Das Sernftal

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VON JAKOB MARZOHL, LUZERN

Das Sernftal ist eines der schönen Bergtäler der Ostschweiz. Es bietet dem Bergsteiger, dem Na-tur- und Tierfreund sehr viel. Die Länge des Tales beträgt von der Wichlenalp bis Schwanden im Linthtal rund 20 km. Ein naturverbundenes Völklein lebt in einer Gemeinschaft. Nur vereinzelt finden sich Leute, die nicht im Tal geboren sind, und es braucht Jahre, bis sie sesshaft und als Heimische anerkannt werden. In den beiden Dörfern Engi und Matt ist es die Textilindustrie, die einigen Verdienst bringt. In Elm, 1000 m ii.M ., dem letzten Dorf und Ausgangspunkt schönster Bergfahrten, spenden Quellen mineralhaltige Wasser. Der Grossteil der Bevölkerung obliegt der Landwirtschaft. Hinter dem Dorf Elm finden wir nur noch vereinzelt karge Äckerlein und kleine Gemüsepflanzungen. Das Klima inmitten der Berge ist etwas rauh, im Sommer und Herbst bei schönem Wetter für Ferien und Wanderungen aber ideal. Aber auf dem Freiberg liegen die grossen saftigen Alpweiden, sie präsentieren die Wohlhabenheit der Talschaft.

Wenn wir von Schwanden mit der Bahn oder dem Auto hinauffahren und Endhalt Elm erreichen, heftet sich unser Blick zwingend auf das grossartige und formschöne Massiv des Hausstockes. Der Berg steht am Ende des Tales in gerader Richtung des Flusslaufes, der Sernf. Er bildet die natürliche Grenze zwischen den Kantonen Glarus und Graubünden, welche sich nordöstlich über den Vorab und die Tschingelhörner fortsetzt. Auf der linken, in Flussrichtung liegenden Talseite erheben sich die westlichen Berge des Sernftales. Auf deren Alpen vom Richettlipass, 2263 m, bis hinaus zum Karrenstock, 2426 m, über die beiden Kärpfgipfel, 2797 m, den Schwarztschingel und den Bleit-stöcken finden wir das älteste Jagdschongebiet der Schweiz. Das Banngebiet ist Ende der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden, also vor mehr als 400 Jahren. Ökonomische Gründe sollen den Ausschlag gegeben haben. Heute ist es vornehmlich die ideelle Seite und die Liebe zum Tier in 9 Les Alpes - 1964 - Die Alpen129 freier Wildbahn, Schongebiete zu erhalten und neue zu errichten. Wie reich wird der Wanderer beschenkt, der hier umherstreift und wachen Blickes die Schönheit der Natur in sich aufnimmt. Läuft er im Morgengrauen gegen den Wind hinauf zum Wild, so kann er ganze Rudel Gemsen im Wechsel aus nächster Entfernung beobachten. Oder er geht einer Waldschneise entlang und steht unverhofft vor einem Fuchs, oder er sieht in die braunen Lichter leichtfüssiger Jungrehe, die, vom ersten Schreck erholt, sich ins Walddickicht flüchten. Der Aar haust über den Graten. Murmeltiere, Hasen, Raubvögel, alle finden da ihren Tisch gedeckt. Wohl begegnet dem Bergsteiger hier oben kaum ein Mensch, dafür aber ist er vom behenden Leben der Tierwelt umgeben.

An der Kirchmauer des Dorfes Elm ist eine Erinnerungstafel angebracht mit den eingravierten Namen derer, die beim Eimer-Bergsturz im Jahre 1881 ihr Leben lassen mussten. Auch das Suwo-row-Haus ziert eine Gedenktafel, die an den Übergang des grossen russischen Generals mit seiner Armee über den Panixerpass Anno 1799 erinnert. Der Weg über den Panixer führt im obersten Drittel durch einen Engpass, den sogenannten Giergel, der schluchtartig, mit abgedachtem Felsboden zur Passhöhe führt. Nach Wallenbruck, etwa 5 km von Elm, gabelt sich der Weg. Rechter Hand gelangt man zum Richettlipass, mit einer Steigung von 1000 m. Hier zieht sich ein Grat, direkt südlich, zum Gipfel des Hausstockes, 3160 m. In nördlicher Richtung steigen wir auf zum Kalkstöckli, umgehen die Felsen eines Ausläufers des Hahnenstockes und schreiten hinunter zum Milchspühlsee und zur Leglerhütte, 2277 m. Hinter dem Hahnenstock steigt ein Grat direkt hinauf zum Grossen Kärpf, dessen Besteigung sowohl von der Erbsalp als auch auf der Westseite vom Unter-Kärpf aus möglich ist.

Ab Wallenbruck links auf dem Weg zum Panixer liegt über dem Plateau der Rotstock, 2627 m. Etwa 500 m nördlich des Gipfels gelangen wir zur Sether-Furka, und über Geröll, Felsstufen und Gletscher zum Vorab, 3031 m. Wenden wir uns von der Panixer Passhöhe aus westlich dem Hausstock zu, so überschreitet man zuerst eine grosse Gletschermoräne und überquert dann den bis an den nördlichen, oberen Felsrand sich ausbreitenden Meergletscher. Von hier steigt man in sorgfältiger Kletterei zum Gipfel.

Oberhalb des Raminerbaches in Elm führt ein Weg durch die romantische Tschingelschlucht auf die gleichnamige Alp zur Clubhütte Martinsmaad, 2002 m Links hinauf, also östlich, erreicht man den Ofen, überquert unterhalb des Piz Grisch die Seitenmoräne, um über den Bündnerfirn den Vorab zu erreichen. Links des Piz Grisch gelangt man über die Lücke zur SAC-Hütte Nagiens. Vom Ofen aus in nordöstlicher Richtung stehen die Tschingelhörner, die in schwerer Kletterei bestiegen werden können. Am Nordende ist ein grosses Felsenloch, genannt das Martinsloch. Zu Martini, wenn die Sonne fast ihren tiefsten Bogen zieht, sollen die Strahlen der Sonne durch das Loch den Elmer Kirchturm treffen. Bei Punkt 1502 m, der Tschingelalp, geht ein Weg ostwärts zum Segnes-Pass, 2625 m. Zur Linken baut sich das Massiv des Piz Segnes auf, dessen Gipfel 500 m höher liegt als der Pass. Ungefähr in der Mitte des Sauren-Gletschers überquert man den Sardona-Pass und gelangt mit wenig Steigung am Ende des Firnes zum Piz Sardona, 3054 m. Stehen wir auf dem Segnes-Pass und schauen nach Südosten, dann fällt unser Blick auf die gewaltige Felsbank des Piz Atlas, 2926 m. Zwischen den Tschingelhörnern und dem Piz Atlas steigt man nach Flims ab. Im Abstieg vom Pass nach Elm kann man ohne besondere Hindernisse auch noch das Mörderhorn besteigen.

Im Norden der Raminalp, die sich längs des Baches zum Fährispitz hinaufzieht, erhebt sich über der Camperdunalp der 2233 m hohe Fahnenstock, der eine grossartige Rundsicht auf die benachbarten Berge und Täler bietet. Zur Orientierung ist als erste Tour im Gebiet der Sernf eine solche auf den Fahnenstock zu empfehlen. Oberhalb der Alp Matt im Osten zwischen der Kleinen und Grossen Scheibe und dem Foostock zieht sich der Foopass hinüber zur Fooalp nach Weisstannen. Ins gleiche Tal führt der Risetenpass vom Dorf Engi aus durchs Krauttal. Von der Riseten-Passhöhe wandert man, immer auf dem Grat, über den Faulenstock der Weissgand bis Spitz- und Weissmeilen, variierend auf einer Höhe von 2300 bis 2500 m. Diese Gipfel werden jedoch vorteilhafter von der Spitzmeilenhütte aus bestiegen. Sie sind hier lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt.

Das Sernftal bietet eine Fülle verschiedener Möglichkeiten für leichte Wanderungen, Hochtouren und Kletterfahrten. Eine herrliche Bergwelt präsentiert sich, wilde, zerklüftete Schluchten, bizarre Gipfel, Gletscher, weiträumige Alpweiden, fünf wichtige Passübergänge, und in dessen Bereich stehen fünf Clubhütten des SAC. Alle diese Vorzüge dürften dem Bergfreund den Entschluss leicht machen, Ferien oder Touren ins Sernftal zu verlegen. Die mit Bergblumen reich bewachsenen Flühe und Bergweiden werden dem Wanderer eine besondere Augenweide sein.

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