! Zaubermächtig davon ergriffen, sah ich ihn einst im Halbdunkel einer glücklichern Stunde, von Waldesgrün und himmelhohen Felsen umdämmert, schmelzende Gletscher in seine verschwiegene Tiefe aufnehmend. Aller Schönheit bar, lag jetzt trostlos nüchtern die undurchsichtige Fluth mir zu Füßen, ohne Farbe, unerfreulich grell beschienen, wie wenn blendende Strahlen auf eine verstaubte Glasscheibe fallen. „ Weniger Licht !" hätte ich flehen mögen, meine lieblichen Erinnerungen an diesen Ort zu retten.

Am See schaukelte ein Kahn, und wir vernahmen sehr angenehm überrascht, daß man hinüber fahren könne, damit ein ziemliches Stück Gehens sparend. War das ein Labsal! Um so länger zu genießen, je träger das Schiffchen vorwärts glitt.

Wir begannen eben erst unsere diesjährigen Wanderungen, vielleicht ist meine Abspannung diesem Umstand zuzuschreiben, vielleicht thut mir darum das Ausruhen so wohl. Wie das stürmisch kreisende Blut -allgemach sich sänftigt — nur nicht hinauf schauen! Denn das Firmament ist wie aus sprühenden Funken zusammengesetzt, und jäh muß man die Augen schließen, soll das frühere Unbehagen nicht sofort zurückkehren.

So lässig unser Fährmann auch ruderte, an das Ziel kam er doch viel zu früh für meine Wünsche. Am Ufer, wo wir landeten, zeigte man uns Trümmerstücke einer zerstörten Sennhütte, als Beweis, wie furchtbar zumal im Frühjahr auf diesem stufenartig wachsenden Terrain die Lawinen hausen. Ein Stockwerk hebt sich über das andere, nach oben nur wenig zurücktretend, so daß wie in einem Bau von Menschenhand künstlich hergerichtete Steinstaffeln die Verbindung zwischen der untern und obern Oeschinenalp vermitteln. Ueber die halbkreisförmig vertieften, der vollen Wirkung der Nachmittagssenne ausgesetzten Terrassen, wo kein leisester Lufthauch Zutritt hat, arbeitete ich mich mit triefender Stirne, schier ver-schmachtend, hinauf. Jeder Schritt war eine Qual, der Fels, an dem man vorbei mußte, wie geheizt; kein Mittel half, sich der sengenden Gluth zu erwehren. Wehe, wenn alle Tage so sein werden wie dieser!

9 Unweit der ersten Alphütten rieselte eine Quelle über die grüne Böschung, und ohne meine Gefährten um ihre Meinung zu fragen, saß ich schnell nieder und schlürfte in vollen Zügen das köstliche Trinkwasser, zugleich Hände und Schläfen damit kühlende Ich schützte übermäßige Ermüdung vor, blos um den Aufenthalt zu verlängern.

Große Eile schien mir ohnedies ungerechtfertigt. Mit Bangen hatte ich vorhin ein Wölkchen bemerkt,, licht und dünn wie Spinnengewebe, binnen wenigen Secunden entstanden und zerronnen, und so oft es noch auftauchte, gleich wieder verschwindend. Wir wußten, durch herbe Erfahrungen gewitzigt, was dieses-Zeichen bedeutet, obschon der Unkundige zu der Behauptung lächelt, daß dieser Hauch, dies Nichts voit einer Wolke über Nacht einen gräulichen Wettersturz heraufbeschwört. Uns soll es sicherlich recht seinr wenn wir uns diesmal täuschen.

Die Strecke zur obern Oeschinenalp ward unschwer zurückgelegt; auch dort verweilten wir, weil der Spürsinn unserer Führer Milch witterte, wovon die Tiroler unglaubliche Quantitäten vertilgen. Hingegen netzt niemals ein Tropfen Schnaps ihre Lippen, und das gehört mit zu jenen Vorzügen, um derenwillen wir ihnen jederzeit unbedingtes Vertrauen schenken.

Zwischen haushohen Felsblöcken in dürftigen Hütten eingenistet, leben hier die Sennen mit Weib und Kind; es liefen der letztern wohl ein halbes Dutzend in dem charakteristisch durchweichten, schlammigen Boden barfüßig umher, wie begreiflich war ihr Aussehen nicht übertrieben reinlich. Doch steckte das kleine Volk die blonden und schwarzen, arg zerzausten Köpfe gar drollig zusammen, erstaunt ob unseres Erscheinens, und da ich den allerkleinsten Buben mit Bonbons und Rosinen zu mir gelockt, spiegelte sich eine einfältig-wonnige Gier zu ergötzlich in dem runden, verschmierten Gesichtchen.

Unter dem Einflüsse der enormen Hitze hatte sich unser Marsch selbstverständlich sehr verlangsamt; als wir über den Moränenwall des Blümlisalpgletschers den Weg fortsetzten, verriethen viele Zeichen, daß der Abend nahe: es mischte sich ein mild dämpfender Ton in den Glanz ringsum, und in die kurz zuvor so schwüle Luft kam eine frischere, kräftige Bewegung. Der Hohthürligrat in seiner ganzen Entfaltung sperrte als grandiose Mauer den Hintergrund vor uns und die Frauenbalmhütte war nun deutlich sichtbar. Kaum eine halbe Stunde trennte uns von ihr; in dieser Gewißheit benützten wir das letzte grüne Rasenstück als Teppich, uns darauf zu lagern und nach löblicher Wandersitte während der Rast uns auch durch Speise und Trank zu stärken.

Man genießt von diesem unsern Ruhepunkt auf die Hauptgipfel der Blümlisalp einen überaus herrlichen Anblick. In malerisch effectvoller Gruppirung stehen sie beisammen: die Weiße Frau, das Blümlisalphorn und die Felspyramide des Rothhorns. Indem dieses, von irrenden Lichtern geliebkost, seinen uns zugekehrten Rücken mit dunklem Bronzebraun färbt, bildet es eine prächtige Folie für die strahlende Schönheit der weißgewandeten beiden Berggeschwister. Ueppiges Sonnengold hat sie ganz Übergossen; aber es blendet nicht mehr, der Blick freut sich ungehindert des bezaubernden Schauspiels. Wie vom See aufsteigend bläulicher Duft die Tiefe füllt; wie plötzlich ein zarter Purpurschimmer die dem Himmel nächsten Kanten säumt; wie allmälich auf jeder Höhe rothe Feuer glimmen, jene Opferflammen, welche die hehre Alpennatur allabendlich ihrem Schöpfer zum Ruhme ent-zündetich kann das nie anders als mit gefalteten Händen betrachten.

Unsere Zufluchtsstätte auf der Frauenbalm betraten wir um 8 Uhr. Rasch kam dann die Nacht herauf, ein blinkendes Sternenheer in ihrem Gefolge. Es wird nun frostig kalt draußen. Wie unabsehbar groß das Himmelsgewölbe ist, wie still die Eisgefilde! Daß doch auch die Wanderer drinnen Ruhe fänden im erquickenden Schlummer!

Aus häufig gestörtem Traumschlaf wurde ich um 2 Uhr vollends geweckt. Eine andere Partie war gestern gleichfalls mitgekommen und die wollten nun früher fort. Wir selbst dachten nichts zu versäumen, weil die Tour zu den kürzern zählt, und verließen die Hütte erst bei Tagesanbruch. Fröhlich schritten wir aus; wie hatte ich mich seit Monden gesehnt nach solchem Gang, wenn im Frühlicht hell die Gletscher erglänzen, die Bergluft scharf um die Wangen streift und der fest gefrorne Schnee knirschend sich weigert, die Spur des eilenden Fußes aufzunehmen! Mit jubeln^ dem Frohgefühl durchmaß ich die ebenen Eisfelder, die sich zwischen der Wilden Frau und dem Blümlisalpstock weiten. Gravitätisch ernst, dunkelverhüllt stehen diese gleichsam als strenge Wächter am Ein- gang des schimmernden Reiches, darinnen die Weiße Frau und das Blümlisalphorn, geschwisterlich vereint, regieren. Ein wunderschönes Zwillingspaar; oder sind es gar Liebesleute? Eng an einander geschmiegt, wehren sie der Stürme Toben gemeinsam ab und derselbe Morgenstrahl verklärt Beide auf einmal. Zwar gibt es in der großen Familie der Berge genug Gestalten von imponirenderen Verhältnissen; sie verblüffen, erschrecken nicht, man sieht in ihren Formen keinen Exceß der Natur verkörpert. Aber der reine milde Glanz, den sie ausströmen, ihre feine Schönheit muß Jeden entzücken. Und wenn schon sein Gebiet nicht zu den mächtigsten gehört, so umgibt das Blümlisalphorn doch der Nimbus des souveränen Herrschers und Ehrfurcht fordert seine über das Gemeine stolz ragende Hoheit.

Die Blicke auf den hellen Vordergrund gerichtet, hatten wir nicht wahrgenommen, daß am östlichen Horizont ein Kampf sich vorbereitete; das Morgenroth floß in dünne Streifen zusammen und schweres blaugraues Gewölk, das von Westen schob, drohte es ganz zu verdrängen. Auch der Thunersee veränderte sich so eigen, wie wenn schwermüthige Gedanken ein Antlitz verdüstern, das eben noch vor Seligkeit geleuchtet. Wird das Unheil kündende Wetterzeichen von gestern doch Recht behalten?

Der Blümlisalpgletscher wird durch den mitten eingetriebenen Riesenkeil des Blümlisalpstocks in zwei Hälften getrennt, die jedoch unterhalb desselben wieder in ein Ganzes verschmelzen. Als herrliche Hochfläche präsentirt sich die eine, nordwärts von den loiHermine Tauscher-Geduly.

breiten Flanken der Wilden Frau begrenzte Gletscherhälfte, während die andere, jenseits der hügeligen firnbedeckten Erhebung, in welcher sich der erwähnte Felskeil gleichsam fortsetzt, muldenförmig einsinkt, den daraus entwachsenden Gipfeln: Morgenhorn, Weiße Frau, Blümlisalphorn und Rothhorn zu größerer Wirkung verhelfend.

Zwei Stunden genügen, bequem zum Fuße des Sattels zu gelangen, der eine Vorstufe sowohl des Rothhorns, als auch unseres Berges ist. Um 6 Uhr hielten wir an dieser Stelle. Dann ging es im Zickzack steil hinan; ich war mit Alois Pinggera, mein Mann mit Reinstadler und Ogi durch das Seil verbunden. Eine Morgenwanderung auf so prächtiger Bahn, wie wir sie durchmessen, löst wohlthätig die Fesseln, welche vorher überstandene Müdigkeit um unsere Muskeln, unsere Glieder gelegt, daß sie unelastisch und bleischwer geworden. Mit frischer Kraft stiegen wir mühelos hinan, über vortrefflichen Schnee die Einsattelung wie im Spiel gewinnend.

Auch wenn nicht unversehens dichter Nebel, schnell wie man einen Vorhang hinabläßt, die Ferne verhüllte, mußten wir von dort an unsere ungetheilte Aufmerksamkeit dem Wege zuwenden, auf welchem die Höhe des Blümlisalphorns erreicht wird. Der harte Firn, der uns bisher so gute Dienste geleistet, war nach dem Passiren des Sattels zu Ende- nacktes Gestein, mit Glatteis überkrustet, erschwerte fortan das Vordringen, und unsere Lage war um so mißlicher, als eine andere Gesellschaft — zwei Touristen mit zwei Führern — vor uns ging und wir Mühe hatten, sichern Stand zu finden, wenn oben losgelassene Steine an uns vorbei sausten. Den Verdruß darüber verwanden wir indessen leicht über der Lust am Klettern; wie ich den Fels, den frostkalten, jauchzend packte! Auf Eis gewinne, im Fels erobere ich meine hohen Ziele.

Plötzlich zerriß der Nebel und gab uns das schönste

Schon waren die lichten Bilder verschwunden und wir wieder von Nebel umfangen. Vor uns lief beinahe senkrecht eine schmale schneegefüllte Rinne aufwärts; .„die soll uns rascher fortbringen ", meinte mein Führer. Um dorthin zu kommen, mußten wir jedoch eine schlimme vereiste Stelle quer hinüber traversiren. Mit bedächtiger Vorsicht führte Ogi und schlug in den glasigen Ueberzug der Wand Stufen, die Reinstadler sorgsam nachbesserte, während wir Andern, die geringste Bewegung vermeidend, reglos ausharrten. Da kracht es oben 5 ein Stein, nein, ein Felsblock fällt, fliegt gerade über mir! „ Du bist verloren ", das denke ich noch klar, dann ist 's aus mit meiner Besinnung. Nur Pinggera's Schrei gellt mir in den Ohren: „ Sepp, hilf die Frau halten !" und wieder ein Krachen, der Klotz ist angeprallt, in drei Theile zerschellt — ach mein Kopf! Ich werfe mit heftigem Ruck den Oberkörper zurückGott sei Dank, der Schlag hat mir nur die Hüfte getroffen. Aber es vergehen Minuten,, ehe ich athmen kann.

Das war eine bittere Lehre, bei Hochtouren die-Gesellschaft Anderer abzulehnen. Zum Glück fühlte ich erst später größeren Schmerz, und so setzten wir den Aufstieg fort, kurze Zeit noch im Fels, dann mittels gehackter Stufen über Firn und Eis der Spitze-zustrebend. Immer düsterer gestaltete sich die Gebirgsscenerie; dunkel war der Horizont überzogen und die-leuchtenden Gipfel, bisher für Momente doch sichtbar,, deckte fahles Grau. Schon fahren sausend einzelne Stöße durch die Luft und bald fegt ein wüster Schneesturm über das ganze gletscherbelastete Gebiet, das-sie die Blümlisalp nennen.

Um 8 Va Uhr erreichten wir das Ziel, allerdings-nicht in siegesfreudiger Stimmung, aber keineswegs-mißvergnügt; das wäre Undank für die zahllose » glücklichen Bergfahrten, deren wir uns rühmen dürfen. Und ging 's auch heute schief, etwas Gutes war doch dabei: der Abschied fiel uns nicht schwer, da ein ungnädiger Himmel alle Herrlichkeit verbarg, die wir sonst von dieser Höhe geschaut hätten.

Ein Besserwerden des Wetters ließ sich kaum erwarten und die grimmige Kälte trug dazu bei, daß wir ohne Aufenthalt umkehrten. Von eisigem Dunst umwogt, gegen den Sturm ankämpfend, erhielt ich mich mit Anstrengung in den glatten Stufen und meine erstarrenden Finger vermochten gar nicht, die Axt fest genug einzuschlagen, daß sie mir Stütze sei bei den folgenden Tritten. Ein seltsames Gefühl, so in den Wolken zu wandeln, auf schlüpfrigem, jäh abschießendem Grund, mit dem Bewußtsein, daß neben uns schaurige Tiefen gähnen! Ich sah keine drei Meter weit; aus dem Nebel klangen dumpf die Stimmen meiner Genossen, die ich auch nicht sah; es galt, sich selbst zu schützen, wenn der Wind, die frischen Schneemassen aufwirbelnd, mir in die Augen schnitt, es galt, auf die eigene Kraft angewiesen, jedem erneuten Anprall des Unwetters Widerstand zu bieten. Wer dergleichen tapfer bestanden hat, meint gefeit zu sein gegen alle Bedrängnisse und Fährlichkeiten des Lebens.

Das durchnäßte Gestein griff sich ganz abscheulich. Viel gewannen wir durch den Umstand, daß es möglich war, ohne auf einander zu warten, getrennt über vorspringende Rippen und durch kamingleiche Aushöhlungen der Wand rastlos abwärts zu gehen. Eine Zeit lang verfehlten wir die Richtung. Kein Wunder! Die Spuren vom frühen Morgen waren vollständig verweht und die Wolkennacht, die uns unausgesetzt umfing, machte jede Orientirungskunst zu Schanden. Wir priesen das Geschick, als wir unversehrt wieder am Sattel standen.

13SHermine Tauscher-Geduly.

Was nachfolgte, bedeutete indessen kein Ende, nur eine Veränderung der Mühsal. Vor der Wuth des Sturmes geborgen, fielen wir auf dem Gletscher einer neuen Plage zum Opfer. Wie Einem auch die kürzesten Beine unverantwortlich lang dünken, wenn man sie Schritt auf Schritt aus tiefen Löchern herausziehen muß, das wissen die Bedauernswerthen insgesammt, die jemals über durchweichten Firn marschirten. Und wie da* alle Berechnung täuscht; wie man, im besten Glauben den Fuß behutsam aufsetzend, plums! bis zum Leib versinkt, und wo ein wuchtiges Ausschreiten nöthig schien, grob zur Seite geschleudert wird vom Eis, auf das der Fuß unter dem breiigen, rutschigen Schnee gestoßen. Zur Müdigkeit gesellt sich der Aerger, nicht im Mindesten Herr seiner Bewegungen zu sein. Und wie man aussieht! Die Gesichtszüge verschwinden unter einer weißen Larve von Reif; an den Füßen hängen schwere Klumpen; das feuchte Flockengeriesel legt sich dick auf die ohnehin dicke Kleidung; sind diese einher stolpernden, haltlosen Dinger wirklich menschliche Wesen oder — Mehlsäcke, von unsichtbaren Händen hin und her gerüttelt? Die erbosten Berggeister stecken dahinter. „ Ei, wer möcht'jetzt die Doctorin aus Preßburg erkennen ?" spottete Alois. Der konnte noch lachen!

Das Schneegestöber hatte sich, lang ehe wir die Hütte betraten, in einen Gußregen verwandelt; es blieb buchstäblich kein Faden an uns trocken. Klatschend schlug dort das Wasser an die Fensterscheiben, drang durch das schadhafte Dach und über den Boden, wie von den Mauern flössen rieselnde Bäche. Wohl brannte im Herd ein lustiges Feuer, aber Keiner von uns ahmte seine Lustigkeit nach, ich am allerwenigsten; es war doch zu unbehaglich, den engen Raum mit lauter tropfnassen Röcken, Strümpfen, Tüchern u. s. w. zu theilen. Mein armes, funkelnagelneues Costüm, dir glaubt'ich ein besseres Loos beschieden! Wir Beide gehen nimmer auf einen Berg, nicht wahr? Bevor wir nicht gehörig trocken sind — das gelob'ich.

Im Uebrigen waren Behelfe genug zu einer schwelgerischen Existenz vorhanden; den mitgenommenen Proviant hatten die Führer fast unberührt zurückgebracht, und an Zeit fehlte es ja nicht, nach Herzenslust zu tafeln. Denn wir wollten ruhig ausharren, in der Zuversicht, das Wetter werde sich doch vor dem Abend austoben.

Unserer Geduld war jedoch eine viel kürzere Frist zugemessen; schon um 3 Uhr ließ der Regen nach und wir verzögerten daher nicht den Aufbruch. Eilig sprang ich voraus, den vor Nässe klebrigen Halden des Dündengrates entlang, und den Schritt erst hemmend, wo sich über einen Felskopf am Ausfluß des Blümlisalpgletschers der Pfad steiler hinabwindet; es huschte behend, aus dem Geklüft aufflatternd, ein grau befiederter Vogel quer an mir vorbei, ein Schneehuhn war 's! Und 1, 2, 3 bis 8 zählten wir die winzige, junge Schaar, die ängstlich nach der verscheuchten Mutter suchte. Hoffentlich haben sie sie bald in einem warmen Unterschlupf gefunden.

Noch immer mit den hübschen Thierchen beschäftigt, reibe ich, plötzlich zusammenzuckend, mein Auge — hat es geblitzt? Nicht doch, die Sonne stahl sich sachte durch die Wolken; und ihr Licht läßt nicht mehr nach, mit den schwarzen Schatten um den Sieg zu ringen. Vom Zenith sind die Unholde schon verjagt, nun aber schieben, drängen sie sich zwischen die Mauern und Thürme des Hochgebirges. Und wie wenn der Angreifer in die belagerte Festung Feuer-brände wirft, so flackert roth der Qualm inmitten der Felsenburgen, da die sich neigende Sonne ihre Strahlen-geschosse gleich glühenden Pfeilen gegen das Wolkenheer entsendet. Noch mein'ich vor mir, wie damals, den Wildstrubel zu sehen, wogende schwarze Nebel an ihm emporkriechend und seine Zinnenkrone wie in zerschmolzenes Gold getaucht. Mit immer neuem Reiz schmücken sich die Berge! Und räthselhaft ist die Gewalt, die ihnen eigen; unwiderstehlich ziehen sie an — nehmen des Menschen Seele gefangen.

War das ein toller Lauf zum See hinab! Wieder bin ich im Kahn, dahin gleitend über die leicht bewegte Fluth, und richte nachdenklich den Blick zum Gipfel des Blümlisalphorns. Wohl habe ich unter Mühsal und Gefahr die schimmernde Höhe erklommen, oben richtig Ungewöhnliches erlebt, habe den Berg, wie selten einen, mit Wißbegier betrachtet, aber warum er seinen holden Namen trägt, kann auch ich Niemandem sagen.

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