Das Goms

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Von E. Rud

Mit 4 Bildern ( 74—77Zürich ) Die oberste Talschaft des Wallis in der nordöstlichen Ecke des Kantons, die von der jungen Rhone — dem « Rotten », wie der Fluss hier heisst — durchströmt wird, ist der Bezirk oder Zenden Goms. Vom Kamm zwischen Eggstock und Weissnollen über dem Rhonegletscher bis zum Zusammenfluss der Binna mit der Rhone, unterhalb der Steilrampe des Deischbergs, dehnt sich das Goms in einer Länge von 40 km aus, bei einer maximalen Breite von 27 km zwischen den Fiescherhörnern und dem Ofenhorn und Blindenhorn im Binntal. Im nordwestlichen Teil besteht noch ein ausgedehntes Gletschergebiet mit dem Aletsch- und Fieschergletscher und Fiescherfirn, dem Galmi- und Studerfirn, dem Bielinger-, Bächi- und Münstergletscher. Wie eine grüne Muschel liegt das Wiesengelände des Goms innerhalb einer grandiosen Umrahmung; der französische Name « Conches » bringt dies deutlich zum Ausdruck. Die braunen Dörfer in den blühenden Wiesen reihen sich wie Perlen am weissen Band der sich auf dem rechten Ufer durchschlängelnden Strasse entlang und längs der schäumenden Rhone. Der Talgrund bietet damit einen eigenartigen, packenden Kontrast zu den leuchtenden Firnen und Gletschern und den beidseitig ins Ätherblau ragenden Bergspitzen und zackigen Gräten. Dabei fehlt aber dem Goms der grandiose Aspekt der südlichen Walliser Täler, wo einzelne vergletscherte Viertausender das ganze Landschaftsbild beherrschen. Die Berge des Goms stehen mehr im Hintergrund, sind meistens vom Tale aus verdeckt; nur der die Grenze gegen das Urserental bildende formschöne Galenstock grüsst weit ins oberste Rhonetal hinunter, und fern im Süden leuchtet die Pyramide des Weisshorns. Wilde Bergbäche haben auf beiden Seiten tiefe Furchen in die kristallinen Gebirgsflanken und die dazwischen liegenden Kalksedimente und schieferigen Gneise eingeschnitten. Zwei grosse Seitentäler mit mächtigen Gletscherbächen, das Fieschertal auf der rechten und das Binntal auf der linken Talseite, greifen weit in die Bergmassive der Grenzzonen ein. Nur das Haupttal und diese beiden Seitentäler sind bewohnt; alle übrigen werden nur im Sommer mit Vieh bestossen und bieten den Sennen und Hirten in der guten Jahreszeit in Alphütten bescheidene Unterkunft. Von den 528,7 km2 des Goms ist nur der kleinere Teil Kulturland, das auf 21 Gemeinden aufgeteilt und von 4531 Personen bewohnt ist, so dass auf den Quadratkilometer nur die minimale Zahl von 9 Einwohnern entfällt. Dabei ist die Bevölkerung seit 60 Jahren noch in Zunahme begriffen; Anno 1888 zählte sie erst 4192 Köpfe.

Aber eine stramme, rassige Gesellschaft ist es, diese deutschsprachigen Gomser — oder richtiger « Gommer », wie sie sich selbst nennen. Mit einer durchschnittlichen Grosse von 1,65 m überragen sie die andern Walliser erheblich. Auch in der Walliser Geschichte haben sie eine grosse Rolle gespielt, und sie betrachten sich mit Recht, aber auch mit Stolz, als die Hüter der politischen Unabhängigkeit und des katholischen Glaubens.

Die Alpen - 1947 - Les Alpes19 Im Goms sind auch die Holzhäuser viel geräumiger und höher als im übrigen Wallis. Bis weit hinauf sind die Alpweiden mit einzelnen Wohnhäusern, Gaden und Stadeln besetzt, wobei für deren Bau wetterbeständiges Lärchenholz zur Verwendung kommt, das unter der Einwirkung der Sonne bald braun und später fast schwarz wird. Der etwas düstere Eindruck wird durch Bleieinfassungen der Scheiben oder Weißstreichen der Fensterrahmen sowie öfters auch durch Schnitzereien und Sprüche freundlicher gestaltet. Pie Häuser, die unter dem Frontgiebel ein sog. Heidenkreuz haben, zählen zu den ältesten Bauten. Das Innere der Wohnhäuser ( Mazots ) ist durchwegs einfach gehalten. Ein Ofen aus Giltstein ( Lavezstein ), ein Ausziehtisch, Wand-bänke, ein Büffet, ein Grossvaterstuhl, eine Wanduhr, ein Kruzifix, ein Weih-wassergefäss mit Rosenkränzen daneben, ein paar Heiligenbilder und Gebetbücher finden sich fast in jeder Stube.

Die Ställe oder Gaden ( raccards ) sind durchwegs unter besonderm Dach und nicht an die Wohnhäuser angebaut. Die Viehställe sind niedrig, so dass man die wenigen Gomser Pferde an der tiefen Kopfhaltung erkennen kann. Die Stadel oder Getreidescheunen ruhen, wie im untern Wallis, zum Schütze gegen Mäuse und Ratten auf hölzernen Säulen und mühlsteinartigen Gneisplatten. Durch einen bis zum Dach reichenden Gang sind sie in zwei Hälften geteilt und weisen mehrere horizontale Abteilungen auf, die sog. « Brigelti », die gerade so hoch sind, dass eine Roggengarbe darin aufrecht gestellt werden kann.

Was im Goms angenehm auffällt, ist die grosse Reinlichkeit in Haus und Stall, im Gegensatz zu den meisten Dörfern des übrigen Wallis. Das Gomser Volk gilt als das reinlichste, aufgeweckteste und intelligenteste des ganzen Wallis. Die Rekruten dieser Talschaft erzielen bei den Rekrutenprüfungen die besten Noten, und die Gommer zählen zu den besten Soldaten. Obschon der Schulbesuch in der Regel nur sechs bis neun Monate der kältern Jahreszeit umfasst und Sekundärschulen fehlen, so ist doch die allgemeine Bildung, dank der etwas über dem Durchschnitt stehenden Intelligenz, eine gute, und die Leute sind ruhige, aufgeweckte Bürger, rührige Bauern und Arbeiter, zuverlässige Angestellte und besorgte Hirten.

Sittlich streng gegen sich selbst, hält der Gommer an seiner katholischen Religion und an den alten Sitten und Gebräuchen in Kirche und Gemeinde fest. Dabei ist auch noch viel urchiges Volkstum erhalten geblieben, wie es in der Monographie von Dr. F. G. Stebler über das Goms ( Beilage zum Jahrbuch 1903 ) so anschaulich geschildert ist. Wirtshausgelage und lärmende Feste, Kinos und Teestubengeschwätz sind im Goms nicht bekannt. Dass die streng arbeitenden Frauen, die sehr einfach, meist dunkel, gekleidet sind, aber keine eigentliche Tracht tragen, sich an Sonntagen und Feiertagen mit Spitzenhauben und farbigen Bändern schmücken und gelegentlich gerne ein Pfeifchen schmauchen, wird man ihnen nicht verargen können. Dafür tragen sie aber auch bei den täglichen Gängen zur Alp oder zu den hoch liegenden Äckerlein bergwärts und talwärts oft Lasten von 50—70 kg in ihren Tragkörben oder « Tschiffere ». Die Kinder werden schon von früher Jugend an zur Mitarbeit in Haus und Feld gewöhnt.

Die Walliser Eigenart, dass mit « Tesslen » gerechnet und die Reihenfolge gewisser, sich wiederholender Obliegenheiten damit geregelt wird, ist auch im Goms Brauch und Usus. So gibt es Tesseln für Nachtwache, Kirchen-zinse, Sakristeidienst, Prozessionen, Weiden von Vieh und Hirtenverpflegung, Transporte für die gemeinsamen Alpen, Halten der Ziegenböcke, Ordnen der Einzäunungen etc. Ja sogar die « Gewalthaber » werden mit solchen Hauszeichen bestimmt.

Die Industrie konnte bisher im Goms noch nicht Fuss fassen. Wenn einmal der projektierte Stausee oberhalb Gletsch und das zugehörige Kraftwerk bei Oberwald gebaut sein werden, kommt vielleicht der Zeitpunkt, wo überschüssige Arbeitskräfte der Gomser Bevölkerung sich in der Heimat in Fabrikbetrieben betätigen können und nicht mehr genötigt sind, im Sommer in schweizerischen Fremdenzentren und im Winter an der Riviera oder an Sportplätzen Arbeit und Verdienst zu suchen. Auch Gewerbe und Handwerk sind im Goms schwach vertreten, denn was der Gommer braucht, das macht er fast alles selber, von den einfachen landwirtschaftlichen Geräten bis zum gestelzten Stadel und zum Wohnhaus samt Inventar. Einige Sägereien und Mühlen sind immerhin vorhanden. Bäckereien gibt 's nur in zwei bis drei grössern Orten; sonst dient der Gemeindebackofen in der Regel allen Familien der kleinern Dörfer. Dagegen ist das Gewerbe der Gastwirte ziemlich gut vertreten, besonders in Gletsch, Münster, Fiesch, Eggishorn und Binn. Eine Glockengiesserei, die früher in Reckingen bestand, ist eingegangen. Das Transportgewerbe, das früher eine wichtige Rolle spielte, als Albrun- und Griespass, Grimsel und Furka von grossen Saumtierkolonnen begangen wurden, hat mit der Eröffnung der Simplonstrasse 1805 den Todesstoss bekommen, und der Bau der Furka- und Grimselstrasse ( 1866 bzw. 1895 ) hat den Säumerdienst vollends entbehrlich gemacht. Auch die Postwagen-kurse sind durch die Eröffnung der Furkabahn 1915 entbehrlich geworden.

Interessant ist die Geschichte des Goms. Wir wollen dabei die Urgeschichte mit der Auftürmung und teilweisen Abtragung der Alpen und die Eiszeit, wo der Rhonegletscher weit über den Genfer See hinaus bis ins Solothurnische vorstiess, ausser acht lassen. Noch im Steinzeitalter scheint das Goms gänzlich unbewohnt gewesen zu sein. Erst aus der Bronze- und Eisenzeit hat man bei Fiesch und im Binntal einige Spuren gefunden. Im 5. vorchristlichen Jahrhundert soll im obern Rhonetal der Volksstamm der Ty-linger oder Tulinger gewohnt haben, der dann 58 v. Chr. mit den Helvetiern den Zug nach Gallien mitmachte und von Cäsar wieder in seine Heimat zurückgeschickt wurde. Während der römischen Periode sind die Uberer oder Viberer, ein Stamm der Lepontier, über die Grenzkämme ins Oberwallis eingedrungen. In der Völkerwanderung kamen aber die Alemannen über die Grimsel ins Goms und nahmen das Land an der jungen Rhone in Besitz. Die vielen auf « ingen » auslautenden Ortsnamen geben hiervon ein beredtes Zeugnis. Wenn auch einzelne Burgunder oder Franken bis ins Goms hinauf gestiegen sein mögen, so war doch das obere Wallis zur Zeit von Karl dem Grossen deutsch nach Sprache und Rasse. Als 999 das Wallis durch König Rudolf III. von Hochburgund dem Bischof von Sitten geschenkt wurde, / ...

Eine ganz besondere Stellung nahmen die vier Gemeinden Biel, Ritzingen, Gluringen und Selkingen ein, welche die sog. Grafschaft bildeten, die dem ( seit 1290 ) auf der Burg zu Biel sitzenden Vitztum mit Grafentitel ursprünglich zu eigen waren, die sich aber im 13. Jahrhundert sukzessive von den feudalen Verpflichtungen loskauften, ihren Ammann selber wählten und von 1277 an als freie Eidgenossen anerkannt waren.

Neben dem Meier waren Bannerherr und Zenden-Hauptmann die ersten Amtsleute, denen die Kriegsgeschäfte und die Beziehungen zu andern Zenden und fremden Herrschaften oblagen. Der Zendenrat versammelte sich jeweils im Mai zur Rechnungsprüfung. Überdies wurden drei Freigerichts- und Dekrettage abgehalten.

Die Gomser waren aber nicht immer gehorsame Untertanen des Bischofs. Dies sollte besonders der hochfahrende Bischof Witschard Tavel erfahren, den die Gomser gefangen nahmen und ihn 1361 während elf Wochen in seinem eigenen Amtshause zu Münster in strengem Gewahrsam hielten, bis er ihren Abgeordneten weitgehende Zugeständnisse machte und sich zu einem Lösegeld verpflichtete. Wohl verfielen sie dann dem Kirchenbann; doch sprach sie Papst Innozenz VI. zu Avignon im folgenden Jahre wieder davon frei. Anno 1368 schlössen sodann die vier Waldstätte mit dem « Wallis ob und nid dem Deys » ( Deischberg ) einen Friedensvertrag ab, und zehn Jahre später bestätigte Bischof Eduard den Gemeinden ob der Massa ihre Freiheiten. Die Gomser fühlten sich nun so selbständig, dass sie 1397 mit den ennetbirgischen Nachbarn im Eschental, mit denen sie durch den lebhaften Säumerverkehr über den Albrun- und Griespass enge Beziehungen unter- hielten, ein friedliches Handelsübereinkommen abschlössen. Die Beziehungen des Goms zu den Eidgenossen vertieften sich in der Folgezeit so sehr, dass Uri, Unterwaiden und Luzern 1416 mit den Pfarrgemeinden Ernen und Münster ein Burg- und Landrecht abschlössen, dem nachher auch die übrigen Zenden beitraten.

Nochmals hatte das Goms eine schwere Freiheitsprobe zu bestehen. Es war dem machthungrigen Freiherrn von Raron 1444 geglückt, von König Sigismund die Landeshoheit und die gräflichen Rechte über das Wallis zu bekommen. Die Oberwalliser empörten sich aber gegen ihren neuen Herrn, der bei Bern Hilfe suchte. Im September 1419 rückte ein stattliches Berner Heer über die Grimsel gegen das Oberwallis vor, verbrannte die Ortschaften Obergestelen und Oberwald, wurde dann aber von 600 Gommern bei Ulrichen so geschlagen, dass die Übriggebliebenen sich wieder ins Oberhasli zurückzogen.

Die Reformation, die im mittlern und untern Wallis starken Anklang gefunden hatte, stiess bei der konservativen Bevölkerung des Goms auf stärkste Opposition, und es war nicht zuletzt auf deren Hartnäckigkeit zurückzuführen, dass das Wallis schliesslich katholisch blieb.Schluss folgt )

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