Dent Blanche-Nordwestwand

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Von Karl Schneider.

Am Abend sitzen wir still vor dem Zelt, das etwa 2800 m hoch in einer wunderschönen Mulde unterhalb des Dent Blanche-Firns steht, rauchen unser Stümpli und starren immerzu hinauf in die wallenden Nebel. Kalter Wind kommt von Norden und bringt Bewegung in den trägen Wolkenhaufen, aus dem da und dort schon das Licht und die Bläue des Himmels sickern. In Fetzen reisst er die Wolkenungetüme, zerrt sie wild über die scharfen Grate, dass sie die Form verlieren und wie zerschlissene Tücher aufflattern. Und dann geht 's auf einmal schnell. Die Böen wischen jä empor und fort, was locker sitzt. Hoch über uns steht mitten im Himmel, umrahmt von brodelnden Schleiern, die Wand mit dem grausigen Abbruch des Nordgrates. Wände und Grate kommen aus dem Dunst, eine aufgelöste Wolkenherde fegt eilig noch über unseren Berg, dann steht er in seiner ganzen Grösse blendend weiss über uns. Nur die Mittelzone der Nordwestwand ist schwarz und ohne Neuschneedecke. Was das bedeutet, wissen wir!

Die beiden Eiswände unten und oben scheuen wir nicht, doch die dunkle Plattenmauer erfüllt uns mit gelindem Grausen. Zudem scheint sie durch einen mächtigen Überhang von der oberen Eiswand, die wie eine Zunge herunterleckt, getrennt zu sein. So ganz genau können wir das ja nun nicht feststellen, denn die Wand steht hoch über unserer Neugierde, der keine optische Hilfe entgegenkommt. Um so klarer, unzweideutiger zeigt sich die vollkommene Vereisung des unteren Drittels, so dass wir bald ahnen, was uns dort droben erwartet. Trotzdem, als sich die Schatten der Nacht an unserem Berg hinaufschieben, da sitzt die Routenführung fix und fertig in unseren Köpfen. Das heisst nur bis zu dem drohenden Überhang, denn dort hinüber findet unsere « Route » nicht.

In brütender Mittagshitze hocken wir im Dent Bianche-Firn, dort, wo der letzte Hang zum Bergschrund der Nordwestwand leitet, und starren die furchtbare Mauer hinauf, bis Genick und Augen schmerzen. Es gibt augenscheinlich nur eine einzige Durchstiegsmöglichkeit in der Wandmitte, und das ist die linke Begrenzungsrippe der abweisend geschlossenen Plattenzone. Morgen werden wir auch sehen, wie es oben über den prallen Wulst geht, der vom Nordgrat bis fast hinüber zu den vereisten Türmen des Ferpèclegrates zieht. Und ob es überhaupt gehtEr sieht so grausig glatt aus, der Bauch, so ganz ohne alle Angriffspunkte. Unsere Zuversicht kriegt die Schwindsucht, und wahrscheinlich ist die Fröhlichkeit, mit der wir die Firnhänge und Moränenrücken zum Lager hinunterlaufen, nicht ganz echt.

Die Sonne ist schon hinter den wild zerhackten Kamm der Dent Perroc gesunken, und über unser gletschernahes Lager kommt langsam die Kälte einer unbeschreiblich schönen Bergnacht, da krieche ich ins Zelt, das noch die Wärme des vergangenen Tages beherbergt. Steinauer sitzt vor dem brummenden Kocher und singt mit rührender Ausdauer immer das gleiche sentimentale Lied. Dann schlüpft auch er herein. Nur wenige Stunden trennen uns noch vom Aufbruch, und doch verrinnt kostbare Zeit, bis wir alle vereisten Platten, Überhänge, Wettersorgen und Eventualfälle mit hinübernehmen in einen leichten Schlaf. Draussen an der Zeltwand knattert leise im Nachtwind ein Zettel, der in französischer und deutscher Sprache die Worte trägt: « Wir sind am 17. August 1934 in die Nordwestwand der Dent Blanche eingestiegen ». Darunter unsere Namen.

Das Leuchtblatt meiner Uhr zeigt 130. Verschlafen schlüpfen wir hinaus in die stille, kalte Nacht. Der Mond ist schon untergegangen, es ist stockfinster, nur die weiten Gletscherflächen liegen bleich wie Leichentücher im Dunkel, und die Konturen der Berge um uns zeichnen sich scharf in die sternbesäte Decke des Himmels.

Bald ist das kräftige Frühmahl fertig, und während es verschlungen wird, müssen wir immer wieder hinaufschauen zu der Wand, die finster drohend zum Gipfel wächst, schauerlich und doch lockend. Schon regt sich wieder ganz leise die Stimme des Zwiespalts in dir, die du hundertmal vertreiben kannst und die immer wieder kommt, dann, wenn die unstillbare Sehnsucht nach grossem Erleben sich mit deinem Willen verbindet, wenn dein junges Herz stürmend aus dem Gefängnis des ewig Alltäglichen drängt, immer dann flüstert die Stimme, die Zweifel sät und Minderwertigkeitsgefühle züchtet. Schliesslich aber weisst du für den Augenblick nicht, ob es nicht doch die Vernunft ist, die da deine Wünsche kontrolliert.

In solcher Beklemmung des Willens steigen wir schweigend über rollende Blöcke den hohen Moränenhang hinauf zum Gletscher, begleitet vom dürftigen Schein unserer Laterne. Bald klingen die Steigeisenzacken im beinharten Firn, über den wir ohne viel Umwege gerade aufwärts ansteigen. Steile Hänge, schmale Brücken über nachtschwarze Schlünde, in denen das Grauen hockt, tragen noch deutlich unsere Spuren vom Tage vorher. So kommen wir rasch höher und sind beim ersten Dämmern des jungen Morgens schon nahe der grossen Mulde, die zum Col de la Dent Blanche hinaufzieht. Kurz nach 5 Uhr wühlen wir durch tiefen Schnee den ersten Hang hinan zum Bergschrund. Nirgends ist etwas zu sehen, das an Steinschlag erinnert. Blendend weiss ohne Unterbrechung der Farbe liegt die Neuschneedecke am Fusse der Wand, nur in Gipfelfallinie zieht eine tiefe, bläuliche Kehle durch die untere Eiswand. Verflogen sind all die schwarzen Gedanken, die nachts hinter der Stirne brüteten, vergessen all die bohrenden Zweifel, denen wir unser Selbstvertrauen opferten, fort alle Schwäche, alle Hemmungen. Gross, wie die eisige Mauer über uns, ist plötzlich die Zuversicht. Der Glaube an uns selbst, an unser Glück füllt wieder unsere Herzen, und als sich meine Pickelhaue mit Schwung in die Oberlippe des Schrundes frisst, da glüht in mir unbändige Freude. Freude, die den Leuten, welche unseren Drang missverstehen und ihm puren Ehrgeiz unterschieben, unbekannt ist.

In gleichmässiger Steilheit schwingt sich die Flanke auf zu den ersten Felsen. Eine harte Firnauflage sorgt dafür, dass wir ohne viel Mühe schnell aufwärts kommen. Wir gehen meist gleichzeitig und steuern schnurgerade dorthin, wo eine kleine Felsinsel aus der weissen Fläche ragt. Helle Stimmen dringen zu uns empor; drüben in der Senke des Col de la Dent Blanche stehen ein paar Menschlein in der Morgensonne und unterhalten sich. Der Hang wird härter, und immer häufiger tritt das blanke Eis heraus, je näher wir der Stelle kommen, wo rechts der Fels weiter heruntergreift und gegenüber die Insel herauskommt. Durch diese Enge zwängt es sich dunkler und steiler, beansprucht die ganze biegsame Kraft der Knöchel, die, scharf gewickelt, das Gewicht des Körpers sicher über der Tiefe zu halten haben. Prächtig beissen die Zehnzacker in den harten Hang, rasch sinkt der Gletscher, und bald stehen wir am Ende der Eisflanke. Eine fast senkrechte, plattige Felsbarriere strebt nun unvermittelt zur Höhe. Sie sieht wenig erfolgversprechend aus, doch zunächst sehen wir keine andere Möglichkeit, weiter zu kommen.

Die ersten Meter sind schnell unter mir, aber dann ist 's aus. Der erste Haken fährt singend in eine Ritze, ein Karabiner schnappt, und dann sind 's zwei Meter, die ich höher komme, nicht mehr; glatt ist alles über und neben mir, aalglatt. Unter Anleitung von unten schiebe ich mich die mühsam gewonnenen paar Meter zurück, schlage den Haken heraus und stehe ernüchtert wieder am Ausgangspunkt. Jetzt geht 's also erst an, jetzt ist 's vorbei mit dem Drauflosstürmen. Die Felsen rechts verlieren sich in eisüberzogene, senkrechte Platten, links grinsen Überhänge, und weiter drüben schiessen neben einer himmelhohen, senkrechten Rippe, vollkommen glatte Platten empor. Doch dazwischen quillt über nahezu lotrechten Granit eine haushohe, grünschillernde Eiskaskade. Die einzige MöglichkeitDa zaudern wir nicht lange. Auf handbreiter Eiskante balanciere ich über der jäh abstürzenden Eishalde, stehe nach 20 Metern drüben und sehe, dass wir es hier mit einer 3 Meter breiten, glasigen Schicht zu tun haben, die wie ein dünner Vorhang über die Mauer hängt. Bald steht der Gefährte bei mir, und der Tanz kann beginnen.

Mit äusserster Vorsicht bearbeitet mein Pickel die schwache Decke, ritzt ohne Pause Griffe und Tritte, und der hohle Ton der Schläge bringt mir jedesmal erneut zum Bewusstsein, dass meinem Stand der Untergrund fehlt. Der Eisvorhang ist also nur noch oben festgewachsen, hängt frei durch die Luft und steht unten auf. Was ihn einst mit dem Fels verband, ist weggeschmolzen. Diese Tatsache erzeugt in mir ein unangenehmes Gefühl, dem das höhnische Geklimper der müssigen Eishaken an meinem Bauch keinen Abbruch tut. Doch unverdrossen schiebe ich mich ohne Hast an den geschaffenen Haltepunkten aufwärts und bin, als ich endlich über der Wölbung stehe, der Ansicht, dass das ganze Zeug eigentlich doch ganz erstaunlich fest sei. Das teile ich nach unten mit, und verhältnismässig bald hat auch Steinauer die heiklen 15 Meter unter sich. Während er sich noch in begeisterten Worten über die eben überwundene Schwierigkeit auslässt, strebt mein Sinn schon wieder höher zu dem abschreckend geschlossenen, von unten schon deutlich sichtbaren Plattenschild, dessen linke Begrenzung wir gewinnen müssen. Vorläufig trennen uns noch gut 150 Meter vereister Fels von ihm, der aber, wie es scheint, nicht allzu schwer zu überwinden ist. Wir täuschen uns. Zwar legt sich nun die Wand um einige Grade zurück und trägt fast durchwegs brauchbaren Eispanzer, doch erfordert die Glätte der Unterlage volle Aufmerksamkeit.

Dumpf dröhnt es oft unter dem Tritt, und manch dünne Scholle splittert zwischen den Zacken der Steigeisen und flitzt pfeifend am Gefährten vorbei in die Tiefe. An volle Sicherung ist nicht zu denken, denn das plattige Zeug verweigert die Aufnahme von Haken. So müssen wir uns darauf beschränken, abwechselnd und äusserst vorsichtig zu gehen. Zudem löst nun die Sonne oben irgendwo Eisbrocken aus der nächtlichen Erstarrung und schickt sie uns entgegen. Fast ohne Aufschlag, in hohem Bogen surren sie daher und künden mit Winseln und Pfeifen ihre « höhere Herkunft ». Zum Glück sind nur sehr wenig « grosse Heuler » darunter, und ich hadere deshalb nicht mit meinem Schicksal, als ein haselnussgrosses Eiskorn ausgerechnet meine Ge-sichtsmitte zur Zwischenlandung benützt, dass mir die Augen übergehen und ein warmer, roter Faden über den Nasenrücken zieht. Es hätte ebensogut ein kokosnussgrosses « Korn » sein können.

Seillänge um Seillänge kommen wir höher, und schliesslich steht vor uns die erwartete Kante des grossen Plattenschildes in ihrer ganzen Wucht. Zwischen ihr und der himmelstürmenden Rippe links, die hoch oben in den Nordgrat mündet, zieht eine ungeheuerliche Rinne hinauf unter den grossen Überhang. Selbst wenn es möglich wäre, über diese blanken, völlig ungegliederten Plattenschüsse hinwegzufinden, von oben dürfte nichts kommen; und es sieht ganz so aus, als ob alles, was von der oberen Eisflanke sich trennt, den Weg durch diesen unheimlichen Kanal nähme. Da drinnen haben wir nichts zu suchen, weiter geht es, um den Kantenfuss herum, eine kurze schnee-und eiserfüllte Runse hinauf ( 3700 m ). Dann packt Steinauer in gewohnter Meisterschaft die zirka 200 Meter hohe, oft abenteuerlich steile Kante.Vor-sichtig quert er an heraushängender Platte vorbei, turnt den folgenden Überhang hinauf und ist meinem Blick entschwunden. Langsam gleitet das Seil über die Kante, hinter welcher der Kamerad sich höher kämpft. Nur das Knirschen der Eisen auf dem Fels und das klingende Aufschlagen des Pickelstiels dringt zu mir. Es ist kalt und unbequem in meinem Winkel, und ich folge herzlich gern dem Ruf von oben.

Der Fels ist hier überraschend fest und so geschichtet, wie man es sich nur wünschen kann. Ich komme also schnell hinauf zur Kante und quere unter der messerscharfen Schneide hinüber zum Freund, der fröhlich grinsend in einer seichten Scharte steht. Eine halbe Seillänge weiter drüben steigt die Kante in unerhörtem Schwung gerade auf. Dort lassen wir uns zur ersten Rast auf dem vereisten Kamm nieder.

In blendender Laune und voll heller Freude kauen wir Haselnüsse, Sultaninen und grobe Blockschokolade. Übermächtiges Glücksgefühl füllt uns die Brust und bringt das Herz aus dem Takt, dass wir jodeln könnten vor kindlicher Freude. Wie könnte es auch anders sein? Da hocken wir nun im Vollgefühl unserer noch unverminderten Kraft, mitten in der ungeheuerlichen Wand, unter uns flimmernde Tiefe, neben uns, über uns unberührte, eisgepanzerte Mauer, und drüben im Westen stehen in einem Meer von Gletschern, Graten und Gipfeln alte Bekannte. Und über allem die unfassbare Weite eines wolkenlosen Himmels.

« Mich freut 's ganz närrisch », sagt der Gefährte, beisst ekstatisch in den beinharten Brocken Schokolade, den sein Handschuh umschliesst, und nur für einen Moment schwindet das Leuchten in seinen Augen, als der Brocken ganz bleibt, dafür aber die Trümmer eines Eckzahnes in ihm stecken. Was macht 's !? Das sind Kleinigkeiten, die sein inneres Glück nicht schmälern können.

Vollends vergisst er die neue Zahnlücke in den nun folgenden Seillängen. Bald schon ist die Kante selbst vollkommen ungangbar, wir müssen rechts hinaus in die Platten. Dann geht es auch dort nicht mehr weiter, wir müssen versuchen, zur Kante zurückzukommen. Steinauer klebt in ganz aussichtsloser Lage draussen im Plattenschild, während es bei mir freundlicher aussieht. Ungefähr 12 Meter über meinem Stand leuchtet eine verfirnte Scharte, und ich mache mich sofort daran, sie zu erreichen. Es ist abwärtsgeschichtetes, schieferiges Zeug, über welches ich mich emporwinde, und es dauert eine ganze Weile, bis der Firnkamm von der engen Lücke jenseits hinabfliegt in den Schlund der grossen Rinne. Obwohl ich mir noch nicht vorstellen kann, wie es hier weiter gehen soll, lasse ich den Gefährten nachkommen, denn wo wäre auch sonst noch eine Möglichkeit, aufwärts zu kommen. Es muss hier gehen!

Ein gegen uns überhängender Pfeiler strebt himmelwärts, rechts begrenzt von splittrigen Platten, und links stürzt kirchturmtief die Wand von der Kante hinab auf den Grund des abschüssigen Kanals. Wir werden uns wohl dort hineinseilen müssen, denke ich, spreche aber erst davon, nachdem der Freund zurückkehrt von einem Versuch, der ihn links keine zwei Meter weit kommen liess. Indessen ich aber den Angriffsplan entwickle, weiss ich, dass wir gefangen wären dort unten, gelänge es nicht, über die steilen, blanken Platten des Grundes vorzudringen. Und was dann, wenn weiter oben die schlanke, hohe Eislehne, die den Aufstieg über die lotrechten, vollkommen ungangbaren Felsen vermitteln müsste, unser Gewicht nicht tragen willNein, es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Pfeiler zu stürmen.

Steinauer verschwindet wieder links um die Ecke und kämpft sich mit zäher Verbissenheit höher. Ich höre es, während ich gespannt die treue Hanf-schlange beobachte, die sich träge aufwärtswindet. Ihre langsam gleitende Bewegung stockt, Hammerschläge bellen in das düstere Schweigen, begleitet von einer vollendeten Tonleiter, mit der ein Haken sich widerwillig in den Granit zwängt. Erleichtert vernehme ich das Schnappen eines Karabiners, denn nun bleibt es mir erspart, über die rechte Kantenseite zu springen, falls der Freund von oben käme. Es wäre die einzige « Sicherungsmöglichkeit » gewesen, denn bei mir war kein Haken anzubringen. Schneller läuft nun das Seil aufwärts, und bald klebe ich auch in der exponierten Wand draussen, unter mir, neben mir Luft in beängstigender Fülle und vor meiner Brust der Beginn einer flachen Verschneidung, über die das Seil herabhängt. In äusserst schwerer Kletterei komme ich höher in dem glatten, teilweise überhängenden Fels und befinde mich nach ungefähr zehn Metern knapp unter der Kante. Das Seil läuft dort durch einen Karabiner, winkelt scharf und folgt nun wieder dem kühnen Schwung der Kante. Ich kann mir im Augenblick nicht vorstellen, wie Steinauer es angestellt hat, aus dieser Position den Haken dort anzubringen, und ich bewundere ihn im stillen. Wir haben nicht allzuviel Sicherungsmaterial bei uns, und nur im Notfalle sollen Haken zurückbleiben. Also trachte ich noch ein wenig höher zu kommen, um den Schlägen mehr Kraft zu verleihen, verspreize mich in feinen Rissen, nütze winzige Vorsprünge aus, und ein kurios verbuckelter Eisenstift belohnt endlich meine Mühe.

Fast ohne Übergang schliesst die eindrucksvolle Wandstelle an die Fortsetzung der bolzengerad aufstrebenden Rippe. Klein und spärlich sind die Haltepunkte, aber unbedingt zuverlässig, so dass es ein herrliches Klimmen ist über der lichtblauen Tiefe. Ein herausdrängender Wulst ist erst halb überwunden, da bleibt der Pickel, dessen Gleitschlinge das rechte Handgelenk umspannt, unten irgendwo hängen, ich müsste also zurück, aber Gewalt ist bequemer — ein böses Wort, ein Ruck, und die Hand ist frei — der Pickel aber auch. Lautlos sinkt er ins Bodenlose, schlägt einigemale hart auf und bleibt am unteren Rand der Felswand über der strahlenden Eisflanke stecken; einer stillen Hoffnung spottend. Betroffen und seltsam still starre ich die grausige Wandflucht hinab und weiss, dass mich hier ein alter, wertvoller Kamerad, ein Erbstück von meinem Lehrer im Eis, Franz Königer, verlassen hat, der mir schon manch harten Kampf ausfechten half und mehr als einem halben Hundert Viertausender schon in der Krone steckte. Dann turne ich vollends über prächtigen Fels hinauf, am Handgelenk die verwaiste Schlinge und im Herzen den Trost, dass wir den Ausreisser vielleicht wieder holen werden, sobald der obligate Rasttag vorbei ist. In herzlicher Freude über sein Können drücke ich dem Freunde die Hände und sage ihm, dass ich glücklich bin, solch einen Gefährten gefunden zu haben.

Von unserem Stand aus sehen wir nun deutlich hinein in den glatten Schuss der Rinne, aus der unmögliche Wände zu der uns gegenüberstehenden Kante wachsen, und rechts hinüber in schauerliche Platten, die niemals ein Menschenfuss betreten wird. Unser Weg ist der einzig mögliche und von der Natur vorgezeichnet — bis zu dem gefürchteten und doch auch so begierig erwarteten Überhang, der gut zwei Seillängen über uns offensichtlich dem geraden Anstieg ein Ende setzt.

Aus der Höhe fährt in harten Stössen der Wind, jagt in langen, wehenden Fahnen Pulverschnee aus der oberen Eiswand über den drohenden Wulst, und kann doch nicht verhindern, dass durch den leuchtenden, goldgesäumten Staubschleier doppelt lockend das tiefe Blau des Himmels dringt. Droben scheint die SonneDa hält es uns nicht länger auf unserem bequemen Stand, hinauf müssen wir, heraus aus dem kalten Düster der Mittelzone.

Schwerer Fels trennt uns noch vom Ende der Kante. Über steile, blättrige Platten, die obendrein noch eine haltlose Eislasur tragen, quere ich einige Meter links ansteigend hinaus, und nun kommt Leben in den gähnenden Schacht unter mir. Mit unendlicher Vorsicht schiebe ich mich über die ungemütliche Flanke aufwärts. Ständig fliegt in wildem Durcheinander Eis, Schnee und Fels in die Tiefe — und oft ist mein Griff oder mein Tritt darunter. Eine wahre Erlösung ist es, als ich wieder an die Kante zurückkomme und der Gefährte gut gesichert folgen kann. Ununterbrochen stäubt nun der Schnee auf uns nieder, während wir vorsichtig hoch über dem grossen Plattenschild rechts hinausqueren, bis es möglich ist, gerade aufwärts das Firnband unter dem Überhang zu erreichen. Es ist unverschämt bösartiges Zeug, über das ich mich nun mühe, und gerade jetzt fegt eine endlose Pulverschneewolke über mich weg, fährt innen kalt die Ärmel entlang, dringt durch den Kragen ein, füllt unbarmherzig den Raum zwischen Haut und Hemd und nimmt mir neben dem Atem auch die Möglichkeit, die Augen offenzuhalten. Von links unten schreit Steinauer etwas von Photographieren, von Gegenlichtaufnahme, und ich möge stehen bleiben, wenn 's geht. Jetzt stehen bleibenUnmöglichIch muss schnell weiter, muss schauen, dass ich hier wegkomme, denn immer noch strömt mir mit unverminderter Heftigkeit der eisige Staub entgegen, die Finger verlieren allmählich das Gefühl, und auf meinem Gesicht haftet eine sulzig-eisige Kruste. Zu allem Uberfluss merke ich, dass in meinem Oberschenkel die Spitze eines langen Eishakens steckt, der, an der Brustschlinge hängend, beim Steigen durch die Hose drang. Und das ist wohl auch der Grund, warum ich den kühnen, aber sicher gut gemeinten Wunsch meines Kameraden mit einer ruppigen Frage beantworte. Doch während mich noch der Geisteszustand meines « Photographen » beschäftigt, stehe ich oben im Firn.

Bald stehen wir beisammen unter dem mächtig heraushängenden Balkon und sehen uns verständnisinnig an. Wir sind weder aufgeregt noch enttäuscht, haben es nicht anders erwartet, wussten, dass hier die Entscheidung fallen wird — und jetzt ist es eben so weit.

Es ist 2 Uhr mittags, die Viertausenderlinie ist vielleicht schon überschritten, für die letzten 360 Meter bleibt noch viel Zeit, und über uns lacht blitzblanker, sonniger Himmel. Irgendwo, irgendwie wird sich ein Ausweg finden. Daran glauben wir!

Links drüben wäre jeder Versuch Wahnsinn — noch höher, noch ausladender ist dort die Wölbung, und die anschliessende Wand ist lotrecht und glatt wie Marmor. Also queren wir rechts hinaus, schlüpfen um eine Ecke und sehen, dass auch hier kein Durchkommen möglich ist. Wohl ist nun der Überhang niederer, doch weit hängt er heraus, zu weit, als dass man ihn erreichen könnte. Schmäler wird das Band, das knapp über dem hohen Plattenschild hinführt, tiefer drückt der Wulst herunter, wir müssen kriechen. Wenn man einen Steigbaum machen könnte, dann ginge es hier vielleicht, aber es hat nur einer Platz über der unvermittelt abbrechenden Fläche, und der blättrige Balkon drängt zu weit heraus. Beinahe verzagt stehen wir am Grabe unserer Zuversicht, und nur die fadenscheinige Hoffnung ist in uns, dass es weiter drüben vielleicht einen Ausweg gibt aus unserem Gefängnis. Wir wissen aber auch, dass, je weiter wir uns von der Gipfelfallinie entfernen, wir auch von der tief herabhängenden Zunge der oberen Eisflanke abkommen — die Granitmauer also immer höher wird. Wieder verschwindet Steinauer kriechend um eine Ecke, und dann schwingt sein Zuruf schon hoffnungsvoller zu mir.

Noch schreibt die vorspringende Überdachung unseren Körpern die Haltung vor, noch sehen wir nichts von dem, was über uns ist, doch 15 Meter weiter rechts scheint die Wand nur noch senkrecht zu sein. Das genügt uns, und erholungsbedürftig sinken wir sofort auf den schmalen Schneestreifen zu kurzer Rast an der Sonne. Wir reden nicht viel, sondern bemühen uns redlich, das Gewicht unserer Rucksäcke auf natürliche Weise zu verringern. Andächtig schauen wir hinunter auf die weiten Firnflächen, die tief unter uns blendend weiss, von keinem Wolkenschatten belebt, sich dehnen, sehen weit hinaus zum fruchtbaren Rhonetal, das unter bläulichem Dunstschleier sich streckt, und über die Combingruppe hinweg zu den Gipfeln des mächtigen Mont Blanc-Stockes. Still ist 's um uns, über allem heiliger Friede, dem jetzt unser Herz verschlossen ist — in uns fiebert die Unrast, drängt eine unerträgliche Spannung nach Auslösung. Wir dürfen nicht rasten, wir müssen weiterDie Zeit verfliegt, fern ist noch der Gipfel und — wir ahnen es — das Schwerste kommt erst.

Bald stehen wir drüben unter der prallen Mauer. Ein Haken zwängt sich in einen Spalt, Steinauer nimmt die Steigeisen ab und steigt 10 Meter gerade aufwärts bis unter einen kurzen Überhang, den er rechts vergeblich zu überlisten sucht. Er muss zurück auf seinen Stand, schlägt nochmals einen Haken, versucht es so gesichert links und liegt bald oben auf einer griff- und trittlosen Platte. Lange sucht er vergebens, irgendwo einen Haken anzubringen, denn er klebt förmlich gerade über mir auf der stark geneigten Felstafel, und alle Augenblicke erwarte ich, dass er den Halt verliert, da findet sich endlich ein feiner Riss, der den langen Eisenstift aufnimmt. Langsam läuft das Seil wieder aufwärts. Aber nicht lange, dann klemmt es sich in einem Riss, und kein Schleudermanöver ( auch kein wütendes ) kann es wieder lösen. Es hilft alles nichts, Steinauer muss zurück, die ganze mühsam erkämpfte Strecke zurück bis unter den Überhang. Keuchend langt er dort an, verschnauft kaum und hängt schon wieder im Fels.

Und es ist schwerer Fels, das merke ich, als ich mich selbst über den herausdrängenden Abbruch der Platte ziehe, an deren oberem Ende der Gefährte steht. Nur einen von den geschlagenen Haken bringe ich mit herauf, die anderen zwei waren nicht herauszubringen. Vielleicht können wir sie noch brauchen — beim Abstieg. Es sieht ganz danach aus!

Eine Wand steigt vor uns auf, grausam abweisend, eine einzige herausdrängende Granitmasse. Es wird kaum etwas gesprochen, die ganze feindselig geschlossene Wucht dieser Mauer lastet drückend auf uns. Wir sind an der Schlüsselstelle dieser Bergseite — jetzt kommt das Schwerste. Rechts über uns leuchtet der Fels heller. Eine grosse Fläche muss sich dort vor nicht allzu langer Zeit gelöst haben. Und hier in der Mitte der beiderseits vollkommen ungangbaren Wand bildet sie einen stumpfen Winkel, eine grosse, beklemmend aufrechte Verschneidung. Wenn es also wirklich gehen sollte, dann nur hier. Was hilft da alles Zaudern? Die Entscheidung bringt hier nur ein entschlossener Versuch!

Steinauer geht sogleich an die schwere Aufgabe, kehrt aber bald wieder um und schüttelt resigniert den Kopf: « Es geht nicht, alles hängt über — die ganze Wand hängt über. » — Wir müssen es anderswo probierenSteinauer hat sich durch das wiederholte Umkehren an den Überhängen, der Seillänge vom Band hier herauf, zu sehr verausgaben müssen, sonst wäre er der letzte gewesen, der vom Nachgeben gesprochen hätte. Denn anderswo probieren, heisst Umkehr in unserem Falle, und davon verspreche ich mir keinen Erfolg. Was gibt 's da also noch viel zu reden? Die Reihe ist nun an mir!

Den Rucksack und das Eisbeil lasse ich zurück, dann beginne ich mit dem Versuch, unsere aussichtslose Lage zu ändern. Den ersten 4 Meter hohen Überhang erleichtert ein Riss, aufeinandergesetzte, grosse Blöcke folgen, und dann ist meine Kunst zu Ende. Ein mächtiger, langer, glatter Block, dessen obere Kante nicht zu erreichen ist, wölbt sich über mir und drückt mich stark hinaus. Links klafft ein Riss. Ich will mich daran hinaufziehen, und trete dabei auf einen Block, der, gross wie eine mittlere Hundehütte frei auf einer Kante stehend, sofort zu wackeln anfängt und unbedingt aus der Wand kippen will. Ich kann das nicht zulassen, denn er wäre geradewegs auf den Stand gefallen, auf dem schön geordnet die Schlingen unseres 30-Meter-Seiles liegen, und würde bestenfalls durch Splitter den Kameraden verletzt haben, der, durch den unteren Überhang nur halb gedeckt, dicht daneben steht. Mit äusserster Anstrengung bringt mein Fuss den Wankenden wieder in die gestörte Gleichgewichtslage, und so steht er nun wie das Schwert des Damokles über dem Haupte meines Gefährten, um bei der geringsten Berührung den unheilvollen Sturz zu tun. Der unten ist nicht ahnungslos, er weiss es und hütet mit peinlicher Sorgfalt die Bewegungen des Seiles, während ich versuche, den Überhang auf andere Weise zu überlisten. Es geht nicht, er drängt zu weit heraus, und der nächste Griff befindet sich ausser Reichweite. Hier hilft nur Seilzug!

Rechts draussen, in der Höhe der Blockmitte, findet sich ein feiner Spalt, der endlich nach einem anstrengenden Balanciermanöver einen Haken aufnimmt. Das Seil läuft nun von mir schräg hinauf zum Haken und hängt dann frei hinunter zum Freund — der zieht, und bald bin ich über dem sperrenden Wulst. Wenn ich nun erwartet hatte, dass der Fels griffiger werde und die Überhänge spärlicher, so täuschte ich mich. Zwanzig Meter schiesst die Verschneidung von hier gerade empor, ein quellender Überhang nach dem andern, und nur in ihrem Grunde klafft ein handbreiter Riss. Der einzige Lichtblick. Hier kann ich noch umkehren, weiter oben nicht mehr.

— Trotzdem, weiter, nichts als weg hier, hinauf 1 Es muss gehen!

Die linken Körperglieder in den Spalt gezwängt, mit den rechten die glatte Mauer nach Rissen und Vorsprüngen abtastend, schiebe ich mich mit allen Raffinessen unter grösster Anstrengung Meter für Meter aufwärts. Schon bin ich weit über die Hälfte oben, da bricht mir plötzlich eine zuverlässig aussehende Felsleiste unter der zufassenden rechten Hand aus und saust, während mein Körper, nur an den Fingern der linken Hand hängend, in einer vollendeten 90° Drehung aus der Wand pendelt, senkrecht hinunter auf den schon erwähnten Block, der sich darauf langsam aus der Wand neigt.

— « Der Block! » brülle ich, sehe noch, wie der Freund sich unter den Überhang drückt, ein dröhnender, furchtbarer Aufschlag, ich fasse blitzschnell mit der Rechten an die Risskante und warte ergeben den todbringenden Ruck am Seil. Er bleibt aus. Haarscharf ist das grosse Geschoss am Freund und seinem Stand vorbeigefahren, hat kurz unter ihm auf der steilen Platte aufgeschlagen und ist hohl heulend mit seinen Trabanten ins Bodenlose gerast.

Der lähmende Schreck ist mir bös in die Glieder gefahren und zerrt an den bis zum Äussersten gespannten Nerven. Meine Ruhe ist dahin und die Kraft geht zur Neige. In solcher Verfassung hänge ich über der saugenden Tiefe, und meine rastlos suchenden Augen finden nirgends Halt, nirgends eine schwache Stelle... Überall überhängender, glatter Granit, gähnende Leere und Luft, viel Luft. Und nicht die geringste Möglichkeit, einen Haken anzubringen. Ich presse meinen ganzen linken Fuss samt dem Oberschenkel in den nun weiteren Riss, stemme die rechte Sohlenkante gegen ein vertikales Leistchen, drücke die linke Schulter an den linken Verschneidungswinkel und versuche so, notdürftig zu rasten. Aber sehr bald schon fängt der aus-gestemmte Fuss zu beben an und zwingt mich, meine « Ruhestellung » aufzugeben. Ich muss weiter, wenn ich nicht da wegfallen will. Meine Widerstandskraft gegen die Verlockung, den ungleichen Kampf aufzugeben, will allmählich erlahmen, stärker fühle ich das Ziehen der Tiefe. Oder ist 's das Seil, das so zieht? Mehr als 20 Meter hängt es, nur durch einen Karabiner laufend, frei hinunter zum Gefährten, sein junges, bergfrohes Leben mit dem meinen verbindend.

Verbissen kämpfe ich mich mit Hilfe des Risses, in dem ich rücksichtslos die blutenden Hände verklemme, noch ein paar Meter weiter, dann ist 's aus. Zwei aufeinanderliegende Platten bilden einen wagrecht vorstehenden Überhang der nur auf Rissbreite von der gegenüberliegenden Wand der Verschneidung absteht. Ächzend ziehe und schiebe ich mich an kleinsten Rissen und Unebenheiten vollends hinauf, greife oben über die Kante der linken Winkelseite und ziehe mich mit allerletzter Kraft empor, drücke mich hinauf und liege mit dem Oberkörper auf einer mässig geneigten Platte. So bleibe ich keuchend auf dem Bauche liegen, während die Füsse noch draussen in der Luft hängen. Mir ist schwarz vor den Augen, das Herz schlägt im Hals oben, und seine rasenden Schläge dröhnen in den Ohren, im ganzen Schädel. Sehr bald schon merke ich, dass ich hier die Rückkehr meiner Kraft nicht abwarten kann. Die Füsse hängen schwer wie Blei die teuflische Verschneidung hinunter und langsam fängt der willenlose Körper zu rutschen an. Ich muss mich zusammenreissen. Herrgott, es muss bald aufhören!

Eilends, beinahe hastig, umklettere ich einen grossen Block und quere einige Meter hinüber zu einer Kante, hinter der ich die obere Eiswand ver-mute.Von unten schreit der Gefährte die Zahl der noch zur Verfügung stehenden Seilmeter. « Fünf — drei — zwei — Seil ausi » Meinetwegen — ich bin an der Kante. Der Stand könnte zwar besser sein, und die Eiswand ist auch noch nicht zu sehen, aber ich kann nun endlich einmal stehen, ohne Gefahr ausruhen und habe das stärkste Stück meines Bergsteigerlebens mit Glück hinter mir.

Ich löse das Eis von der steilen, aber sonst gut gestuften Platte und lasse Steinauer, der die zwei Rucksäcke und den Pickel zu schleppen hat, mit Schultersicherung nachkommen. Er ist ein gutes Stück kleiner als ich und wird deshalb noch härter mit den hohen Überhängen zu kämpfen haben. Doch die Sicherung ist gut, so dass ich ihn ohne weiteres durch Beugen und Strecken des Oberkörpers aufhissen kann, wenn es nötig sein sollte. Nur aus grösserer Höhe ins Seil fallen, das vertrüge mein Stand nicht.

Langsam kommt das Seil ein und oft zeugt der plötzlich straffgespannte Hanf von dem harten Kampf, den der Kamerad dort unten mit der toten Materie und der lebendigen Anziehungskraft des Erdkernes führt. Mir bleibt dabei nichts erspart, der Rücken schmerzt und ein Finger der linken Hand krampft sich immer öfter um das endlos scheinende Seil. Endlich kommen die « Kampfgeräusche » näher, eine Hand taucht auf und dann ihr atemringender Besitzer. Zwischen den einzelnen Atemzügen zählt er seine schwersten Felswände auf und sagt: « Die alle aufeinander sind nicht so schwer wie das da — das ist ja närrisch! » Es ist 1830 Uhr. Ich gehe gleich wieder weiter, stürme mit jauchzender Freude im Herzen links über steile, vereiste Platten eine flache Rinne hinauf und stehe an der oberen Eiswand. Über heimtückisch verschneiten Fels dränge ich schräg ansteigend der Wandmitte zu, bis sich unter dem reichen Segen der vergangenen Schlechtwetterperiode gutes Eis zeigt. Wir steigen nun gerade aufwärts an. Die tiefe Schneeauflage saugt uns immer mehr die Kraft aus den überanstrengten Knochen, und immer länger dauert es, bis wieder 30 Meter unter uns sind. Nach jeder Seillänge schlage ich einen grossen Stand und einen langen Eishaken. Die Regeln der Sicherung dürfen gerade jetzt, in unserem übermüdeten Zustand, nicht ausser acht gelassen werden und jeder muss die Zeit, während der sich der andere aufwärtsbewegt, zum Rasten benützen. Was schadet es, dass die Schatten der kommenden Nacht schon die Wand heraufkriechen, wir haben ohnehin mit einem Biwak gerechnet. Wie und wo — das macht uns keine Sorge.

Steinauer übernimmt nun wieder die Führung und damit die aufreibende Arbeit des Spurens. Es ist wirklich eine elende Schinderei, und bald ist auch sein anfängliches Tempo wieder den Verhältnissen angepasst. Während einer Atempause stehen wir beisammen in einem grossen Stand und schauen in andächtiger Versunkenheit hinüber nach Westen zur verschwindenden Sonne, deren rotgoldenes Glühen sich auf den unzähligen Gipfeln wiederfindet, indessen ihre Flanken in blauem Dämmer schwimmen und in den Tiefen der Täler schon die Finsternis hockt. Wir reissen unsere Augen los von dem unsagbar herrlichen Abschied des Lichtes und stapfen ergriffen über die rot leuchtende Flanke aufwärts, gipfelwärts. Allmählich wird die Wand wieder steiler, blankes Eis tritt heraus, und schliesslich leiten eisüberzogene, mässiger geneigte Platten hinauf zum Ferpèclegrat, den wir dort erreichen, wo er den nordwestlichen Vorgipfel trifft.

Im matten Licht des halben Mondes steigen wir vorsichtig über Platten, Blöcke und steile Firnzungen zum Vorgipfel empor und schreiten über der unheimlichen Nordwand auf dem messerscharfen, unberührten Firngrat hinüber zum höchsten Punkt der Dent Blanche, 4364 m. Es ist 22 Uhr, als wir uns glücklich und mit heissem Herzen die zerschundenen Hände drücken.

Sogleich mache ich mich beim Schein der Laterne daran, eine Schneehöhle in die luftige Spitze unseres Berges zu graben. Geräumig wird sie nicht, denn nach allen Seiten schiessen grausige Wände in die nachtdunklen Tiefen, und der Schneegupf erhebt sich nur einen Meter über den felsigen Gipfel. Trotzdem diese Spitze so übertrieben ausgehöhlt wird, dass durch die dünne Decke ab und zu schon die Sterne schimmern, es wird doch nicht mehr als ein Loch, in dem unsere Körper nur bis zum Bauch notdürftig Platz haben. Die Füsse in den Rucksack gesteckt, schlüpfen wir in den dünnen Batistsack, der in das Schneeloch gebreitet ist, und machen es uns « bequem ».

Ich denke daran, wie wir, Franz Singer und ich, vor zwei Jahren in der Nordwand dieses Walliser Riesen, 250 Meter unter dem heutigen Lager, an zwei Haken hängend, eine böse Nacht verbrachten. Heute haben wir 's gut, können sitzen, liegen, die geplagten Knochen ausstrecken, können ausruhen von der neunzehnstündigen Anstrengung des vergangenen Tages und sind zufrieden. Zähneklappern und blaue Nase ist in solcher Nacht trotz grosser Höhe und geringem Kälteschutz von keiner tieferen Bedeutung. Unser sehnsüchtiges Wünschen ist erfüllt worden und wird nun gekrönt von der unfassbaren Grösse und Schönheit dieser Hochgebirgsnacht, die wir hier oben, fern aller menschlichen Bequemlichkeit erleben dürfen.

Mit wachen Augen und Sinnen schauen wir aus unserem eisigen Horst in die erhabene Runde, lauschen dem Rauschen des Windes, der sich leise winselnd an den Wächten bricht, und dem langhin rollenden Donner berstender Seracs, der zeitweise aus irgendeinem der bläulichweiss leuchtenden Eisströme dort unten zu uns dringt. An Schlaf ist nicht viel zu denken. Wohl fallen uns gegen Mitternacht immer wieder die Augen zu, aber Kälte und unbequeme Lage halten uns wach. Die Südwand sinkt unmittelbar hinter uns ab, so dass, wenn wir uns ausstrecken, der Kopf tiefer liegt als der Rücken. Ich habe es besser, kann den Kopf gegen die Stange des trigonometrischen Signales legen und so lange duseln, bis er abrutscht. Und das tut er gern und oft.

Um 2 Uhr morgens erwachen wir nach zwei durchschlafenen Stunden. Es ist nun beissend kalt geworden. Einer sucht im bocksteif gefrorenen Zeltsack herum und murmelt verzweifelt: « Ich find' meinen linken Arm nimmer! » Er hatte ihn als Unterlage benützt und nun war nicht das geringste Leben mehr in ihm. Teufel, platzt da ein höllisches Gelächter in die stille Bergnacht. Und dann hebt ein wildes gegenseitiges Reiben und Boxen an, das wir mit kurzen Unterbrechungen fortführen, bis im Osten die Sterne verbleichen und der erste Schimmer des jungen Tages immer weiter am dunklen Nachthimmel heraufgreift. Über den Schönbühlgletscher tanzen ein paar Lichter aufwärts, drüben am Durandgletscher auch. Die ersten Partien lösen sich von den Hütten.

Da sitzen wir zitternd still in unserem Eisloch und staunen in das unfassbare, ewig neue Wunder des Sonnenaufganges. An unserem Gipfel, drüben am Matterhorn, am Monte Rosa spielen bald schon die ersten Sonnenstrahlen, während die Täler noch in tiefer Finsternis liegen. Allmählich kommt ein grosses, unbeschreiblich herrliches Leuchten über die Berge und hüllt all die unzähligen Gipfel, Grate, Wände, Gletscher und Hochtäler — von den Urner Alpen bis zum funkelnden Dom des Mont Blanc — in den unbegreiflichen Glanz des ewig Überirdischen. Erst um 7 Uhr, nachdem unsere kältestarren Glieder wieder einigermassen gelenkiger geworden sind, trennen wir uns steifbeinig vom Gipfel und treten den Abstieg an. Über den Südgrat, auf dem schon die ersten Seilschaften ansteigen, stelzen wir hinunter zur Rossierhütte, wo uns der Hüttenwart, der nachts unser einsam blinkendes Lichtlein auf dem Gipfel sah, herzlich beglückwünscht.

Übermütig laufen wir mittags den Ferpèclegletscher hinunter, steigen rechts über Moränenrücken und dürftige Bergweiden wieder an und landen um 15 Uhr bei unserem einsam wartenden Zelt.

Vor 36 Stunden waren wir aufgebrochen mit dem Bewusstsein, dass uns Können und Kraft nichts nützen, wenn das Glück nicht mit uns ist. Es war mit uns und verliess uns keinen AugenblickWohl war der Kampf hart, sehr hart, und der Berg verlangte das Äusserste, aber er war uns gutgesinnt und hielt still, als wir von dieser Seite nach seiner Krone griffen.

Lange liegen wir faul auf dem Rücken und schauen sinnend die herrliche Wand hinauf, die stolz und unnahbar wie all die Jahrtausende vorher in den Himmel sticht. Es rührt sie nicht, dass ein paar zerbrechliche Menschlein einen Weg hinauf fanden; sie haben nichts hinterlassen als einige Stufen-reihen und ein paar Eisenstifte — Zeichen ihrer Schwäche, vergänglich wie sie selbst.

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