Das Hangendgletscherhorn von der Nordwestseite

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von Pfarrer H. Baumgartner ( Section Oberland ).

Im Spätherbst 1884 war auf meinen Antrieb hin die an ihrem bisherigen Standort unweit des Dossen-jochs gefährdete Dossenhütte abgebrochen und darauf im Vorsommer 1885 etwa 200m weiter unten am sogenannten Oberen Weitsattel ( Ürbachsattel ) wieder aufgerichtet worden ( zwischen Punkt 2550 und 2882 ). So gelungen indessen die schwierige, mühevolle Arbeit, wie eine Inspection im Juli 1885 gezeigt hatte, ausgefallen war, so handelte es sich doch im letzten Sommer nun noch darum, zu erfahren, ob die Hütte Dank der vorgenommenen Verankerung auf ihrem nunmehrigen, den Stürmen etwas exponirten Posten gut und ohne Schaden überwintert habe. Dies zunächst nach mir gewordenem Auftrag zu untersuchen, reiste ich Donnerstag den 29. Juli, bei unerwartet eingetretener günstiger Witterung, Morgens von Brienz ab, und da ich mich selbstverständlich mit dem Plane trug, von der Dossenhütte, wenn möglich, noch weiter zu streben, so nahm ich in Willigen ( bei Meiringen ) nicht nur den trefflichen Führer I. Ranges, Johann von Bergen, mit, sondern engagirte im Hof, da der telegraphisch bestellte dortige Hauptführer, Johann Tännler, nicht anwesend war, als zweiten Führer den jungen, im letzten Frühjahr nach wohlbestandener Prüfung frisch patentirten Frutiger. Mit diesen zwei, auch für das Schwierigste zuverlässigen Männern betrat ich gegen Mittag das ungefähr 1 Stunde lang fast ebene, großartige Urbachthal1 ), nahm in dessen Mitte von einer mich begleitenden Gesellschaft von lieben Angehörigen, die mich selbstverständlich zu größter Vorsicht ermahnten, Abschied nnd langte bald darauf mit meinen beiden Begleitern am eigentlichen Thalende an. Hier, bei der sogenannten Kohrmatten, führt, wie die Karte zeigt, ein Fußweg zunächst nach Alp Schrättern und von da für den, der zur Dossenhütte will, in spitzem Winkel nach den Staffeln Kn-zen und Flaschen. Ich hatte nun aber diesen, einen bedeutenden Umweg bildenden Pfad schon mehrmals gemacht und trat daher nach kurzer Berathung auf den Vorschlag meiner Führer ein, diesmal den directen Aufstieg von Rohrmatten zu den Staifeln der Enzen-Alp zu wählen. Außer der Neuheit der Sache verlockte dazu eine Angesichts der schon weit vorge- l} S. darüber Jahrbuch XII, Seite 69 f. Was ich in der dortigen Beschreibung ( Seite 76 ) über Dossen- und Eenfenjoch sagte, muß ich jetzt nach gewonnener besserer Ortskenntnis zurücknehmen. Eenfenjoch ist nämlich auf der Ostseite eine so schwierige, mitunter so gefährliche Partie, daij das Dossenjoch unter allen Umständen vorzuziehen ist.

rückten Tageszeit sehr willkommene, scheinbar ganz sichere Zeitersparniß von gut einer Stunde.

Nach einigem Suchen fanden wir zuerst einen Steg über den wilden Urbach und sodann auf der Jenseite einen schmalen, holperigen Pfad, der uns zuerst durch niederen, verkümmerten Wald führte und uns sodann in eine direct zum Ürbachsattel hinauf führende, zwischen Felsen eingeklemmte, steile Kehle brachte, um sich bald in derselben zu verlieren. Wir bekamen hier in der Juli-Nachmittagshitze eine zwar ganz ungefährliche, aber mühevolle, nur langsam vorrückende Arbeit. Erst nach wohl 2 Stunden angestrengten Steigens konnten wir „ Kolonne links " machen und die jetzt ungangbarer werdende Kehle verlassen. Nach einigem Sumpfwaten und Springen über die in Folge des vorhergegangenen Schnee- und Regenwetters geschwollenen Bäche erreichten wir jetzt Enzenalp und zwar deren obersten Staffel „ Laucherli " ( 1807 ' " ). Damit hatten wir nun zwar etwas Zeit gewonnen, indem man auf dem gewöhnlichen Wege über Schriit-tern bis hieher wohl 2 lk— 3 Stunden braucht. Gleichwohl möchte ich für die Zukunft die von uns gemachte Abkürzung nicht zur Nachfolge empfehlen, namentlich nicht weniger geübten Gängern. Das Wenige, was auf dem diesmal von uns gemachten Wege an Zeit erspart werden kann, steht mit seinen Anstrengungen in keinem Verhältniß zu dem mühelosen, sanft ansteigenden und meist einen vollen Genuß der umgebenden Bergwelt erlaubenden gewöhnlichen Alpweg.

Auf dem „ Laucherli " begrüßte uns Küher Eieder, mein starker, treuer Holzlieferant zur Dossenhütte, freundlich und bewirthete uns gastlich mit Allem, was die Alpwirthschaft so hoch oben noch bieten kann. Ich aber konnte nicht umhin, mit theilnehmen-der Freude den Mann anzuschauen, dem der Tod letztes Jahr auf dem Rosenlauigletscher so nahe gestanden war. Vom Wetterhorn zurückkehrend, war er nämlich in einen Schrund eingebrochen, und als seine Gefährten ihn herausziehen wollten, hatte das wahrscheinlich zu lockere Seil sich ihm um den Hals gewunden und ihn dergestalt nahezu erstickt, bis er wieder oben war. Nur nach stundenlangem Liegen auf dem kalten Gletscher in dunkler Nacht hatte er endlich wieder Besinnung und Kraft, sich weiter zu schleppen, gefunden.1 ) Nach einer Stunde Ruhe brachen wir wieder auf. Noch eine kleine Weile magere letzte Alpweide, dann begannen langweilige Geröll- und Guferhalden, in denen wir bald auf den ersten, theils frischen, theils noch vom letzten Winter herrührenden Schnee stießen, und wo nur hin nnd wieder einige kleine Felspartien eine erwünschte Abwechslung brachten; endlich betraten wir ein sanftgeneigtes, etwa 20 Minuten langes Firnfeld, die unterste Stufe des Dossengletschers, und als wir dasselbe traversirt hatten, tauchte plötzlich, wie erwartet, in größter Nähe die Dossenhütte vor uns auf und wurde gleich darauf von uns bezogen, eben, als die hinter dem nahen Wetterhorn untergehende Julisonne alle die zahllosen stolzen Zinnen und Firnen in der Nähe und Ferne mit dem letzten goldenen Lichte dieses Tages überstrahlte. Meine Schutzbefohlene meldete mir bald mit ihrem angenehmen Aeußern, daß sie, verankert und ummauert, wie sie jetzt ist, des Winters'Stürme nicht zu fürchten habe. Dach, Wände, Pfosten, Thüren — Alles in Ordnung. Und auch drinnen nicht mehr Wasser von oben und unten, wie früher, sondern Boden, Holz, Stroh, Decken, Filzschuhe etc., schön trocken, ein -angenehmes, wohnliches, warmes, gemüthliches Sein. Das stimmte mich froh und freudig, da ich im gegen-theiligen Falle alle die Kosten und Mühen der Versetzung auf dem Gewissen gehabt hätte. Jetzt schnell abgekocht, und dann auf 's Stroh? Nein. Erst noch Kriegsrath. Morgen muß es ja schön sein, wenn nicht alle Anzeichen trügen. Was darum noch unternehmen '? Wetterhorn, Rosenhorn, Dossenhorn, Renfenhorn — Alles schon gemacht. Aber dort das von der Dossenhütte so spitzig, vom Urbachthal aus so breitschulterig Anzuschauende Hangend-Gletscherhorn! Dem, ihr Mannen, soll 's morgen zuerst gelten; das Weitere wird von den Umständen abhangen.

Ungeachtet des wohnlichen Zustandes unserer Herberge passirten wir eine schlechte Nacht. Denn die Hütte hatte bereits etliche Bewohner — einige Schneemäuse, welche uns mit ihrem unaufhörlichen, bettelnden „ Pip, Pip, Pi—Pi—Pip " jedesmal wieder weckten, wenn wir eben am Einschlafen waren, und auf welche unsere Schimpfwörter, Faustschläge und Fußtritte bei deren Ohnmacht einen je länger je geringem Eindruck machten. Ich schätzte mich hiebei nur glücklich, nicht Mitglied eines Thierschutzvereins, Abtheilung Mäuse- 6 und Rattenschutz^zu sein, weil ich so nun ungehindert die allerfinstersten Mäusevergiftungs-Entschlüsse für die Zukunft fassen konnte. Dessenungeachtet war mir,^als der Morgen endlich dämmerte, nicht sonderlich thatendurstig zu Muthe, da ich mich auf der ersten größern Tour dieses Jahres befand und also-nach den Anstrengungen des gestrigen Tages des-stärkenden Schlummers sehr bedurft hätte. Doch der wolkenlose,*das herrlichste Wetter verheißende Morgenhimmel begeisterte bald wieder zum Kampfe. Schnell wurde gefrühstückt und aufgeräumt, dann hinaus in die Morgenkälte, Seil um, Pickel gefaßt, und langsam aber stetig stiegen wir aufwärts, den steilen Dossengletscher hinan. Der frische, nicht ganz harte Schnee erlaubte uns, diese Partie mit wenigen, flüchtig geschlagenen iStufen zu überwinden; glücklich kamen wir auch über die bedeckten Schrunde hinweg, in deren einen ich letztes Jahr eingebrochen war; am Platz, wo die Hütte früher gestanden, konnten wir uns überzeugen, daß das Gebäude hier auch dies Jahr nie aus Schnee, Eis und Nässe heraus gekommen wäre; fnach einer starken Stunde hatten wir das Dossenjoch erreicht. Von hier kann man, um die Wetterliinmi zu erreichen, entweder in einem steilen, auf der Karte nicht angegebenen Schnee-Couloir länger, aber ungefährlich, zum sogenannten Wetterkessel absteigen und dann wieder den Gletscher hinauf, oder kürzer, aber schwieriger, in horizontaler Richtung die jäh abstürzenden Dossenhornfelsen traversiren und unmittelbar unter dem Dossenhorngipfel den von da sanft ansteigenden Firn wieder betreten. Da es vor 3 Tagen stark geschneit hatte und die Felsen in Folge davon nur noch theilweise „ aber " waren, so hätte ich das Couloir trotz der halben Stunde weiteren Weges vorgezogen; meine Führer dagegen behaupteten, es sei auch jetzt nichts zu riskiren, und da ich ein früher Mal die Passage weniger schlimm gefunden hatte, als sie von Weitem scheint, gab ich bald nach. Wirklich ging die Sache Anfangs über Erwarten leicht; gegen das Ende aber, wo die auch in ganz schneefreiem Zustand Vorsicht erfordernden Felsen uns hart am gähnenden Abgrund mehrmals über frisch beschneite, unten vereiste schmale Bänder zu rutschen nöthigten, mußten wir ganz behutsam und nach allen Regeln ernster Vorsicht operiren, um ohne Schaden durchzukommen. Um so angenehmer ließ es sich darauf auf dem ganz sanft aufsteigenden Firn eine gute Stunde lang bis zur eigentlichen Wetterlimmi marschiren, besonders da der Schnee von ausgezeichneter Beschaffenheit war und die Wetterhorngruppe aus nächster Nähe im Glänze der aufgegangenen Hochsommersonne ihre ganze erhebende Schönheit vor uns entfaltete. Das Ueberschreiten der Wetterlimmi dagegen gab wieder Arbeit. Wir untersuchten zuerst eine Stelle ungefähr bei Punkt 3182, fanden dieselbe aber so wenig einladend, daß wir noch tiefer südwestlich abstiegen. Hier aber stießen wir auf Ueberhang und kehrten darum, um mit Suchen nicht weiter Zeit zu verlieren, zum ersten Angriffspunkte zurück. Einige Stufen, in die Gwächte gehackt, führten uns hier zunächst auf sehr steil abfallende und, weil'von dünnem Schnee überweht, auch sehr glatte Felsen, und als diese endlich unter der meisterhaft umsichtigen Leitung von v. Bergen ohne jedes Mißgeschick zurückgelegt waren, zeigte sich die anschließende Firnpartie so steil, daß wir Front nach Innen machen und für jeden Schritt sorgfältig Stufen hacken mußten, um nicht in eine Angesichts des unten gähnenden großen Schrundes verhängnißvolle Rutschpartie zu gerathen. Glücklicherweise dauerte die etwas mißliche Partie nicht zu lange. Bald konnten wir uns, da die Steilheit abnahm, wieder umkehren; eine gute Brücke über den mächtigen Schrund fand sich auch, und so konnten wir uns nach einer etwas aufregenden halben Stunde am nordwestlichen Fuße des Hangend-Gletscher-horns zur ersten eigentlichen längern Pause und Erfrischung, nach circa vierstündiger Arbeit, auf einem völlig sichern Punkt hinsetzen. Hier sahen wir deutlich, daß die Limmi weiter dem Rosenhorn zu weit gangbarer gewesen wäre, und daß also die punktirte Linie auf der Karte nicht ganz am richtigen Ort steht. Doch warum uns darüber ärgern, nachdem wir auch auf der von uns eingeschlagenen Richtung gut weggekommen waren? Zudem beschäftigte uns jetzt nicht die jüngste Vergangenheit, sondern die nächste Zukunft.

Vor uns stieg nämlich in unheimlicher Düsterheit das eigentliche Hangend-Gletscherhorn wohl 4—500 m scheinbar fast lothrecht aus den obersten Firnmassen des Gauligletschers auf, von dieser Seite her anscheinend unersteigbar. Auch hatte uns ein früher auf anderem Wege oben gewesener Führer im Hof gesagt, der Berg sei von dieser Seite „ ganz wüest ". So dachte 8GH. Baumgartner.

ich denn nichts Anderes, als wir werden noch tiefer absteigen und das Horn weiter unten in Angriff nehmen. Von Bergen jedoch war anderer Meinung, indem er behauptete, er sehe ganz gut, daß es auch von unserm Standpunkt aus gehen werde, und wir wollen es also getrost probiren, da wir dann etwas Neues gemacht hätten.l ) Das zog bei mir, und da auch Frutiger keine Einwendung machte, so war von Bergen's Antrag bald unser Entschluß. Erst gönnten wir uns jetzt den mitgenommenen halben Liter Coca-Wein, der uns trefflich mundete und in der Folge namentlich mich ganz fühlbar belebte; dann legten wir unsere Tornister und Säcke ab, um besser klettern zu können, und nun vorwärts, an die Ausführung unseres Planes! Zuerst handelte es sich für uns darum, das aus wirklich nahezu senkrechten Felsen bestehende Piédestal des eigentlichen Homes zu überwinden. Dies gelang uns in circa einer Viertelstunde hauptsächlich unter Benutzung einer sehr steilen, ganz engen, unten etwas verschrundeten Schneekehle, am Südfuß von Punkt 3215, in welcher ziemlich gehackt werdenDer gewöhnliche Weg zum Hangend-Gletscherhorn, den Prof. Aeby am 15. August 1863, Messrs. Sedley Taylor und H. de Fellenberg-Montgomery 1864 und Ingenieur Gelpke gemacht haben, führt von der Urnenalp nordwestlich zum Hangendgletscher und über diesen zum Südostgrat des Berges. Wahrscheinlich ist Hr. Baumgartner's Weg nahezu derselbe, wie Prof. Aeby's Abstieg. Vgl. Aeby, Fellenberg und Gerwer: Das Hochgebirge von Grindelwald, pag. 46 u. ff. Alpine Journal I, pag. 379. Jahrbuch des S.A.C. X., pag. 343 u. ff.

Anm. d. Seil.

mußte, und nun mußte es sich wenigstens in der Hauptsache entscheiden, ob wir weiter können oder nicht. Und, o angenehme Ueberraschung! was jetzt vor uns lag, war eine zwar sehr steile Partie; aber zugleich eine solche, auf welcher die Felsen so viele Bänder, Zacken, Köpfe und Angriffspunkte jeder Art uns entgegenstreckten, daß auch mir alle Bedenken schwanden und ich ganz still meines Hauptführers Adlefüugen, die dies schon aus weiter Ferne gesehen hatten, bewundern mußte. Wir griffen denn auch sofort an, freilich nicht hastig, um die uns jetzt vor Allem nöthige Ausdauer zu bewahren. Gegentheils, langsam ging 's .aufwärts, von Stufe zu Stufe, von Absatz zu Absatz, dazu immer dicht aneinander, um Frutiger nicht etwa mit den fortwährend unter unsern Füßen weg stürzenden Steinen einen Schaden zu thun. Nach und nach sank so der Gauligletscher unter uns in immer größere Tiefe und erschienen unsere Säcke auf dem blendenden Weiß desselben nur noch als ein schwarzer Punkt, während ringsum der Gesichtskreis sich weitete und die umgebenden Riesen der Wetterhorngruppe mehr und mehr an Höhe verloren. Nach 1 lh Stunden erblickten wir hoch oben ein dünnes, kaum sichtbares, weißes Strichlein, vom tiefblauen Gebirgshimmel sich abhebend. Aha, die Signalstange! Jetzt werden wir siegen! Doch noch mußte eine gute halbe Stunde gekeucht, gekämpft, hin und wieder etwas verschnauft und dann auf 's Neue mit Händen und Füßen gekrabbelt werden. Und ich fing an, müde und müder zu werden und es empfindlich zu spüren, daß ich ohne eigentliches „ Training " mich gleich an solche Anstrengungen gewagt hatte. Doch „ Chömit nume " ( Kommen Sie nur)r tröstete mein braver Hans jetzt, „ mir si i 10 Minute dobe ". Nur noch 10 Minuten — o süße Melodie; hatte ich doch noch fast eine halbe Stunde gerechnet. Doch mein Mentor behielt auch jetzt wieder recht. Nochmals fest eingesetzt und über Geröll, Felsbänder und Schneeflecken aufwärts mit Anstrengung des letzten Athems. Da fällt mefti Auge plötzlich nach vorn in die ungeheure Tiefe des Urbachthales, und seitwärt » rechts nur noch ein etwa 4—5™ hoher, trotziger Felsenthurm, von welchem Stange und Steinmannli, die Zeichen der höchsten Spitze, verwundert den auf so ungewöhnlichem Wege kommenden Besuch anstaunen. Jetzt kurze Keuchpause. Dann schwingt von Bergen sich hinauf mit der ganzen virtuosen Sicherheit und Gewandtheit, die ich an diesem patenten Führer schon so oft bewunderte; ich folge am stramm gehaltenen Seil, Frutiger gleich hinterher. Victoria! Wieder ein Sieg im Hochgebirge!

Und ein Sieg, den wir genießen konnten, wie selten. Denn da lag sie wieder einmal vor uns, unter uns, rings um uns her in ihrer ganzen hehren Pracht, die ihren Freunden so an 's Herz gewachsene Hochgebirgswelt, unter tiefblauem, vollständig wolkenlosem'Himmel bei absoluter Windstille, in angenehmster, weder mit Hitze, noch mit Kälte plagender Temperatur. Wir hätten es nicht besser treffen können und genossen daher in vollen Zügen mit Aug'und Herz, während wir zugleich des Magens Begehrlichkeiten mit dem wenigen mitgenommenen eß- trinkbaren Mundvorrath, so gut es ging, zu befriedigen suchten. Doch, lieber Clubgenosse, erlasse mir jetzt die Lang-weilerei einer detaillirten Rundsicht-Schilderung. Ge-statte mir, mich kurz an 's Wichtigste zu halten. Dies ist Folgendes: Nach Nordwesten die nahe Wetterhorngruppe, weil etwas höher, den Horizont abschließend, nach Südwesten und Süden, im Halbkreis aus dem gewaltigen Gauligletscher aufsteigend, erst die Kette des Ewig-Schneehorns vom Bächlistock bis Ankenbälli und Berglistock, hinter ihr die Finsteraarhornkette und noch weiter zurück in blauer Ferne ein Theil der Fürsten des Wallis, Tessins und Graubündens, nach Osten erst das ganze Urbachthal und dahinter, zum Theil über Ritzlihorn und Golauistöcken emporsteigend, das ganze Triftgebiet, nach Nordosten das weiche Grün des Hasliberges und dahinter die Höhen der Centralschweiz, nach Norden zunächst Dossen-, Renfen- und Wellhorn, weiter zurück Stücke des Brienzergrates und hinter diesen Abschnitte der schweizerischen Hochebene. Das Charakteristische des Gesammtbildes aber liegt in dem Umstand: Während auf der einen Seite das über 2000™ unten liegende Urbachthal die ganze ergreifende Macht eines Blickes in die Tiefe bietet, so findet auf der andern Seite das Auge.an den noch circa 300—400 "'höhern nahen und imposanten Gestalten des Rosenhorns und Berglistocks etwas, um auch nach oben noch ausschauen zu können und so durch den Wechsel im Blick nach oben und unten zur Ruhe zu kommen.

So erhebend unser Naturgenuß da oben war, mußte er doch nach einer Stunde abgebrochen werden.

Hätten wir unser Gepäck bei uns gehabt, so wären wir jetzt auf der Sttdostseite abgestiegen, um den Berg zu traversiren. So aber mußten wir den gleichen Weg wieder abwärts. Das ging, da es jetzt nichts mehr zu keuchen gab und da der Herr meiner beiden Führer in den Bergen kein Neuling ist, so rasch von Statten, daß wir schon nach einer halben Stunde unsere Habseligkeiten unten wieder aufschnallen konnten. Natürlich nicht, um wieder zur Wetterlimmi aufzusteigen, sondern um den Gauligletscher abwärts zu marschiren. Schrunde genirten uns dabei sehr wenige, mehr dagegen der in der bereits empfindlichen Hitze sehr weich gewordene frische Schnee. Nach einer Stunde mühseligen Watens hatten wir die Kammliegg erreicht, d.h. jenen felsigen Vorsprung, wo der gewaltige Gauligletscher seine bisherige südöstliche Richtung in gewaltigem Bogen in eine nordöstliche ändert und langsam zum hintersten Statfel des Urbachthales, „ Matten ", hinabsteigt. Hier, wo der von oben kommende Wanderer das erste Grün antrifft, ist ein herrlicher Ausblick über nahezu den ganzen Gauligletscher und die gegenüberliegenden Bergkolosse der Ewig-Schneehornkette, von deren Höhen wohl 10 leicht zu unterscheidende, zum Theil noch namenlose Secundärgletscher sich wild zerrissen in des Hauptstroms Eismassen hinabstürzen. Schade, daß hier keine Clubhütte steht. Könnten doch von hier aus eine Menge der lohnendsten, noch selten ausgeführten Hochgebirgspartien, für welche es jetzt von Innertkirchen aus zu weit ist und für welche man auf Urnenalp meist kein genügend Obdach findet, ohne große Mühe ausgeführt werden. Uns freilich war 's einstweilen nicht um 's Weitermarschiren, sondern um 's Ruhen zu thun. Wir beschauten uns das großartige Amphitheater mit Muße; dann legten wir uns hin und waren bald Alle eifrigst damit beschäftigt, etwas von dem nachzuholen, was uns die Schneemäuse die letzte Nacht so schnöde geraubt hatten.

Als ich nach einer Stunde durch die mich hinter einem bisher Schatten spendenden Felsblock erreichenden heißen Sonnenstrahlen geweckt wurde, war 's Zeit, wieder etwas zu thun. Aber was? Bei dem mittlerweile ganz durchweichten, tiefen neuen Schnee über den Gauli nach dem Schneehorn zu streben, war nach den vorangegangenen Leistungen für heute zu viel. Zudem mahnten schon wieder Berufspflichten. Und so wurde weiter bergab gestiegen. Steile Hänge, auf denen etliche angenehme Rutschpartien ausgeführt werden konnten, führten uns in ungefähr einer Stunde zur hochgelegenen Urnenalp. Deren primitive Hütten waren aber bereits verlassen und enthielten nichts für uns, die wir längst alle Vorräthe bis an einige Zuckerstücke, etwas Kirsch und einen Zipfel Erbswurst aufgezehrt hatten. So trollten wir uns von Urnen bald weiter bergab und genossen dabei alle jene Annehmlichkeiten, die der Gebirgswanderer zu kosten bekommt, wenn er nach bereits neunstündigem Marsche, nach verschwundenem Proviant genöthigt ist, in brennender Sommernachmittagshitze auf einem ganz miserabel steilen und steinigen Pfade nochmals gut 1700™ hinabzusteigen, um drunten endlich zu etwas zu kommen. Endlich gelangten wir unweit „ Schrättern "

zu einem barmherzigen Samariter, der uns Hütte, Holz und Kochgeschirr für eine halbe Stunde zur Diaposition stellte. Da wurde der Rest unserer Offiziers-erbswurst so schnell als möglich zu einer Suppe verwandelt, so gut, wie ich sie noch selten gekostet, so gut, daß ich mich beim Genuß nur ärgerte, sie nicht sofort so siedend heiß, wie meine beiden Mannen, verschlucken zu können. Ich bekam indessen, „ mieux vaut tard que jamais ", meinen Theil auch, und nun konnten wir wieder laufen und auch wieder etwas von der Herrlichkeit des Abends in großartigster Gebirgswelt empfinden. Jetzt noch 3 Stunden, welche zu Fuß gemacht werden mußten, weil im Urbachthal einstweilen weder Normal- noch Schmalspurbahn existirt; dann waren wir wieder in Innertkirchen und tranken daselbst von unten auf die Gesundheit des Homes, dessen Spitze wir heute auf so ungewöhnlichem Wege erreicht hatten. Und um so froher und dankbarer war bei diesem Gesundheittrinken unsere Stimmung, als der gleichzeitig mit uns in 's Thal herniedergestie-gene Föhn uns ankündete, daß mitten aus schlechtem Wetter heraus gerade der denkbar schönste Tag von uns zur Ausführung unserer Tour war gewählt worden.

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