Das Trümmletenthal

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Von J. R. Schaub.

Es hat wohl schon mancher Tourist oder Gletscherfahrer auf seiner Wanderung über die Wengernalp, wie auch vom Guggigletscher hinunter, in die geheimnissvolle Schlucht des Trümmletenthales seine Blicke gerichtet ohne zu gedenken, was in jener verborgenen Werkstätte der Natur sich Grosses und Erhabenes darbietet.

Im Jahr 1862 bei einem längeren Aufenthalt in Lauterbrunnen machte ich dem Trümmletenthal einen, zwar nur oberflächlichen Besuch, von welchem ich dennoch so haltbare Erinnerungen mitbrachte, dass ich mir vornahm, dieses grossartige Gebiet einmal mit all' den darin sich darbietenden Scenerien mit Zeit und Weile zu begehen.

Dieses geschah nun im August 1864. Wer einmal das Thal von Lauterbrunnen besucht, wird kaum versäumen nach dem Trümmletenfall zu gehen. Es war im Jahr 1826, als ich denselben zum ersten Mal sah.

Doch, welche Veränderung hatte der Fall in den 36 Jahren erlitten!

In jener Zeit wendete sich der Fall, der ohne sichtbar zu werden, aus der Schlucht des Trümmletenthales in westlicher Richtung herabstürzte, auf einer nicht bedeutenden Höhe vor seinem Abflüsse, plötzlich in rechtem Winkel von Nord nach Süden und stürmte durch eine enge Felsrunse seinem letzten geringen Abstürze entgegen. An der Seite genannter Felsrunse, welche vorn eine förmliche Brustwehr bildete, stieg man auf einer sogenannten Rosstreppe nach einem Geländer, welches längs der Felsrunse angebracht worden, und von welchem man den vollständigen Anblick des interessanten Schauspieles geniessen konnte.

Um die Mittagszeit war der Fall in der schönsten Beleuchtung. Das Brausen, das Toben und Tosen des Falles war ein aussergewöhnliches, und nicht unähnlich dem Pochen einer Walke oder Stampfe; deshalb wurde er von Etlichen auch der Trommelbach genannt. ( Siehe Wyss: Reise in 's Berner Oberland, pag. 476 ).

Von all' diesem ist jetzt nichts mehr zu sehen. Die Felsrunse ist durch die Ausreibung des Wassers zerstört worden. Der Absturz des Falles selbst ist nordwärts zurückgetreten, und hat sich'in der dunklen Felsschlucht dergestalt eingesägt, als wolle er sich den Blicken seiner Besucher gänzlich entziehen.

Der Fall hat daher im Vergleich zu früheren Jahren an Charakterschönheit Vieles eingebüsst. Dieses Ein- IMSchaub..

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schneiden in den Berg und Ausreiben des Gesteins hatte ich bei andern Wasserfällen des Thales gleichfalls wahrgenommen.

Der Staubbach ( oder wie früher benannt Pletschbach ) hat sich seit meinem ersten Besuche dieses Thales oben bei seiner Ausmündung so viel tiefer eingeschnitten, dass die Wassermasse sich mehr und mehr an die Felswand lehnt, auch sich daran stösst, welches \"or noch 40 Jahren nicht der Fall gewesen ist. Haller in seinem herrlichen Gedicht über den Staubbach würde sonst nicht gesagt haben: « Und schiesst mit jäher Kraft weit über ihren Wall hinaus. »

Doch, ich wollte ja nicht die Wasserfälle hier unten schildern, sondern hinan in 's Trümmletenthal, nach der Alpe im Brech steigen.

Der gewöhnliche Weg, welcher von Gaisbuben, Holz- und Heuerleuten begangen wird, führt unmittelbar an der Nordseite des Trümmletenfalles empor. Man betritt einen schmalen kaum bemerkbaren Pfad, zuerst durch etwas Tannwald steil hinan; alsdann führt derselbe längs der Felswand, südlich, unter der Schiltfluli theilweise über nacktes Gestein, mitunter über Steinschutt und Geröll. In einer halben Stunde erreicht man den Wald. Unterhalb desselben kömmt man zu einer, ich möchte sagen schwebenden Holztreppe. Dieselbe lehnt an glatter Felswand, und stützt ihre Endpunkte auf vorragende Felsköpfe. Man gelangt nun bald auf einen kleinen Grasboden, das Schafbrech genannt. Von hier wendet sich der Pfad östlich immer im Schatten den Wald hinan. Die Wassersehlucht hat man bereits unter sich, ohne das Wasser in der Tiefe erspähen zu können.

Der Weg zieht sich nun nur massig ansteigend einigen Schutthalden entlang, bis er zuletzt mit einigen steilen Windungen dem Ziele entgegenführt. Hier tritt man plötzlich aus dem Walde heraus, und betritt eine grasige Halde, worauf ein trauliches Hüttchen steht, da neben an die klare Trinkquelle fliesst.

Die Ueberraschung beim Anblick der sich hier so plötzlich darstellenden, so nahe gelegenen Gebirgsansicht ist gross und erschütternd. Ein Herr aus Darmstadt, welcher mit mir hinaufgestiegen, und nebenbei einige Tage bei mir verweilen wollte, rief im Feuer der Begeisterung aus Alles, was ich bis jetzt im bernerischen Oberland gesehen habe, steht in keinem Vergleich mit diesem reichen und grossen Bilde.

Nachdem diese ersten Eindrücke, bei klarem Himmel und herrlicher Beleuchtung, reichlich gekostet worden, nahmen wir Besitz von der mir zur Verfügung überlassenen Hütte. Dieselbe gehört dem Siegristen von Lauterbrunnen, Hans Steger, und ist gut gebaut. Im Eingange befindet sich der Feuerherd, die sogenannte Käseküche. Sie enthielt zugleich das benöthigte Kochgeschirr, Teller und Tassen, nebst zwei Pfannen, auch fanden sich Axt und Säge zum Gebrauch. An die Küche stösst ein nicht unfreundliches Stübchen, worinnen ein Tisch, zwei Bänke, nebst einer comfortablen Bettstatt, mit nöthiger Zubehör sich befand. Längs der einen Wand sind etwelche Schäfte zum Aufheben der Geräthschaften angebracht. Das angenehmste und zweckdienlichste Möbel im Stübchen war unstreitig das eiserne Oefelein, welches nicht nur zum

10 Heizen, sondern auch um darauf zu kochen eingerichtet war.

Die andere Hälfte der Hütte enthielt die Stallung nebst dem Heustock. Die Dachung war gutr so dass ich ausreichend geschützt war, obgleich während meines Aufenthaltes einige Male Schnee fiel.

In nächster Nähe steht eine andere Hütte, worinnen ein Gaisbub nebst zwei taubstummen Geschwistern hauste, welche letzteren die Heuernte verdingsweise einheimsten. Der erstere dagegen hatte eine Anzahl Ziegen in Obhut, von welchen er die Milch alle Abend in 's Dorf hinuntertrug. Dabei besorgte mir dieser meine Aufträge. Auf diese Weise wurden meine Lebensbedürfnisse schnell besorgt. Die gewöhnlichen Materialien hatte ich sogleich mit hinaufgenommen, z.B. Mehl, Eier, eingesottene und frische Butter, Kartoffeln, dürre Zwetschen, Käse, Kaffee, Theer Chocolade und Zucker, nebst etwelchen Flaschen Wein. Brod konnte ich täglich frisch erhalten. Da ich in der Kochkunst kein Neuling war, so konnte ich bei meinem drei Wochen langen Aufenthalte eine ganz; ordentliche Lebensweise führen.

Die grasichte Halde des unteren Brech, woran die erwähnten Hütten stehen, liegt gegen Mittag. Sie mag an 600 Fuss höher liegen, als der Abfall der Thalschlucht. Gegenüber der Halde, im Süden, erhebt sich die Jungfrau, welche nicht die geringste üble Laune zu bemerken gab, dass ich zu ihren Fussen mich angesiedelt, um alles Grosse und Wunderbare in ihrer Nähe zu beachten und zu belauschen, vielleicht sogar auf ihre etwaigen Besucher ein aufmerksames. Auge zu richten.

Unterhalb ihres Scheitels erheben sich das Schnee-und Silberhorn. Aus dem Firntobel des Schneehorns schweift der Guggigletscher nördlich bis nahezu an die schroffen Felshänge am Mönch, von wo er in spitzem Winkel sich westlich nach der Thalschlucht wendet, wo er seine Gletscherbrüche mit rasender Schnelligkeit hinunter wälzt. Ein kleinerer Arm desselben zieht sich unter den Hängen des Schneehorns sogleich westlich, allwo er sich auf einer Felsterrasse hinlagert und seine Brüche über die mehrfachen Abstufungen der letztern ebenfalls nach der Thalschlucht hinunter-schleudert.

Es sind hauptsächlich diese Eisbrüche, welche das bekannte Lawinenschauspiel von der Wengernalp aus zu Stande bringen.

Weiterhin liegt der hübsche Giessengletscher, welcher östlich vom Silberhorn in zwei Armen seine Eiswälle auf den Felssätzen nahe beim schwarzen Mönch ablagert.

Den Eckstein des Trümmletenthales bildet der schwarze Mönch. Aus der Tiefe der Schlucht erhebt er sich kühn in drei Abstufungen, auf welchen die Vegetation, bei dürftigem Boden, dennoch ihre Reehte zu behaupten sucht.

Im Osten steht der Mönch. Dieser erhebt sich aus dem Hintergrunde des Thales, seine Westseite, strotzend von Gletschern, Felshängen und Firnfeldern in strahlendem Glänze der Sonne gegen die Thalschlucht kehrend und ein imponirendes Bild darstellend. Nördlich, vermittelst eines Verbindungsgrates mit dem Mönch zusammenhängend, steht der Eiger, von dessen scharfkantiger Südseite der viel gezackte und zerrissene Gletscher bis nach den Weidegründen von Alpbiglen herniederragt.

Der Ausfluss des Gletschers, nachdem derselbe die lieblichen Wiesen des idyllischen Geländes von Alpbiglen durchzogen hat, stürzt alsbald in 's Trümmletenthal hinab.

Die Wasserfälle, welche das Thal beleben und dessen Reichthum an Scenerie erhöhen, sind durch ihre mannigfaltigen Nuancirungen nicht weniger sehenswerth. So der Giessbach, welcher aus dem schönen Giessengletscher in mehreren Sätzen über die Abstufungen der Felsen nach der Thalschlucht stürzt. Der Lochbach, an Wassermasse der reichste, sickert weit oben aus den Firnfeldern über dem Giessengletscher unter den Ritzen der Felsen hindurch, und kömmt vielleicht mehrere tausende von Fussen tiefer unten, durch ein offenes grosses Felsthor zu Tage, von wo er in die Schlucht hinunterfällt, daher er denn seinen Namen trägt. Der dritte wird Lammbach genannt. Er kömmt aus den Firnhängen zwischen Schnee-und Silberhorn von Fels- zu Felsstufe herunter, und fällt bei einer derselben in zwei Armen auf ein trichterförmiges Felsbassin, aus welchem er in tief eingefressener Rinne, mit kühnen Sätzen ebenfalls zu Thale stürzt. In der Nachmittagsbeleuchtung waren diese Fälle mit den Farben des Regenbogens beleuchtet.

Während meines Aufenthaltes allhier im Brech erhielt ich manchen Besuch. Es kamen auch einige fremde Touristen, welche, nachdem sie sich von der, wie sie wähnten, schauderhaften Passage hier hinauf in etwas erholt hatten, die Schlucht des Trümmletenthales im Vorbeigehen besuchen wollten. Nachdem ich ihnen indess die Pfade gewiesen, welche da hinabführten, leisteten sie gerne Verzicht auf dieses Vergnügen, und stiegen auf besserem Weg durch das obere Brech nach Gürmschbühl hinan gegen Wengernalp.

Für Liebhaber einer grossen Natur findet sich hier Gelegenheit zu interessanten Partien; freilich muss man dabei etwas geübt sein und einen schwindelfreien Kopf haben.

Eines Tages stieg ich nach den Schafbergterrassen am Fussgelände des Giessenglctschers, und zwar bei ganz klarem Himmel, Man steigt erst nach dem oberen Brech, alsdann der Halde entlang östlich bis nach den hinteren Ställen. Unterhalb derselben führt ein schmaler Gaispfad nach der Lawine hinab. An dieser steilen Halde ist man den Lawinenzügen gegenüber sehr nahe, und wird leicht Zeuge eines Gletscherbruches. Von der Lawine steigt man erst an deren östlicher Seite bis zum ersten Felssatz, alsdann wendet man sich von der Lawine ab und schreitet über zwei Felssätze hinan. Jetzt kehrt man sich westlich, um den Lawinenzug zu überschreiten, was so schleunig wie möglich geschehen muss, damit man zeitig genug das jenseitige Gestade gewinne, bevor dieselbe etwa hier dahinbraust. Lustig ist 's, wenn sie hier vorbeisaust und man die mächtigen Eisklumpen vorüber rollen sieht.

Welche Ueberraschung ward mir indess hier, nachdem ich zehn Tage früher mit dem Darmstädter Herrn ohne Schwierigkeit den Lavinenzug passirte hatte! Als ich deren Uebergang jetzt bewerkstelligen- woüte, traten mir zwei hohe Eiswälle entgegen, wrelche sich seither gebildet hatten; zwischen denselben war ein Lauf- graben entstanden.

Beim Ueberschreiten der Wälle war ich genöthigt mit den beschlagenen Schuhen Tritte zu stossen. Kaum eine Viertelstunde später brach die Lawine los. Schade, dass ich nicht mehr in deren Bereich mich befand, um die Scene in solcher Nähe ohne die mindeste Gefahr zu schauen. Doch ich hatte meine Schritte schon etwas weiter nördlich hinab über die Steinplatten gelenkt, um zu dem Felsthor, aus welchem der Lochbach zu Tage tritt, hinunter zu gelangen. Nur ein massig hoher Klippen-satz trennte mich von demselben. Allein die Stelle schien mir doch zu schroff, um sie ohne Beihülfe begehen zu dürfen. Ich kehrte desshalb zurück, und ging nach dem Lammbach. Der Pfad dahin geht etwas bequemer. Man verfolgt die Spuren, welche die Ziegen und Schafe zurecht treten, indem diese gewöhnlich hinter einander diese Stellen passiren. Wenige Schritte, bevor ich die Schlucht des Wassersturzes erreicht hatte, traf ich krystallklares Quellwasser. Nachdem ich den köstlichen Trank gekostet hatte, setzte ich mich hin und schlürfte den Balsam der reinen Lüfte, schmauchte eine Cigarre und musterte alsdann die Umgegend.

Tief- unten sah ich nach der grausen Schlucht des Trümmletentobels. Das Gletscherwasser strömte allda unter der Eisdecke hervor und eilte rasch über einen geringen Rasenplatz nach der geheimnissvollen Schlucht dahin. Meine Blicke reichten bis hinein in das Dunkel derselben, nach einer Stelle, wo das Wasser sich anzustauen und zu schwellen schien.

Die von hier nördlich gegenüberliegende Halde -des Brech bot ein gar liebliches Bild dar, namentlich im Gegensatz zu den wilden Umgebungen, in deren Jtlitte ich sass.

Die daran liegenden Hütten nahmen sich sehr kleinlich aus. Die Geschwister aus der benachbarten Hütte waren beschäftigt, das gewonnene Bergheu aufzurechen. Der Zimmermann, welcher im oberen Brech die Hütte vergrösserte, richtete gerade »den Firstbalken auf.

Ueber dem Thale von Lauterbrunnen, auf den Höhen von Wintereck und Pletschen, gewahrte ich die muntere Kuhheerde an grüner Halde weidend, ein liebliches Bild der Alpenwelt. " Während dieser Zeit sollte ich einen Besuch von etwa einem Dutzend Ziegen beiderlei Geschlechts erhalten. Da indess diese Thiere, wenn sie zu nahe kommen, nicht nur lästig, sondern .mitunter gefährlich werden können, namentlich wenn sie .höher oben Steine lostreten, so lehnte ich ihre Zudringlichkeit mit Steinwürfen entschieden ab, worauf sie sich entfernten. Auch ich erhob mich und stieg weiter nach einem trichterförmigen Felsbecken hinan. Von da konnte ich leicht nach der schroff eingefurchten Felsrunse blicken, durch welche das Wasser auf erwähntes Bassin herabstürzt, um von hier weiter in die Thalschlucht zu eilen. Die Stelle war eines Besuches werth. Weit hinauf durch die Felsriffe konnte ich meine Blicke bis nach dem Rande der Firnlager senden. Lange sah ich hier dem von dort oben herabstäubenden Wasser mit Staunen zu. Nun aber musste ich aufbrechen; das unvermeidliche Bedürfniss nach Nahrung ermahnte mich, nach meinem Herd umzukehren, da ich weiter nichts mitgenommen, wie Zucker und Kirschengeist.

Ohne weitere Hindernisse kam ich auf demselben Pfad des Abends nach meiner Hütte zurück. Eine herrliche Abendbeleuchtung wurde mir* noch als Nachgeschenk zu diesem genussvollen Tage zu Theil.

Solcher Ausflüge habe ich während meines Aufenthaltes im Brech eine Menge unternommen und ohne Beihülfe glücklich ausgeführt, und manche schöne Natur--scene hat sich mir bei meinen Wanderungen und theilweise von meiner Hütte aus dargeboten. So bewunderte ich manchmal, während dieser Zeit, unten in der Thalschlucht ein durchgehendes Eisthor, hinter welchem unmittelbar der Giessbach nach seinem Wasserbecken herabfiel. Seinen Wasserstaub warf der Fall gerade durch dieses Eisthor hin. Des Nachmittags, wann die Sonne mit ihren Strahlen in den Staubregen fiel, flimmerte und schimmerte es dort gleich einem Feuer-nebel durch das Eisthor heraus.

Mehrmals sah ich diesem Farbenspiel mit Bewunderung zu. Im Becken des Lochbachfalles sah es bei dieser Beleuchtung gleich einem römischen Feuer aus; den Fall selbst sah man nur stellenweise, wie durch einen grünen Schleier.

Ein andermal sah ich die schon genannte Lawine weit oben in eine Schlucht des Lammbachfalles stürzeu, so dass das Wasser in seinem weiteren Abstürze gehemmt wurde. Nachdem sich dasselbe gehörig aufgestaut hatte, brach es durch und schleuderte Steine Eisblöcke und Schneestaub weit durch die Lüfte in die Tiefe der Thalschlucht hinab.

Am 18. August entdeckte ich eine grosse schwarze Fahne mit rothem Kreuz auf der Spitze des Eigers, der damals zwei Mal nacheinander erstiegen worden.

Obgleich das Trümmletenthal zu den wenig besuchten und ebensowenig beschriebenen Gebieten zu zählen ist, so geniesst man dort manche grossartige und merkwürdige Naturerscheinungen, welche anderwärts kaum in solcher Fülle zu finden sind.

Bevor ich meinen Aufenthalt im Trümmletenthale zu beenden gedachte, wollte ich den Versuch wagen, durch die Thalschlucht vorzudringen. Da ich indess dies nicht ohne Begleitung unternehmen wollte, so erbat ich mir dazu den Gaisbuben Ulrich Gertsch zur Begleitung. Es war am 30. August, als wir den etwas beschwerlichen Gang, mit Strick und Beil versehen, unternahmen. Wir stiegen auf kürzestem Pfad längs der Berghalde über den Felswänden der Thalschlucht nach der Lammlawine hin, welcher Steig weiterhin in jenen, welcher vom oberen Brech kömmt, einmündet. Nach der Lawine herabsteigend, betraten wir diese alsobald, indem wir über deren Eisblöcke hinunterschritten. Sobald wir uns über den letzten Abfall hinabgewunden hatten, kamen wir auf hartes Eis, auf welchem wir uns südwärts nach dem Giessbach wendeten, allda wir bei dem schon erwähnten Eisthor vorüber mussten. Nach dem Wasserbecken des Lochbaches ging es über einen steilen Schuttkegel hinunter, und sobald der Lochbach überschritten war, über Steinschutt und Eis, eine fernere Halde hinunter zum Absturz des Lammbaches, welcher indessen unseren Blicken durch einen Schnee- und Eishügel verdeckt war, indem der Fall sich hinter demselben barg. In grauser Tiefe er- blickte ich zu unseren Fussen, unter der ausgefressenen Höhlung der Eislawine, das Gletscherwasser inmitten zahlloser Stein- und Eistrümmer.

Auf diese Lawine mussten wir an einer steilen, doch nicht sehr hohen, glatten Eiswand, in welche Tritte eingestossen würden, hinaufklimmen. Nachdem dieses Eisgewölbe überstiegen war, betraten wir den Thalboden. Wir trafen hier « inen fetten Graswuchs und alle Blumen in schönster Blüthe. Unter der Eisdecke quoll der vollendete Gletscherbach hervor, um nach der eigentlichen Schlucht über den sanften Grasboden dahin zu strömen.

In diesem Thalschooss finden einige Zeit lang die Ziegen gute Waide. Der Gaisbub treibt dieselben, unweit der Hütte im Brech, über eine steile Felswand hinunter und des Abends wiederum hinauf, wobei er öfter der einen oder andern nachhelfen muss. Es befand sich früher ein Stall auf diesem Grasboden, doch sind jetzt blos noch die Ueberreste davon zu sehen. Dieser eben erwähnte Felspfad führt allerdings am kürzesten nach der Schlucht hinunter, allein solche Pfade, wo die Ziegen kaum mehr fortkommen, sind eben nur für Gaisbuben, welche Jahr für Jahr da hirten.

Es war eigentlich mein Vorhaben, an der Felswand wiederum hinauf zu steigen, wesshalb ich mich mit einem Seil versehen hatte, allein die Sache schien mir erstlich nicht so leicht thunlich, und zum andern konnte ich dem Vergnügen nicht wiederstreben, von hier weiter in die eigentliche Schlucht zu dringen, durch welche die Gewässer sich hindurch wälzen. Schluchten hatte ich schon manche gesehen, sowie auch betreten. Die Aarschluelit ob Meiringen hatte ich von mehreren Seiten begangen, sowie die Schluchten des Linth-, Gadmen- und Triftthales u.a. m.

Allein Schöneres in der Art sah ich noch niemals; nicht nur in Hinsicht auf die grosse Umgebung, sondern auch rücksichtlich der grossen Mannigfaltigkeit der Schlucht selbst. Schon der Eintritt in ihre Sohle hinunter, über so viele Lawinenzüge, Schuttkegel, Eisbrücken und " Wasserbäche, an den pittoresken Felswänden vorüber, ist überaus grossartig. Und wie erfreulich ist wiederum das üppige Grün des Thalbodens selbst, mit seinen Blumen, und das immer wechselnde Schauspiel des Wassers an diesen " Wasserbecken! Von dem Allem wurde ich dermassen überrascht, dass ich das Verschiedenartige der Einzelnheiten kaum aufzufassen vermochte, und von meinem Besuch in solch'merkwürdiger Werkstätte der Natur eine blos annähernde Schilderung geben kann.

Yon dem gedachten Grasboden drangen wir nun an der rechten Seite der Wasser weiter in die Schlucht. Eine Weile ging es ziemlich gut, nun aber strömte das Wasser nach einer jähen Felswand, an deren glatten Seite es dahinfloss. An ein Weiterkommen auf dieser Seite war nicht zu gedenken. « Frisch auf mein Junge! » rief ich dem Gaisbuben zu. Die Hosen bis über die Knie hinaufgebunden, Schuhe und Strümpfe ausgezogen, und mit einem lauthallenden Hurrah gings flugs nach dem jenseitigen linken Uferrande. Auch hier drangen wir eine Zeit lang in der Schlucht weiter, obwohl grossenteils über Stock und Stein. Die Scene wurde immer wilder, interessanter und grossartiger.

Die Felswände des schwarzen Mönchs strebten senk- recht und in einem Guss aus der Tiefe der Schlucht gegen das tiefe Blau des Firmamentes.

Plötzlich rauschte aus einer Kitze des schwarzen Mönchs, über einen saftigen grünen Teppich herunter, kry st allklar es Quellwasser. Hier machten wir einen Halt und genossen den Trank, den nur die Götter den Menschenkindern darzureichen vermögen. Doch jetzt war auch von hier das weitere Vordringen unmöglich, und da wir abermals keinen andern Rath wussten, als das Gletscher -wrasser zu durchwaten, so setzen wir dies auf dieselbe Weise wie früher in 's Werk.

Da ich den Rückweg nach dem Grasboden bereits aufgegeben hatte, so bot ich alles auf, die sich darbietenden Hindernisse zu bekämpfen, um wo möglich am Ausgange der Schlucht, die steilen Waldabhänge hinan, einen Ausweg zu gewinnen. Inmitten dieses Chaos von Stein und Baumstammtrümmern stand ich in stummer Betrachtung stille und wendete meine Blicke östlich durch die Schlucht hinauf nach dem Hintergrunde der Landschaft. Welch'ein erhabenes Bild! Welch'ein Blick aus dem Dunkel der geheimnissvollen Schlucht himmelhoch nach dem weissen Mönch hinauf, der im Glänze der Abendsonne leuchtete! Es ist sicher nicht leicht, etwas Grösseres der Art aufzufinden.

Von hier, nachdem wir wiederum an 's linke Ufer hinüber gewatet waren, ging es etwas über dem Wasserrande, an nackten und platten Felsstufungen vorbei, oft über kolossale Blöcke, bis auch hier das weitere Vordringen unmöglich wurde. Wir mussten jedenfalls wiederum auf das rechte Gelände steuern. Da indess die Schlucht nach dem Ausgange sich ziem- lieh zu neigen angefangen hatte, und das Wasser reissender geworden, so war jetzt noch mehr Vorsicht nöthig, wie bisher.

Nachdem diese letzte Ueberfahrt überstanden war und wir das Bachbett verlassen hatten, ging es noch eine Grashalde hinauf, wo wir endlich aus dem nächtlichen Dunkel der Schlucht in die noch erwärmenden Strahlen der Sonne traten. Hier waren wir geborgen. Wir setzten uns an der sonnigen Waldhalde in das hohe Gras, leerten das Wasser aus unseren Schuhen, und waren froh, die Fusse wieder erwarmen zu lassen. Von hier ist es ohnehin nicht möglich, in der Schlucht weiter vorzudringen, indem das Gefäll derselben immer bedeutender wird, und Sturz auf Sturz auf einander folgt, sowie auch die Schlucht sich dermassen verengert, dass blos das Wasser sich hindurch zu wälzen vermag. Indess war es uns doch möglich geworden, bis höchstens hundert Fuss vom Absturz des Trümmletenfalles vorzudringen. Von der bereits erwähnten Grashalde führten dann Pfadspuren nach etwelchen hundert Schritten zum Tannwald hinan. Die Thalbewohner benützen nämlich diesen Weg, tun des Winters wo die Gletscher fast kein Wasser abgeben, und also die Schlucht leichter zu begehen ist, das hierher geschwemmte Holz zu gewinnen.

In der besten Laune, und hinlänglich entschädigt für die Beschwerden und Unannehmlichkeiten, welche uns das Wasser in der Schlucht bereitet hatten, stiegen wir nun den Waldpfad hinauf und erreichten in einer Viertelstunde das sogenannte Schafbrech, von wo wir auf dem gewöhnlichen Pfad, welcher vom Thale herauf- führt, in kurzer Zeit und wohlbehalten zur Freude der taubstummen Geschwister im Brech anlangten.

Dem Besucher des Trümmletenthales, welcher Willens ist, einen Einblick in die Schlucht zu thun, kann ich keinen besseren Pfad empfehlen, als den vom Schafbrech hinunter durch den Wald. Obwohl man die Schlucht nicht weiter zu begehen vermag, so erhält man dort unten einen vollen Ueberblick von der Grossartigkeit derselben. Gerade der Stelle gegenüber, wo man die Sohle derselben betritt, erheben sich die himmelanstrebenden Felswände des schwarzen Mönchs, allwo aus deren Fussgestelle die oben erwähnte krystallklare Quelle fliesst.

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