Der Eiger vor 50 Jahren

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Eine Erinnerung.

Von Paul Montandon1 ).

Es war am Samstagabend des 17. August 1878, als vier Bergsteiger, deren ältester 23, der jüngste 16 Jahre zählte, auf dem Thunerseedampfer und der damaligen Bödelibahn nach Interlaken fuhren. Ihre Richtung war die Wengernalp, ihr Ziel der Eiger. Noch ging keine Eisenbahn in die Täler hinauf. Und mit einem Kutscher wurden wir nicht handelseinig. Der Mann war zäh wie wir und der Gescheidtere; er zog ein gemütliches Spiel am hellen Wirtstisch der düstern Nachtfahrt in unserer Gesellschaft vor. So wanderten wir denn gleichmütigen Sinnes und fröhlichen Schrittes Lauterbrunnen zu. Dort stand der mächtiglange Ueltsch ( Ulrich Lauener ) in dunkler Haustüre und erwiderte unsern späten Gruss. Eine grosse, nun beinahe legendäre Gestalt aus alten Zeiten! Die Namen Ulrich und Christian Lauener stehen überall an erster Stellein den Berichten frühester, grosser Bergunternehmungen. Ein dritter Bruder, Johann, Verwegenster der Drei, fiel auf der Gemsjagd in den Felsen der Jungfrau zu Tode. 1 ) Die Teilnehmer an dieser Eigerfahrt waren Ingenieur Max Müller ( 1856—1890 ) von Thun, unser Bester, erster Besteiger des Lobhorns und der Spillgerten; Ingenieur Rudolf Wyss ( 1855—1903 ) von Gerzensee; mein junger Freund Adolf Rubin ( 1862—1886 ) von Kiesen, mit 15 Jahren einer der ersten Besteiger des Lauterbrunner Mittaghorns.und der Schreibende. ( Siehe auch « Neue Alpenpost » vom 31. Juli und 7. August 1880. ) Diese Jugendfahrt wurde damals bekannt und in der Presse — vor 50 Jahren — begreiflicherweise abfällig beurteilt. Da wir gute Gründe hatten, nicht zu viel auszugeben, kostete sie uns äusserst wenig. Auch bemerkte ein damaliger Einsender: « Eingekehrt wurde offenbar nirgends, » womit wir gerichtet waren.

Höher strebten wir, umflossen von der wundervollen Schönheit der Vollmondnacht. Wie sich unsere jungen Herzen weiteten! Unhörbar schwebten jenseits des Tales die silbernen Wellen des Staubbaches zur Tiefe. In der Ferne schimmerten die ewigen Gletscher. Wie das tiefe Schweigen der Natur uns kleine Geschöpfe geheimnisvoll umfasst, uns mit dem All verbindet! Wir sinnen und träumen... Doch die letzten Stunden der Nacht fanden uns zu kurzem Verweilen in einer der Hütten auf Wengernalp. Hier wurde uns ein Frühtrunk herrlicher, warmer Milch gereicht.

In der ersten Tageshelle stiegen wir weiter, erfüllt von der Romantik und der Neuartigkeit unseres grossen Unternehmens. Vor uns, erdrückend beinahe, starrte die 2000 Meter hohe Wand des Eigers empor, unser Weg.

Ein hartgefrorener Schneehang leitet zu den Felsen. Über viele Hunderte von Metern hinauf ist es ein treppen artig es, vergnügliches Klimmen. Hoch oben unterbricht eine Wand den felsigen Westgrat. Auf ihrem Scheitel, 3008 Meter über Meer, ist die « Kanzel », ein Platz zu wohligem Lagern und zu stärkendem Imbiss. Auch wir bleiben eine Weile und schauen über den fast senkrechten Nordabsturz hinab zu den grünen Hängen der Scheidegg, wo friedliches Vieh weidet.

Stehe fest, o mein Fuss, An dem Abgrund hier, Einwurzeln muss Nun die Sohle dir. Denn es reichet die Fluh Wohl an tausend Schuh Weit weit hinab In ein tiefes Grab. Noch schaute der Kleine Eiger von hoch oben auf uns herab — unbedeutend, hochmütig. Der Berghang reckte sich nun steiler empor, die Gesimse schwanden. In Rinnen lauerte, dem Auge eines Raubtieres gleich, dunkel glänzendes Eis. Ansteigend querten wir nach rechts die ganze Bergflanke. In der Mitte mahnte eine vereiste Runse zur Vorsicht: Wir entrollten das Seil. Auch weiterhin, auf vereisten Platten und in glatten Rinnsalen, fand der Fuss nicht immer guten Halt. Doch, wer kannte damals Steigeisen? Nach langem Gange standen wir am Fusse des hohen, blinkenden Firnhanges, der den Weg zum obersten Teil des Westgrates bildet. Harte Arbeit harrte unser. Derweil der Vorangehende Stufen schlug in brennender Sonne, erwehrten sich seine Kameraden nur mit Mühe des Einschlafens. Doch jeder Schritt brachte uns höher. Wir gewannen aufatmend den obersten weichern Firngrat und nach einer halben Stunde, um halb 3 Uhr nachmittags, den höchsten Gipfel — als erste Führerlose.

Abgesehen von einem guten Stück Landstrasse bedeutete die Strecke von Interlaken weg eine nahezu ununterbrochene Steigung von 3400 Metern. Jugend!

Der Himmel war dunkelblau, fast schwarz und die Aussicht so klar und schön wie nur möglich. Am Seil trat einer nach dem andern hinaus auf den Rand der grossen Wächte, welche über den Gipfel hinaushing. Unmittelbar zu Füssen fällt dort der Grat der Mittellegi ab. Auch ihn schmückten sonnig schimmernde Wächten, und längs diesen lichten Gebilden glitt der Blick abwärts, unendlich tief, zu den grünen Hängen von Grindelwald. Mittellegi! Der unglaublich luftige Weg, den in spätem Jahren Menschen auf- und niedergingen! Die hohe, scharfe Schneide, welche auf der Grossen Scheidegg dem stolzen Berge den Namen « Heih Ger » ( Hoher Ger ) verschafft haben mag.

Südwärts umfasst das Auge die glänzende Runde höchster Gipfel mit ihren weiten Gletscherströmen, taucht unmittelbar ein in das Eisheiligtum des Berner Oberlandes. Zu dieser lichtvollen, wenn auch erstarrten Landschaft bilden die grünen Voralpen, die Seen im Norden den wohltuenden Gegensatz. Das Gefühl der Einsamkeit in toter Eiswelt, wie es den Bergsteiger etwa auf dem Finsteraarhorn übernimmt, kommt hier nicht auf, denn die Aussicht vom Eiger ist eine der malerischsten. Wir schauen und schauen was das Auge vermag 1 )

Bei aufgeweichtem Firn und besser gearteten Felsen verlief unser Abstieg ohne Hindernis, und beim Einnachten öffnete unser Freund, der Senne von heute Morgen, uns wiederum seine Türe. Unsere zwei Ältesten blieben hier — die Glücklichen. Mich rief die Pflicht talwärts. Der junge Rubin wollte bei mir bleiben. Also wanderten wir denn zusammen fürbas, Lauterbrunnen zu. Unter den Ästen einer Wettertanne flog unser Geist für einige Zeit in das Traumland und auch unten im Tale erlaubten wir uns bei Gelegenheit einen Unterbruch. Doch glücklich gewannen wir am Montagmorgen in Interlaken den ersten Zug und das Schiff. Sie führten uns der Arbeit entgegen.

Einige Jahre nach dieser mir unvergesslichen, wenn auch heutzutage sehr gewöhnlichen Fahrt lagen meine drei jungen Gefährten von damals alle im Grabe. Keiner fiel in den Bergen, und unsern Jüngsten berührte die Hand des Todes zuerst. Auch wir, die Alten, haben nach und nach zu verzichten auf jene Freude, die unser Leben erhellt und beglückt. Es sei uns Alten gestattet, vergangener, stolzer Tage zu gedenken. Und denken wollen wir der lebensfrohen Augen so manches guten Kameraden, der einst an unserer Seite ging und uns dar.n für immer verliess. Sie sind unvergessen. Und wann auch wir den letzten Gang tun, möge uns zuteil werden der kräftige Spruch Nikiaus Manuels:

« So, Manuel, irisch auf, harnach und dran, Lass Schweizerdegen und Werkzeug stahn.

Warst mannlich in so mancher Schlacht, Sag mannlich jetzt der Welt Gutnacht !»

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