Das Erhabene und die Ehrfurcht

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Vortrag, gehalten in der 85jährigen Sektion Rätia SAC.

Von M. Szadrowsky

( Chur ) Ein Gedenkjahr erinnert an Bestand und an Vergänglichkeit. Die 85 Jahre unserer Sektion Rätia sind vergangen. Noch leuchten aber die Sterne, die den Gründern gestrahlt haben, Sterne des Himmels und Sterne des Gemüts. Lebendig wirken immer noch und immerfort die Kräfte des Bergsteigens. Das Grosse, das den Gründern gegönnt war, dürfen wir auch erleben.

Zwei Haupterlebnisse des Bergsteigers: das Erhabene und die Ehrfurcht. Erhabenes wird seinen Sinnen und seiner Seele zuteil; mit Ehrfurcht darf er es sich einverleiben und es in sich fühlen.

Zu naturhafter Erhabenheit erhebt sich der Berg über das Tal. Erhebend ist sein Anblick für uns. Hinauf zieht uns der Hohe. Mühsal und Gefahr stellt uns der Übermächtige in den Weg. Mit Seelen- und Leibeskräften dürfen wir sie meistern, uns Höhe und Hoheit erarbeiten, uns erhaben fühlen. Da tut Ehrfurcht not.

Gehn wir zusammen einen Gedankenweg: wir betrachten 1., wie der Berg sich räumlich und für unser Auge erhebt, dann 2. eine seltsame, aber tatsächliche Erhabenheit des Bergsteigers über den Berg, eine willensmässige, dann 3. eine Erhabenheit des willenlosen Anschauens, dann 4. besinnen wir uns auf die Furcht und Kleinheit und finden nach einem Abstecher ins Übermenschliche die dem Bergsteiger angemessene Haltung in der Ehrfurcht; zuletzt lassen wir uns 5. von Goethe zeigen, wie er im Anschauen der Natur Erhabenes mit Ehrfurcht erlebt.

1.

Tatsächlich « erhebt » er sich, der Berg. Die Sprache sagt es trefflich: der Berg erhebt sich. Genauer wäre zwar: er hat sich erhoben. Es ist schon lange her; Geologen wissen in runden Zahlen mit mehreren Nullen, wann der Berg sich erhoben hat und was ihm den Anstoss zur Erhebung gegeben hat. Die Sprache hat trotzdem recht mit der Gegenwartsaussage: der Berg erhebt sich. Streckt er sich, oder, sachlicher ausgedrückt, erstreckt er sich doch in die Höhe. Und ob er es nun wirklich tue oder nicht: unbestreitbar Täter des « Er-hebens » ist er für Auge und Gemüt. Schon weil wir unser Auge zum Berg erheben, erhebt er sich für unser Gefühl. Seine Gestalt, mancherlei Einzelnes im Aufbau weist und will nach oben. Ein seltsames, echt menschliches Zusammenwirken von aussen und innen ( von Objektivem und Subjektivem ) ist es, wenn der Berg vor uns « sich erhebt ».

Allmählich höher und höher wird uns Piz Roseg, wenn wir von Pontresina zur Fuorcla Surlej hinaufsteigen; ganz plötzlich himmelt er sich empor, wenn wir von den Engadiner Seen auf den Pass kommen. Sicher ist, dass da nur die Schneespitze uns « angeht », obwohl zur Besteigung des Piz Roseg noch das Wagnis zum Hauptgipfel hinüber gehört. Das Bild Piz Roseg in unserer Seele, die Idee dieses Berges ist die wunderbar schön geschaffene Schneespitze, ihre uns mit erhebende Erhebung zum Himmel und ihre im Himmel ruhende Erhabenheit. Von der Tschiervaseite täte es uns die furchtbar erhabene Eiswand an.

Piz Morteratsch, meist als Schneekuppe geschaut und bestiegen, hat auch zwei Felsgräte von wild emporforderndem Aufschwung.

Schwer hat es manchmal ein Berg, gegen das Tal « aufzukommen », zum Beispiel in der Landschaft von Sils und Silvaplana gegen die farbige Herrlichkeit der Seen.

Piz Ela hat sich mit der reichen Talsohle von Bergün auseinanderzusetzen, auf der sein Fuss steht. Ein Schuster träumte einen Angsttraum: Schuhe für diesen « Fuss » des Ela sollte er schustern; woher das Leder nehmen? Alles rätische Rindvieh von Maienfeld bis Roveredo reichte nicht aus. Wie Piz Ela, der breitmächtige, seiner Breite zum Trotz « sich erhebt », das ist ein Schauspiel, dem man von Munts oder von der Bergwiesenkuppe Cuolm da Latsch stundenlang zuschaut. Empor zum Elahaupt weist der spitze Kirchturm am obern Dorfende, wie der Finger des Johannes auf dem Kreu-zigungsbild von Grünewald. Also los vom Dorf und von den schweren Kies-und Sandmassen der Riesenrüfe Sablunun. Sogar Bachrinnen können das Auge aufwärts führen, wenn das Abwärtsfliessen des Wassers einfach in Helligkeit aufgeht. Lärchenwald steigt gegen die beiden Rugnux hinauf, Tausende von Lärchen, jede für sich strebt hinauf, wird von andern überstaffelt, übersteigert, überstiegen, hundertfach, tausendfach, aufwärts; sogar der ganze Lärchenwald spitzt sich zu, aufwärts, er steigt, obwohl er auf einem Schuttkegel steht, auf « heruntergekommenem » Schutt. Noch höher will er und kann er und klettert er, dort auf einer schräg ansteigenden Felsrippe. Das Auge muss mit hinauf auf die beiden Rugnux und lässt sich als Wegweiser zur Höhe auch einen ordentlich zwischen ihnen stehenden Felszuckerhut von 200 m Höhe gefallen: man soll ihn nicht auslachen, er erfüllt seine Lebensaufgabe, nach oben zu weisen. Wie könnte das Auge nachher stecken bleiben? Der Gletscher nimmt es unwiderstehlich zur höchsten Höhe hinauf. Zugegeben: man kann alles auch « den andern Weg » sehen und empfinden: Hängegletscher, Gletscherbruch, Eis-brockensturz, Wildbachreissen, Schuttgerümpel, Sandwüste. Aber trotzdem: Piz Ela « erhebt sich ». Der andere Breitgewaltige Graubündens, Piz Palü, vollbringt es mit drei urmächtigen Pfeilern.

Leichter als Piz Ela macht es sich jenseits der Albula Piz Üertsch hinten in Val Disch: ein blinkendes Schneegrätchen ist Aufschwung genug. Im ganz Grossen tut Ähnliches im Engadin Piz Alv ( meistens noch Piz Bianco genannt ) mit dem über allen Preis erhabenen Schneegrat, der das Auge von der Fuorcla Prievlusa hinaufträgt ( « Biancograt » ). Auch mit Schwarz kann sich ein Berg hinaufhelfen, obwohl Schneeweiss gebräuchlich ist: im Fextal Piz Tremoggia mit dem schwarzen Band quer hinauf durch rötlichgelbe Wand. Was wäre der würdig breite Calanda ohne das dem Auge aufhelfende Felsband? Am einfachsten und besten erhebt sich ein Berg durch möglichst entschiedene Kegelform: Piz Ot, oder Pyramidenform: Piz Linard, Piz Glüschaint, der Leuchtende; mir ist besonders Piz Piatta ins Herz gezeichnet. Neben dem breiten Piz Ela erhebt sich das steil ragende Tinzenhorn. Da wird denn am späten Nachmittag zumal die Westgratlinie vor dem hellen Himmel zum lebendigen Gewächs, wenn die Südwand im Schatten liegt. Vor Jahrzehnten hat es mir und einem Freunde ein Berg hinter dem Cavlocciosee bei Maloja angetan: in einfacher Welle hebt sich links sein Grat hinauf. Welcher Bergsteiger hätte nicht solche alte Liebschaften? hochgeliebte, tiefempfundene Gräte und Spitzen, die sich erheben und ihn erhoben haben!

Die Brigelser Hörner streben « gotisch » ruhelos hoch und höher. Man darf es « gotisch » nennen, wenn man gotischen Stil etwa so kennzeichnet: « Im unaufhaltsamen Emporfahren befriedigt sich der Drang, befreit von aller Schwere hoch hinauf die Luft zu durchschneiden » ( H. Wölfflin, Kleine Schriften S. 39 ). Der Tödi hebt sich « romanisch » ruhevoll. Der Bifertenstock kann wie « Barock » anmuten, wo « die Form aus dem rohen Felsgestein sich herauswinden muss ». Zum Gebirge und Bergsteigen passt Hinken nicht, auch kein hinkender Vergleich. Aber man wird doch an Gebirgsbau erinnert, wenn H. Wölfflin über den « architektonischen Eindruck » schreibt, dass « die Schwere des Stoffes überwunden sei, dass in mächtigsten Massen ein uns verständlicher Wille sich rein hat befriedigen können » ( Kleine Schriften S. 24 ). « Uns verständlich » ist nun freilich der Aufbau«wille » des Berges nicht; aber es ist uns zumute, als ob der Berg auf seine Weise seine Höhe wolle. Man lässt ihn auch etwa als Dom, Kirche, Kirchli, Turm, Orgel gelten. Meistens begnügt man sich ohne architektonischen Ehrgeiz mit Bezeichnungen und Namen wie Hubel, Kuppe, Stock, Horn, Spitz(e ), Nadel. In P. Zinslis Buch « Grund und Grat » ist Treffliches darüber gesagt, wie die Sprache « dem Baugesetz der Gebirge » gerecht wird.

Erhobenheit und Erhabenheit der Spitzen haben wir immer wieder erstrebt, erarbeitet, gefunden, herzlich genossen. Sogar das fleischliche Herz war mit dem Hochgefühl im Einklang, obwohl die Höhenluft um 4000 herum nicht allen Menschen zu Labsal und Lust gedeihlich ist. Haben wir uns gar gebrüstet mit der metermässigen Erhebung und Erhobenheit über dem sogenannten Meeresspiegel? Viertausend ist immerhin mehr als Dreitausend. « Hochachtung » zollen wir dem Hohen. Höhe ist herrlich.

Aber meterhaft räumliche Erhebung und Erhobenheit ist noch nicht alles, was der Bergsteiger mit dem Wort « Erhabenheit » ausdrückt. Es steckt und klingt noch Besseres, noch Höheres darin.

2.

Zwei Stunden nach Mitternacht sind wir von der Bovalhütte aufgebrochen. In der frühesten Morgenfrühe steuern wir unter den Bellavistafelsen den hintersten Berninabergen zwischen Fuorcla da la Crast'agüzza und Bellavista zu. Der Gletscher zeigt seine Urgewalt in Ungeheuern Schründen, breit, tief, schauerlich, doch gewaltig schön. Ein seltsames Wortgefüge meldet sich: schaurigschön. Ein seltsamer Seelenzustand!

Schiller, der Dichterphilosoph, helfe uns die Tatsache des Schaurig-schönen erkennen und deuten. Mehr als je sonst gilt doch für den Menschen in einem Gletschergewirre: « Umgeben von zahllosen Kräften, die alle ihm überlegen sind und den Meister über ihn spielen, macht er durch seine Natur Anspruch, von keiner Gewalt zu erleiden. » Da hat der Mensch einen « rüstigen Affekt » zum Begleiter, einen Genius, ernst und schweigend; « mit starken Armen trägt er uns über die schwindlichte Tiefe ». Dieser Helfer ist das Gefühl des Erhabenen. Schiller kennzeichnet es so: « Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äussert, und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann und, ob es gleich nicht eigentlich Lust ist, von feinen Seelen aller Lust doch weit vorgezogen wird. » Wir Bergsteiger greifen zu, besonders da wir zu den « feinen Seelen » gehören, falls jenes Gefühl des Erhabenen uns eigen, für uns wesentlich ist. Und das ist es fürwahr! Bergsteigerisches Hauptgefühl ist es, « diese Verbindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl ». Bedrückt und beglückt schlagen wir uns zwischen Gletscherspalten und unter Gletscherbrüchen durch, beklommen und besonnen wagen wir uns auf der Schneebrücke über den klaffenden Schrund. « Nicht in der Unwissenheit der uns umlagernden Gefahren, nur in der Bekanntschaft mit denselben ist Heil für uns », schreibt Schiller in der philosophischen Abhandlung « Über das Erhabene »; es könnte auch in einem Ratgeber für Bergsteiger stehn. Durch Naturwissenschaften, durch Berichte erfahrener Bergsteiger, durch eigene Erfahrung, durch waches Aufmerken mit allen Sinnen nehmen wir Kenntnis von den Gefahren, wappnen uns gerade dadurch zur Abwehr, sind ihnen nicht mehr ausgeliefert, sind ihnen gewachsen, sogar über sie erhaben, wenn auch niemals ihnen enthoben. Durch kameradschaftliches Seil gesichert, vorsichtig Fuss vor Fuss setzend, wagen wir den unheimlich erhabenen Gang über die Gipfel des Piz Palü und über den Südgrat zum Piz Bernina. Was taugte ein Seil ohne das treue Aufmerken der Seilgefährten? Was könnte der Fuss ohne Seelenkraft? Eine Art oder Stufe von Überlegenheit, sogar von Erhabenheit über Naturmächte dürfen wir das wohl nennen, wenn wir ihnen nicht schlechthin unterliegen, weil Wissen und Besonnenheit, die der Kameraden und die eigene, uns beistehen.

So weit wären wir auch auf eigenen Gedankengängen gekommen. Jetzt hilft Schiller uns weiter. Was ist 's eigentlich mit jener Mischung aus Wehsein und Frohsein im « rüstigen Affekt » des Erhabenen? Kurz gesagt, ist das Wesentliche das: der furchtbaren Wucht der Naturgewalt gegenüber besinnt sich der Mensch auf seine eigene, ganz andere Natur. Seinem wesentlichsten Wesen nach kann er der Natur nie zum Opfer fallen. Niemals kann Naturmacht den innersten Menschenwert vernichten. Der ist erhaben über sie. Erhaben ist auch das Bewusstsein, dass es so ist.

Schillers Gedankenweg führt uns keineswegs in Verstiegenheit. Auf eine hohe Warte leitet er uns, zu einem erhebenden Ausblick auf eine erhebende Tatsache, welche Tatsache bleibt, obwohl sie erhebend ist: der Mensch ist durch seine wesentlich menschliche Natur über alle noch so übermächtige äussere Natur erhaben.

Man kann den philosophischen Weg Schillers sehr wohl in Bergschuhen mitgehen.

Vorerst das « Wehsein ». Schiller: « Der erhabene Gegenstand lässt uns die Grenzen unserer Fassungskraft und unserer Lebenskraft fühlen, also das peinliche Gefühl unserer Grenzen. » Dieses Gefühl kennst du auch, mein lieber Kamerad Bergsteiger! Unermesslich ist die Bergwelt der Erde, ungeheuer gross die Alpenkette; nicht einmal das heimatliche Bergland fassest du; der Gebirgsstock verwirrt dich mit Spitzen und Spitzchen, Gräten und Grätchen, mit Gletschern und Firnen. Am vertrauten Berg gerätst du an eine unnahbare Wand, an einen nicht erkletterbaren Grat, ein Gletschersprung ist deiner Sprungkraft nicht überspringbar. Nebel macht deinen Berg — ist es noch deinergespenstisch, lässt aus grauen Verhüllungen schreckhafte Zacken auftauchen, einen fürchterlichen Abgrund plötzlich deinem Fuss sich auftun. Gewitter, Steinschlag, Lawine: Ungeheures, Ungeheuerliches immer wieder hat das Gebirge, unser « erhabener Gegenstand », an sich. Immer wieder fühlen wir « die Grenzen unserer Fassungskraft und unserer Lebenskraft ».

Aber trotzdem, Trotz dem! Schiller: « Trotzdem fliehen wir ihn nicht ( den erhabenen Gegenstand ), sondern werden vielmehr mit unwiderstehlicher Gewalt von ihm angezogen. » Grundtatsache des Bergsteigertums! Und doch seltsam: lassen wir uns denn gern an die Allgewalt der Naturkräfte erinnern? Das nähmen wir nicht auf uns, « wenn wir nicht noch etwas anderes im Rückhalt hätten, als was ihnen zum Raube werden kann », schreibt Schiller und stellt fest, welcher Gedanke, besser welche Tatsache uns Halt gibt: « An das absolut Grosse in uns selbst kann die Natur in ihrer ganzen Grenzenlosigkeit nicht reichen. » Die Natur erinnert den Menschen an seine « physische Ohnmacht ». Mit Kleinmut müsste er an der unfassbaren Natur vorübergehen, sich von der verderbenden Natur mit Entsetzen abwenden, wenn ihm nicht « die freie Betrachtung » gegen den blinden Andrang der Naturkräfte Raum machte. In der Flut der Erscheinungen entdeckt er « etwas Bleibendes in seinem eignen Wesen »; da reden nun die Naturmassen eine ganz andere Sprache zu seinem Herzen. « Das relativ Grosse ausser ihm ist der Spiegel, worin er das absolut Grosse in ihm selbst erblickt. » Er kann sich jetzt den Schreckbildern « mit schauerlicher Lust » nähern. Das « Frohsein » ist dem « Wehsein » gewachsen.

Noch eine andere Seite des Erhabenen in Schillers Sinn ist im Bergsteiger zu beobachten. Schiller: « Wir werden begeistert von dem Furchtbaren, weil wir wollen können, was die Triebe verabscheuen, und verwerfen, was sie begehren. » Ohne uns mit Bergsteigertugendhaftigkeit zu brüsten, dürfen wir ein paar Grundtatsachen des Bergsteigens feststellen. Sprechen wir dabei nicht von uns Bergsteigern, sondern von ihm, dem Bergsteiger! Er verwirft tatsächlich oft, was die Triebe begehren, und kann wollen, was die Triebe verabscheuen.

Verwirft er nicht Trägheit und Bequemlichkeit? Natürlicher Neigung zuwider ist der Rücken geneigt, den Rucksack in der Nachmittagssonne von Truns zur Puntegliashütte hinaufzubuckeln. In der nächsten Nachmittagssonne ist der Rucksack leichter, schwerer das Gebein, das den höhesüchtigen Kopf samt der Fülle kluger Gedanken auf den Bifertenstock getragen und das Auf und Ab zwischen Hütte und Frisallücke nicht bequem befunden hat. Und die Hütte? Eine liebe Hütte ist es vom alten Klubhüttenstil, Dach, Bank, Tisch, Herd, Schlaf schragen: so schlicht ist es dem Bergsteiger nicht zu schlecht, wenn er im Einklang mit dem herrlich rauschenden Gletscherbach schlafen oder schlummern oder doch ruhen darf.

Nie mehr durch das haltlose Kalkschuttgerümpel ans Alperschellihorn oder an die Pizzas d' Annarosa heran, so nehmen wir uns mit Verwünschungen vor; eine Woche später waten unsre Beine doch wieder durch die Steinfluten hinauf. « Es » will abwärts, rutscht, rinnt, rollt; er aber will aufwärts, der Bergsteiger, sein Wunsch, Wille, Widerstand. Auge und Fuss finden und nutzen einen grössern Stein, ein Stücklein standhaften Gesteins, der Fuss steht, steigt. An der Eisnase des Piz Cambrena stehen wir stundenlang in Eisstufen unter Eissplittern, die der Führer fast senkrecht über uns aus der Eiskante haut. Mancher von uns darf sich sogar rühmen, selber solche Eisleitern gepickelt zu haben, und er rühmt sich nicht einmal. Am Piz Palü kehren wir nicht um, wenn er auch einmal mit weichem Schnee den Beinen siebenfache Mühe macht.

Besinnen wir uns, dem Gedankengang zuliebe, auf Mühsale des Bergsteigens, dann sind das Mühseligste und doch immer wieder freiwillig Aus-gehaltene die Rückwege, zum Beispiel die langen Gletscherabstiege von den Berninabergen, den herrlichen. Stundenlang « geht es » ( die lumpige Wendung passt einmal ) über Gletscherhänge und Schneeböden, über Kuppen und durch Mulden; sonnenweich weicht der Schnee dem Schritt f lotschig und rutschig unter den Füssen. Im Eishang haben die Zacken der Steigeisen nicht mehr rechten Biss in der feuchtsulzig aufgetauten Gletscherkruste. Der Schneebrücke über Randkluft und Spalte darf man kein Gewicht mehr zumuten. Kein Übergang mehr, also Umweg auf und ab, hin und her. Man ist nur noch Natur und Kreatur, einfach natürlich und kreatürlich müde, die Knie nicht mehr begeistert, kaum mehr durchgeistet, müde die Seele, der Geist nicht mehr wacker, kaum mehr wach, nicht mehr zum Heben und Erheben imstande. Kaum mag man Fuss und Bergschuh heben, den Rucksack auf den Rücken heben, nachdem man sich hat sagen lassen: « Iss und trink, du hast noch einen weiten Weg! » ( Jesaia. ) Als Vorletztes dann erst recht noch einmal Aufstieg vom Gletscherboden zur Klubhütte, heisse sie nun Boval- oder Coazhütte. Und dann noch das Letzte: von der Hütte hinaus ins Tal, ein paar Stunden lang, aufgebraucht und abgenutzt und ausgeschöpft den Weg hinaus, der als Eingang dem frisch geniessenden und hoffenden Herzen Labsal war. Nie mehr solche Mühsal! Doch übermorgen schon kommt Schweres, Lästiges nicht mehr auf gegen den kecken Mut zur Höhe. Leiblich-seelische Zwienatur ist wieder im schöpferischen Gleichgewicht.

Jeder hat noch seine besonders heroisch-idyllischen Erinnerungen. Zum Beispiel: in einem Herbst auf dem Weg zur Jenatschhütte in stockfinsterer Gewitternacht Unterschlupf in Alp Val, dreischläfiges Nachtgelieger im Stall auf einer kanzelartigen Empore, Hosenboden auf Holzboden, Rücken am Rucksack, drei Meter hoch erhaben über 85 blökenden Schafen.

Fast kommt man sich erhebenderweise wie einer jener festen Männer vor, die vor einem Jahrhundert unsere höchsten Berge zum erstenmal als Bergsteiger bestiegen haben: die Schäferhüttchen der obersten Schafalpen waren ihnen Dach genug vor und nach grösster Tat. Ihnen gebührt bewundernde Verehrung. Schämen müssten wir uns, wenn wir 's nicht nur leichter, sondern leicht hätten. Kein Bergsteiger, wer sich nicht über Trägheit und Behaglichkeit und Bequemlichkeit erhebt.

Eine Art des Erhabenen dürfen wir es ohne Selbstüberhebung nennen, wenn man mit Seelenkraft leibliche Mühsal freiwillig auf sich nimmt.

Lassen wir es Schiller noch einmal in seiner grossartigen Denk- und Sprechart sagen: « Wir erfahren durch das Gefühl des Erhabenen, dass sich der Zustand unsers Geistes nicht notwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, dass die Gesetze der Natur nicht notwendig auch die unsrigen sind, und dass wir ein selbständiges Prinzipium in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen unabhängig ist. » Mit « unabhängig » ist ein bisschen zu viel gesagt; das geben wir Bergsteiger zu, und Schiller widerspräche nicht im Hinblick auf den Menschen. Dem Gesetz der Trägheit verfallen wir dann und wann mit Leib und Seele. Nicht immer reichen Seelenkraft und Leibeskraft dazu aus, dass wir der Bequemlichkeit zuwider das Unbequeme wählen, das Strenge wollen und in diesem Wollen beharrlich sind. Aber trotz Versagen im Einzelfall bewähren wir Bergsteiger manchmal oder sogar oft die über alles bloss Naturmässige erhebende und erhabene Freiheit, Schweres, Schwereres, Schwerstes zu wollen und zu wählen. Schiller: « Der Mensch ist das Wesen, welches will. » 3.

Aber merkwürdig: auch beim Schweigen des Willens und gerade durch dieses Schweigen fühlen wir Erhabenes.

Wunsch- und willenlos, ganz Auge, schauen wir den Abend im Gebirge, einfach als grosses Bild, Piz Roseg im Erlöschen des Tages, im kühl zauberischen Licht zwischen Spätabend und Nacht, den gestirnten Himmel über nachtgrauem Gletscher, die wahrhaft ganz nachthafte Nacht des Gebirges:

Erde, Stein, Schnee, Eis unter dem Sternenhimmel, reines, ganzes Schöpfungsbild. Das Schauen, das Geschaute erfüllt uns ganz, der Wille schweigt, wir sind ganz Auge, Weltauge.

Diese Art von Erhabenheit des über Wollen und Begehren erhobenen und erhebenden Anschauens hat Schopenhauer besonders erfahren und in philosophischen Werken dargestellt: « Warum wirkt der Anblick des Vollmonds so wohltätig, beruhigend und erhebend? Weil der Mond ein Gegenstand der Anschauung, aber nie des Wollens ist: die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht ( Goethe ). Ferner ist er erhaben, d.h. stimmt uns erhaben, weil er ohne alle Beziehung auf uns, dem irdischen Treiben ewig fremd, dahinzieht, und alles sieht, aber an nichts Anteil nimmt. Bei seinem Anblick schwindet daher der Wille mit seiner steten Not aus dem Bewusstsein, und lässt es als rein erkennendes zurück. Vielleicht mischt sich auch noch ein Gefühl bei, dass wir diesen Anblick mit Millionen teilen, deren individuelle Verschiedenheit darin erlischt, so dass sie in diesem Anschauen Eines sind; welches ebenfalls den Eindruck des Erhabenen erhöht. Dieser wird endlich auch dadurch befördert, dass der Mond leuchtet, ohne zu wärmen. » Ein entschiedenes Überwiegen der anschauenden Erkenntnis über alles Willensmässige lässt uns, so stellt Schopenhauer fest, die Dinge mit ganz andern Augen sehen, « indem wir sie jetzt nicht mehr ihren Relationen nach, sondern nach dem, was sie an und für sich selbst sind, auffassen und nun plötzlich ausser ihrem relativen auch ihr absolutes Dasein wahrnehmen », das Allgemeine der Wesen, die Ideen der Dinge. Der Philosoph fügt einmal etwas bei, was zur Physiologie des Bergsteigers passt: « Was nun aber diesen Zustand ausnahmsweise herbeiführt, müssen innere physiologische Vorgänge sein, welche die Tätigkeit des Gehirns reinigen und erhöhen. » Beiläufig auch eine hübsche Bemerkung über den Genuss des Reisens: auf einen Fremden macht oft eine Stadt einen sonderbar angenehmen Eindruck, den sie keineswegs im Bewohner derselben hervorbringt; « denn er entspringt daraus, dass jener ausser aller Beziehung zu dieser Stadt und ihren Bewohnern ist, sie rein objektiv anschaut ». Schauen wir unsere Bergstadt Chur gelegentlich so an, als ob sie uns nichts anginge!

Man lässt sich gern von Schopenhauer Beispiele des Erhabenen vor Augen und zu Gemute führen. « Einen Eindruck des Erhabenen in niedrigem Grade », schreibt er, « geben schon die einsamen Schatten hoher Eichen... Ja die eintretende Stille jedes schönen Abends, wo das Gewirre und Getreibe des Tages schweigt, die Gestirne allmählich hervortreten, der Mond aufgeht — alles dies stimmt schon erhaben, weil es uns ablenkt von der Tätigkeit, die unserm Willen dient, und zur Einsamkeit und Betrachtung einladet. Die Nacht ist an sich erhaben. » Besonders hebt er am Eindruck des Erhabenen immer wieder hervor, dass wir einerseits unsere Kleinheit empfinden, anderseits die Fähigkeit reinen Anschauens walten lassen. « Sehr hohe Berge sehn wir mit grossem Genuss und werden erhaben gestimmt: die blosse Grösse der Massen macht unsere Person unendlich klein; aber sie sind der Gegenstand unserer reinen Beschauung, wir sind das Subjekt des Erkennens, der Träger der ganzen Objekten-Welt. » « Ruinen des Altertums rühren uns unbeschreiblich; denn wir empfinden die Kürze des menschlichen Lebens gegen die Dauer dieser Werke, die Hinfällig- keit menschlicher Grösse und Macht: das Individuum schrumpft ein, sieht sich als sehr klein, aber die reine Erkenntnis hebt uns darüber hinaus, wir sind das ewige Weltauge, was dieses alles sieht, das reine Subjekt des Erkennens. Es ist das Gefühl des Erhabenen. » Wir Bergsteiger wollen jetzt an einen Gebrechlichen denken und an einen Kranken im Sanatorium, Menschen, für die der Berg nur zum Anschauen da ist. Gerade das reine Schauen kann ihnen auf würdigste Art die Erhabenheit des Berges auftun. Erhaben können die Gebrechlichen sein über den rüstigen Bergsteiger, der den Berg begehrt, der ihn besteigen will und kann.

Doch auch unsere Bergsteigererlebnisse stimmen oft zu dem, was Schopenhauer am Erhabenen hervorhebt: Erhebung über Kleinheit und Bedrücktheit und Begehrlichkeit durch willenloses Anschauen des Grossen. Wie spricht auch Schiller aus unserm Herzen mit seinem « rüstigen Affekt » des Erhabenen! Recht haben beide. Gemeinsam ist beiden: im Gefühl des Erhabenen erhebt sich Geistiges über Natürliches.

Beider Lehrmeister ist Kant: unermessliche Grösse ( das « mathematisch Erhabene », das des Menschen Fassungskraft übersteigt ) und überwältigende Kraft der Natur ( das « dynamisch Erhabene », das unsere Lebenskraft bedroht ) bedrücken den Menschen, werfen ihn nieder; über seine naturhafte Unzulänglichkeit erhebt sich seine Vernunft mit ihrer Gestaltungskraft und Würde; das ist seinem Wesen gemäss, darum erhebend für ihn. « Erhaben ist, was auch nur denken zu können, ein Vermögen des Geistes beweist, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft. » 4.

Jetzt wollen wir Erhabene uns der Furcht erinnern und uns ducken. Ehrfurcht hilft uns dann wieder auf.

Mit Blitz und Donner überfällt den Bergsteiger im Hochgebirge das Hochgewitter. Klein ist er vor dem ungeheuer Gefährlichen. Noch kleiner macht er sich: platt an die Erde legt er sich; nicht mehr aufrecht ist er, geschweige denn erhaben. Oder er flieht vom erhabenen Tödi durch die Glimspforte — findet er sie noch in der Schwärzehinab, nur hinab, hinab aus dem Erhobenen, Erhabenen ins Tiefere. Noch auf dem Glimsgletscher unten ist er zu hoch, muss gar noch aufwärts zur Ruseinlücke, dann endgültig hinab zur schützenden Hütte — schützt sie ihn mit ihren paar Brettern vor dem Blitz? In die nächsten Bergspitzen fährt er, nicht in die Hütte. Unser Vater will es so. Ihn fürchten und ehren, der der Allmächtige ist und der All-gütige, das allein ist Rettung, draussen unter blitzenden Wolken und drinnen unter bergendem Dach. Mit unsrer Macht ist nichts getan. Nichtig sind Flucht und Zuflucht, wenn Er nicht das Gelingen will und wirkt. Tun wir, was wir vermögen an Rat und Tat: die Rettung ist Wohltat von oben. Wir beugen uns in Ehrfurcht. Werden wir klein dadurch und erniedrigt? Erhoben werden wir. Das dankbare Bewusstsein der Gotteskindschaft gibt uns Erhabenheit über Not und Tod.

Uns Bergsteigern ist der 121. Psalm sonderlich lieb mit seinen Bergen, von denen uns Hilfe komme. Dass sie nicht von den Bergen kommt, sondern

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