Der Leckipass

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( 2912 Meter. )

Von H. Zähringer.

Schon im Jahre 1870 hatte ich bei meinen Streifereien im Gotthardgebiet die Absicht, einen direkten Uebergang vom Gotthardpass zum Furkapass zu suchen; allein das Wetter war damals für eine grössere Unternehmung nicht günstig. Nun im Jahr 1871 finde ich in dem trefflichen Itinerarium von Rütimeyer einige Notizen über den projektirten Uebergang und ich nehme meinen vorjährigen Plan wieder auf. Wir lesen Seite 64 des Itinerariums nach den Angaben des Herrn Gösset: « Furka bis Pass zwischen Blauberg und Thierberg l*/2 Std. Von da bis Leckipass 2 Std., Ersteigung des Leckihorns l/2 Std. Leckipass bis Oberstaffel in Wyttenwasser 2 Std. Oberstaffel-Ywerberpass 2 Std. Ywerberpass-Gotthard 2l/2 Std. Empfehlens-werther, als vom Leckipass in die Tiefe von Wyttenwasser hinabzusteigen, wäre nach Herrn Gösset, sich auf der Höhe des Wyttenwassergletschers, nördlich des Hühnerstockes, zu halten, um einen Uebergang zwischen Ywerberpass und Piz Lucendro zu suchen, deren es mehrere gibt.

»

An der Hand dieser Notizen und mit Hülfe der sorgfältig revidirten Excursionskarte war es Dicht schwierig, eine Marschroute für den Uebergang vom Gotthard zur Furka zu entwerfen. Ich wollte möglichst nahe am Gebirgskamme, der von Fibbia, Lucendro, Hühnerstock, Wyttenwasserstock, Leckihorn, Mutthorn und Blauberg gebildet wird, hinwandern, und jedenfalls nicht in die Oberstaffel der Wyttenwasseralp ( 2190 M. ) hinuntersteigen. Der Erfolg zeigte auch, dass man sich ganz gut auf der Höhe des Wyttenwassergletschers halten kann, so dass der tiefste Punkt, den man zwischen Gotthard ( 2093 M. ) und Furka ( 2436 M. ) erreicht, der Lucendropass ( 2539 M. ) ist, während der höchste Punkt, der man auf dieser Wanderung berühren kann, die Spitze des Leckihornes, 3053 M. ü. M. liegt; man bewegt sich also auf der ganzen Route in einer Höhe zwischen 2000 und 3000 M. Die Begehung des eigentlichen Gebirgskammes ist unmöglich; denn derselbe besteht aus wildzerrissenen Zacken, die jeden Augenblick den Einsturz drohen; aber die Eis- und Firngebiete des Lucendro-, Wyttenwasser- und Mutten-gletschers sind sehr gut begehbar.

Während ich am 23. August Abends mit den Vorbereitungen zu dem Gletschermarsch nach der Furka beschäftigt war, kamen drei mir wohl bekannte Luzerner Clubisten auf dem Gotthard an. Ich suchte den einen oder den andern für ipeine Tour zu gewinnen, aber keiner wollte den einmal gefassten Plan: den Pizzo Centrale zu besuchen und dann wieder heimzureisen,

aufgeben. Der Eine fühlte keinen Trieb nach Entdeckungsfahrten, der Andere wollte meinen Versicherungen; dass diess Jahr die Gletscher in ausnahmsweise compakter Schneebedeckung daliegen, keinen Glauben schenken und der dritte nahm Anstoss an. dem Umstände, dass mein Führer, Franz Sehn von Göschenen, Knecht bei Herrn Lonibardi, ein trefflicher Gletschermann, in der einzuschlagenden Richtung noch nie über den Piz Lucendro vorgedrungen war.

Donnerstag den 24. August wurde Morgens 4 Uhr beim herrlichsten Himmel das gastliche Hôtel Monte Prosa auf dem Gotthard verlassen; von meinen Landsleuten war nur einer sichtbar, der in malerischer Morgentoilette zum Fenster hinaus seine Frühcigarre schon rauchte und mir dabei freundschaftlich eine .glückliche Reise wünschte. Während wir über die Granitblöcke der Valletta di San Gottardo zwischen Fibbia und Pizzo la Yalletta gegen den kleinen Fibbia-.gletscher hinaufstiegen, begannen einzelne Nebelstreifen herumzufliegen, welche während des Tages sich da oder dort ansetzten, ohne übrigens das Gesammtbild der erhabenen Gebirgswelt irgend zu beeinträchtigen. Der ganze Tag bewahrte einen vollkommen klaren Himmel und die ersten Majestäten der Alpenwelt standen fortwährend unverhüllt in der Runde: Tödi, Galenstock, Finsteraarhorn, Monte Rosa.

Zwischen der Fibbia und dem Piz Lucendro liegt

*eine Einsattelung, über welche der Lucendropass

( 2539 M. ) von der Lucendroalp nach der Vineialp im

Bedrettothal führt. Der Abstieg vom Fibbiagletscher

zur Passhöhe gehört nicht zu den gebahnten Wegen;

Schweizer Alpenclub.11

um so schöner ist aber der Aufsteig über den Lucendrogletscher zur Spitze des kühngeformten, nach allen Seiten steilabfallenden Lucendrokegels ( 2959 M. ), den wir um 7 Uhr nach dreistündigem Marsche erreichten. Nach den vorhandenen Wahrzeddeln ist der Lucendro in diesem Sommer wiederholt bestiegen worden und er verdient diess auch sowohl mit Rücksicht auf seine vollendet schöne Form als mit Rücksicht auf seine umfassende Rundsicht.

Eine Stunde verwendete ich darauf, in die blühenden Thäler niederzubücken und mein Auge auf den herrlichen Spitzen mit ihren blendenden Schneefeldern ruhen zu lassen; besonders nahe stand mir das freundliche Bedrettothal, das ich letzter Tage vom San Giacomopass her durchwandert hatte, der schöngeformte Basodine, auf dessen schwellender Firnhaube ich letzten Sonntag geruht, der altbefreundete Galenstock, den ich mit einem jener drei auf dem Gotthard ruhenden Clubisten bestiegen, und endlich der Allherrscher, das kühne Finsteraarhorn, von dessen Spitze ich den umfassendsten Blick in den herrlichen Aufbau des. Alpen-. Systems geworfen.

Um 8 Uhr zogen wir weiter. Bis hierher hatte ich meinen Wegweiser gehabt; nun aber begann die Entdeckungsfahrt. Wir übersahen unsern ganzen Weg bis zum Leckipass, der sich in sanftem Firnbogeii zwischen dem spitzen Leckihorn und dem trümmerreichen Roththäli aufwölbt. Zunächst musste an der Lucendrospitze durch eine vergletscherte Kehle der namenlose gegen Ober-Staffel abfallende Gletscher gewonnen werden. Mit Hülfe einiger Stufen wurde diese Aufgabe gelöst und bald waren wir zum Cavannapass ( 2611 M. ), der von der " Wyttenwasseralp nach der Ga-vannaalp im Bedrettothàl führt, gelangt.

Von hier zogen wir uns längs des Hühnerstockes quer über den schönen Wyttenwassergletscher mit seiner hochgethürmten Mittelmoräne und erreichten nach 31/2 stündigem ffiarsche, um 111/2 Uhr, den Leckipass ( 2912 M. ). Zwischen dem Hühnerstock und dem Leckihorn, etwas nach Süden zurücktretend, steht der Wyttenwasserstock ( 3084 M. ), der seinen Namen mit Recht trägt, denn er sendet seine Wasser sehr weit; nach Südosten in den Tessin, nach Südwesten in die Rhone und nach Norden in die Reuss. Er bildet also die Wasserscheide zwischen drei Meeren: dem adriatischen Meere, dem Golf du Lion und der Nordsee; die eigentliche Wasserscheide liegt übrigens etwas östlich von dem Punkte 3084 bei dem unbenannten, wenig beachteten Punkte, wo sich die vom Wyttenwasserstock, vom Hühnerstock und von der Pesciora auslaufenden Gräte vereinigen. Der Firnkessel zwischen Hühnerstock, Wyttenwasserstock, Leckihorn und Roththäli ist von imposanter Pracht; das Bild der Grossartigkeit, welches die kühnen Felsen, verwitterten Gräte, ausgedehnten Schneefelder und trümmerreichen Moränen darbieten, findet einen freundlichen Abschluss in den grünen Weiden und zerstreuten Hütten der Wyttenwasseralp.

Vom nördlichen Grat des Leckipasses, von dem » Roththäli ( 2908 M. ), blickt man auf den schön gefurchten Stellibodengletseher und in die weite Muttenalp hinab; vom südlichen Grat blickt man auf den zerrissenen Gerengletscher und gegen den Pizzo Rotondo ( 3197 M. ), das höchste und wildeste der Gotthardhörner.

Die Ersteigung des Leckihornes ( 3053 M. ), das sich nur 141 M. über die Passhöhe erhebt und auf einer schneefreien Trümmerhalde leicht in einer halben Stunde erreicht werden kann, unterliess ich, weil uns der Weg nach der Furka unbekannt war und wir uns jedenfalls nicht von der Nacht überraschen lassen wollten. Eigenthümlich wie die Form des Leckihornes, welches einen stark nach Süden überhängenden, gekrümmten Felszahn bildet, ist auch die Lage desselben zwischen den drei Einsattelungen, die den Gerengletscher mit dem Muttenfirn und dem Wyttenwassergletscher und die beiden letzteren untereinander verbinden. AVer den Weg in umgekehrter Richtung macht, thut vielleicht gut, das Leckihorn zu besteigen und dafür den Piz Lucendro rechts liegen zu lassen. Der Unterschied in der Rundschau von diesen beiden Punkten kann nicht bedeutend sein. Wer zur Abkürzung des Weges den Lucendro nicht besteigt, kann zum Ersatz die Fibbia ( 2742 M. ) besuchen, deren Signal nur wenige Minuten von dem Wege nach dem Gotthard rechts liegt. Wer von keinem dieser drei oft besuchten Punkte angezogen wird, kann bei diesem Uebergange auch den Wyttenwasserstock ( 3084 M. ) erreichen, doch wird diese Besteigung am meisten Zeit in Anspruch nehmen. Nach einer Rast von einer Stunde verliessen wir ùm 121/a: Uhr den Leckipass und wanderten über den prachtvollen Muttenfirn gegen den kahlen Grat, welcher vom Muttenhorn gegen die Muttenalp niedersteigt. Auf diesem Grate bemerkten wir vier Gemsen, welche sich bei unserer Annäherung bergwärts zurückzogen. Nach

Uebersteigung des Grates kamen wir auf einen kleinen Gletscher, der an die grünen Weiden des Thierberges sich anlehnt. Nach kurzer Wanderung auf weichem Rasen führte uns der Weg'auf den Sattel zwischen Thierberg und Blauberg, von welchem der kleine Schwärzegletscher gegen das Thal der Garschenalp liiederhängt. Yon hier wTeg ist man der Schneeregion entrückt und nach Ueberwindung einiger tiefeingeschnittenen Runsen erblickt man die Furkastrasse und das neue Hôtel, wo wir wenige Minuten nach 4 Uhr einrückten. Unsere Wanderung hatte somit genau zwölf Stunden gedauert, und nach Abzug der beiden Pausen auf dem Lucendro und auf dem Leckipass, kommen auf den eigentlichen Marsch zehn Stunden, davon etwa acht auf Schnee und Eis. Bei dem guten Zustande von Firn und Gletscher hatten wir uns nie eines Seiles bedient und auch das Beil k|m nur an wenigen Stellen zur Anwendung.

Man kann diesen Uebergang vom Gotthard zur Furka, oder umgekehrt, kurz den Leckipass nennen und es ist damit dem Gebirgswanderer, dem Freunde grossartiger Fels- und Gletscherpartien, dem Forscher in den Alpenregionen ein neuer Weg zwischen zwei vielbesuchten Stationspunkten eröffnet, der ihn der staubigen Landstrasse entrückt. Das Phänomen der Abnahme der Gletscher, lässt sich an allen den zahlreichen grossen und kleinen Gletschern, die man theils überschreitet, theils übersieht, deutlich constatiren und der Wyttenwassergletscher und der Muttengletscher, die beide an Alpen anstossen, würden sich trefflich für Gletscherbeobachtungen eignen.

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