Dent d'Hérens-Tournanchegrat

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Mit 1 Bild ( 124).Von Hugo Nünlist

( Luzern, Sektion Pilatus ).

Ein rauher Wind fegte abends ununterbrochen über die kargen Grasnarben auf Schönbühl, 2710 m. Bald stand man am Mäuerchen, bald bei der Stiege oder hinter der Hütte. Nirgends fühlte man sich so recht wohl. Die Haare waren zerzaust und ein Dutzend Zündhölzer beim Versuch, eine Pfeife in Brand zu bringen, nutzlos verbrannt. Wir hatten von hier aus bereits drei Überschreitungen ausgeführt und sannen voll innerer Unruhe über neue Fahrten nach. Doch schien das Wetter zweifelhaft zu werden.

Um 2 Uhr morgens trat ich vor die Hütte und witterte in der Luft. Nebel kroch schattendunkel den Gletscher herauf. Ein untrüglich gutes Zeichen für den Hüttenwart. Er machte sich sofort am Herd zu schaffen. Damit waren die letzten Bedenken zerstreut.

Eine Stunde später reichte mir André Macheret die Laterne. Wir folgten einem Pfad, der an zwei finstern Zacken vorüberführt und sich über schuttbedeckte Platten zum Schönbühlgletscher senkt. Ich verspürte Müdigkeit in den Beinen, war mürrisch ob dem fast unvermeidlichen Kollern der Steine. Und das hastige Schaukeln des Lichtes nahm hier dem einen, dort dem andern jede Sicht. Wir verloren die Spuren, erwischten sie wieder. Weit draussen auf der breiten Moräne flackerte ein anderes Licht. Geschiebe und Trümmerhaufen in unbescheidener Menge lagen verstreut bis in die Mitte des Gletschers. Unzählige Rinnen, in denen das Wasser orgelnd rauschte, durchschnitten die andere Seite. Die Mittelmoräne des Zmuttgletschers, unansehnlich von der Hütte aus, erstaunte uns erneut ob ihrer Mächtigkeit. Es dauerte immer noch DENT D' HÉRENS-TOURNANCHEGRAT.

eine Weile, bis jenes Licht eingeholt war, das wie verloren im weiten Gletscherland auf und nieder schwankte. Ein Bergführer trug es zum Einstieg des Zmuttgrates. Scheinbar ohne zu suchen, als kennte er jeden Tritt, stieg er bei P. 2606 die unübersichtlichen Hänge aus körnigem Eis und widrigem Schutt hinan. Dann trennten sich die beiden Lichter wieder, tauchten im Nebel unter, der plötzlich von allen Seiten um sie strich. Eine Firnmulde breitete sich aus. Auf hartem Schnee, zuletzt in steilen Stufen und über zwei Randspalten wurde der Sattel bei P. 2962 betreten. Nochmals lehnt sich loses Gestein wirr durch-einandergewürfelt an die Hänge. Eine Wohltat war es, einen unscheinbaren Schneefleck zu queren.

Beim Biwakplatz seilten wir uns an und eilten in westlicher Richtung den Gletscher hinab, den nur wenige Spalten durchzogen. Ein letztes Mal sahen wir zu jenem Licht zurück, das nun b ild in unsern alten Stufen in die Wand einsteigen wird. Dann verschwand es im Nebel. Eine eisige Stille schien uns unvermittelt zu umfangen. Herbstliche Stimmung sprach aus dem eintönigen Grau der ersten Dämmerung. Leider hatten wir uns längerer Betrachtungen zu enthalten. Denn heute handelte es sich um Leistung, die kaum ein anderes Sinnen kennt als Arbeit, ununterbrochene Hingabe an einen der wuchtigsten Grate.

Undeutlich drängte sich bald ein Felsgrat in den Nebel herein. Zwei Schneerunsen schoben sich an ihn hinauf. Welche der beiden würde wohl zu wählen sein? Da gewahrten wir die Spuren von Raymond Lambert, der kürzlich die Tête du Lion bestiegen hatte.

Die Stapfen zogen sich zu einem mächtigen Bergschrund hinan, leiteten über zu den Felsen, die verwittert und geborsten auf das Fallen warten. Wir löschten die Laterne und plagten uns im trüben Gesteinsstaub ab. Ein schmaler Sattel tauchte auf. Er stand bereits über dem Nebelmeer, das an der finstern Westwand des Matterhorns schwerfällig um herstrich. Wie eine Stichflamme loderte diese zum Himm:l, aber kalt in den Farben und hart in der Zeichnung. Ein Bild unerhörter Wucht und von scheinbar zeitloser Dauer.

Eine schlanke Firnkante schwang sich nun hoch. An ungünstiger Stelle entschlossen wir uns für die Steigeisen, die einen bequemeren Anstieg zu einem Hochfirn erlaubten. In vielen Windungen und in fusstiefem Pulver wurde der obere Bergschrund gewonnen. Erst steil über ihn hinauf, dann ständig flacher links hinüber. Nach drei Stunden standen wir schon am Col Tournanche, 3468 m. Hier setzt nun der Tournanchegrat zu wild-ernsten Sprüngen an. Mit zweieinhalb Kilometer übertrifft er ganz beträchtlich den Ostgrat der Dent Blanche. Zu beiden Seiten steile Wände. Im Süden dunkel, im Norden vereist. Mit tiefen Scharten zwischen weitausladenden, trutzigen Burgen. Ohne anzuhalten wandten wir uns einer Schneemulde zu. Sie endete an einem Firngrat, der stellenweise leicht vereist war und kleine Wächten trug. Wegen innerer Spannungen krachte ab und zu die Decke unter den Füssen und unterbrach die Stille. Mit ehernem Puls erstand unerwartet hart das Leben im Tale von Breuil. Sirenen heulten auf. Sie galten wohl dem Anbruch der Arbeit, dem Hammer und dem Amboss. Sprengungen donnerten in die bleierne Ruhe eines frühen Morgens.

Über die ersten Felsen stiegen wir mit Steigeisen. Doch die Vermutung, ausgedehnte Firnschneiden, wie sie sich von Schönbühl aus bieten, anzutreffen, erwies sich als falsch. Nach Umgehung eines Felsriegels wurden die Steigeisen versorgt. Eine Reihe unbedeutender Gratstufen schloss sich an. Wir überschritten sie, wie sie sich gerade boten, und wechselten auf jähe und gefrorene Firnflanken. Mit der Faust zwischen Schaufel und Haue, die Haue im Schnee versenkt, wurden sie gleichzeitig gequert. Zuletzt hielten wir links abwärts zu einer Rippe, die in wenigen Minuten kurz nach 7 Uhr zu P. 3709, dem ersten grossen Grataufschwung, führte.

Nun bot sich ein Gemälde von unglaublicher Wucht und Vielgestaltigkeit. Wohl gewahrten wir die Morgenglut, deren Farbenschmelz über die ungestümen, sagenhaften Türme herabgeflutet kam, verspürten die milden Strahlen, die uns wohltuend durchdrangen, erkannten die ungeschlachten Formen und die kühn entworfenen Linien. Doch wiederum durften wir uns nicht verweilen, durften es nicht in Musse aufnehmen und verarbeiten. Hier hatte man hart zu bleiben und bergtechnisch zu denken. Es galt, am widerspenstigen Grat den gangbarsten Abstieg zum tiefen Col de Chérillon zu erspähen. Und an der jenseitigen Mauer, die wider Erwarten steil die Pointe Maquignaz zu stützen hat, einen möglichst günstigen Durchstieg zu entwerfen. Noch einen flüchtigen Blick zum Aufbau des Hauptgipfels. Er schien nur unmerklich näher gekommen und versprach zeitraubende Arbeit. Dann setzten wir auf der Zmuttseite in verschneiten, aber zuverlässigen Felsen zum Abstieg an. Die Querung führte unter einer Mauer durch zum Grat zurück. Jenseits fielen Schneeflächen zu Plattenschüssen ab. Sie trugen vereisten Schutt. Deren Begehung schien nicht ratsam, obwohl sie sich in einer einzigen Flucht zum Col hinunter senkten. In der Tat hatten wir es nicht zu bereuen. Wir blieben am Grat, bis ein Abbruch uns auf die Breuilseite zwang. Zwischen Firn und Felsen strebten wir schräg abwärts zu einem abstehenden Block, umgingen ihn wegen Vereisung behutsam und erreichten Gratplatten, auf denen angefrorenes Geröll bis hinab zur langen Scharte lag.

Der Col de Chérillon, ca. 3620 m, hat ein eigenartiges Gepräge. Am einen Ende ein Felsgrat, am andern eine Mauer von zweihundert Metern Höhe. Dazwischen schiebt sich eine äusserst luftige an die siebzig Meter lange Firnkante. Deren Seiten weisen schroff in die Tiefe. Hier gewahrten wir Stufen, die abwechselnd nördlich und südlich der Schneide anhafteten. Vor zehn Tagen war Tissière angestiegen. Ohne ihm vorher begegnet zu sein, würde man nur schon aus seinen Stufen auf eine Hünengestalt geschlossen haben. Um nicht mühsam im Reitsitz von Stufe zu Stufe rutschen zu müssen, zerschlug ich mit der blossen Hand die gebrechlichen Gebilde der Kante und stützte mich auf sie.

Auf einmal sah ich auf. Über mir hob ein Gepolter von fallenden Steinen an. In heftiger Fahrt sausten sie die Wand der Pointe Maquignaz herab. Sie schlugen nur wenig neben dem Joch auf, dass die Splitter nur so stoben, und schössen schräg quer über die Kehle, die sich zum Glacier de Chérillon stürzt. Eine Mahnung mehr, so nah als möglich dem zwar nur wenig ausgeprägten Grat zu folgen und die sehr gefährdende Ostwand zu meiden.

DENT D' HÉRENS-1 OURNANCHEGRAT.

In auffallend rostbraunen Felsen stieg ich nun an, von einer Steilstufe zur andern. Risse durchzogen selbst die mächtigsten Quadern. Überall Verwitterung. Scharfkantig das Gestein. Mitunter ausbrechende Griffe. Wehmütig betrachtete ich meine Finger, die bereits durch Kälte, Hitze und Eis mitgenommen waren. Trotz aller'w'vorsieht begannen sie erneut zu bluten. Der Drang nach oben hat die Erinnerung an weitere Einzelheiten verbleichen lassen. Nur noch dumpf weiss ich, dass André die volle Seillänge ausgegeben hat, da ein Klettern ohne Sicherung zu gewagt erschien; dass wir im untern Teil in die Wand hinaus gedrängt worden sind und erst hoch oben zum Ostgrat queren konnten. Schneedurchsetzt führte er durchgehend steil zur Pointe Maquignaz, 3801 m. Schon um 9 Uhr, somit nach sechs Stunden verhaltener Spannung, sassen wir zur ersten Rast, die kaum länger dauern durfte, als ein halber Stumpen brennt. Noch einen Blick zum Zmuttgletscher hinab, über den vereinzelte Nebelschwaden segelten und die Hütte auf Schönbühl freigaben. Noch eine Aufnahme der Pointe Carrel, einer wahren Raubritterburg, die wie eine Gurke ins Blaue ragte und den höhern Nordturm verbarg. Dann gings über Firn leicht abwärts zu einem senkrechten Abbruch. Dessen Schulter gewährte einen nachhaltigen Tiefblick die Nordwand hinab. Auf verschneitem Band stieg ich in sie hinaus und auf gesundem Fels zu einem Riss, dessen Schatten erst angenehm, dann doch zu kalt empfunden wurde. In diesem Kamin ruht der Kältepol des ganzen Grates. Wie zum Hohn verklemmte sich der Rucksack, da ich zu tief hinein geraten war. Über Klemmblöcke hinweg konnte nach einer Seillänge eine Scharte erreicht werden. Das Schwierigste sollte nun vorüber sein.

Vor uns bäumte sich der Nordgipfel auf, von dessen Dasein ich, wenigstens in dieser Gestalt, keine Ahnung hatte Wohl zog sich jenseits der Scharte beträchtlich tiefer eine verschneite Schuttkehle zu ihm empor. Sie soll einen leichten Zugang gestatten, wie ich seither vernommen habe. Doch zweifelte ich damals nicht daran, dass der Turm direkt in der abschüssigen Nordwand erstiegen werden müsse. Für den Führenden braucht es peinlich saubere Arbeit, sich auf schmalen Leistchen schräg um die runde Burg hinaufzuwinden. Hans Pfann spricht in seinem Buche von kurzer scharfer Kletterei. Man darf es ihm glauben, denn ein Ostalpenkletterer äussert sich gewiss vorsichtig über Westalpenfels. Er wird kaum übertreiben. An dieser Mauer über einem Abbruch von vielen hundert Metern zu klettern, bedeutete tiefstes Erleben. Hand um Hand wurde langsam hochgeschoben. Das Seil kroch wie eine Raupe an einer Wendeltreppe entlang. Durch das Scheuern hing es allmählich schwer an meinen Hüften. Auf halber Höhe brach jäh unter einem Fuss eine Leiste ab. Unten ein leises Aufschlagen. Dann war der Berg wieder lautlos wie zuvor. Der Ausstieg befand sich im Schatten. Desto mehr haftete noch kalter Pulverschnee in den Fugen von einem Gewitter her, das vor vier Tagen über der Gegend losgebrochen war. Mit erstarrten Fingern langte ich auf der Pointe Carrel, 3839 m, an und zog hinter einem währschaften Block das Seil ein, Schlaufe für Schlaufe. Kurz nach 10 Uhr entnahm André der Taschenapotheke den angebrannten Stumpen: menschliche Schwächen am grossen Grat. Lustig ist es, sich solcher zu erinnern. Wohl war nun die untere Hälfte des Grates samt der Schlüsselstelle überwunden. Doch gleich nach einer Firnschneide gewahrten wir erstaunt die finstere Mauer der Pointe Blanche, eine Mauer, die den Aufstieg zur Pointe Maquignaz zu wiederholen schien. Weit unten an ihrem Fuss eine unbenannte Bresche. Ein von Firn durchbrochener langer Grat senkte sich zu ihr. Ernstliche Schwierigkeiten bot er nicht. Dagegen wurde die Ostwand bedachtsam angegangen. Wieder rostbraune Felsen, hundertfach gespalten. Gut und schlecht, wie man es gerade traf. Nagelspuren fanden sich keine vor. Jede Seilschaft wird eben auf ihre Weise irgendwo durchzukommen suchen. Auf halber Höhe gerieten wir auf missliche Platten. Feinkörniger Schutt bot mangels Griffen die einzige Stütze. Endlich konnten wir zum Grat entweichen. Frische Luft blies über ihn. Schneeadern klebten wie Adlerhorste an den Vorsprüngen. Für kurze Zeit wurde die Nordseite benützt und nach schwierigem Klettern eine Art Schulter gewonnen. Über ihr leuchteten zwei blendend weisse Schneiden. Deren obere krönt die Pointe Blanche, 3920 m. Ihre Zinne war für eine Rast viel zu ausgesetzt. Wir zogen es vor, unterhalb auf bequemen Platten auszuruhen. Mittag war vorüber. Das Wetter hielt sich grossartig und liess uns aufatmen. Lichte Wolken schwebten über dem Valpelline. Nebelfahnen rauchten schleierhaft, von der Bise zurückgeschlagen, am obersten Grat empor. Da oben müsste es hart sein, mit dem Sturm zu ringen.

In luftigen Stufen wurde die weisse Spitze überschritten und auf scharfer Firnkante, die Füsse zu beiden Seiten angestemmt, der Abstieg zu den Felsen begonnen. Nur wenig tiefer, jedoch nicht sehr nah, schmiegte sich ein Joch an den folgenden Grataufschwung, der fast durchwegs weiss und mit einigen Zacken bewehrt zur Schulter wies. Rechts harter steiler Firn. Links abstossend zerrissene Wände. Weitmaschige, merkwürdig gut erhaltene Stufen liessen erneut an einen baumlangen Bergsteiger denken. Eine Zeitlang hielten wir es ohne Zwischentritte aus, die Knie aber bis zum Kinn gebogen und mit geheimer Freude am raschen Steigen in der Flanke.

Halbwegs gebot ein Gendarm halt. Grau wie Schiefer war er anzusehen und aus anderem Gestein gebaut als der bisher begangene Grat. Arm, sehr arm an Griffen. Von oben nach unten geschuppt. Um ihn herum alles vereist und stufenlos. Ein solcher Sporn mag für den Vorgänger höchst reizvoll gewesen sein. Ich zauderte nicht lange, sondern drang nach einem flüchtigen Blick entschlossen in der Nordflanke vor, schlug mit der einen Hand Stufen und stützte mich mit der andern an spärlichen Griffen und Rissen, um mich im Gleichgewicht zu halten. Das Seil reichte gerade bis zu einer Bresche, die eine Sicherung erlaubte.Von dort über Felsen, dann auf Firn wie auf einer Leiter zum lotrechten Abbruch der Schulter, zu der ich schon geraume Zeit besorgt emporgeschaut. Von zwei Rissen fiel die Wahl auf den südlichen, der zwar kürzer ist, dafür unvermittelt gegen die Südostwände abbricht. Um ihn zu betreten, musste eine vorspringende Felsnase ausgesetzt umgangen werden. Sie drückte uns ins Leere. Die anschliessenden Felsen waren fest. Ein paar Klimmzüge brachten uns zu einer Lücke unterhalb der Epaule, 4060 m. Wir waren der Kälte entronnen, konnten uns erwärmen und die Sehnen wohlig dehnen. Wie herrlich müsste es sein, hier beschaulich zu träumen und sorglos zu sein. 14 Uhr war es unterdessen geworden. Hoch oben würde uns aber noch der Grosse Gendarm hindern, hinter dem auf hoher Warte das Signal der Dent d' Hérens unauffällig Glück und Erfüllung verhiess.

Die ganze Südseite der Schulter zeigte sich zermürbt von Hitze und Kälte. Doch fanden sich überall behäbige Felsbrocken vor, die das Klettern anregend zu gestalten vermochten. Auf der Grathöhe versperrte ein Sporn den Weiterweg. Dahinter gab ein breiter Sattel den Zugang zur Querung unter dem gewaltigen Zahn frei. Hält man sich zu tief, trifft man losen Schutt, nasse Felsen und Schneebänder an. Quert man oben, werden die ständig steilern Platten lästig. Wir begannen hoch. Immer leicht absteigend wurde über griffarme Wülste und Bänder eine steinschlägige Schlucht angestrebt und überschritten. Eine breite Rippe mit verwittertem Gestein brachte uns zu einer Lücke. Nun folgten wir dem zerhackten Gipfelgrat, der dennoch ein rasches Gehen erlaubte. 15.15 Uhr kauerten wir vom Wind bestrichen beim Gipfelzeichen der Dent d' Hérens, 4180 m. Ein warmer Händedruck galt dem Abschluss eines über zwölfstündigen Anstieges. Wir waren uns inne, mit demselben Willen gearbeitet zu haben wie kürzlich an der Dent Blanche. Sie wurde von Schönbühl aus über den Col de Zinal bei allerdings besten Verhältnissen und aus lauter Furcht vor einem Gewitter in genau sechs Stunden erreicht. Es fand sich also ein Mass, das, obwohl ungenau, dennoch gewisse Auskunft über Entfernungen und Schwierigkeiten zu geben imstande ist.

Nun sassen wir da, ausgedörrt wie die Mumien. Die Gedanken durften dem Zwang enthoben über die Berge kreisen und dort verweilen. Bergdohlen kreischten heiser auf, liessen sich vom Wind in Wirbeln tragen oder stachen auf die Felsen nieder. Jene Stunde Ruhe bleibt mir unvergesslich eingeprägt. Bisweilen musterten wir den Eisbruch des obern Tiefenmattengletschers, der dieses Jahr eine geschlossene Mauer von den Wänden der Tête de Valpelline bis zur Dent d' Hérens trug. Keine Spur liess sich erspähen. Trotzdem wagten wir es leise zu hoffen, noch rechtzeitig den Bruch zu meistern und schon bei anbrechender Nacht in Hüttennähe zu sein.

Feedback