Der Eiger. Mittellegigrat und Hörali

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Mittellegigrat und Hörnli. Von Samuel Brawand.

1.

« Wo man ein Kind war, da ist alles schön und heilig », schrieb Hermann Hesse irgendwo. Er hat wahr gesprochen. Und wenn ich nun vom Eiger vielleicht zu grosse Dinge schreiben sollte, möge man mir es nicht als Schwärmerei auslegen, sondern mich entschuldigen mit Hesses Wort.

Wer kennt ihn nicht, den Eiger! Wer hat nicht schon seinen Löwenleib bewundert! Wer es nicht getan, sah ihn nie im güldenen Abendkleide, sah nie den Mondschein über ihn gleiten, sah nie die gleissenden Eisflanken mit den blauen, scharfgezeichneten Schatten. Und wer zu den Glücklichen zählt, die von seinem Gipfel über unser liebes Heimatland blicken durften, der hat ihn doppelt lieb gewonnen.

Wir wundern uns kaum, wenn schon recht früh die Bergfahrer von diesem Gipfel angelockt wurden. Allerdings wob sich auch um ihn die Sage, die warnend den Finger hob vor tollkühnem Beginnen. Soll doch Eiger von Oger, vom Menschenfresser, hergeleitet sein. Man erzählte sich, wie ein Engländer vor alter Zeit den Gipfel habe erstürmen wollen, wie sein Unternehmen geglückt sei, er aber den Rückweg nicht mehr habe finden können. Aus Not habe er auf dem Gipfel ein grosses Feuer angezündet. Viele haben, erzählt die Sage weiter, es versucht, den Berg zu erklimmen, doch alle stürzten in Ogers hungrigen Rachen.

Lange Zeit galt der Eiger bei Bergsteigern wie bei der Talbevölkerung als unersteiglich. 1858 gelang es jedoch Charles Barrington mit Christian Almer und Peter Bohren, über die Westflanke den Gipfel zu erreichen. 1876 erzwang sich G. E. Forster mit Hans Baumann und Ulrich Rubi den Weg über den Südgrat. Die zwei Anstiege genügten jedoch den tatendurstigen Bergsteigern nicht, weil ja der dritte und schwierigste Weg über den Ostgrat zu tun blieb. Wohl gelang dieser Grat zweimal im Abstieg; beidemal unter Zurücklassung von mehr als 150 m Seil: 1885 geriet der erste Abstieg M. Kuffer mit Alexander Burgener, J. M. Briner und A. Kalbermatten; erst 1904 wurde die Überschreitung von West nach Ost durch G. Hasler mit Christian Jossi und Fritz Amatter wiederholt. Immer noch blieb aber der Aufstieg von der Mittellegi her. Versuch folgte auf Versuch, Angriff auf Angriff und Misserfolg auf Misserfolg. Alexander Burgener hat zwei Tage vor seinem erfolgreichen Abstieg am grossen Turm den Anstieg aufgeben müssen. Noch im gleichen Jahr versuchten Führer von Grindelwald ihr Glück; auch sie blitzten ab. In zwei Gruppen geteilt, begann die eine den Abstieg vom Eigergipfel her, die andere den Aufstieg von der Mittellegi. Sie gelangten, die eine an den Fuss, die andere an den Kopf des grossen Absturzes westlich des Turmes. Trotzdem sie so nahe waren, dass sie miteinander sprechen konnten, gaben sie den Versuch auf. Bis 1912 zählen wir drei weitere erfolglose Angriffe.

Der Krieg gebot eine mehrjährige Pause. Erst im Juli 1921 wagten die bekannten Führerlosen H. Pfann und A. Horeschowsky zwei neue Angriffe. Beide missglückten am Absturz hinter dem Turm.

Wir hatten mit viel Interesse den letzten Angriff verfolgt, lebte doch schon damals in uns der Plan, ebenfalls den harten Mittellegigrat zu wagen. Yuko Maki aus Japan hatte sich in mehrjähriger Übung als ausgezeichneter Bergsteiger erwiesen. Die schwierigeren Besteigungen des Berner Oberlandes waren getan. Einige Gipfel der Walliseralpen standen schon damals in seinem Fahrtenverzeichnis. Recht willkommen war es ihm daher, nun etwas Ausserordentliches zu unternehmen. Was lag näher als der Eiger-Ostgrat?

Am 9. September 1921 hatten wir in aller Stille die sämt- lichen Vorbereitungen beendigt. Die Gruppe zählte nun vier Mann: Yuko Maki, Fritz Amatter, Fritz Steuri und mich. Amatter hatte einen Abstieg und zwei Aufstiegsversuche hinter sich, kannte infolgedessen den Grat wie keiner. Seinem Kopf ist denn auch der ganze Angriffsplan entsprungen. Er hat gewusst, welcher Werkzeuge wir bedurften. Zu unserer Ausrüstung gehörten ausser den üblichen Hilfsmitteln einige Mauerhaken, Nägel, Hammer und Bohrer, eine 5 m lange Stange, 2 Wolldecken und 4 Paar aus alten Hosenröhren verfertigte Überschuhe. Dazu kam ein 60 m langes Reserveseil.

Es ist die Bemerkung gefallen, die « bergsteigerisch einwandfreie » Erstbesteigung des Mittellegigrates bleibe noch zu tun, da bei unserm Aufstieg Stange und Nägel benutzt worden seien. Ich betone hier, dass solche Schreiber wahrscheinlich Die Stange nicht wissen, was sie sagen, oder sie sind Maul- meinetwegen Federhelden, die vom Schreibtisch aus urteilen, ohne selbst die Aufgabe besser lösen zu können. Wahrscheinlich wird es nach diesen Aposteln überhaupt keine « turistisch einwandfreie » Erstbesteigung des Mittellegigrates geben, da ja nun ständige Seile angebracht sind. Nein, seien wir ehrlich. Ohne die erwähnten Hilfsmittel, vorab ohne die Stange, wäre der Mittellegigrat wahrscheinlich auch heute noch unerstiegen. Ich sage nicht, er sei unmöglich, doch müsste man eine hübsche Schicht guten Schnees treffen, was in dieser steilen Nordflanke beinahe nie der Fall ist.

Zur Würdigung der zu überwindenden Schwierigkeiten wollen wir anhand der beigefügten Skizze die Hauptpunkte des Aufstieges festhalten.

Ein Nachmittagszug der Jungfraubahn hatte uns bis Station Eismeer gebracht. In leichter Kletterei erreichten wir bei Sonnenuntergang vom Kallifirn her die Gratkante etwas westlich vom Punkte, wo heute die Hütte steht. Ich werde den Eindruck nie vergessen, den mir der Berg in diesem Augenblick machte. Mächtig reckte er im Abendglanz seine Pyramide, den schönsten Bergformen in nichts nachstehend. Man kann solche Eindrücke nicht beschreiben. Sobald sie sich zu Worten verdichten, verflachen sie, sind ein Nichts. Nur wem solche Augenblicke zu erleben vergönnt ist, weiss, was die Berge uns sagen können.

Wir stiegen in massig schwieriger Kletterei bis zu unserm Freilagerplatz auf 3500 m Hohe. Ein Turm heischte grössere Anforderungen. Es ist der zweite, ein glatter Kalkstock, und mahnt lebhaft an Engelhörner.

Unser Lager schlugen wir bei einem kleinen Loch in der Südwand des Berges dicht unter der Gratschneide auf. Das Loch gewährte den obern Hälften zweier Männer notdürftig Schutz. Die zwei untern Hälften und die beiden übrigen ganzen Männer konnten es sich auf dem schnell gemauerten Absatz verhältnismässig bequem machen.

Langsam ist die Nacht in die Täler geschlichen. Rings leuchtet ein Kranz herrlicher Berge. Unten blitzen die ersten Lichter auf. Sie mehren sich.

Über uns glänzt Stern an Stern. Blass steigt die Mondsichel hinter dem Schreckhorn empor. Wir erleben, was allein ist. Das Auge sucht unten nach dem liebsten Lichte, hält Zwiesprache mit ihm: Nein, noch sind wir nicht allein. Drunten sind sie mit uns verbunden durch unsichtbare Fäden des Geistes. Gute Nacht!

Der Morgen war schlechter, als wir geglaubt, doch gestaltete sich bis 7 Uhr das Wetter so, dass wir aufzubrechen beschlossen. Der « Grosse Turm » P. 3687 lag um 10 Uhr hinter uns. Wir standen an der Stelle, wo alle frühern Angriffe abgeblitzt waren. Jäh türmt sich der Berg. Glatt ist die Nordflanke, abschüssig, gedacht. Die Südwand hängt merklich über. Um 10 Uhr stiegen wir ein, uns klar bewusst, dass es bald nur noch ein Hinauf geben wird, ein Zurück unmöglich. Was nun folgt, ist schwer zu beschreiben. Sieben Stunden klebten wir in den nächsten 200 Meter. Stufe um Stufe wird in zäher Arbeit erklommen. Fortwährend saust loses Geröll zur Tiefe, fernem Donner gleich. Hände drohen zu erstarren. Fluhsätze bieten ihre harten Stirnen. Es schneit. Kaum wird ein Wort gewechselt. Jeder weiss, es geht um Tod und Leben. Doch sieh, es hellt sich auf, wieder lacht die Sonne, nur gegen das Tal verdeckt ein dicker Nebel jede Sicht. Was schadet das aber? Wir wollen ja hinauf, hinauf.

5 Uhr abends. Wir wissen, dass wir gesiegt haben. Noch sind wir nicht oben, doch grüssen wir Alexander Burgeners Pickel. Fast hätte ich den Hut gezogen vor ihm. Wen würde nicht ein tiefes Gefühl der Ehrfurcht beschleichen vor einem Pickel, der sechsunddreissig Jahre dort oben Blitz und Sturm getrotzt 1 ). Wenn nicht, weiss der, was ein Pickel istWir pflanzen unsere Stange zu ihm und binden ein Tuch als Fahne daran. Morgen wird es hinunter grüssen zu Tal, Kunde geben von unserm Sieg. Heute verdeckt uns hartnäckig ein dichter Nebelwall, der vom Grat nach Norden ins Leere streicht.

Um 715 stehen wir auf dem Gipfel. Dämmerung im Tale, Licht auf den Höhen, Freude im Busen. Tief unten winken die Lampen der Station Eigergletscher. Noch erreichen wir taglichts den Eigersattel; dann leuchtet kurze Weile der Mond weiter. Bei Laternenschein endlich wandern wir langsam tiefer und tiefer. Endlos lang wird heute die Westflanke des gewaltigen Berges. Und doch langen wir 230 früh beim Eigergletscher an. Niemand hat uns mehr erwartet, aber wir wissen das Zeichen: Ein paar Steinchen ans Fenster, und der Wirt bringt Leben ins Haus. Bald sitzen wir bei heissem Tee, selber kaum begreifend, woher wir eigentlich gekommen.

Seither sind Jahre verstrichen. Eine Hütte steht oben auf dem Grat. Seile helfen über die schwierigsten Stellen. Die Überschreitung ist wiederholt worden. Sie bleibt, aber trotz der Seile etwas vom Schönsten, was ich je getan. Einzig bleibt der wundervolle Tiefblick auf Grindelwald während der ganzen Gratkletterei. Und eigenartig: auf der einen Seite grüne Weidetrift, glitzernde Seen, fernes Hügelland, auf der andern starre Gletscherwelt, Schneeberg an Schneeberg, tiefer Winter.

Man hört oft den Ausdruck vom « Berg, der in Ketten liegt ». Ja, meinetwegen braucht ihn! Am meisten nehmen ihn jedoch die in den Mund, die, einmal oben, die Fesseln am wenigsten missen möchten. Ich gebe zu, es ist nicht ideale Bergsteigerei, an festen Seilen zu klettern. Doch wie viele sind in den fünf Jahren von 1921—1926 über den Mittellegigrat geklettert? Niemand. Nun gut. Wie viele sind es seither? Mindestens ein Dutzend Partien. Jetzt hinterher klagt man über den Berg in Banden, und den freien hat niemand gewollt.

2.

Der Bau der Mittellegihütte liess ein neues Problem aufwachen. Unwillkürlich drängt sich dem Bergsteiger beim Anblick des Eigers der Wunsch auf, den Berggrat in seiner ganzen Länge zu überklettern. Die Hütte bot nun einen festen Stützpunkt, so dass an die Verwirklichung dieses Wunsches ernsthaft gedacht werden konnte. Dabei war man sich des Haupthindernisses bewusst. Zwischen Punkt 2929 und Punkt 3004 klafft eine tiefe Scharte. Ihre Überwindung schien ungewiss.

Als Yuko Maki im Sommer 1926 aus Japan zurückkam, wurde ihm der Plan eröffnet. Sofort war er bereit, die Überschreitung des ganzen Eigers von der Lütschinenschlucht bis zum Eigergletscher zu versuchen. Am 22. September um 3 Uhr früh brachen wir von Grindelwald auf: Yuko Maki, H. Watanabe, Sab. Matsukata, die Führer Fritz Amatter, Fritz Steuri, Emil Steuri und ich. Wir erreichten die oben erwähnte Scharte um 4 Uhr nachmittags und sahen, dass man sich ihre Begehung zu einfach vorgestellt hatte. Die Westwand dieser Kluft mag ungefähr 45 m hoch sein. Sie hängt ziemlich stark nach Ost und Nord über. Nur von Süden her kann deshalb ein Angriff erfolgen. Nun ergaben sich zwei Möglichkeiten: Einmal fassten wir einen kleinen Riss ins Auge, der unmittelbar aus der Lücke die Wand empor und im obern Teil nach Süden leitet. Unter dem Überhang durch führt aber eine glatte, völlig grifflose Platte hinüber in einen zweiten Riss der Südwand. Diese Platte zu überwinden, war ohne Hilfsmittel unmöglich. Es blieb nun noch ein etwa 50 m langer Quergang in der Südwand. Die erwies sich aber als äusserst schwierig und gewährte nicht die kleinste Sicherung. Für so etwas wurde die Gesellschaft als zu gross erkannt und der Rückzug beschlossen. Durch dichten Nebel erreichten wir abends 9 Uhr das Gasthaus Alpiglen; diesmal ohne das freudige Gefühl des Sieges.

Aber der Misserfolg entmutigte uns nicht. « Der Eiger wird nicht davonlaufen und der Hörnligrat 1 ) auch nicht. » Maki verreiste wieder nach Japan. Doch letzten Sommer kam Matsukata mit seinem Freund Uramatsu wieder, jener hatte den Plan ebensowenig aufgegeben wie wir. Diesmal rüsteten wir uns etwas besser aus und erkoren als Ausgangspunkt Alpiglen, das schon bedeutend höher liegt als Grindelwald.

Föhnig warm war der Morgen des 6. August, als wir um 315 das gastliche Haus in Alpiglen verliessen. Lange Federwolken zogen durch den Himmel. Eine Stunde lang führte uns der Weg über die Weiden der Rinderalp gegen die Bohnern. Kurz vor dem grossen Lawinenkessel der Schüssellaui bogen wir nach rechts und begannen langsam die Grashänge und das unwegsame Krummholz zu überwinden. Da wär 's bei solch lauer Nacht ein herrlich Biwakieren gewesen unter knorrigen Arven, im dichten Alpenrosengestrüpp.

Der Tag begann hinter dem Wetterhorn emporzusteigen, als wir uns endlich am Fuss des ersten Felsabsturzes anseilten. Wir kannten den Einstieg vom letztjährigen Rückzug her. Wir behielten den von uns 1926 begangenen Anstieg eine Zeitlang bei und querten dann nach Osten unter den gewaltigen Flühen der Grossen Hörnli durch, wo wir den üblichen Anstieg von Grindelwald wieder erreichten. ( Siehe Zeichnung. ) Um 730 betraten wir den Sattel.

Herrlich warm schien die Sonne. Glänzend war der Tag geworden. Oh, es ist ein eigen Ding, im Sonnenschein hemdärmelig an warmen Kalkplatten zu klettern. Um 845 sahen wir uns auf dem östlichsten der Grossen Hörnli, P. 2866. Eine knappe halbe Stunde später arbeitete Emil am Ausbau eines kleinen Loches, das uns endlich einen Schlupf durch den zweiten Gipfel gestattete. Wir hatten mit diesem Einfall kostbare Zeit gewonnen. Endlich um 10 Uhr konnten wir unsere recht gewichtigen Säcke in der berüchtigten Scharte, wo wir letztes Jahr umgekehrt waren, niederlegen. Keine Zeit wurde versäumt. Emil war schon gewappnet und kampfbereit, mit Hammer und Meissel der glatten Wand auf den Leib zu rücken.

Wir hatten nämlich beschlossen, den direkten Weg aus der Scharte über die jähe Platte zu wählen. Das Ding sah ordentlich kitzlig aus. Ich gestand mir leise: So habe ich mir es nicht vorgestellt.

Immerhin, Emil begann zu klettern, derweil wir drei übrigen unser Mittagessen verzehrten, die Kletterschuhe anzogen und die schweren Bergschuhe in unsere Säcke verstauten. Oben tönten die ersten vorsichtigen Schläge auf den Meissel. Immer rascher folgten sie sich, und scheinbar mühelos entstand in kurzer Zeit das erste Loch. Der erste Stift stand fest mit Holz verkeilt. Schon bin ich oben. Zwei Mauerhaken gestatten mir einen luftigen Stand und Sitz im Seil. Ich beginne zu bohren. Ungeschickt zuerst und mühsam. Doch bald läuft die Arbeit besser, und endlich steht auch der zweite Stift. Noch einer, dann wagen wir 's. Emil schlägt den letzten, kommt zurück und kommandiert: « Hopp, weiter! » Ich habe mich unterdessen an eines unserer Hundertfuss-Seile gebunden und klettere, von meinem Kameraden gefolgt, rasch zum obersten Stift. Über diesen wird das Seil geschlungen. Nun hinüber in schwacher, vorsichtiger Pendelbewegung, ohne einen andern Halt als den des Seils, hoch oben 800 m schier senkrecht über dem Gletscherabbruch des Kallifirns. Fürwahr eine luftige Schaukel. Es gelingt, die erwähnte kleine Rinne in der Südwand zu erreichen. Nachdem ich etwas verschnauft habe, beginne ich ruhig und langsam die ausserordentlich steile, griffarme Kehle emporzuklettern. Oft muss ich ausruhen. Unten bricht eine gewaltige Lawine hinterm Eigerschloss ab. Donnernd poltern die Blöcke zur Tiefe. Wie ein Blitz durchzuckt der Gedanke mein Hirn: Wenn du fielest, kämst grad in die Blöcke!... Aber was, fallen? Verzweifelt hebe ich die harte Arbeit von neuem an. Emil ist längst meinen Blicken entschwunden. Noch höre ich hie und da einen schwachen Ruf. Ich gebe keine Antwort mehr. Meine Aufgabe hält mich ganz gefangen.

Noch vier Meter. Aber — eine verteufelt schwierige Stelle. Ich muss zuerst einige tiefe Atemzüge tun. Derweil grüble ich einen Mauerhaken aus der Tasche, stecke ihn in eine Felsritze, seile mich ab, ziehe das Seil durch den Ring des Hakens und binde es wieder um den Leib. Ich fühle mich einigermassen gesichert. Nun in letztem Anlauf über das oberste Bollwerk, und ich stehe oben... Jauchzen hätte ich mögen, aber ich konnte nicht vor Müdigkeit und Erregung. Zudem klebte mir die Zunge am Gaumen, ein unheimlicher Durst quälte mich.

Nach einer geraumen Weile konnte ich meinen Gefährten Kunde geben, dass das Wagnis geglückt sei, dass wir uns aber zu sputen hätten. Im Westen zog eine schwarze Wolkenwand am Himmel auf, die nichts Gutes verhiess. Um 14 Uhr hatte ich die Rinne hinter mir. Um 1615 endlich waren wir alle vier oben und warfen einen letzten Blick in die teuflische Kluft. Nun aber hurtig von hinnen. Kaum gönnten wir unsern trockenen Kehlen etwas Schneewasser. Eile tat Not, donnerte es doch schon in der Ferne. Das Gewitter war rasch da. Huh, pfiff der Wind um die Grattürme! Im Haar begann es zu knistern. Die Punkte 3004 und 3069 lagen hinter uns. 1730 beschlossen wir, unter einem Felsvorsprung Zuflucht zu nehmen. Nach einer Stunde war das ärgste Wetter vorüber. Aber dass es ganz aufhöre, daran war nicht zu denken. In Sturm und Regen strebten wir nun weiter. Im Augenblick waren wir alle durchnässt bis auf die Knochen. Durch unsere nassen Hüte schlug der elektrische Funke. Das Geräusch erinnert an eine Influenzmaschine. Wohl hielten wir uns möglichst vom Grate weg, aber immer ging das nicht.

Endlich, 1940, betraten wir das liebe Hüttlein auf der Mittellegi. Der Sturm rüttelte, gewaltig klatschte der Regen an die Scheiben. Ein langes Elmsfeuer knisterte an der Eisenstange überm Kamin. Aber drinnen war 's trocken, war es so wohlig. In warme Wolldecken gehüllt, bereiteten wir unser Abendmahl, streckten uns dann auf die Pritschen und schliefen ein im stürmischen Schlummerlied des Eigers.

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