Das Lauterbrunner-Breithorn

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Das Lauterbrunner-Breithorn ( 3779 m. ) Eine Familientour.

B. Lindt ( Section Bern ).

Von Zu meinen liebsten Jugenderinnerungen gehören die Bergreisen, welche unser vortrefflicher Vater in dien Ferien mit seinen fünf Buben, wovon der älteste « in Mädchen, wie er zu sagen pflegte, ziemlich regelmäßig Jahr um Jahr ausführte. Zwar waren wir uns in leichtfertiger Knabenart dieser Wohlthat nicht voll bewußt, und erst mit reiferen Jahren lernte ich die Einsicht und vielfachen Bemühungen würdigen, welche unser lieber Vater auf diesen Reisen zu unserer Ausbildung und Kräftigung verwendet hatte.

Anlage und Ausführung derselben schmiegten sich offenbar an die bekannten Meißner'schen Reisen an, wobei freilich die Verschiedenheit des Alters und der Kräfte von dem ältesten zu dem jüngsten der Geschwister in Betracht gezogen werden mußte. Zuerst wurde das Oberland gewählt mit der Perle desselben, der Wengernalp, die mir schon damals gewaltig imponirte und auch seither einer meiner Lieblingspunkte geblieben ist. Im Anschluß wurde dem Faulhorn ein Besuch abgestattet und über Rosenlaui nach Meiringen hinuntergestiegen. Der noch bis auf die Bachalp sich erstreckende tiefe Schnee hatte die Kräfte der Jungen ziemlich mitgenommen; in den Zimmern war der Schnee erst vorigen Tags beseitigt worden, Boden und Wände noch naß, die Luft frostig, so daß bei dem sorglichen Vater ernste Befürchtungen rege wurden^ es möchte der eine oder andere erkranken. Das herrlichste Wetter am folgenden Tag brachte aber Alles wieder in 's Gleichgewicht und es bewies die herrschende Munterkeit, wie elastisch die Jugend, wie belebend die reine Alpenluft. Später wurde die Abholung der Schwester aus der Pension zu einer Tour in's-Chamonix benutzt und über Col de Balme und Gemmi,, wo wir gehörig verschneit wurden, der Rückweg genommen. Ein ander Mal wanderten wir über die Grimsel auf den Aargletscher, bei welcher Gelegenheit wir mit Agassiz, Desor und Vogt zusammentrafen. Rhonegletscher, Furka und Rigi vervollständigten diese Tour in genußreichster Weise. Bekanntlich befanden sich Ende der dreißiger und Anfangs der vierziger Jahre die Gletscher in ihrem Maximum der Ausdehnung; der Rosenlauigletscher namentlich war entzückend schön und überraschte in hohem Maße durch seine weit in den dunkeln Wald herab sich erstreckende,, reine, lichtstrahlende Eiszunge, während der Rhonegletscher mit weit ausgebreiteter Fächerbildung die Ebene vor dem damals noch sehr bescheidenen Wirthshaus ausfüllte.

Das Lauterbrunner-Breithorn.105- Nach solchen Vorgängen und in lebhafter Erinnerung an diese schönen Stunden der Jugendzeit kann es nicht befremden, daß ich mich gleichsam verpflichtet fühlte, meinen Kindern ähnliche Genüsse zu verschaffen; allein die Verhältnisse brachten es mit sich, daß ich nicht mit Kind und Kegel ausziehen konnte, sondern einen Besuch des Pilatus ausgenommen, meine Armee abtheilen mußte. Hiezu kam, daß der Begriff der Bergtouren sich gewaltig erweitert hatte, und daß die von der Fluth der Touristen überschwemmten gewöhnlichen Wege mit ihren langweiligen und kostspieligen Tables d' hôte nicht große Anziehungskraft ausübten.

Nachdem mich selbst das Gletscherfieber erfaßt, sagte ich mir, daß die gewonnene Erfahruug nicht besser verwendet werden könne, als wenn ich meine dafür empfänglichen Kinder in die Wunder der Hochgebirgswelt einführe, um ihren Muth und ihre Ausdauer zu entwickeln, Geist und Gemüth im Anblick der großartigen Naturerscheinungen zu lieben und zu veredeln.

Jünglinge können solche Unternehmungen später aus eigener Thatkraft in 's Werk setzen, für Mädchen oder Frauen bedarf es hiezu günstiger Bedingungen: Vater, Bruder, seltener ein Gatte oder Neffe, müssen als Begleiter zur Verfügung stehen. Zwei Schwestern allein haben zwar auch schon die größten Leistungen aufzuweisen, wie die Miss Pigeon; allein es sind dieß Ausnahmsfälle, die nicht leicht Nachahmung finden. Als Repräsentanten solcher Familienreisen nenne ich die Familie Walker, Vater, Sohn und Tochter, Miss Brevood mit ihrem Neffen Mr. Coolidge, Herrn und Frau Tauscher-Geduly, die Geschwister Brunner in Bern; die Familien Zeller-Horner in Zürich und Schieß-Gemuseus in Basel nicht zu vergessen.

Bevor jedoch Hochgipfel mit Jugend in Angriff genommen werden, muß eine systematische jahrelange Einübung vorangehen: die Kräfte müssen an immer schwierigeren Aufgaben entwickelt werden, damit man im Stande sei, genau zu beurtheilen, ob die jungen Leute den Anforderungen gewachsen seien. Und wenn man auch glaubt voraussetzen zu dürfen, daß Alles in Ordnung, der Erfolg gesichert sei, so treten gar oft Zufälligkeiten ein, welche uns böse L' eberraschiingen bereiten und immer neu zu größter Vorsicht mahnen.

Im Allgemeinen wird man finden, daß gesunde Knaben und Mädchen sehr leicht steigen und auch rasch Gewandtheit im Klettern sich aneignen. Eine schwerer zu beseitigende Schwierigkeit liegt in der Ceberwindung der Kälte. Langes Schneewaten am frühen kühlen Morgen, der Aufenthalt in kalten Firnstufen setzen jungen Füßen in empfindlicher Weise zu, ja beeinträchtigen zuweilen den vollen Genuß der Aussicht. Da meine Kinder fleißige Schlittschuhläufer sind, hielt ich sie gegen die Kälte abgehärtet genug, allein ich unterschätzte doch anfangs diesen Einfluß, den ich später durch doppelte wollene Strümpfe und dickere Gamaschen überwand, zu welchem Resultat freilich die im Verlauf einiger Jahre erlangte körperliche Erstarkung wesentlich beitrug. Unbedingt müssen ferner zu lange Pausen im Essen und Trinken vermieden werden; alle drei Stunden ein kleines Futter ist bei jungen Leuten absolut nothwendig, wenn der vermehrte Stoffwechsel in richtigem Gange erhalten werden soll. Weise Berücksichtigung erfordert überdieß der Schlaf, der in Folge ungewohnten frühen Aufbruchs, der Anstrengung und Blendung sich leicht am unrechten Ort einstellt und dann nur mit großer Mühe überwunden werden kann, wenn nicht hei passender Gelegenheit für Ersatz gesorgt wird. Ein kurzer Schlaf, den die Jugend überall leicht findet, übt oft Wunder und macht wieder marschfähig. Die Ilaupteigenschaft des Bergsteigers, Muth und Ausdauer, entwickeln sich bei gesunden Constitutionen mit der Uebung und mit den Vorkommnissen, welche oft in zwingendem Imperativ äußerste Anstrengung der Kräfte und entschlossenen Willen erfordern.

Ungeachtet der großen Verantwortung einer Hochtour mit jüngeren Angehörigen und der Anforderungen, welche eine solche mit sich bringt, bietet ein kühner Entschluß der Freuden und der Genugthuung eine reiche Fülle und drängt ein errungener Erfolg alle etwaigen Widerwärtigkeiten in den Hintergrund. Der individuelle Genuß verdoppelt sich im Bewußtsein, seinen Kindern die Anschauung und Bewunderung der erhabenen Natur des Hochgebirgs ermöglicht zu haben.

Wie nicht bald ein Ort bietet unsere Gegend die passendste Reihenfolge und mannigfaltigste Auswahl von Ausflügen leichter und anstrengender Art. Nach den bewaldeten Hügeln unserer Sandsteinformation kommen die steil abfallenden Kalkwände und Gipfel der Stockhornkette oder der Ralligstöcke und Brienzer- gräte an die Reihe, die Aussichtspunkte des Niesens, Gemmenalphorns etc. locken wiederholt zu Ausflügen auf diese Höhen. Den Uebergang zu den eigentlichen Hochgipfeln bilden Suleck, Schwalmern, Schilt- und Schwarzhorn, kurz alle die Ziele, welche auch unsere Section in reicher Abwechslung auf ihr Programm nimmt. Dann versucht man es etwa mit Rinderhorn oder Balmhorn, Tschingelgletscher, Titlis, Wildhorn und darf sich schließlich auch an Gipfel wie Wetterhorn, Galenstock und dergleichen wagen. Zeit, Geld und andere wichtige Factoren entscheiden über weitere Unternehmungen. An's Wetterhorn knüpfen sich für uns höchst fröhliche, aber auch recht wehmüthige Erinnerungen. Mit zwei meiner Töchter und dem jüngeren Sohn stand ich den 29. Juli 1881 Morgens-7 Uhr auf der Gipfeigwächte. Gleich nachher gesellte sich zu uns unser werther Clubgenosse Herr Bratschi, mit Peter Egger und Schlegel, welche im Verein mit unsern Führern um die Wette ein äußerst fidèles-Concert aufführten, wie ein solches da oben wohl nie gehört worden, und unsern Abstieg über den Kegel mit hellem Gesang und muntern Jodlern begleiteten. Einige Monate später hauchte der arme Egger seineu fröhlichen Geist auf dem Vieschergletscher aus \ Die zwei letzten Sommer war es uns aus verschiedenen Gründen nicht gestattet, größere Ausflüge zu unternehmen. Ist man an die kurze Ferienzeit im Juli gebunden, in welche oft so Vieles sich zusammendrängt und wo die Schnee- und Witterungsverhältnisse der oberen Regionen in vielen Jahren noch sehr ungünstig sind, so geht leicht ein Sommer nach dem andern vorüber, ohne daß ein solcher, immer nicht leicht zu fassender Entschluß zur Ausführung gelangt. Auch dieses Jahr drohten mir verschiedene Fatalitäten einen Strich durch meine Projekte zu machen. Und doch drängte es mich, dem Hochgebirge einen, wenn auch nur kurzen Familienbesuch abzustatten, da ich mir nicht verhehlen darf, daß mit Eintritt in die Sechziger solchen Unternehmungen nur zu bald der Riegel vorgeschoben wird. Ein Besuch des Lauter-brunner-Breithorns erschien mir nach verschiedenen Richtungen passend, wenn ich auch weder mir, noch Tochter und Sohn verhehlte, daß das Tagewerk wegen Mangel eines nähern Nachtquartiers mühsamer sein werde, als irgend eines der bisher zusammen ausgeführten.

Die erste Besteigung des Breithorns y ) wurde 1865 von unserm Freunde Fellenberg ausgeführt und zwar rettete er damals der eidgenössischen Fahne die Ehre, zuerst auf diesem Gipfel zu flattern, gegenüber englischen Clubisten, Herren Philpott und Hornby, welche ihr dieselbe streitig machen wollten und 10 Minuten nach Fellenberg die Spitze erreichten. Fellenberg hatte in einem Zelt etwas unterhalb der Wetterlücke bivouaquirt und brauchte für die Erklimmung des Gipfels 31/e Stunden. Die Engländer waren von Steinberg aufgebrochen über die Höhe des Petergrats und um das Tschingelhorn herum gewandert und gelangten um 8 Uhr 50 Min. zum Ziele. Ich rechnete demnach 4-5 Stunden auf die Lücke ( Fellenberg hatte in aller Muße 6 gebraucht ) 4 aufs Horn, und nahm an, daß, wenn ein solcher Wettlauf oder besser Wettklettern zwischen zwei Partien möglich sei, die Schwierigkeiten auch für uns nicht unüberwindlich oder zu groß sein werden.] ) Doch wurde ich ziemlich stutzig, als ich hörte, daß Herr Emil Burkhardt unsern Berg sehr schwierig gefunden habe. Es war daher gerathen, so lange als möglich zu warten, um der Sonne Zeit zu lassen, mit den immer wieder erneuten Schneemassen aufzuräumen. Der bestellte Führer, Obmann Lauener, schrieb denn auch ganz richtig: „ Schnee werden wir genug antreffen. " Ja wohl! Es war übergenug vorhanden! Auf den letzten Termin, bei großer Hitze und bestem Barometerstand ( 717 mm ), brachen wir auf, übernachteten in Lauterbrunnen, um unsere Colonne gehörig zu organisiren, was einige Zeit beanspruchte, da zwei Mann, Graf und Brunner, von Wengen hinunter geholt werden mußten.

Vorbei am sehenswerthen Trümmletenbach und mit glücklich durchgeführtem Entschluß, uns an den erhobenen, lästigen Zöllen und üblichen Betteleien nicht zu ärgern, bummelten wir bei glanzvoller Morgenbeleuchtung das klassische, immer wundervolle Thal aufwärts langsam dem obern Steinberg zu, welcher als Nachtquartier der l1k Stunden näher am Berg gelegenen, aber höchst dürftigen Oberhornhütte vorgezogen wurde. In dem säubern Holzhäuschen, welches als eine Art vervollkommnete Clubhütte mit Wirth- schaft betrachtet werden kann, machten wir es uns bequem und ließen uns den Milchkaffee, die Eiertätsche. mit Brod und Käse trefflich schmecken. Ein Mehreres darf man da nicht erwarten; ein trinkbarer Rothwein ist der einzige Luxus, die Betten sind reinlich, im Ganzen mit demjenigen der Wirthin 5, daher es gerathen ist, die nöthige Zahl rechtzeitig zu belegen, will man nicht in Verlegenheit kommen. Wir trafen es gut, nur ein Basler Clubist, Herr Socin, leistete uns einige Zeit angenehme Gesellschaft. Da ein Hirt die Nachricht brachte, die Schneebrücke über den Tschingelbach sei eingebrochen, wurde der Nachmittag benutzt, einen langen Laden zum Bach zu tragen und so gut als möglich mit Steinen zu befestigen; ohne diese Vorsicht hätten wir bei unserm nächtlichen Uebergang eine kostbare Zeit opfern müssen. Daneben blieb uns volle Muße, die prächtige Lage unseres Standortes nach Herzenslust zu genießen und die großartigen Verhältnisse des Felsen- und Gletschercircus der den Talhintergrund abschließenden Jungfraukette in alle Details zu studiren. Wir verfolgen die wilden Gräte und gefährlichen Couloirs, welche trotz ihres abschreckenden Aussehens als Zugänge zum Jungfraugipfel benutzt wurden. Zwischen hinein donnert und kracht es in den Séracs des Roththaies und brechen zerschellende Eismassen cascadenartig über die Wände hinunter. In blendender Glätte versenken sich die Firnhalden und Gletscherzüge der Ebenenfluh, de » Mittag- und Großhorns in die mächtigen Schutthalden und in verwirrender Unordnung wechseln Fels und Schnee, blaue Séracs und lange Moränenzüge. Male- risch höchst effectvoll stürzt sich in mehrfachen Fällen der bekannte Schmadribach zu Thal und belebt das sonst so ernste Gemälde. Selbstverständlich mustern wir sorgfältig den Breithorngletscher, welcher zwischen Breit- und Tschingelhorn von der schön geschweiften Mulde der Wetterlücke sich absenkend in zwei mächtigen Stürzen abbricht, um zwischen denselben sich wieder zusammenzuschließen und zwei flachere Terrassen zu bilden. Das Breithorn selbst überragt in schön geschwungener Kuppe den Sattel um 600 m und weist einen vorherrschend aus steil aufgebauten Felsenrippen und Wänden gebildeten Nordabfall, so daß es mit einer aufgerichteten Scheibe verglichen werden kann, welche von Ost und West durch zwei schmale Gräte gestützt wird, deren einer auf das wilde Schmadrijoch, der andere gleichmäßiger gegen die Wetterlücke sich absenkt. Im Süden lagert sich spornartig das mächtige Felspostament der Burstspitzen vor, welches den Jägigletscher vom Inner-Thalgletscher trennt. Den Abfall gegen den Jägigletscher bilden gewaltige Felsmauern, während der Thalgletscher seinen weißen Mantel hoch über den Fuß des Berges ausbreitet. Geologisch besteht das Horn nach Fellenberg aus Hornblendegesteinen, welche in verschiedener Zusammensetzung abwechseln und in einander übergehen, als Glimmer-, Thon- und Talkschiefer. Während aber Herr Fellenberg die Felsen, in Folge ihrer Schichtenlagerung, zum Klettern sehr geeignet fand, bereiteten uns die rundlich abgeschliffenen Köpfe auf dem von uns weiter östlich eingeschlagenen Wege ziemliche Schwierigkeiten.

Um 1 2 Uhr Morgens war die Karawane klar zum Abmarsch bei reinem Sternenhimmel, aber tiefer Finsterniß, welche wir auf dem schmalen Fußwege durch zwei Lichter, eine Laterne und ein Flaschenlicht, einigermaßen zu erhellen suchten, damit Niemand links die steilen Halden hinunter falle. Seither hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie die Glarnerführer zu gleichem " Zwecke Fackeln herstellen, welche die unbequemen Laternen und gefährlichen Flaschen vollständig ersetzen. Sie spalten nämlich Dachschindeln der Länge nach in kleine, etwa 1 Quadratcentimeter dicke Knebel und binden sie an einem Ende fest zusammen. Eine solche Fackel brennt 15 bis 20 Minuten und erhellt den Weg besser als eine Kerze. Nimmt man einige in Reserve mit, so kommt man bis zur Morgendämmerung damit aus. Die erste halbe Stunde geht es über die immer spärlicher werdende Weide ziemlich horizontal dem felsigen Unterbau des Tschingelgletschers zu, bis der trümmerreiche Bachruns mit seinem tobenden Gletscherwasser die Scenerie ändert und nun der Hochgebirgscharakter in seiner Wildheit und Erhabenheit zur Geltung gelangt. Mit aller Vorsicht wird die schwankende, selbst geschlagene Brücke passirt, über glatte Blöcke der jenseitige Rand gewonnen und in unebenem, holperigem Terrain zur Oberhornalp emporgestiegen, wo wir beinahe über die noch ruhenden, neugierig ihre Köpfe hebenden Kühe stolpern. Den kleinen See zur Rechten lassend, freuen wir uns schon, bei der Rückkehr einen erquickenden Halt auf dieser Alpenoase genießen und in reicher, botanischer Ausbeute schwelgen zu können. Von hier 8 beginnt eine anhaltende Steigung über Öde Halden und steinige Moränen, bis wir bei eintretender Helle am Ende des Gletschers abprotzen und hier, in der Voraussetzung, den Rückweg direkt in 's Thal zu nehmen, das Gepäck ablegen, nur den Proviant in Sack und Tornister ver-theilend. Hiebei überzeugte ich mich, daß auch unsere-Führer sich mit Vorliebe des deutschen Rucksacks zu bedienen anfangen, dessen Bepackung leicht und: rasch vor sich geht und der nicht beschwerlicher zum Tragen sein soll, als der alte Tornister, nur ist Gla » dem Zerbrechen beim Klettern in Fels und bei unvorsichtiger Manipulation mehr ausgesetzt.

Die Oberfläche des Gletschers war spiegelglatt,, man hatte Mühe, nicht auszugleiten, und es mußte an einigen steilern Stellen gehäckelt werden; bald kam indeß frischer Schnee und mit einiger Spannung ging 's den Spalten und Séracs entgegen, welche den Zugang zu den obern Terrassen verwehren. Es gibt Zeiten, namentlich im Herbst, wo der Gletscher nicht traversirt werden kann und schon mehrere Partien zur Umkehr gezwungen wurden. Doch behauptete Graf, über das östlich in den Gletscher hineinragende Felsenriff die Spalten umgangen zu haben, und rieth, diesen Weg einzuschlagen, was indeß von Lauener nicht gutgeheißen wurde. Derselbe lavirte vielmehr regelrecht zwischen zum Theil sehr respectabeln Spalten und über manchmal recht schmale Brücken nach dem westlichen Ufer zu, längs welchem wir in steile weiche Schneewehen geriethen, die uns viel zu schaffen machten. So stiegen wir lavirend der Lücke zu, nur einmal, damit der Athem nicht ausgehe, uns an einem Glas Wein erquickend. Hatten wir bisher die Abstürze der Hauptkette unmittelbar vor unsern Augen, das Lauterbrunnen Wetterhorn oder die Kanzel, einen Vorbau des Tschingelhorn s, mit den schwarzen Kalkfelsen rechts, so eröffnet sich auf der Lücke, die wir um 7 Uhr betraten, plötzlich eine neue strahlende Welt. Ueberwältigend tritt uns die noch vollständig in weißen Mantel gehüllte Pyramide des Bietschhorns vor Augen mit der prächtig sich entwickelnden Lötschthalerkette. Hinter derselben ragen die Riesen des Wallis empor und nach Südwesten kulminirt der Montblanc in alter Hoheit und Macht. Die Ausschau hätte wohl verdient, gehörig genossen zu werden, auch wäre eine leibliche Erfrischung Allen willkommen gewesen, allein Lauener drängte, die südlich am Fuße des Horns gelegenen Felsen zu erreichen, wo er einen passenderen Haltplatz zu finden erwartete. Das Traversiren der Firnhalde erwies sich aber länger als vorausgesetzt, jeden Schritt sank man schon bis zum Knie ein, gegen die vorspringende Felsecke mußte im Eis an sehr steiler Böschung gehackt werden und statt aufwärts zu rücken, verloren wir bei dieser, von Lauener trotz Gegenbemerkungen eingehaltenen Umgehung des weit in den Firn hinabreichenden Felsspornes kostbare Zeit und eine ansehnliche Höhe von gut 280-300 m. Auf den Aufnahmsblättern ist diese Ecke leicht kenntlich, wie denn die neue Karte wesentlich charakteristischer gezeichnet ist, als früher. Als endlich das Cap umschritten war und der Aufstieg beginnen sollte, waren die Felsen so von naßem Schnee und Eis überzogen, daß von Absitzen keine Rede war. Wir denken, „ weiter oben wird 's besser ", und steigen munter von Fels zu Fels, von einer Kehle, einem Gesimse zum andern, immer in der stets getäuschten Hoffnung, eine von Wind oder Lawine frei gefegte Stelle anzutreffen. Inzwischen hatte die Sonne begonnen, ihre intensive Wärme auszustrahlen, die Felsen tropften wie ausgedrückte Schwämme, der Schnee verwandelte sich in Brei und mehrere Passagen erforderten vorsichtige Kletterei. Es verwunderte mich auch gar nicht, als mir August zurief: „ Vater, i hätt jetz de bald Hungerallein da, wo wir standen, Einer über des Andern Kopf, konnte nicht ausgepackt werden. Beim nächsten, irgend passenden Plätzchen, vertröstete man, wird dinirt, nur tapfer obsig!

Es vergeht wieder eine gute halbe Stunde unausgesetzter Kletterei, da endlich scheint es möglich, in sehr prekären Stellungen abzusitzen, und nach neunstündiger Arbeit wird der erste Bissen vertheilt. August, über meinem Kopfe sitzend, bemerkt, das Fleisch sei schlecht; ich lache ihn aus, allein das Lachen vergeht sofort, als ich auf eine Bemerkung meiner Tochter mich umsehe und ihn aschgrau, halb bewußtlos am Felsen lehnen sehe. Obwohl man keinen Schritt frei sich bewegen konnte, wurde rasch in einem Becher Wasser aufgefaßt, die Stime gewaschen, verdünnte Anistropfen eingeflößt, um dem zu leer gewordenen Magen neue Anregung beizubringen. Ein kurzer Schlummer, während dessen ich den Patienten in meinem Arm vor Abrutschen und Fall sichern mußte, genügte zur Erholung, der Appetit stellt sich ein, und sobald diesem Genüge geleistet war, ist August wieder kampffähig und protestili gegen die Idee, den Rückzug anzutreten. Also vorwärts! Wir befinden uns ungefähr im Niveau des Tschingelhorns und überblicken den Petersgrat, welchen eben eine Partie betritt. Nach und nach verschwinden die Felsen, größere Firnstreifen ziehen steil in die Höhe, und wir erblicken die lang ersehnte Schneehaube des Gipfels hoch über unsern Köpfen. Die letzte Kraft wird eingesetzt, die weichen Hänge zu überwinden, jetzt wird 's lichter, frei und ungehindert schweift plötzlich der Blick nach Norden über Berg und Thal. Doch zur Rechten erheben sich noch mehrere höhere Anschwellungen des Kammes, der wie gefranst eine Reihe von Einsattelungen und Erhöhungen zeigt, während man von Bern und auch vom Thal her eine regelmäßig gewölbte Kuppel zu erblicken wähnt. Das Ganze bildet, wie die neue Karte richtig zeigt, eine große, ununterbrochene Firnhaube; jedoch scheint der Schnee im Laufe des Sommers theilweise zu verschwinden, wenigstens fand Fellenberg genügend Material zum Bau eines Steinmannli. Jede dieser Kuppen ist mit mächtiger Gwächte gekrönt, die mehrere Meter weit über die Felswand vorstehen, so daß Lauener erst Bedenken äußert, sich weiter zu wagen, man sehe doch nicht mehr, die Zeit sei schon zu sehr vorgerückt und finden Rückmarsch keine Minute zu verlieren. Alles vollkommen richtig, ich will auch nichts zu Gewagtes erzwingen, allein ich verzichtete ungern auf die freie Uebersicht; daher wird der nächsten Firnhaube zugesteuert und so geht es von der ersten zur zweiten, von dieser zur dritten und noch auf die vierte, höchste, welche nun Alles beherrscht. Eine noch weiter östlich gelegene schien ziemlich ebenbürtig, allein die feine Spitze war sehr verdächtig, und da sie die Aussicht nicht beeinträchtigte, hieß es Haltes war IV2 Uhr, 12 Stunden seit unserm Abmarsch — und Pump! tönt 's dumpf, aber deutlich von Mürren herauf und Hurrah! antworten wir, es lebe das Breithorn! und noch einmal Pump! Flink! einen Tropfen Xeres! extra für diesen feierlichen Augenblick berechnet; rasch und in großen Zügen wird das gewaltige Rund mit den Augen durchmessen. Die Ostseite ist nun frei mit ihren Gletscher-Revieren von der verkürzten gewaltigen Grenzscheide der beiden Kantone Bern und Wallis zum massigen Gebilde des Aletschhorns, zum Grünhorn und den Wannehörnern und den überall sichtbaren Finsteraar- und Schreckhörnern. Der glanzvollen Südseite hatten wir schon auf der Lücke und seither so oft als möglich verstohlene Blicke zugeworfen; tief zu Füßen liegt die grüne Thalsohle, in welche das Pafflerenthal mündet, der Abfluß des Langengletschers blinkt in kurzen Abschnitten freundlich Grüße hinauf, jenseits steigen in breiter, lang gedehnter Wand die bewaldeten Hänge zu den Weiden empor, das Grün der Alpen wird verdrängt durch Trümmerhalden, darüber die zahllosen Schnee- und Gletscher-Reviere der Lötschthalerkette, aus welchen Nest- und Breithorn, am herrlichsten aber das Bietschhorn in den Himmel ragen. Die Monte-Rosa-Gruppe hatte sich in Wolken gehüllt, und man erkannte mit Mühe einzelne Spitzen, wie Weißhorn, westlich den Combin etc. Dem Osten gleichwerthig erscheint die nordwestliche Partie der Aussicht mit dem Blick über den Tschingelgletscher und die dunkeln Wände der Blümlisalpkette, des Gspaltenhorns und Tschingelgrats, der uns gerade noch Raum gestattet, das freundliche Mürren auf seinen hohen, von hier aus fast verschwindenden Terrassen zu grüßen. Das Eigenthümliche die'ser Aussicht besteht unzweifelhaft darin, daß sich vor- und rückwärts, wie auf keinem unserer bernischen Hochgipfel, der Blick unmittelbar in die schwindelnden Tiefen grüner Thäler versenkt, während nach beiden Flanken prachtvolle Gletschergebiete in mannigfaltigster Anordnung und Gestaltung bis in weite Fernen sich ausdehnen; nach Norden schauen wir über die in unerkennbare Grenzen sich verlaufende Ebene, nach Süden entwickelt sich eine der kühnsten Gebirgsketten, über welcher eine zweite, noch gewaltigere Bergeswelt sich erhebt. Im Westen drohte die Ansammlung eines Gewitters, finstere Wolken überdeckten das Freiburgergebiet und drangen das Siebenthal hinab; ein Blick auf die Uhr, schon 2 Uhr, mahnte zu beschleunigtem Rückzug, wollten wir uns nicht von der Nacht auf dem tückischen Gletscher überraschen lassen. In diesem Moment wird von Graf vorgeschlagen, direct längs des Kammes zur Lücke niederzusteigen. Lauener traut der Sache nicht recht und scheint den gemachten Weg vorzuziehen, da man nicht wissen könne, welche Schwierigkeiten in der neuen Richtung unser warten. Gelingt der directe Abstieg, so gewinnen wir 1-2 Stunden und vermögen einem Bivouac auf dem Eise zu entrinnen, das bei eintretendem Unwetter keine liebliche Aussieht ist. Den Ausschlag gibt die Besorgniß, mit dem durchweichten Firn in einer Kehle abzurutschen; da wäre freilich kein Halt gewesen, denn in gerader,, steiler Böschung fällt diese Wand bei 800 m tief in den Inner-Thalgletscher ab, der vielfach Spuren von Schneebrocken erkennen läßt. Beim Hinuntergehauen auf diese Bahn äußerte denn auch meine Tochteiy welche sonst festen Auges ist, es sei schauerlich, da wieder hinunter zu müssen. Wir wählen also den Grat,, so lauter er ist, und trotz allem Kisico als das kleinere Uebel, und hart auf der Schneide, welche glücklicherweise festern Schnee weist, geht 's nun rasch, aber sorgsam der Tiefe zu; stellenweise müssen Absätze umgangen und in die Flanke eingelenkt werden, um wieder auf den Kamm zuzuhalten; so nöthigt auch der letzte Absturz, nach links auszubiegen, und auf Gesimsen und durch kürzere Schneekehlen gelingt es glücklich, unmittelbar auf die Wetterlücke auszumünden. Dieser Gang ist unbedingt der zeitraubenden Umgehung^ nach der Südseite und der langen, mühsamen Kletterei vorzuziehen, namentlich wenn so viel weicher Schnee liegt.

Bisher scheint dieser directe Weg noch nicht eingeschlagen worden zu sein, sondern die wenigen bekannten Notizen lassen erkennen, daß die in der Karte-eingezeichnete Kehle zum Aufstieg benutzt und dann » die Wand erklettert wurde, also eine Richtung, welche-zwischen unserm Aufstieg und Abstieg durch führt. Von der Lücke zum Gipfel hatten wir 7, hinab 3 Stunden-gebraucht ( incl. 1J2 Stunde RastFellenberg notirt nur 3,4 Stunden für den Abstieg.

Nun hieß es aber die Beine strecken, schon nahte-der Abend ( 5 Uhr ), und so rasch der linde Schnee es zuließ, eilten wir bergab. Unsere Tritte fuhren sicher durch die Spalten und schon glaubten wir, das Böseste hinter uns zu haben, als auf einer circa 2 Meter langen, nach dem jenseitigen Rand sich auf einen Fuß verschmälernden Brücke über einen der respectabelsten Gletscherkessel meine Tochter mit dem rechten Rande abbricht und über dem Abgrund am Seil schwebt. Wir hatten weiter oben am Seile Platz gewechselt^ da meine Tochter als Zweite sich beklagt, sie sinke zu tief ein und würde leichter vorwärts kommen, wenn ein zweiter Führer die Tritte fester treten würde. Es folgte also dem ersten Führer der Träger, August, Anna, dann ich und Lauener. Ein aufmerksamer Führer hätte nun namentlich einer Dame die Hand gereicht oder doch Stellung genommen, um diesen nicht gefahrlosen Uebergang zu sichern; so wacker und zuverläßig aber unsere Lauterbrunner sich auf der ganzen Tour erwiesen, so schienen sie an solche kleinen Dienste nicht gewöhnt, wie sie sich eigentlich von selbst verstehen und wie sie oft in fast übertriebener und sogar lästiger Dienstfertigkeit geboten werden. Da bisher alles vortrefflich gegangen war, den Führern vorzüglich daran lag, so rasch als möglich über den Gletscher hinunterzukommen, so konnte leicht im Eifer eine Vorsichtsmaßregel übersehen werden. Aber da hängt die Arme immer noch am Seil! Glücklicherweise war das Seil gespannt, ich stand auf dem obern, breitem Theil der Brücke und hatte aufmerksam jeden Schritt verfolgt, August jenseits hielt auch wacker fest und wurde sogleich von den Andern unterstützt. Lauener sprang rasch hinüber, um Anna " 122B. Lindi.

hinaufziehen zu helfen. Allein das Seil schnitt zu seinem; sie commandirte „ nachlassen, Stock abnehmen ", sie hatte diesen im Fall horizontal in die Wand eingerammt und wollte ihn nicht preisgebenreicht einen Pickel herunter !" Das war nur dadurch möglich, daß sich ein Führer mit dem ganzen Oberleib hinunter-legte, während ein Kamerad ihn bei den Beinen festhielt. Anna konnte eben noch den Pickel mit der einen Hand erfassen, das Seil mit der andern. „ Zieht !" und wie eine Fliege an der glatten Wand hinauf zappelnd wurde sie von kräftigen Händen erfaßt und Gottlob! unversehrt auf sichern Boden gehoben. Man -kann sich denken, daß der Schrecken eine gewisse Erschütterung verursachte und eine begreifliche Aengstlichkeit zurückließ, welche sich darin manifestirte, daß Anna den einen Führer buchstäblich beim Kragen faßte und in dieser Weise glücklich über alie weitern Fährlichkeiten hinüber gelangte, obwohl noch wiederholt tüchtige Solosprünge ausgeführt werden mußten. Es sollten uns übrigens noch andere Tücken des Hochgebirgs nicht erspart bleiben. Das Barometer war den Tag vorher, den 1., um 3 cm gefallen, den 2. dem Tag unserer Besteigung, Morgens wieder gestiegen, Mittags fiel es in Bern um 1 °, um Abends von Neuem um 2 ° zu steigen. Es stimmt dies überein mit der eingetretenen Witterungsschwanknng. Ueber dem Tschingelgletscher ertönten demgemäß ganz regelrecht warnende Donnerschläge, die mächtig an den Wänden der Kanzel wiederhallten, und bald entluden sich über uns kürzere und längere Regenschauer, die zu neuer Eile antrieben, so daß wir schließlich glitschend und hie und da „ Hintersäßgeld "

zahlend, den glatten Gletscherabfall mehr hinabrutschten als sprangen. Mit einbrechender Dunkelheit erreichten wir die Moräne, packten unsere Siebensachen auf, leerten die.letzte Flasche, und wie besessen, aber festen Schritts, rannte Lauener Arm in Arm mit Anna, so daß wir die größte Mühe hatten, nachzukommen, die Oberhornalp rechts liegen lassend, über Stock und Stein dem Uebergang über den Bach zu. Das war noch das Tüpfelchen auf 's i, ein scheußlicher Gang in den Gesteinstrümmern, durch nasses Gras und niederes Gestrüpp, in tiefe Löcher stolpernd, an steilen Hängen im Finstern auf 's Gerathewohl dem Geräusch der Voraneilenden nachstürmend. Bei diesem Rennen half die angezündete Kerze nur wenig und ich bewunderte die richtige Führung, welche uns aus diesem Chaos genau zu unserer Brücke führte. Mit größter Vorsicht wurde der Bach passirt und auf dem endlos erscheinenden Pfade dem gastlichen Steinberg zugesteuert. Wenn aber auch die in 's Dunkel hinaus leuchtenden Fenster uns frohen Willkomm boten ( 9 Va Uhr ), zeigten sie zugleich zu unserer bittern Enttäuschung an, daß schon andere Gäste eingezogen. Mit Bangen fragen wir uns: Müssen wir zum Schluß, nach unserer zwanzigstündigen Tour, während deren wir höchstens zwei Stunden und nur zweimal sitzend gerastet, noch in 's Thal hinunter? So schlimm erging es uns nun glücklicherweise nicht. Wir trafen zwei deutsche Club-bisten mit Fuchs und einem zweiten Führer, welche folgenden Tags ebenfalls das Breithorn besteigen, hauptsächlich aber das Lötschenthal besuchen wollten. Mit liebenswürdigster Zuvorkommenheit räumten sie den Eßtisch und gestatteten, in ihrem Zimmer die dringendste Toilette zu machen, während die freundliehe Wirthin ihr Zimmer im obern Stock zu unserem Empfang einrichtete. Auch brachen die beiden Herren früh in solch rücksichtsvoller Stille auf, daß meine jungen Leutchen nichts davon gewahr wurden. Ob sie ihr Ziel erreicht, haben wir nicht vernommen, nur so viel konnten wir bemerken, daß sie ungefähr die gleiche Zeit zur Lücke brauchten, wie wir. Obgleich ziemlich müde, konnte ich mich nur mit Widerstreben entschließen, das Bett zu suchen; ein herrlicher Mondschein ergoß sich, für uns freilich sehr zur unrichtigen Zeit, über die Firne der Jungfrau und ihrer Trabanten, melancholisch rauschten die Wasser des Schmadri-baches aus der Tiefe herauf und verkündeten mitten in der majestätischen Stille die stete Wandelbarkeit der irdischen Materie.

Unsere Zeit, d.h. die Ferien waren abgelaufen, „ heim mußt du !" hieß es des andern Morgens, aber da hängt die Botanisirtrommel traurig leer am Nagel, nur einige wenige Species Saxifragen, Silenen und Ranunkeln hatte ich im Vorbeigehen in circa ein Viertel Höhe ( 3300 m ) des Berges eingesteckt: was sollte auch in diesem Schneehaufen blühen! und auf Oberhornalp konnte selbst der enragirteste Sammler im Dunkeln nicht grasen. Als mein Bürschchen aber hörte, daß auf den Fluhsätzen des Tschingelgrats sich Edelweiß finde, kletterte er rasch entschlossen den Ziegen nach und brachte einen großen Strauß lieblicher Alpenblumen als Siegespreis zurück. Seine Freude über die ganze Tour faßte er einfach in die Worte „ das war fein ". Besonders begierig war ich aber, Gewißheit zu erlangen, welchen Eindruck der gestrige Un- fall auf meine Tochter gemacht; als ich daher wahrnahm, daß sie ein beschädigtes Kleidungsstück der dienstfertigen Magd schenkte, die dessen herzlich froh war, frug ich, ob sie selbst denn keinen Gebrauch mehr davon machen wolle? Da erhielt ich zur Antwort, das nächste Mal müsse etwas Solideres angeschafft werden. Die Moral von der Geschichte wird männiglich errathen! Trotz lebhaften Bedauerns, bei so trefflicher Disposition der Höhe Valet sagen zu müssen, war es ein köstlich Wandern über die grünen Matten, durch die von üppigen Farrenkräutern strotzenden Wälder nach dem freundlichen Trachsellauenen, allwo die ausgetrockneten Gaumen in freier Luft ein Glas schäumenden Asti's erquickte und wir in froher Stimmung dem stolz auf uns niederblickenden Breithorn ein kräftiges Ade! zuriefen.

Distanzen- Tab leau.

Fellenberg.Lindt, Steinberg-Wetterlücke 6 Stunden.5*/a Stunden.

Wetterlücke-Gipfel3x/27 „ Gipfel-Wetterlücke3Wetterlücke-Steinberg4]/2 „ 20 Stunden.

Pausen, Halte, ( nur zwei Mal abgesessen)IV2—2 „ Marschzeit 18 Stunden.

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