Der Atlas als afrikanisches Skiparadies

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von Daniel Bodmer

Mit 2 Bildern ( 90, 91 ) und 1 Karte SAC Bern ( Basel ) Dass der Hoch-Atlas in Afrika liegt, darf als bekannt vorausgesetzt werden, dass dort Gipfel in Jungfrauhöhe zu besteigen sind, vielleicht auch noch; die Behauptung aber, dass man diesem Gebirge, am Rande der Sahara, mit Ski zu Leibe rücken könne, mag wohl allerseits ungläubiges, zum mindesten skeptisches Lächeln hervorrufen. Wir haben uns daran gewöhnt. Dutzende von Malen sind wir ihm begegnet, diesem spöttischen, mitleidigen Kopfschütteln, als wir unsere treuen Ski über eine Strecke von vielen hundert Kilometern von der Schweiz über Marseille, Alger, Casablanca, Marrakesch an den Fuss des Atlas mitführten. Ja, geben wir es ruhig zu: als wir Ende März 1949 unsere Reise antraten, trauten wir selbst der Sache nur halb und fragten uns etwas unsicher, ob wir nicht unsere Gleitgeräte als nutzlosen Ballast von einem Kontinent zum anderen schleppen würden. Gründlich hat uns der zweiwöchige Aufenthalt im Hoch-Atlas von diesem Vorurteil geheilt. Und wenn es dem Leser gleich geht, so haben diese Zeilen ihren Zweck erreicht.

Am Anfang war die Idee. Aber genügt das? Es gibt Menschen, deren Ideen nicht nur den letzten Nerv ihrer eigenen Persönlichkeit zum Einsatz bringen, sondern auch auf andere zündend wirken, für welche Hindernisse da sind, um überwunden zu werden. Zu diesen zähle ich unsere Landsleute Robert Baur und Edmond Tieffenbach in Casablanca, auch wenn letzterer als dort gebürtiger Halbmarokkaner vielleicht etwas vom mohammedanischen « Kismet » angekränkelt ist. Der Plan, ein Kletter- und Skilager im Hoch-Atlas zu errichten, ist also ein schweizerisches Geisteserzeugnis. Die sieben Bergsteiger, die diesem Ruf gefolgt sind, bildeten indessen eine eher internationale Gesellschaft: vier Schweizer, zwei Franzosen und ein Engländer.

Wir vier SAC-Kameraden hatten das Vergnügen, eine viertägige Reise durch fremde Lande vorauszuerleben. Gemeinsam verliessen wir die Schweiz am 30. März 1949 im Nachtschnellzug. In Marseille nahm uns die von Casablanca aus gesteuerte Reiseorganisation unter ihre Fittiche. Zum Glück beschränkte sie sich auf die Betreuung bei der Einschiffung zur Überfahrt nach Alger und der dortigen Unterkunft. Der Empfang auf dem schwarzen Erdteil war dramatisch. Unser Schiff wurde von einer Horde schmutziger Araber regelrecht gestürmt. Nach allen Seiten ausschwärmend, bemächtigte sie sich mit fieberhafter Hast unseres Gepäcks und schleppte es schreiend und gestikulierend an Land. Nicht weniger aufregend gestaltete sich die Entlöhnung dieser ungerufenen dienstbaren Geister. Der in Alger eingeschaltete vierundzwanzigstündige Zwischenhalt diente zur Besichtigung dieser fächerförmig am Hang ausgebreiteten Stadt mit stark europäischem Einschlag. Nur die steile, winklige « Casbah » ( d.h. das Eingeborenenviertel ) hütet noch das Geheimnis arabischer Eigenart.

Der « Nord-Afrika-Express », den wir uns als primitiven, überfüllten, durch öde Wüsten schleichenden Zug vorstellten, entpuppte sich als mindestens so bequem und schnell wie unsere gute SBB. Mannigfaltig waren die Eindrücke, die wir auf dieser dreissigstündigen Fahrt über Oujda, Fès, Port Lyautey nach Casablanca empfingen.

Wir hatten uns zum Spass etwas von einem offiziellen Empfang mit Blechmusik, Reden etc. vorgequatscht; was indessen an der Endstation unserer wartete, war von dieser Farce nicht weit entfernt: ausser Robert Baur begrüsste uns ein Vertreter der Section Marocaine des CAF mit einer jener echt französisch überschwenglichen Ansprachen, und ein Journalist versuchte mit der dieser Menschengattung eigenen Zudringlichkeit, uns ein Interview zu entlocken. Nachmittags waren wir im palmenbeschatteten Landhaus der beiden Freunde Baur und Tieffenbach in Ain Sebaa, einem Vorort Casablancas, zu Gast. Dem Locken des Atlantikmeeres, das weithin hörbar seine aus tiefblauen Weiten geborenen Schaumzungen gegen den nahen Strand warf, vermochten wir nicht zu widerstehen und kühlten unsere DER ATLAS ALS AFRIKANISCHES SKIPARADIES von der ungewohnt steilen Sonne erhitzten Körper in der salzigen Flut. Im Flug ging der Rest unseres ersten marokkanischen Tages vorüber, verstand es doch unser Kamerad und Leiter, uns mit Wort, Karte und Bild alle Reize der Atlasbergsteigerei fesselnd vor Augen zu führen. Wieder war trotz prekärer Unterkunftsverhältnisse für ein Obdach gesorgt, das auch höhere Ansprüche als die unsrigen befriedigt hätte.

Die nächste Etappe von 239 km legen wir im geräumigen und raschen Überlandcar zurück. Saftig-grüne Plantagen wechseln mit mageren Schaf- weiden, und hin und wieder flitzen wir an trägen Dromedar- und Eselkarawanen vorbei, welche die Strasse säumen. Je länger wir durch die gelbbraune Landschaft ins Innere vordringen, um so mehr wächst unsere Spannung: Wann werden wir den ersten Blick auf dieses grösste nordafrikanische Gebirge erhaschen? Ein breiter Gürtel von ockerfarbigen, kegel-und wellenförmigen Hügeln zwingt unser Fahrzeug aus der Geraden in eine Schlangenbewegung: der Djebeliet ( das Berglein ). Wie der Jura im Verhältnis zu den Alpen, ist er ein kleiner Herold des Atlas. Und dann ist der grosse Augenblick da: über die sich vor uns ausbreitende Ebene von Marrakesch hinweg offenbart sich uns eine lange Kette silberblinkender Berge, die der Dunst der Ferne noch halb verschleiert. Der Gegensatz zu den tropisch anmutenden Palmenhainen, in denen sich die « rote Stadt » verborgen hält, könnte nicht grösser sein. Wenig später entdecken wir die Koutoubia, ihr Wahrzeichen. Hier haben sich die europäischen Kolonisten mit den Einheimischen nicht wie in Casablanca oder Alger zu einem unbestimmten Gemisch vereinigt, sondern französische und arabische Siedlung sind reinlich voneinander getrennt, so dass der letzteren ihre unverfälschte Ursprünglichkeit erhalten geblieben ist. In der Altstadt konzentriert sich das Leben auf die geräumige Place Djema el F'na, wo sich das Werben der Händler, die Gesänge der Musikanten, das Trommeln der Schlangenbeschwörer, das Rufen der Wasserträger, das « irrah » der Eseltreiber und das Jammern der Bettler zu einem ohrenbetäubenden Lärm vermengen. Verwirrend sind die vielen Eindrücke, welche diese fremde Welt gleichzeitig auf uns einstürmen lässt. Dazu kommt die lähmende Hitze. Spät abends trifft auch Baur ein und mobilisiert kurz vor Mitternacht noch den arabischen Taxi für die morgige Weiterreise. Wir waren voll Staunen! Noch wussten wir nicht, dass das arabische Geschäftsleben den Vierundzwanzigstundentag kennt. Ja, während der heissen Jahreszeit wird die Nacht regelrecht zum Tage gemacht. Je kurzfristiger einem Araber ein Auftrag erteilt wird, desto sicherer kann man auf seine Ausführung zählen. So fuhren wir, unser sechs, zwischen Rucksäcke und Ski eingeklemmt, programmgemäss um 6.40 Uhr von Marra6 kesch weg.

In zweistündiger Fahrt durch eine zusehends belebter werdende Landschaft erreichten wir Asni, das « Interlaken » des Atlas. Den Tälern entströmen reiche Wasser, die durch künstliche Leitungen bis zu 30 km ins durstige Land hinausgeführt werden. Der festungsartige, an eine Kaserne gemahnende Bau in Asni ist das von früheren Atlasfahrten berühmte Bergsteigerquartier « Bonne Auberge ». Wohl führt eine Fahrpiste durchs Reraiatal 15 km weit nach Imelil, doch ist sie wieder einmal von einem Erdrutsch für viele Tage gesperrt, so dass wir uns dazu bequemen müssen, auch dieses Stück unter die Füsse zu nehmen. Der teils bröcklige, teils lehmige Boden, der ohne nennenswerte Baum- oder Pflanzendecke ist, gerät sehr leicht in Bewegung. Zur Beförderung unseres Gepäcks bis an die Schneegrenze können wir für einen Pappenstiel Maultiere mieten. Während diese gemächlich herbei-getrieben und gebastet werden, nehmen wir einen ersten Augenschein von den nun in unmittelbare Nähe gerückten Gipfeln des Hoch-Atlas. Unter dieser Bezeichnung versteht man das zwischen den beiden grossen Nord-Süd-Einschnitten des Tizi n'Test und Tizi n'Tischka liegende Stück der insgesamt mehr als 700 km messenden Atlaskette. Er beherbergt auf engstem Raum sieben der insgesamt acht Viertausender dieser Gebirgskette. Der Atlas baut sich aus mächtigen Bänken von dunkler Lava ( Andesite ) und Granit auf, die in der Zeit der ersten Alpenbildung gehoben und nur leicht gefaltet wurden. Es fehlt an kühnen Gipfelformen, wie z.B. das Matterhorn, und die Erosion hat das Gebirge auf weite Strecken in öde Trümmerfelder verwandelt. Spuren früherer Vergletscherung sind zwar erkennbar, doch ist diese heute bis auf eine bedeutungslose Stelle in einem Nordcouloir verschwunden.

Die termitenartig aus gestampftem Lehm in Terrassenform an die Berglehnen gebauten Häuser werden nicht von Arabern, sondern von der aus dem offenen Land grösstenteils verdrängten Urbevölkerung, den Berbern, bewohnt, die sich hier Chleuhs nennen. Jede grössere Siedlung, die sich wegen ihrer Erdfarbe kaum vom Boden abheben würde, wird von einer Casbah beherrscht, einer im Stil unserer mittelalterlichen Festungen erbauten Burg zum Schutz vor räuberischen Überfällen. Gleichmässig steigend, erreichen wir in dreieinhalb Stunden, vorbei an kleinen Kornmühlen, die durch Bäche angetrieben werden, den Knotenpunkt Imelil, wo sich die Wege zu den drei hauptsächlichsten Tourengebieten des Hoch-Atlas ( Tacheddirt-Hütte, Lépinay-Hütte am Tazarhrart und Neltner-Hütte auf Isougane Ouanoums ) gabeln. Auf offenem Feuer bereiten unsere Maultiertreiber das nordafrikanische Nationalgetränk, den übersüssten Pfefferminztee. Nach obligater Rast steigen wir auf gutem Saumpfad im Zickzack durch einen lichten Nussbaumhain eine Hangstufe hinauf, die uns zum Cirque d' Aremd führt, einer langgestreckten Hochebene, die von einem Bachgeäder durchspült wird. Es handelt sich zweifellos um ein aufgeschüttetes früheres Seebecken. An seinem Rand nistet das Dorf Aremd, die höchste Siedlung des Tales, auf ca. 2000 m. Die Bäume bleiben zurück, und nur dürre Stachelpolster begleiten uns noch eine Weile, dem Geröll bald die Alleinherrschaft überlassend. Bis auf 2900 m herab reicht die geschlossene Schneedecke. Ihr Anblick verscheucht unsere letzten Zweifel über Nutz oder Unnutz der Ski im Atlas. Wir ziehen in ein über 1200 m hoch hinaufreichendes Skifeld ein.

Die Maultiere müssen zurück, und wir buckeln die letzten 300 m unser Gepäck selbst, an zahlreichen Kistendepots vorbei, bis zu der bereits sichtbaren Neltner-Hütte auf 3207 m ( Gesamtaufstiegszeit neun Stunden ). Wie froh sind wir, eine gastlich bereitete Unterkunft mit dampfendem Trank und mit Speise vorzufinden! Was der zwei Tage vorausgeeilte Tieffenbach zusammen mit Arcamone, Wyatt und zwei Chleuhs für Arbeit geleistet hat, kann man nur ermessen, wenn man weiss, dass diese in französischem Stil gebaute Unterkunft nichts als vier nackte Wände und eine Reihe aufgeschlitzter Seegrasmatratzen bot. 29 Kisten enthielten neben dem Proviant für 10 Tage alles Notwendige für Küche und Tisch. Wohl konnte dieses Inventar bis an die Schneegrenze gesäumt werden, doch von dort musste es in mühsamem Pendelträgerdienst durch die Chleuhs auf dem Rücken herbeigebracht werden. Dabei gehen diese Leute in leichten Sandalen oder überhaupt unbeschuht und waten den ganzen Tag durch Schnee, der schon unter den ersten Sonnenstrahlen pappig zu werden beginnt. Drei Meter tief musste der Schnee durchgraben werden, um im Asif Ait Mizane Wasser fassen zu können.

Zwar hätte unsere Ankunft genügend Anlass zu einer gebührenden Fest-zeremonie geboten; doch forderte die Müdigkeit so gebieterisch ihr Recht, dass wir, unbekümmert um allfällige Matratzeninsassen, vor denen das Hüttenbuch in beweglichen Worten warnte, bald selig in unseren Schlafsäcken schliefen.

Vorgesehen war die Bildung einer Skifahrergruppe ( betreut von Baur ) und einer Klettergruppe ( geleitet von Tieffenbach ). Bereits der erste Tag bewies, dass die Verhältnisse einer solchen Unterteilung feindlich gesinnt waren. Während die Skifahrermannschaft ihr Ziel, den Akioud n'Bou Imrhaz ( 4030 m ), wenn auch nicht ganz mühelos, erreichte, scheiterte die Gruppe Tieffenbach am Blankeis und ausgiebigen Neuschnee, mit dem der Tadajt ( 3900 m ) sich schützend umgab. Dieses Felsriff im Schatten des Akioud weist die Besonderheit auf, dass es, im Gegensatz zu den übrigen Atlasgipfeln, keinen einzigen leichten Zugang bietet. In der Folge mussten sich unsere Kletterer wohl oder übel in Wintertouristen verwandeln, da auch die anderen Besteigungsvorhaben — Toubkal-Westgrat und Eiscouloir des Tazarhrart — nur geringe Aussicht auf Erfolg, wohl aber aussergewöhnliche Anstrengung und Gefahr versprachen.

Mit Befriedigung stellen wir beim Aufbruch fest, dass der Schnee firnig und gut gefroren ist. Eine steile, zwischen schokoladebraune Felsmauern eingezwängte Rinne, durch die sommers wohl ein Wildbach sprudeln mag, vermittelt den Zugang zu den offenen Hängen des Amrarhas n'Iglioua, einem Skigelände, das die verwöhntesten Ansprüche befriedigen kann. Am Fuss der Felsen lassen wir die Ski zurück. Während sich unsere Kameraden am Tadaft die Zähne ausbeissen, rücken wir in glühender Tropensonne, ebenfalls zu Fuss, dem Akioud schneestampfend zu Leibe. Ein steiles, sich oben verengendes Couloir führt in den Einschnitt zwischen Süd- und Hauptgipfel. Wohl ist die jähe Felsplatte als letztes Hindernis von der Sonne erwärmt und leuchtet wie ein bronzener Schild, aber überall tränen glitzernde Glatteis-augen darin. Die Schwierigkeiten halten uns aber nur eine knappe Seillänge in Atem, dann legt sich das Gelände zum sanften Schuttkopf zurück.

Welcher Gegensatz: gestern noch im wilden Getümmel der Araberstadt, heute auf schneeiger, einsamer Hochzinne inmitten des schwarzen Erdteils! Erstmals umfasst unser Blick staunend das neue Gebirge in seiner Eigenart: gedrungene, breite Kuppen, nur von einzelnen tiefen Tälern durchschnitten. Am Horizont lässt der violette Dunst die ganze staub- und hitzegeladene Atmosphäre der Wüste ahnen, und dazwischen haben unsichtbare Wasserläufe grüne Flecken hervorgezaubert. Der Abstieg in der Westflanke entlang dem Nordgrat stellt keine Probleme mehr. Zuletzt führt eine Rutschpartie durch bereits stark aufgeweichten Schnee — es ist notabene erst 11.30 Uhr — zum Skidepot zurück. Die ungewohnt steile Sonne des 31. Breitengrades brennt so empfindlich, dass wir froh sind, in der Abfahrt etwas Kühlung zu finden. Der Schnee ist ungleichmässig. Besonders heisst es auf die Grenze zwischen bestrahlten und schattigen Stellen aufzupassen, wo die Schneebeschaffenheit krass wechselt. Freudig kehren wir von dieser Besteigung, die unter dem Motto « erste Fühlungnahme mit den Atlasbergen » segelte, heim. Was uns dann die Küche bot, war erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie aus einer offenen, mit drei Steinen hergerichteten Herdstelle, drei mitgebrachten Kochgeschirren, den geschickten Händen der Chleuhs, der kulinarischen Phantasie Arcamones und einem als Keller ausgebauten Schneeloch bestand. Man kann so leicht ermessen, was es heisst, hier neun anspruchsvolle Bergsteiger zufriedenzustellen. Unsere Chleuhs waren aber nicht nur in jeder Hinsicht treue, stets vergnügte Diener, sondern sie entpuppten sich auch als recht begabte Skijünger.

Der 7. April ist in unserem Tourenbuch als Tag einer Doppelbesteigung, des Ras n'Ouanoukrim ( 4083 m ) und des Timesguida ( 4089 m ), eingetragen. In aufgelockerter Formation rücken wir gestaffelt dem Tizi n'Ouagane zu. Steil fällt diese Wasserscheide nach Süden ab, von einer Wächte überdacht. Nicht alle bringen wir die nötige Begeisterung auf, um die Ski über das kurze Felsgrätchen zu den Skifeldern im oberen Berggeschoss zu tragen. Dass sich aber auch zu Fuss auf dem tragenden Firn steigen lässt, beweist unser Küchenchef, der als wahrer « Bergtank » durch seinen gewaltigen Auftrieb unser Staunen erregt. Die Aussicht vom Timesguida eröffnet neue Einblicke in das geheimnisvolle Land zwischen dem Atlas und dem Anti-Atlas. Es besteht aus wannenförmigen Tälern, in denen sich die ganze Feuchtigkeit der umliegenden Gebirge in abflusslosen Gewässern sammelt, mit ihren frischen Palmenhainen grüne Brennpunkte des Lebens inmitten dürrer Röte bildend. Als Verbindungsglied zum Anti-Atlas trennt der schneegekrönte Djebel Siroua das Dadès- vom Soustal. Deutlicher noch als er erinnern die niederen, stumpfen Kegel an den vulkanischen Ursprung dieser Bergwelt. Vergeblich ist angesichts der Ausdehnung dieser Zwischenlandschaft unser Bemühen, die Wüste Sahara, den Inbegriff Nordafrikas, zu erspähen.

Hätten unsere Gefährten geahnt, welche Lust uns das Hinabgleiten von diesem 4000 m hohen Dach bescheren würde, sie hätten sich vielleicht eines Besseren besonnen. Auch in den Alpen hätte uns keine schönere Schneefläche beschert werden können als hier unter der afrikanischen Sonne. Den grössten Teil der Felspartie vermeidend, können wir schon hoch oben in ein Couloir einlenken, das uns in die offenen Steilhänge zur Linken des Tizi n'Ouagane hinausschiesst, wie eine Kugel aus dem Rohr. Und in froher Slalomfahrt führt der Weg durch Sulzschnee zur Tiefe.

Nur zu früh — das ganze Unternehmen hatte vier Stunden gedauert — langen wir kurz vor Mittag wieder in unserer Hütte an. Mit dem Sonnenbaden ist es allerdings auch diesmal bald vorbei, da im Laufe des Nachmittags von Süden her Wolken aufziehen und einen kurzen Hagelschauer über uns ausschütten.

Trotz dem bereits Erlebten brachte die Bewältigung des Toubkal ( 4160 m ) noch eine Steigerung des Genusses. Nicht etwa, weil dieser Gipfel die bisher besuchten um einige Meter überragt, sondern wegen des grossartigen Naturschauspiels, das er unter der verklärenden Einwirkung eines heftigen Südwindes bot, und der unerwarteten Freuden, die er uns Skifahrern verschaffte. Dieser König des Atlas gilt sonst nicht als ausgesprochener Skiberg, da er in der Regel nur spärlich mit stark verblasenem Schnee ausgekleidet ist. Heute aber wiesen sowohl die steile Rinne des Irzher n'Ikhibi-Süd als auch die gleichgeartete Flanke, die, von einer Felsfluh durchbrochen, zu einer Schulter des Nordwestgrates führt, eine tadellose, zusammenhängende weisse Decke auf. Die als Zwischenstück anzusprechende sanfte Mulde war mit Schnee reichlich versehen. Wir waren in corpore unterwegs, teils mit Ski, teils mit Steigeisen bewaffnet. An den Gipfelgraten hingen wundervolle flatternde Schneefahnen, die uns schon früh ankündigten, dass wir auf dem letzten Aufstiegsstück zu Fuss von tobendem Sturm begleitet sein würden.

Merkwürdigerweise schonte er uns aber auf dem Gipfel, so dass wir dort über eine Stunde verweilen konnten. Ganz nah gerückt war unser geheimnisvoller Viertausender, der Iférouane, und wir wanderten mit den Augen die bevorstehende Haute Route vom Tizi n'Immouzzer bis zu ihm hinüber. Aus 150 km Entfernung grüsste der einzige Viertausender des mittleren Atlas, der Djebel Irghil m'Goun. Bis zum oberen Auslauf des Irzher n'Ikhibi-Süd liess das im Ganztagsschatten liegende Skigelände nichts zu wünschen übrig. In der letzten Steilstufe aber war der Schnee steinhart geblieben und verursachte unter uns einen Massensturz.

Bis auf die beiden letzten Viertausender Afella ( 4043 m ) und Biguinnoussene ( 4002 m ) hatten wir in diesen drei Tagen alle Tourenmöglichkeiten im Hüttenumkreis erschöpft. Obwohl sie keine eigentlichen Skiberge sind, lockte uns die Überschreitung ihres Verbindungsgrates, in dem als hübsche Kletterzähne die Clochetons de l' Ouanoukrim stecken, um so mehr, als es sich unseres Wissens um eine winterliche Erstbegehung handeln musste. Auf dem uns bereits vertrauten Weg steuern wir dem Amrarhas n'Iglioua zu und arbeiten uns rechts haltend am Steilhang in die Lücke des Tizi n'Ouanoukrim ( 3860 m ) empor. Hier vertauschen wir die Ski mit Seil und Pickel. Die steile, aber schneefreie Felsbastion des Afella über uns in der warmen Sonne lädt zu einer vielversprechenden Kletterei ein; doch ziehen wir nach einiger Überlegung die erprobte Route unserer Vorgänger einem Ungewissen Abenteuer vor. Behutsam auf mehr oder weniger waagrechten Bändern nach Westen querend, weisen uns im Schnee noch schwach sichtbare Spuren die Richtung. Wir folgen über kleine Felsabsätze, die nach oben senkrecht aufstreben, und steile Firnhänge der Gipfelfallinie. Ein sich nach rechts hinaufziehendes Couloir verlangt einige Pickelarbeit. So erreichen wir ohne besondere Schwierigkeit nach einer Stunde den höchsten Punkt.

Über ein sanft geschwungenes Schneejoch wenden wir uns dem Nordgipfel zu. Der Biguinnoussene zeigt uns hier seinen dunklen Felskopf, der gar nicht so weitab zu liegen scheint. Doch wir kennen das tückische Spiel, das solche Grate mit unseren unzulänglichen Augen zu treiben pflegen, indem sie sich zuerst wie eine Handorgel zusammenschieben, um sich dann vor dem ungeduldigen Fuss behäbig bis in ihre letzten Fältelchen auszudehnen. Sanft neigt sich hier der hohe Gipfel und fällt dann plötzlich in abschüssigen, schneebepuderten Felsen in die Scharte vor den Clochetons ab. Über plattige Felsen und ein steiles Schneecouloir weichen wir in die Schneehänge der Ostflanke aus, die nur allzu deutliche Spuren der Sonnentätigkeit aufweist. In abwechselnder Spurarbeit queren wir sie, um dann in eine Seitenrippe einzubiegen. Einer unserer Kameraden, der uns vom Tal aus beobachtete, berichtete später, er hätte da vier Menschen gleichsam mit abgesägten Beinen durch das Weisse waten gesehen! Hier scheinen uns jäh abfallende, tief unterm Schnee begrabene Felsen ein weiteres Fortkommen zu verwehren. Um die nächste, vom Fuss der Clochetons herabfliessende Schneerinne zu erreichen, müssen wir den Felshang von noch unüberblickbarer Ausdehnung schneiden. Robi betätigt sich wirksam als Schneepflug und spurt in fast einstündiger Arbeit eine Gasse durch dieses heikle Gelände.

Wir ahnen richtig, dass wir damit die eigentliche « Pièce de résistance » hinter uns haben. Hart unter den Clochetons folgen wir einem Felsband, bis uns ein schmales Sims, das eine Seillänge schöner, exponierter Kletterei fordert, in den Schneebrei zurückführt. Nach ca. 200 m weiterem, mühsamem « Löcher-stampfen » gelingt es uns, den Grat wieder zu gewinnen. Der erstrebte Gipfel ist in greifbare Nähe gerückt, aber wieder nur, um uns zu narren: einen Gendarm nach dem andern holt er aus seinem Sack heraus und stellt ihn uns vor die Nase! Ihre Überkletterung oder Umgehung ist bei den winterlichen Verhältnissen umständlich. Als letztes Hindernis reckt sich noch ein etwa 50 m hoher Turm wie ein schlankes Minarett vor uns auf. Das aus der Ferne mit bösartigen Eisgirlanden verziert scheinende Couloir erweist sich bei näherem Zusehen als harmlos. Dann scheint der Gipfel erreicht zu sein! Und wieder ist es nur ein Vorgipfel! Nochmals müssen wir in eine Scharte absteigen, um dann endgültig zum höchsten Punkt dieses langgezogenen Gipfelkamms hinaufzuklimmen. Dreieinhalb Stunden hat uns der Grat gekostet. Leider hat sich der Himmel, wie gewohnt um diese Nachmittagszeit, mit verwaschenem Gewölk überzogen, und wir müssen uns auf einen Schnee-gruss gefasst machen. Die Ski am Fusse des Afella zurücklassend, wählen wir deshalb den direktesten Weg durch den Irzher n'Tadat ins Ait Mizane-Tal und wühlen uns zunächst einige Seillängen durch Pulverschnee. Wie ein Spielzeug wirkt der 30 m hohe Felsfinger des Tadat. Ohne den Sattel selbst zu berühren, verfolgen wir das steile Couloir mit niederen Felsabsätzen. Je tiefer wir kommen, desto bodenloser wird die Schneepappe. Nur noch ihre klebrigen Griffe hemmen uns. Es bleibt nichts anderes als sich hinabarbeiten — « en nage libre — Freistilschwumm » —, wie unser erprobter « Atlassist » es nennt, Aber einmal hat auch diese Qual ein Ende! Mit ungewohnt dankbarer Zärtlichkeit betreten wir diesmal die ersten Brocken der Schutthalde.Vor der Hütte übt Brahim, unser treuer Chleuh, Slalom, und hilft uns bei der Ankunft, die wasserdurchtränkten Hosen und Strümpfe auswinden.

Wütend faucht der aus dem südlichen Wüstengebiet heranbrausende Sirokko um unsere Hütte. Sie steht mitten in der schönsten Zugrinne dieses föhnartigen Fallwindes. Kündet er wohl, wie bei uns zu Hause, einen Wetterumsturz an?

Der heutige Ruhetag gilt der Hüttenräumung, denn morgen müssen wir umziehen. Der Skifahrerverein plant einen Vorstoss ins Tifnout-Massiv, wo uns ein letzter, im Winterkleid angeblich noch unbestiegener Viertausender, der Iférouane, in seinen Bann genommen hat. Dieser Abstecher soll zu einer Art « Haute Route de l' Atlas » ausgebaut werden. Unsere vier weniger skigewohnten Gefährten beabsichtigen, in entgegengesetzter Richtung nach Westen über den Tizi n'Tadat zur neuen Tazarhrart-Hütte hinüberzugehen und von dort über die volkskundlich reizvolle Berbersiedlung Tizi n'Oussem nach Asni, dem allgemeinen Sammelpunkt zurückzukehren.

( Fortsetzung folgt )

Feedback