Das Mondmilchloch am Pilatus

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Schon in früher Zeit, im Mittelalter, als von einer Begeisterung für die Berge, wie sie jetzt besteht, noch lange keine Ahnung vorhanden war, hatte diese Höhle einen weitverbreiteten Ruf, der sich hauptsächlich auf die hier vorkommende Mondmilch x ) gründete, denn diese galt als besonders heilkräftig bei gewissen Krankheiten und wurde von weit entfernt wohnenden Leuten geholt. Auch in der Sage spielt das Mondmilchloch eine gewisse Rolle. In der Litteratur erwähnt wird es zuerst von Konrad Geßner 1555. Eine genauere Beschreibung gab der Luzerner Arzt Mauriz Ant. Kappeier anno 1767, worauf noch mehrere Beschreibungen, teils von solchen, die es selbst besucht hatten, und andern, die das bereits Vorhandene wieder auffrischten, zu verzeichnen sind. Näher untersucht wurde es dann von Herrn Schürmann, Stadtschreiber in Luzern, anno 1865, der verschiedenes wichtiges Material zu Tage förderte, das dann wieder weitere Untersuchungen durch Dr. Franz Josef Kaufmann, Professor der Naturgeschichte in Luzern ( Verfasser des bekannten Werkes „ Geologische Untersuchung und Beschreibung des Pilatus " ), herbeiführte, die indes zu keinem Abschluß kamen. "

Da aber seither in dieser Sache nichts mehr geschehen ist, so stellten drei Mitglieder unseres Vereins, J. Liniger, A. Ruepp und der Verfasser, sich die Aufgabe, das Werk zum Abschluß zu bringen, was am 14. Oktober 1894 durch einen Besuch der Höhle zustande kam, dessen Resultat ich hiemit veröffentliche.

Das Mondmilchloch befindet sich an der südlichen Seite des Widderfeldes ( 2078 m ), einem Gipfel im Hauptgrate des mittlern Teils der Pilatuskette; auf Blatt 376 Siegfr., ungefähr lcm nördlich des ersten h des Wortes Schiehwald. Den Zugang zu der Höhle wählt man am besten von der Alp Birchboden aus. Von dort in westnordwestlicher Richtung leicht ansteigend über Schuttrunsen, anstehenden Fels und spärliche Grasplätzchen ist der Aufstieg in einer halben Stunde zu bewerkstelligen. Vereinzelte Wettertannen wagen sich hier hoch hinauf, woher der Name Holzfluh, der aber irrtümlicherweise unter dem Tomlishorn angegeben ist. Den Eingang ( Querschnitt I ) erblickt man von dieser Seite erst, wenn derselbe erreicht ist, indem er durch einen vorstehenden Felsen verdeckt wird. Ein Bächlein entströmt der Höhle und kann durch sein Rauschen als Wegweiser dienen.

Gleich innerhalb des Eingangs erweitert sich die Höhle zu einem größeren Raum, der nördlich und östlich ziemlich ansteigt, entsprechend dem Schichtenfall des Gesteines. Der ganze Boden ist mit größern und kleinern Steintrümmern übersäet von herabgestürzten Schichten der Decke. ( Schnitt II. ) Die Hinterwand, beinahe glatt, zieht sich von Osten nach Westen; Länge bis hieher 25 m. Dieser Teil ist mehr hallenartig. Nun aber ändert sich der Charakter der Höhle, die Fortsetzung hat durchaus spaltenähnliche Form und dieselbe bleibt mit Ausnahme eines ganz kurzen Stückes ( Schnitt IV ) bis zur letzten Stelle gleich. Der Spalt steht senkrecht zu den Schichtenflächen. Ein Stück weit ist der Gang doppelt ( Schnitt III ), der kleinere Teil verliert sich aber bald, und nun kommt die niedrigste Partie der ganzen Höhle ( Schnitt IV ), worin noch etwa 30om Wasser stehen ( zum bessern Fortkommen sind zwei Tännchen der Länge nach hingelegt, die schon lange da zu sein scheinen ). Dann erhöht sich der Gang wieder, und es folgt der erste große Wasserfall von 3 m Höhe ( Schnitt V ). Von dieser Stelle aus, 44 m vom Eingang, erblickt man noch etwas Tageslicht. Das weitere Vorrücken wird erleichtert durch ein aufgestelltes Tännchen. Hier ist der Spalt ziemlich hoch, teilweise sieht man ihn nicht bestimmt ausgehen, dafür aber schmal, meist nur 40— 60om breit ( Schnitt VI ); am Boden läuft natürlich das schon eingangs erwähnte Bächlein, das das Gehen nicht gerade angenehm macht.

Weiter hinten ist auf der rechten Seite eine kurze Abzweigung, worauf eine starke Steigung folgt, über der noch ein Stein eingeklemmt ist ( Schnitt VII ). Die Fortsetzung ist wieder gleichartig, wie vor diesem Engpaß, und bald stehen wir vor dem zweiten 2 V2 m hohen Wasserfall mit davor gelegenem Tümpel von 6Ocln Tiefe ( Schnitt IX ), 80 m vom Eingang.

Hier finden sich gewöhnlich noch etwa Anzeichen von frühem Besuchern, die bis hieher vorgedrungen sind. Der Tümpel ist nicht gerade einladend, auch sind keine Hülfsmittel vorhanden, um über den Fall hinaufzukommen. Doch wir ließen uns nicht abschrecken, mutig in das Naß hinein, dann ein tüchtiger Ruck und wir sind droben. Der Gang setzt sich wieder gleich wie beim ersten Fall fort, nur bedeutend enger und das gerade in Mannshöhe ( Schnitt X ), hier muß man sich förmlich durchpressen. Die böseste Stelle ist damit aber überwunden. In der Höhe von 1,80 m liegt ein gewaltiger Stein eingeklemmt von mindestens 1 m3 Inhalt ( Schnitt XI ). Wasser tropft stark von oben, die Spalte ist sehr hoch und man sieht sie nicht ausgehen. Es folgt wieder eine Steigung von etwa lVa"1 mit einem verkeilten Stein ( Schnitt XIII ). Dann wird 's aber breiter, weniger hoch und — wir sind am Ende. Die Höhle schließt sich hinten mit festem Felsen nischenförmig ab. Der Hauptzufluß des Bächleins kommt aus einer schmalen Öffnung an der Decke, stürzt sich auf einen Stein nahe derselben ( Schnitt XIV ), um dann in weitem Bogen den ganzen Platz zu überfluten, fließt aber sofort ab, da der Boden ansteigt gegen das Ende. Bis hieher 117 m. Nach dem starken, gleichmäßigen Trieb, den das Wasser daselbst besitzt, könnte man schließen, daß sich weiter oben noch ein größerer Sammler befinden könnte, der den Abfluß reguliere.

Die sogenannte Mondmilch, ein kalkiger Niederschlag an den Wänden, beschränkt sich in der Vorhalle auf einen schwachen, schleimigen Überzug, nimmt dann immer mehr zu, je tiefer man hinein kommt, um in der Gegend des XL Schnittes am stärksten zu sein. Dort ist sie beinahe tropf'steinartig und besteht aus mehreren härtern und weichem Schichten übereinander. Eigentümlicherweise nimmt sie dann wieder ab, um bei der hintersten Nische ganz zu verschwinden, wo der nackte Fels hervortritt.

Was die Lüftung anbetrifft, so ist in den engern Teilen der Höhle ein merklicher Luftzug nach dem Eingang zu bemerken. Ob sich derselbe immer gleich bleibt, müßte erst noch durch mehrfache Beobachtung festgestellt werden. Die Temperatur zu hinterst betrug 5'/e ° C, im Freien war es 6V2 ° C. Das Wasser ist ganz klar und hatte 4 ° C. An heißen Sommertagen mag natürlich die Temperatur der Höhle sehr kühl erscheinen, aber von einer tödlichen Kälte ist auch dann nicht zu sprechen, wie zur Zeit von Herrn General Pfyffer 1756 berichtet wurde, sonst würde das Wasser stets gefroren sein.

Horizontal hätten wir nun einen Abschluß gefunden. Vertikal aber setzt sich die Spalte nach oben fort, wie an vielen Stellen, besonders aber im hinteren Teil, zu konstatieren ist; das Vorkommen von Quarzsand und dito Steinen läßt sich deshalb leicht erklären; sie sind vom Wasser herbeigeschwemmt worden. Ob sich die Spalte weiter oben wieder horizontal fortsetzt, das können wir nicht sehen, es könnte aber ganz gut möglich sein.

Wie aus beigelegtem Plan ersichtlich ist, zieht sich die Höhle beinahe unter dem Dach des Urgoniens oder Schrattenkalks, jedoch noch vollständig von demselben umschlossen, in den Berg hinein. Der südliche Schenkel des sonst noch vollkommenen Urgongewölbes zeigt hier eine bedeutende Blöße, so daß die Schichtenköpfe auf eine Tiefe von cirka 100 m zu Tage treten, an deren Fuß sich eben der Eingang befindet. Diese Blöße verliert sich weiter östlich beinahe vollständig wieder, dagegen ist der nördliche Schenkel nicht weit von diesem Schnitt der Länge nach an der stärksten Biegung aufgerissen, um dann ostwärts durch die ganze Pilatuskette hindurch getrennt zu bleiben. Betrachtet man aber einmal den Durchschnitt durch das Widderfeld beim Mondmilchloch, das, beiläufig bemerkt, sich so ziemlich in der Richtung des Meridians befindet, so findet sich an dem nördlichen Schenkel eine andere, ebenso, wo nicht noch bedeutendere Spaltung, die aber unzugänglich ist. Auch dort kommt ein Bächlein heraus; ob da eine Bifurkation besteht, ist nicht festzustellen. Wir haben es hier also mit einer ganz bedeutenden Spaltung zu thun, welche sich beinahe durch das ganze Schrattenkalkgewölbe zieht und, wenn sie weiter fortgeschritten wäre, uns noch einen Gipfel mehr geliefert hätte; wie denn 600 m weiter östlich in der gleichen Richtung eine solche totale Spaltung wirklich stattgefunden hat und nun den Ostabfall des Widderfeldes bildet. Eine Verschiebung der Bruchränder ist gleichwohl nicht zu bemerken.

Das sind in kurzen Zügen die Haupteigentümlichkeiten dieser Höhle, die wohl eines Besuches wert ist, besonders wenn man damit eine Besteigung des Widderfeldes verbindet, das eine prachtvolle Rundsicht bietet auf die Alpen und das Flachland, ganz wie Pilatuskulm oder Tomlishorn.

Was den Plan anbetrifft, so ist die Länge der Höhle mittelst Schnur-maß festgestellt worden, die andern Messungen sind von Hand vorgenommen, da ein Aufstellen von Instrumenten sich hier nicht bewerkstelligen ließ. Die geologische Darstellung des Querschnittes durch das Widderfeld fußt auf den Untersuchungen Dr. Fr. J. Kaufmanns, jedoch mit specieller Berücksichtigung der Verhältnisse der betreffenden Stelle.

Ferd. Schär ( Sektion Pilatus ).

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