Der Alpinismus als Wissensgebiet

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ssupVon Herbert Kuntscher

Die Lehre vom Hochgebirge,,., ( Innsbruck ) « Das Aufsuchen des Hochgebirges um seiner selbst willen », definiert Stolz1 den Begriff des Alpinismus. Über die schier unübersehbare Flut der Versuche hinaus, Wesen und Beweggrund zu charakterisieren, ist dies vielleicht die treffendeste allgemeingültige Erklärung. Nicht berührt werden Ursache und Wirkung; diese unterliegen den Schwankungen und Geistesströmungen wechselnder Zeitläufe und den stetig sich ändernden menschlichen Ansichten. In knappen Schlagworten bietet sich uns folgende Entwicklungsreihe: Wissenschaft, Erschliessung, Bergsport, Bergsteigen. Damit ist angedeutet, dass wir heute zu einer universellen Auffassung gelangt sind, die Mensch und Berg und ihrem Verhältnis zueinander im weitesten Spielraum Freiheit lassen.

Es erscheint zweckmässig, den Unterschied der fälschlicherweise oftmals gleichgesetzten Begriffe Alpinismus und Bergsteigen hervorzuheben: Bergsteigen ist der persönliche Drang zum Berg und dessen körperliches und seelisches Erleben, Alpinismus die Zusammenfassung aller Erscheinungen des Hochgebirges und die Mittel, Wege und Methoden ihrer Erkenntnis. Die übergeordnete Sammelbezeichnung Alpinismus hat daher für die Berge der Welt ebenso Geltung wie für die Alpen als den Ort ihrer Entstehung.

Der Tat gebührt der vorderste Platz; der faustische Drang nach wahr-heitsgemässer Erkenntnis ist Grundpfeiler des menschlichen Interesses am Gebirge, einer der letzten Urlandschaften im Bereich der Kulturwelt. Mit diesen Feststellungen soll nicht Bekanntes wiederholt, sondern nur das Allgemeingültige festgehalten werden.

Unser Versuch, den Bahmen und die Rohform des Alpinismus zu umreissen, zeigt, dass die rein körperliche Betätigung — welchem Motiv sie auch entspringen möge — zwar einen Mittelpunkt darstellt, aber in ihrer alleinigen Auswirkung kaum jene Fülle bleibender geistiger Werte hervorgebracht 1 Otto Stolz, Anschauung und Kenntnis der Hochgebirge Tirols vor dem Erwachen des Alpinismus, Alpenvereinszeitschrift 1927.

hätte, die den Alpinismus Bedeutung und Lebensrecht geben. Wissenschaft, Kunst und Kultur stehen in mannigfacher Wechselbeziehung zum Alpinismus und vermitteln uns immer neue überraschende Einblicke und Zusammenhänge. Aus diesem Grund scheint es berechtigt, alle diese vielseitigen Fäden zusammenzufassen und so auszurichten, dass die Erfahrungen und Erkenntnisse, welche vom Alpinismus und der ihm nahestehenden und auslösenden Kräfte der Menschheit zugute kamen, als eigenes Wissensgebiet — im übertragenen Sinne sogar als Wissenschaft — gelten dürfen. Dieser hiemit zur Diskussion g:stellte Blickpunkt wird zunächst überraschen und erst um allgemeine Anerkennung ringen müssen. Es wird ausdrücklich betont, dass damit die bergsteigerische Leistung an sich in keiner Weise eine Wertminderung erfahren soll, sondern ihr im Gegenteil als Ausgangspol, Sammelpunkt und Kraftzentrum der allergrösste Wert zukommt. Unser Ziel ist die objektive Erfassung des alpinen Gedanken- und Wissensgutes, unter möglichster Ausschaltung subjektiver, meist nur zeitlich gültiger Ansichten. Wir wollen versuchen, die Grundlagen des Alpinismus zu sammeln, sie also von dem, was sie bisher waren, nämlich Anhängsel verschiedener Wissenschaftszweige, loslösen und ihnen den gebührenden Platz im sinnvollen Gefüge der Lehre vom Hochgebirge einräumen. Dieses Fundament in groben Umrissen zu zeichnen, sol. der Zweck vorliegender Zeilen sein. Das Streben geht also von der Person ;:ur Sache, vom Bergsteiger zum Berg; der Mensch ist dieser Auffassung nach nicht selbstherrlich, sondern Teil des Ganzen.

Schwierigkeiten ergeben sich bei der Sammlung der Bausteine unseres Wissensgebietes, das zu einem grossen Teil eine Erfahrungs- und Beobachtungs-sache ist. Diese Tatsache wird dann besonders auffallend, wenn es gilt, in einer gedrängten Zeitspanne einen möglichst umfassenden Abriss des Alpinismus zu vermitteln. Aus vielen Mosaikteilchen ein wohlgeordnetes Ganzes zusammenzu setzen, das die Teilgebiete von der exakten Wissenschaft bis zum Sport i mfasst, ist die vorschwebende Aufgabe. Einzelbeiträge sind in reicher Zahl n allen möglichen alpinen Zeitschriften und Büchern erschienen. Man braucht nur einen Jahresband der « Alpen » zur Hand zu nehmen, um zu erkennen, welche Fülle von Wissensstoff hier zusammengetragen ist. Die Zahl derer, welche trotz grössten Interesses, Fleisses und Begeisterung niemals zu einem ausgewogenen Wissen kommen, ist grösser, als man gemeinhin annimmt. Es kann aber nicht Sinn eines Wissensgebietes sein, Halbbildung zu vermitteln und nur wenigen ein tiefes Eindringen zu gestatten. Wie schön aber ein solches Tun ist, gesteht Kugy: « Über den Touren, die ich gemeinsam mit Helbronner gemacht habe, lag der ganz besondere Reiz, dass ich da die idealste Betätigung des Alpinismus kennen lernte, den Alpinismus im Dienste der Wissenschaft. » Was uns fehlt, ist die Bearbeitung des gesamten, auseinanderstrebenden Stoffgebietes von der Hand eines einzigen, begeisterten und bergerfahrenen Mannes, der genügend natur- und geisteswissenschaftliche Kenntnisse besitzt, um das Ges

Das Hochgebirge ist als Lebensraum ( Biotop ) eine Landschaft ohne Kulisse, das heisst ohne auffällige geschichtliche Vergangenheit, und zwingt DER ALPINISMUS ALS WISSENSGEBIET aus dieser Ursprünglichkeit des Seins zu naturwissenschaftlicher Betrachtung. Sicher ist zu einem Teil erst aus dem Bedürfnis des Alpinisten heraus eine so weitverbreitete alpine Geologie entstanden, denn die Kenntnis der Oberfläche hängt eng mit ihren Begeh- und Ersteigungsmöglichkeiten zusammen.

Am nächsten steht uns die tierische und pflanzliche Lebewelt, deren Studium tiefen Einblick in die harten Gesetze der Lebensbedingungen der Berge gibt. Unvergänglich sind die Forschungen eines Schröder und eines Zschokke! Nur ein Wissenschaftler, der die Härte und Gewalt des Hochgebirges kennt, wird die Zusammenhänge richtig aufzudecken vermögen: « Die doppelte Dreiform, die der Landschaft und die des Geschöpfs, soll das Denkmal sein für unsere Erlebnisse mit Berg und Blüte. Der dritte Dreiklang muss in deiner Seele stehen. » ( V. Varechi in Varechi-Krause: Der Berg blüht, Bruckmann-Verlag. ) Nur eine gefühlsbetonte Vorliebe für die Gebirgsforschung wird die aufgewendete Zähigkeit und Ausdauer mit Erfolgen belohnen. Viele der grossen Bergsteiger fühlten sich zur Forschung hingezogen: G. Dyrenfurth, O. Ampferer, W. Weizenbach, W. Paulcke, K. Wien, C. H. Visser u.a. Wieviel weniger bekannt und gefördert wäre die wissenschaftliche Durchdringung, wenn nicht die grosse Masse der Alpinisten eine dankbare und gebebereite Gemeinde für den gesamten Fragenkomplex wäre!

Am verwickeltsten und unübersehbarsten ist Auftreten, Gestalt und Wirken des Menschen in den Gebirgen. Hier sind die Zusammenhänge so schwierig und überkreuzt, dass nur eine straffe Aneinanderreihung den erwünschten Überblick ergibt. Trotzdem in manchem die menschlichen Eigenschaften im Vordergrund stehen, hängen diese von den Lebensbedingungen des Hochgebirges ab. Es ist zu klären, ob und wieweit der Einfluss des Menschen die Natur verwandelte, und umgekehrt, in welcher Weise die Natur auf den Menschen bestimmend wirkte. Eine Stufenleiter vom Hirten, Jäger, Knappen, Dichter, Wissenschaftler, Alpinisten, Skiläufer und Soldaten bis zum Himalayakämpfer würde sich ergeben, welche die geschichtliche Entwicklung der Besiedlung, des Aufsuchens und Lebens im Hochgebirge als Vorstufe der Erschliessung umfasst. Wiederum wäre zu trachten, durch Herausarbeitung der Verflechtung und Verkettung von Ursache und Wirkung die grossen Zusammenhänge erkennen zu lassen. Über die Besteigung der Gipfel der Erde liegen bereits übersichtliche Zusammenstellungen vor ( Herzog, Die Eroberung der Weltberge; Kurz, Himalaya usw. ).

Technik und Methodik des Wanderns, Fels- und Eisgehens und des Skilaufes, der Ausrüstung und Überwindung von Gefahren müssen in weitgehendem Masse beherrscht werden, um die wahrhafte Beschäftigung mit dem Alpinismus zu erlauben. Dies ist eine Angelegenheit, die nicht am grünen Tisch, sondern durch unermüdliche Betätigung, durch Überwindung und Erlebnis, durch Kampf, Freude und Misserfolg erworben werden kann. In der Verschmelzung des kräftig zupackenden Tatmenschen mit dem sinnenden und forschenden Geist liegt das Ideal der alpinistischen Erziehung.

Von immer neuen und unerschöpflichen Eindrücken belebt, wird versucht, auf Grundlage der Philosophie den menschlichen Problemen der Ein- samkeit, der Gemeinschaft und Kameradschaft, des Aufwärtsstrebens, des Landschaftserlebnisses näherzukommen. Fast jeder der hervorragenden Alpinisten ( Whymper, Steinitzer, Lammer, O. E. Mayer, Kugy usw. ) versuchte, den Stoff vcn zeitlich verschiedenen Seiten aufzurollen.

Seit Dürer als einer der ersten Maler die Gebirgslandschaft als selbständiges Motiv gestaltete, zieht die Gebirgsdarstellung wie ein roter Faden durch die Kunstgeschichte. Annähernd bis zum Erwachen des Alpinismus dauerte es, bis dem Berge im Bild die wirkliche Form gegeben wurde und wie sie uns im Lichtbild, dem unbestechlichen Dokument der Bergesschönheit, entgegentritt. Das Vertiefen in die alpine Kunstgeschichte gehört zum reizvollsten Nacherleben.

Zerstreuter, vielseitiger, aber noch bedeutungsvoller ist die alpine Literatur. Neben den Stimmen, Gefühlen und Ansichten Lebender vermag sich der Alpinist auf diesem Wege in die Auffassung der Vorläufer und Erschliesser hineinzudenken und wird vor ihrer Leistung Achtung empfinden.

Von eni fernter stehenden Sparten darf die Technik nicht übersehen werden, deren Errungenschaften es vielen ermöglichen, von den Städten und dem Voralpenland das Reich ihrer Sehnsucht aufzusuchen.

Überblicken wir nach dieser andeutenden Einführung das Gerippe, so gelangen wir zu folgender Einteilung:

/. Die Gebirgskunde ( Entstehung und Formung von Raum und Boden ) Geologie, Mineralogie, Geographie, Meteorologie der Gebirge der Erde; deren besondere Erscheinungen, Ausdrucksformen und allgemeine Bedeutung. Darunter fallen neben den Methoden der Aufzeichnung ( z.B. Kartographie, Photographie ) die rein alpinen Kapitel wie Gletscherkunde, Lawinenkunde und Klimato logie.

II. Die Lehre vom Lebewesen im Hochgebirge ( Hochgebirgsbiologie ) 1. Pflanze und Tier:

a ) Die Lebensbedingungen in bezug auf Nahrung, Fortpflanzung, Höhe, Lage, Wetter und Jahreszeit ( z.B. Anden, Himalaya, Alpen; Westalpen, Ostalpen; Nördliche und Südliche Kalkalpen, Zentralalpen; Nord- und Südseite usw. ). Anpassungsfähigkeit, Artenänderung, Schutz- und Trutzmittel, höhenstufenrr.ässige Verbreitung, Auslese.

b ) Systematik der Tier- und Pflanzenwelt. Schilderung der lebendigen Welt des Hochgebirges, insbesondere der Vergesellschaftung.

2. Der Mensch:

a ) Historische Entwicklung des Lebens im Gebirge, der erdkundlichen und wirtschaftlichen Erschliessung und des zeitweiligen Auf such ens. Weide, Wald, Jagd ind Fischerei, Bergbau, Krieg, Wissenschaft, Natursehnsucht, Abenteuer.

b ) Die Lebensmöglichkeit im Gebirge und der Einfluss der Höhen auf Körper und G des Menschen; Siedlungsgeschichte und Volkskunde, Medizin.

44CDER ALPINISMUS ALS WISSENSGEBIET cDie Technik des Alpinismus ( Bergsteigen ). Sommer- und Winterbergsteigen, Skilauf, Methoden und Hilfsmittel für Fels- und Eisfahrten, Rüstung und Ausrüstung, Erfahrungen zum Schutz gegen objektive und subjektive Gefahren, Schwierigkeitsbegriffe, Unfälle, Auswüchse, Leibesübungen, Organisationsform des Alpinismus, Vereins- und Verbandswesen, Expeditionen, Landesverteidigung.

d ) Die geistigen Grundlagen des Alpinismus. Alpine Literatur ( Fahrtenschilderungen, Führerwerke; Roman, Novelle, Erzählung, Gedicht; Zeitschriften und Jahrbücher; Berg-Landschaftsbücher; Naturbeschreibung ).

Alpine Kunst ( Darstellung des Gebirges, seiner Welt und Umwelt als vollendeter Ausdruck immerwährender Wandlung menschlichen Schönheits-gefühls ). « Alpine » Musik; Übereinstimmung nur in der Empfindungswelt ( vgl. J. Kugy: Arbeit, Musik, Berge 1 ).

e ) Praktische Anwendung des Alpinismus auf Ertüchtigung und Fortschritt menschlichen Lebens. Technik im Hochgebirge ( Bahn, Strasse, Wasserkräfte ). Wirtschaft im Gebirge ( Viehzucht, Bergbau, Fremdenverkehr ).

Alpinismus im Krieg.

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