Das Gewitter

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M. M. Mcolet, Chesières VD

Schon lange ist 's her, seit wir - ungefähr zwanzig an der Zahl - in der Bietschhornhütte zusammentrafen. Ohne damit gerechnet zu haben, fanden wir uns inmitten von Bekannten. Ich führte eine Zweier-Seilschaft an. Ein Freund aus Sitten hatte einen Anfänger bei sich. André Roch und Pierre Blanc waren mit zwei weiteren Seilschaften zur Stelle. Alle planten wir dasselbe: die Traversierung des Bietschhorns über den Nord- und den Westgrat.

Gegen 3 Uhr verlassen wir die Hütte. Es ist noch dunkel, aber bereits viel zu warm. Ja, wenn man den Mut hätte, gerade dann zu verzichten, wenn das Wetter einen derart guten Eindruck macht! Am Fusse des Grates nehmen wir einen kleinen Imbiss ein, und dann geht 's los! Aber welche Überraschung! Im Moment, wo ich mit meinem Pickel die Richtung anzeige, höre ich ihn sirren. Ich versuche es nochmals - kein Zweifel, wir befinden uns bereits in einer elektrisch geladenen Zone. Das Wetter ist zwar unverändert schön, aber um uns herum zeigt sich jetzt ein milchiger Schleier. Wir beraten kurz - so schnell ein Gewitter? Unglaublich! Das wird vorbeigehen.

Die Verhältnisse sind ideal. Wir kommen rasch voran. Es ist etwas nach 7 Uhr. Wir nähern uns dem Punkt, wo der Westgrat mit unserem Grat zusammenläuft. Plötzlich verdüstert sich die Umgebung. Ich wage nicht mehr, meinen Pickel zu heben, der unaufhörlich vibriert und summt. Ich rufe nach André Roch, um seine Meinung zu hören.

Ist es meine Stimme, die alles ausgelöst hat? Ein unheimliches, blendendes Aufleuchten, begleitet von einem ohrenbetäubenden Krachen, zwingt uns in die Knie - vor allem aber der heftige Hieb, der unsere Köpfe trifft. Ein starker Sturm setzt ein. Zugleich fegt feiner Hagel waagrecht über uns weg. Diesen entfesselten Gewalten vermögen wir nicht standzuhalten.

Ein zweiter, noch hellerer und stärkerer Blitzschlag. Ich verliere das Bewusstsein. Für wie lange, hat niemand realisiert, da wir alle getroffen wurden. Meine Kameradin ist auf die Ostseite, ich auf die Westseite hinuntergerutscht, doch beide bleiben wir unverletzt. Schnell, wir müssen unverzüglich an Höhe verlieren. Aber eine Frau-enstimme schreit auf deutsch: « Hilfe! Ich habe ein Bein gebrochen. » Wir versuchen, so rasch als sich dies bei den hef- tigen Böen machen lässt, zu ihr zu gelangen. Sie ist kopfüber abgestürzt, wobei ein Fuss buchstäblich am Fels angenagelt zu sein scheint. Ich befreie sie mit ein paar Pickelschlägen. Ihre Schuhe verfügen gleich den unsrigen über einen Tri-couni-Beschlag. Einer dieser Nägel ist nun vom Blitz, der genau an dieser Stelle auftraf, an die Felswand geschweisst worden. Ich hätte den Schuh gerne dem Alpinen Museum zukommen lassen, aber der an ihm haftende Gesteinsbrocken fällt dann beim Weitergehen ab. Doch noch sind wir nicht völlig in Sicherheit.

Nach ein paar hundert Metern Abstieg über den Grat gelangen wir in die Nord-West-Cou-loirs. Wir sind zwar rasch aus der elektrisch aufgeladenen Zone heraus, aber jetzt erwartet uns anstelle des Blitzes der Steinschlag. Meine Gefährtin wird von einem Stein derart bösartig getroffen, dass ihr der Ellbogen ausgerenkt wird. Mit einem Arm in der Schlinge muss sie nun den heiklen Abstieg durch das Couloir fortsetzen.

Zu allem Unglück stürzt - was angesichts der allgemeinen Nervosität nicht überrascht - der junge Kamerad meines Freundes auf einer Schneebrücke in die Tiefe. Es sind viele Hände da, um ihm zu helfen, und wir haben ihn rasch aus dem Loch heraufgeholt. Indessen hat sich aber der Unglücksrabe beim Sturz die gezackte Spitze seines Eispickels durch die Hand gebohrt. Es braucht viel Mut, über den er selber nicht mehr verfügt, um ihm das schmerzende Eisen aus der Hand zu ziehen.

Die Rückkehr zur Hütte ist nicht gerade glorreich. Der Hüttenwart, der das Gewitter und unseren abenteuerlichen Rückzug beobachtet hat, zeigt sich ärgerlich. Aber was sollen wir hier noch tun? Die Verletzung unseres jungen Freundes zwingt uns, unverzüglich den Heimweg anzutreten, um ihm schnell geeignete Pflege zuteil werden zu lassen.

Spätabends, bei unserer Ankunft in Sitten, vernehmen wir, dass am selben Morgen gegen 7 Uhr, ein Alpinist am Luisin vom Blitz erschlagen wurde.

Sagt mir doch, warum wir immer und immer wieder in diese, zu ihren Freunden manchmal so ungastlichen Berge zurückkehren?

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