Der Ostgrat der Aiguille du Plan

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Von F. H. Bell.

Bergsteigen gleicht den besten menschlichen Unternehmungen insofern, als Ziel und Erreichung desselben oft weitauseinander liegen. Wenn das Unerwartete nicht den Umfang ernsten Missgeschickes annimmt, bewirkt es eher eine Erhöhung des Sportgenusses. Smythe und ich hatten hierin Glück. Mit genügendem Optimismus ausgerüstet, hofften wir, in einem Tage die erste Bezwingung eines schwierigen Überganges ausführen zu können, währenddem es uns dann gelang, die zweite Begehung eines schwierigen Grates im Zeitraum zweier Tage durchzuführen.

Smythe hatte vom verzweifelten Rufe des Nordost-Couloirs unter dem Col du Pain de Sucre vernommen. Er hatte schon andere derartige begangen. Mit T. Blakeney hatte er im Juni 1929 einen energischen Angriff auf dieses Couloir unternommen und war bloss durch das plötzliche Eintreten sehr schlechten Wetters zurückgeschlagen worden. Gemäss Smythe war in Wirklichkeit Blakeney verantwortlich gewesen für diesen Plan. Dieser erste hoffnungsvolle Versuch gelang bis zu einer Stelle bedeutend oberhalb der Gabelung des Couloirs. Dort sollte man vor fallenden Steinen ganz sicher sein. Es sollte entweder möglich sein, im Couloir über harten Schnee ein gutes Stück hinaufzusteigen oder aber links die Felsen des Pain de Sucre zu benützen, welche durchaus ersteigbar erscheinen. So kam es, dass Smythe und ich am 24. Juli 1927 den Weg auskundschafteten bis zu einer gewissen Stelle unter dem ersten der drei Bergschründe, welche den Fuss des Couloirs queren. Wir fanden einen ziemlich leichten Weg über die Felsen hinauf, welche den Eisfall des Glacier d' Envers de Blaitière einfassen. Es war ein friedvoller Sommernachmittag; kein einziger fallender Stein störte die stille Ruhe des oberen Gletschers. Alle Anzeichen schienen günstig für einen Versuch, als wir gemächlichen Schrittes zum Montenvers zurückkehrten.

Montag, den 25. Juli, verliessen wir dieses Hotel um 140 Uhr früh. Die Nacht war klar und ruhig. In Bälde stieg der Mond auf und goss sein silbernes Licht über die Felszacken des Grépon und der Charmoz. Vor Tagesanbruch erreichten wir die leichten plattigen Felsen, nahmen etwas zu uns und wateten dann aufwärts zum untersten Bergschrund. Dieser und der nächstfolgende boten keine Schwierigkeiten, aber der oberste erwies sich als ein zäher Gegner. Wir waren viel zu spät hieher gelangt. Die Sonne schien direkt in unser « friedliches » Couloir. Eisfälle begannen, anfänglich in ganz kleinen Stücken mit hie und da einem grösseren als Muster für was folgen sollte. Auch oberhalb dieses Schrundes würden wir noch weit entfernt sein von jener Sicherheit, welche erst oberhalb der Gabelung des Couloirs zu erwarten war. Und der Schrund mit seinem harten Eis — schlecht überdeckt mit Schlamm — war noch nicht überwunden. Wir mussten uns für heute als geschlagen erklären; wir waren wenigstens zwei Stunden zu spät hieher gelangt. Sechs Stunden ehrlichen Schweisses schienen verloren zu sein —, als Smythe etwas von Ryans Weg auf die Aiguille du Plan mur- melte. Ich muss wohl mein einstweiliges Einverständnis ausgedrückt haben, denn wir begannen beide den Schnee zu queren in der Richtung der rechten Ecke des Bergschrundes. Falls wir die dortigen Felsen ersteigen konnten, schien nichts einem Versuch des Ostgrates des genannten Gipfels entgegenzutreten. Einmal auf dem Felsrücken, waren wir vor jeglichen Fällen gesichert.

Es war nicht leicht, auf dem Felsen Fuss zu fassen. Der Schnee war weich geworden und darunter lag Eis. Nach einem Ausgleiten, das automatisch zum Stillstand gebracht wurde, erreichten wir einen Standort im unteren Teil des Couloirs zwischen der Aiguille du Plan und dem Crocodile. Wir hatten gehofft, den Felsrücken sogleich zu gewinnen. Statt dessen, mussten wir ein gutes Stück in diesem Couloir emporsteigen. Darin gab es wirklich keine guten Standpunkte. Ein Wasserstrom, genährt durch den schmelzenden Schnee oberhalb, rann in dessen Mitte herunter, und Smythe vollbrachte hier über eine sehr heikle Stelle und über den Wasserfall hinauf ein prächtiges Stück Führerarbeit. Aber wir wurden sehr nass und das Seil gänzlich durchtränkt. Weiter aufwärts, linker Hand, abwechselnd über Fels und Schnee, alles äusserst steil. Wir mussten ziemlich in der Mitte des Couloirs bleiben, und Lawinengefahr war keinenfalls ausgeschlossen. Smythe war Führender. An einer Stelle, wo ich durch einen Felsen geschützt war, schoss eine grosse Menge Schnee gerade über meinen Kopf weg in die Tiefe. Keine gute Strasse führte durch diese Rinne hinauf; fast jeder Schritt musste durch Hacken erobert werden, wobei das Eis allerdings viel weniger hart war als später höher oben. Gerade oberhalb dieses Teiles des Plan-grates steht ein sehr auffälliger Gendarm, der von der Couverclehütte aus gut sichtbar ist. Wir waren nun schon drei Stunden in dem Couloir.

In Bälde stiegen wir weiter. Uns hatte gedünkt, dass der Hang an Steilheit im Abnehmen sei. Aber wir waren an einem jener trügerischen Berge, und alles war steiler, als es aussah. Auch höher oben machten wir die gleiche Erfahrung, die Neigung nahm sogar noch zu. Oberhalb des genannten Punktes fanden wir das einzige unschwierige Stück unserer Besteigung: etwa 30 Meter guten Schnee. Bald waren wir wieder in der Sonne und Richtung links wieder an der Arbeit, vollständig ausser Lawinenbereich. Doch fast sogleich gelangten wir in weichen Schnee, dessen Unterlage sehr hartes Eis bildete. Wir befanden uns immer noch ein gutes Stück unterhalb des Grates. Der Hang war so steil, dass Smythe, der unentwegt vorwärts stieg, öfters Handgriffe schlagen musste. Hie und da kam der Fels etwas zum Vorschein, aber mit Neigung nach unten. Ich muss gestehen, dass ich meine Stellung als eine unangenehme empfand, da ich den fallenden Eisstücken ausgesetzt war, welche bei einem Fall von 50 Fuss oder mehr eine ganz gehörige Schlagkraft bekamen. Meine Hände wurden beide sehr bald gefühllos und zerschnitten, da Handschuhe in dieser Lage unnütz waren. Der letzte Mann am Eishang ist sehr wenig im Falle, die Besteigung zu schildern. Er ist die passive, leidende Person und sichert die Nachhut. Nach anscheinend unendlich langem Hacken tauchten wir endlich auf dem sonnebeschienenen Grat auf. Eine Eisarbeit nach alten, klassischen Traditionen lag hinter uns. Wir triumphierten, und es war erst 3 Uhr nachmittags. In zwei bis drei Stunden würden wir sicher den Gipfel betreten. Der Hang schien hinter dem nächsten grösseren Gendarm an Steile abzunehmen. Wir mussten uns wohl etwa 400 m unter dem Gipfel befinden.

Nach einer kurzen Pause gingen wir weiter. Bald wurde uns klar, dass dies kein leichter Grat sei, auf dem wir beide gleichzeitig vorrücken konnten. Ein scharfes Stück führte uns gegen den Gratturm, dem wir durch eine Anzahl steiler Kamine nahten. Seine Ersteigung erforderte vier vollständige Seillängen. Dann kamen wir zu einer Art Scharte, jenseits deren die Schwierigkeiten von neuem einsetzten. Der Grat wurde steiler. Alle Quergänge, wo sie nötig wurden, mussten linker Hand, auf der Requinseite, ausgeführt werden. Auf der Seite des eben verlassenen Couloirs waren die Felsen fast senkrecht.

Die nächste Schwierigkeit bestand in einem Kamin links des Grates. Hier hatte Smythe einen Unfall, der sehr ernst hätte werden können. Im Inneren des Kamines glitt ein keilförmiger Block abwärts und klemmte ein Bein meines Kameraden ein. Ich kletterte abwärts, ihn zu befreien. Der Stein war sehr schwer, und es gelang mir, ihn auf eine Seite schwanken zu machen, da er fast einen Meter tief im Inneren des Kamines stak. Die Bewegung schien anfangs die Situation eher zu verschlimmern, aber der Block musste in jedem Fall fortbewegt werden. Er kippte endlich langsam herum und polterte durch den Kamin hinab, meinen Kameraden mit einigen Quetschungen freilassend. Ein glückliches Entrinnen!

Der nächste Unfall sollte in Bälde eintreten. Ich kletterte, als erster, durch einen dreizölligen Riss empor, zwischen einer steilen Platte und einer senkrechten Wand. Einige Griffe waren erhältlich durch Einklemmen der Faust und der Zehen in den Riss. Es war schwierig, das Gleichgewicht zu bewahren, der Pickel war hinderlich und der Fortschritt langsam und mühselig. An gewisser Stelle steckte ich den Pickel in eine Spalte höher oben, als eine ungeschickte Bewegung meinerseits dessen Gleichgewicht störte. Abwärts fiel er, ins Innere des Berges, unwiederbringlich verloren. Die Eisaxt war mir sehr lieb, sie war sehr gut ausbalanciert und hatte mich auf viele Gipfel begleitet. Trotzdem empfand ich weder grosses Leid noch Ärger. Das Ereignis hatte seinen Grund in der Ungewissheit, ob der Pickel als Fusshalt benützt werden könne oder aber mit dem Rest der Ausrüstung aufgeseilt werden müsse, wie es bei den Chamonix-Aiguilles und deren Rissen so oft der Fall ist. Ein leichteres Stück folgte nun, und wir kamen rasch vorwärts zu einer sehr guten Sicherungsstelle am Fuss eines ganz steilen Kamins. Überall in diesen Felsen war die Sicherung eine vorzügliche. Ein Quergang links führte zu nichts, ebensowenig ein solcher rechts, und es war beinahe 7 Uhr abends.

Wir hatten hier zu bleiben und fanden glücklicherweise einige Fuss unter uns die einzige Felsleiste, welche sich für ein Biwak eignete. Wir beeilten uns, alles Nötige vor Einbrechen der Dunkelheit zu besorgen. Ein Stück weit hinter uns fiel die Wand senkrecht in das Plan Crocodile-Couloir ab. In der Front senkte sich die Leiste in der Richtung des Kamines, welches wir soeben erklettert hatten. Indem wir einen grossen Felsblock beiseite stiessen, gelang es uns, die Stelle ziemlich gut einzurichten, und bald war unser Kochapparat in Brand mit der Hälfte unseres Metavorrates. Die andere Hälfte wurde sorgsam aufbewahrt, um am Morgen den Sonnenaufgang zu feiern. Wir hatten glücklicherweise einen grossen Schlafsack aus leichtestem Ballonstoff mitgenommen. Selten war ich so müde. Es war mir gänzlich unmöglich, meine Socken auszudrehen wegen Krampf im Arm und Handgelenk.

Aiguille du Plan vom Grépon aus.

Alle die Risse und Kamine des Tages hatten uns für irgendwelchen Ruhepunkt empfänglich gemacht. Gänzliche Zufriedenheit und Dankbarkeit überkamen uns, als wir uns in unserem Sack zurücklehnten und den wundervollen Sonnenuntergang auf den Grandes Jorasses genossen. Keine Wolke am Himmel und nicht der leiseste Wind. Das Abendessen hatte uns gut durchwärmt, und bloss die Knie, welche von der Arbeit im Schnee ziemlich nass geworden, waren kalt. Ein beginnendes Hinabrutschen des Schlafsackes wurde durch verbessertes Verkeilen unterdrückt. Als ich erwachte, begann ich zu frieren. Die Nacht war immer noch wolkenlos. Hie und da stiess der Wind. Smythens Uhr, die einzige in unserem Besitztum, war in Brüche gegangen, und die Sterne ergaben, dass es schon lange nach Mitter- nacht sei. Der Rauch einer guten Pfeife Tabak ist wunderbar behaglich, wenn man 800 Fuss unter einem Hochgipfel auf einer kleinen Felsleiste den Sternenhimmel betrachtet. Ich fand dort am Himmel alle meine alten Freunde, aber sie schienen ungeheuer fern von unserm Biwak. Es herrschte keine völlige Ruhe. Immer wieder erreichte uns das Rauschen kleiner Lawinen oder das Krachen der Gletscher. Ich merkte bald, dass Smythe wach war wie ich. Wir wussten, dass der Mond eine volle Stunde vor der Sonne über der Aiguille du Talèfre aufgehen würde. Der Schlaf übermannte mich, und als ich wieder erwachte, war Mondschein. Tief unten auf dem Talèfregletscher sahen wir die schwankenden Lichter der ersten Turisten, welche die Couverclehütte verlassen hatten. Wir fragten uns, ob irgendein grosses Ziel sie so früh geweckt habe oder ob sie bloss möglichst früh der Stickluft einer überfüllten Hütte entrinnen wollten. Der Mond schien seit langem zu scheinen und am Himmel sehr hoch zu steigen, bis die ersten Zeichen des beginnenden Tages sich im Osten zeigen wollten. Ich fand eine alte Kerze in meinem Rucksack, sie diente dazu, Schnee für das Frühstück zu schmelzen.

Nun entdeckte Smythe Leute auf dem Gletscher zu unsern Füssen. Sie begannen, unsern gestrigen Spuren zu folgen. Während einiger Zeit hatten wir sie im Verdacht, eine Hilfsexpedition zu sein, und der Schrecken einer finanziellen Gefahr überfiel uns. Aber die Partie bog ab in der Richtung Aiguille de Blaitiere. Wir hörten ihre Stimmen während des ganzen Tages, bekamen sie aber nicht mehr zu Gesicht. Zwei Tage später vernahmen wir, dass sie einen neuen Aufstieg unternommen und dann, wie wir, ein Freilager hatten beziehen müssen. Ungefähr um 5 Uhr ging die Sonne in wolkenlosem Himmel auf. In wenigen Minuten sahen wir ihre Strahlen vom Gipfel zu uns herabgleiten. Sie wärmten und trockneten uns schnell, aber wir warteten bis 7 Uhr mit dem Aufbruch, um den Felsen Zeit zu geben, warm zu werden. Die Nacht war frostig gewesen.

Für frische Kräfte war der erste Kamin über uns wohl harte Arbeit, aber nicht sehr schwierig. Höher oben lag Schnee. Smythe führte über Platten und zurück zu einem Schneebuckel auf dem Grat. Es folgte ein überwächtetes Stück, sodann trockener Fels, anscheinend bis zur Basis des letzten Turmes. Wir hielten an, denn es war ein hoffnungsloser Anblick und — doch nicht ganz. Möglichkeiten schienen sich zu ergeben, etwa für einen indischen Fakir mit seinem Seilkniff. Ich klomm längs eines wagrechten Risses nach rechts hinaus. Der führte uns in einen Winkel über dem Absturz. Jenseits stieg ein Kamin in die Höhe, gangbar zuerst und dann in einen feinen, senkrechten Riss auslaufend. Ich kehrte zurück. Gerade in der Mitte der Wand ist ein anderer, senkrechter Riss mit einer Handtraverse nach rechts. Ich wusste, dass dies nirgends hinführte. Links sahen wir noch einen Riss, der zu leichterem Gelände führte, aber er war von keinem Nutzen. Hier, wie anderswo auf dieser Bergfahrt, lag die Lösung in einem Quergang tief unten nach links. Zu dieser zog ich die Schuhe aus. Ich habe niemals einen exponierteren, mehr Sorgfalt erheischenden Übergang gemacht, aber dieser führte zum Ziel: Jenseits konnte man wieder herwärts klettern zum Fuss eines Kamines mit guten Griffen. Höher oben querte ich nochmals nach links, und ein weiterer Kamin führte zu besserem Boden und guter Sicherung. Dort forderte ich Smythe auf, über die heikle Stelle am Seil hinüber zu pendeln. Nun ging es ein Stück weit leichter. In der Nordflanke konnte ich keinen guten Weg aufwärts entdecken. Auf bequemer Felsleiste machten wir einen Esshalt, in der warmen Sonne eine angenehme Beschäftigung. Eine Partie auf dem Requin drüben hörte unsere Rufe kaum. Der Gipfel konnte nun bloss noch etwa 80 Meter über uns sein, und wir bildeten uns ein, es seien keine grossen Schwierigkeiten mehr zu gewärtigen. Ein Quergang nach links schien Gutes zu versprechen. Direkt vor uns sahen wir einen senkrechten, sehr schwierig aussehenden Kamin.

Der Quergang nach links überzeugte uns, dass nun in dieser Richtung nichts mehr zu suchen war. Gerade vor uns zog sich ein glatter, griffloser Granitwulst steil in die Höhe zu den leichten Gipfelfelsen. Aber neuerdings führte ein langer Kamin zurück von unserm Standpunkt in der Richtung des Grates. Dies war eine schwierige Stelle, das Seil musste zum guten Teil ausgerollt werden — wie gewöhnlich —, und die Säcke und der Pickel wurden hinaufgehisst. Wir befanden uns nun auf einer guten Plattform, einer prächtigen, ganz trockenen Biwakstelle. Es schien uns, dass die einzige Aufstiegsmöglichkeit in einem hässlichen, engen und senkrechten Risse lag, der 5 Meter über uns weniger steil wurde. Wir befanden uns sicherlich den leichten Gipfelfelsen sehr nahe. Ich zog die Schuhe aus, und Smythe gab mir seine Schulter. Der Riss war eine der verzweifeltsten Stellen, welche ich je zu ersteigen versuchte. Deren Beginn war ungemein exponiert und lag am äusseren Ende der kleinen Plattform. Zurück!

Unsere Lage war keine rosige. Die Zeit rückte vor. Wir besprachen die Möglichkeit eines zweiten Biwaks oder ob wir mittels mehrmaligen Abseilens in die Runse zwischen uns und dem Pain de Sucre absteigen wollten. Der Gipfel musste offenbar bezwungen werden! Die letzten hundert Fuss würden wir sicherlich ersteigen können. Wie schon einmal, fand Smythe den richtigen Ausweg. Ich liess ihn ein Stück weit absteigen, und er querte nun nach rechts hinüber zu einer Nische im wenig versprechenden Kamin, den wir von unten gesehen hatten. Ich hörte eine Stimme: « Vor mir ist ein Kamin, sieht nicht sehr gut aus, ist voll Eis, aber es kann gehen. » Aller Logik zum Trotz ging ich zu ihm hinüber. Dem Anschein nach war der Kamin etwa 50 Fuss hoch mit einem sehr schlechten Ausgang nach rechts. Der Kamin war viel besser als sein Aussehen. In dessen Mitte war eine wacklige Masse eingekeilt, welche sehr sorgfältig behandelt werden musste, aber das Eis konnte ausser acht gelassen werden. Oben war ein guter, solider Block und noch höher eine gute Sicherungsstelle. Der schlecht aussehende oberste Teil brauchte nicht begangen zu werden, da eine schmale Leiste einen Weg zur Linken öffnete. Es wurde leichter und leichter. Über uns war Schnee, und drei Männer, ein Herr und zwei Führer, stiegen eben abwärts von der Aiguille du Plan über den gewöhnlichen Weg. Unsere Prüfungen waren zu Ende.

Es war etwa 3 Uhr nachmittags, als wir schnellen Schrittes über die letzten, leichten Felsen zum Gipfel hinaufstiegen. Oben verzehrten wir den Rest unseres Proviantes in Sicherheit und Wohlsein und freuten uns an der ausgedehnten Aussicht, besonders gegen den Mont Blanc. Wir hatten aber keine Zeit zu verlieren, da der Abstieg über weichen Schnee und einen stark zerschrundeten Gletscher führte. Und ich hatte kein Eisbeil mehr! Dieser Abstieg war für mich kein Vergnügen, und ich glaube, dass in unserer Partie einige Uneinigkeit zum Ausbruch kam, wenn ich im tiefen Schnee hin- und herschwankte. Doch so oder so kamen wir hinunter zur Hütte am Requin, und knapp vor Sonnenuntergang gelang es uns, von der Mer de Glace den Ausstieg zu finden. Dieser Abend war noch schöner als der vorhergehende, und die Drus und Verte glühten in den prachtvollsten Farben. Wir durften sie in aller Ruhe bewundern, denn ein gutes Abendessen und Bett waren uns sicher. Halb 9 Uhr abends waren wir in Montenvers, und Smythe war so schläfrig, dass er während des Essens fast einschlief — oder haben wir unsern Erfolg etwa zu stark gefeiertAm nächsten Tag schlug das Wetter um.

Der Kletterer.

Zum Bild.

Das Bild « Der Kletterer » stammt von der Kunstmalerin Ottilie Roeder-stein. Sie wurde 1859 in Zürich geboren, besuchte die Pfyffersche Malschule daselbst, bildete sich in Berlin und Paris weiter aus, wirkte längere Zeit in Frankfurt a. M. und lebt heute noch rüstig in Hofheim im Taunus. Trotz der langen Abwesenheit ist sie eine gute Zürcherin geblieben. Ihre künstlerische Stärke ist das Porträt. Sie hat z.B. drei unserer Bundesräte und andere Schweizerköpfe gemalt. Aber auch die Landschaft ist ihr nicht fremd. So hat sie in Samaden, am Gotthard und im Wallis Motive für ihre Kunst gefunden. Aus dieser inneren Einstellung und Beziehung zur Natur löste sie, was den Bergsteiger charakterisiert: Tatkraft, Überlegung, Liebe zu Fels und Firn, die grosse Sehnsucht zur Höhe.H. J.

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