Der Bistenenpaß

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Seit dem Bau des Simplontunnels, und erst, wenn derselbe beendigt sein wird, dürfte die nähere Umgebung jenes Massivs auch in touristischer Beziehung mehr in den Vordergrund treten. Namentlich wird das Simplonhospiz als Standquartier für größere und kleinere Touren in der Umgebung an Bedeutung gewinnen. Die große Frequenz der Visperthäler legt es nun nahe, eine möglichst rasche und touristisch empfehlenswerte Verbindung der Simplonhöhe mit jenen gesegneten Gefilden der Hochtouristik und internationalen Fremdencentren, wie Zermatt und in Zukunft auch Saas-Fee, beziehungsweise deren Ausgangspunkt Stalden und Visp ausfindig zu machen. Als ein solcher, nicht übermäßig anstrengender und landschaftlich ganz bemerkenswerter Übergang empfiehlt sich nun der Bistenenpaß, über welchen man in cirka 7 bis 8 Stunden vom Simplonhospiz nach Visp gelangt. Da derselbe auch das von Dr. Stebler in seiner letztjährigen Monographie so eingehend geschilderte Visperterminen berührt, so dürfte eine Begehung des Bistenenpasses für den Alpenwanderer, der Land und Leute studieren will, von doppeltem Interesse sein. Es mag daher nicht unbescheiden erscheinen, wenn Schreiber dieser Zeilen dem bis jetzt wenig bekannten Bistenenpaß in unseren Annalen einige kurze Worte widmet.

Vom Simplon nach Stalden und Visp führen drei Übergänge, die alle das Gamserthal in seinem oberen Teil berühren. Der südlichste Übergang, der Sirwoltenpaß ( 2664 m ) zwischen Galenhorn und Sirwoltenhorn, sowie die im nämlichen Grate etwas nördlicher, zwischen Galenhorn und Magenhorn liegende Magenlücke, werden auch ab und zu begangen; besonders der erstere, wobei man den alten Spital, dieses ehrwürdige historische Denkmal der Stockalperschen Blütezeit, als Ausgangspunkt nimmt. Wir wählten den nördlichsten Übergang, den Bistenenpaß.

Es war am 20. August des vorigen Jahres, als wir, meine Frau und ich, in Begleitung eines Trägers, der unsere etwas schweren Rucksäcke befördern sollte, das gastliche Simplonhospiz verließen. Wir hatten daselbst bei den Mönchen gute Aufnahme und Unterkunft gefunden. Sehenswert ist im großen Fremdenzimmer ein Ölbild Napoleons des I., des kühnen Erbauers der Simplonstraße. Es ist nicht das stereotype Napoleons-bild, wie man es so oft zu sehen Gelegenheit hat, sondern ein Portrait, das den Korsenjüngling mit dem Feuerauge in seinen jüngern Jahren als General darstellt. Unsere Abreise hatte sich etwas verzögert, weil der Träger als frommer Walliser die Frühmesse nicht versäumen wollte. So wurde es halb acht Uhr, als wir gemächlich über die grünen Triften den Hütten von Platten zuwanderten und uns nun auf dem etwas vernachlässigten und steinigen Pfad der Höhe des Bistenen zuwandten. Die Steigung ist keine übermäßige, und der Weg führt über blumige und saftige Weidhänge allmählich empor. Unter der Paßhöhe verliert sich die Wegspur in einer sumpfigen Mulde, aus welcher ein erneuter halbstündiger Anstieg auf die Höhe des Passes hinaufführt. Der Bistenenpaß, 2442 m, ist vom Simplonhospiz aus in 2 bis 2½ Stunden gut zu erreichen und bei hellem Wetter an Hand der Siegfriedkarte leicht zu finden und zu begehen. Die Aussicht, die er bietet, ist ganz bemerkenswert. Gegen Norden dominiert das Glishorn, und weiter rückwärts zeigen sich in voller Entwicklung die Berner Alpen. Vor allem wird der Blick durch die imposante und kühn aufstrebende Gestalt des Bietschhorns gefangen, wie aus beiliegender Reproduktion zu entnehmen ist. Östlich bemerkt man in unmittelbarer Nähe die ausgedehnten Firnfelder des Kaltwassergletschers, sowie die prächtige Figur de3 Monte Leone und seines Vasallen, des Hübschhorns. Nach Süden erstrahlte in vollem Sonnenglanz der schnee- und eisumpanzerte Firngrat des Fletschhorns. Nach kurzer Rast begann der Abstieg ins Gamserthal, dessen Thalwasser man bei den Hütten von Bisi-stafel, 1850 m, auf schwankender Brücke übersteigt. Nun rächte sich unser später Aufbruch ganz bitter. Denn in voller Mittagshitze, die sich auch in dieser Höhe ganz intensiv bemerkbar machte, mußte nun in ununterbrochenem Anstieg der Höhenzug, der das Gamserthal von der Ge-büdemalp und von Visperterminen trennt, gewonnen werden. Aber auch das hatte sein Ende und eine kurze Rast an dem blumenumkränzten Alpsee der Gebüdem entschädigte landschaftlich reichlich den vergossenen Schweiß. Von hier führt der Weg durch prächtigen Tannenwald und in unzähligen Zickzacks hinunter, bei der Wallfahrtskapelle mit ihren Leidensstationen vorbei, nach dem zerstreut auf grüner Wiesenterrasse liegenden Visperterminen. Hier hatten wir Gelegenheit, einige uns von Dr. Stebler in seiner Monographie vorgeführte Bilder in Wirklichkeit zu sehen. Es war Sonntag, in den Dorfgassen herrschte buntes Leben, ebenso im Schützenhaus, wo hart um die Palme des Tages, den Meyen, gerungen oder besser gesagt geschossen wurde. Daß wir in dem einzigen Wirtshaus des Ortes unter der vielgestaltigen „ Sonntagsgastig " uns den berühmten Heidenwein schmecken ließen, wird keiner nähern Begründung bedürfen. Von Visperterminen hat man nun die Wahl, nach Stalden oder auswärts nach Visp abzusteigen. Wir zogen das letztere vor und wanderten wohlgemut die viel beschriebenen Heidenreben abwärts, um in Visp an der Eisenbahnlinie eine sichere Rückzugsgelegenheit abzuwarten. Wir hatten vom Simplonhospiz bis nach Visp 7½ Stunden gebraucht, woraus zu ersehen, daß der Bistenenpaß auch für bescheidenere Marschansprüche geeignet ist.

Bob. Minder ( Sektion Biel ).

Feedback