Der Passo di Bondo

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I. Der Passo di Bondo.

Von

B. Ganzoni ( Section Khätia ).

Schon oft war in mir bei Besteigung unserer Engadiner Berge der Wunsch erwacht, die linksseitigen Bergeller Berge, welche sich z.B. vom Piz Ot so wunderschön und grossartig ausnehmen, in der Nähe anzusehen. Diesen Sommer nun konnte ich endlich diesen Wunsch theilweise erfüllen. In Begleitung meines Freundes E. Tognoni schritt ich an einem schönen Morgen rüstig dem Bergell zu. Selbst auf der Landstrasse ist bei nicht warmer, schöner Witterung eine Fusswanderung ein grosser Genuss, besonders wenn man dabei durch eine so schöne Gegend kommt, wie der obere Theil dieses Thales ist. Vom Malojakulm sieht man schon sehr gut und in der Nähe jene grossartige Kette, die sich von da bis gegen Cleven hinunterzieht, und wir sagten uns, dass die Besteigung jener Berge im Vergleich zu den meisten Engadiner Bergen eine weit schwierigere sein müsse. Ungemein steil erheben sie sich über den entweder ungeheuer zerklüfteten, oder aber oft fast lothrecht in Granitwänden abfallenden Gräten, und Schnee und Eis können sich da nicht ansammeln, sondern füllen nun die Mulden und Zwischenthäler aus. Ein solches Thal ist das Val Bondasca hinauf bis zum Grate, der in 's Veltlin führt, und durch dieses Thal und über seinen im Hintergrund ansteigenden Gletscher wollten wir unsern Weg nehmen.

In Bondo fanden wir bald einen Führer, Herrn A. Piccenoni, genannt« il Pignett », einen ausgezeichneten Gemsjäger, und verabredeten mit ihm das Nöthige auf die Tour des folgenden Tages. Um b1k Uhr brachen wir auf, beim schönsten Himmel, und gleich ausserhalb Bondo fing der Anfangs steile Aufstieg in 's Bondascathal an. Man kommt gleich bei dichtem Tannenwald vorbei, der den Wanderer beinahe bis zum Gletscher hinan begleitet.

Nach etwa einer halben Stunde schwenkte der Führer rechts vom Pfade ab, um uns eine sehr sehenswerthe, hoch und kühn über den Bondascabach sich schwingende steinerne Brücke zu zeigen, und dann gings wieder thalaufwärts einem rauhen Pfade entlang. Das Thal, das Anfangs sehr eng und steil ansteigt, und in dem sich der Bach an vielen Stellen einen fast « Via mala »-ähnlichen Weg durchgefressen hat, wird weiter hinein, im Südosten von Bondo, etwas breiter, und ganz hinten haben einige Dutzend Sennhütten der Bondner Bauern Platz gefunden. Auch hier konnten wir, wie im ganzen Bergeller Thale, die beinahe ans Unglaubliche streifende Güterzerstücklung anstaunen. Ein Raum, der keine 1000 Quadratklafter misst, gehört auch hier ohen dreissig und mehr Eigenthümern, welche alle ihre kleine Hütte für sich und ihr Vieh haben und jährlich auf einige Tage heraufkommen, um das im Sommer gesammelte Häufchen Heu zu verfüttern. Unser Führer zeigte uns seine von ihm selbst gezimmerte Sennhütte, und mit Erstaunen sah ich, wie er seine kleine Schlafkammer mit vielen recht netten Zeichnungen von Gemsen, Murmelthieren, Bären u. s. w. geschmückt hatte. Auch Gedichte aus dem Jägerleben, sowie selbst erlebte Jagdabenteuer waren, wohl zum Zeitvertreib bei schlechtem Wetter, an die Wände geschrieben.

Ein italienischer Hirte in der Nähe regalirte uns mit frisch gemolkener Milch, und nun begann das eigentliche Steigen. An einer äusserst steilen, fast senkrechten Felswand entlang führte uns ein sehr rauher, oft in hohen Stufen ansteigender Pfad hinauf zu einigen Grasplätzen und endlich zu der Alphütte von Sciora. Ich konnte mich nicht genug wundern, wie man es wagen darf, mit Hornvieh solche gefährliche Pfade und Grasplätze zu benutzen.

Es war nun etwa 81k Uhr und wir mochten Circa 1300—1400 m gestiegen sein. Bei einer Quelle machten wir Halt und sprachen dem mitgenommenen Proviante tüchtig zu. Unser Führer, eine acht italienische Natur, obwohl « urchiger » Bündner, ass erstaunlich wenig und trank kalte Milch dazu, die er von Hause mitgenommen hatte.Von hier aus konnten wir während der. kurzen Rastzeit mit mehr Musse die das wilde, mit schönen Wäldern geschmückte, in seinem obern Theile von mächtigen Lawinen heimgesuchte Bondascathal einschliessenden Berge betrachten. Es ist dieses Thal auch ein beliebter Aufenthalt der Gemsen und sogar Bären sind öfter dort geschossen worden. So zeigte uns unser Führer einen Bergvorsprung, wo er einst in Zeit von einer halben Stunde eine Bärin und ihr Junges geschossen hat.

Die östlich gelegenen, zur Albignagruppe gehörenden Berge sind, obwohl ungemein steil und zerklüftet, nach Aussage des Führers ziemlich leicht zu. überschreiten; auch sei der Albignagletscher nicht schwierig zu begehen. Vor uns in südlicher Richtung streckt sich der Bondascagletscher bis zum noch etwa drei Stunden entfernten Passo di Bondo hinauf, den wir erst jetzt sehen konnten. Südwestlich liegen die von dieser Seite unzugänglichen Gipfel Badile und Cengalo, und ihre fast senkrecht sich erhebenden, feinkörnigen, weisslich grauen Granitwände sind von hier aus gesehen wunderbar grossartig und imposant.

Piccenoni, der den Cengalo und die Trubinasca. bestiegen, behauptete, der Badile sei ohne bedeutende Auslagen nicht zu besteigen. Er täuschte sichr denn ich erfuhr später, dass- wenige Tage vorher Herr Prof. Minnigerode mit einem Tyroler Führer, Pinggera, droben gewesen sei. Sie kamen von der Südseite her und erst nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten gelang ihnen die kühne That* ). Es muss ohne Zweifel eine der schwierigsten Besteigungen sein und eine stundenlange, gefährliche Kletterei erfordern.

* ) Vgl. pag. 112-123 dieses Jahrbuches. A. d. E.

Da sich einige verdächtige Nebel von Süden her zeigten, brachen wir bald auf und betraten nun den Bondascagletscher. Es ist das der schlimmste Gletscher, den ich kenne, sehr steil, sehr mächtig und voll der grössten und tiefsten Spalten.

Ich gebe J«dem den Rath, diesen Gletscher, selbst mit einem guten Führer, nicht ohne Beil und Seil zu begehen. An vielen Stellen muss man auf sehr stark geneigtem Firne zwischen tiefen Spalten sich einen Ausweg suchen, und ein falscher Schritt wäre da beinahe sicherer Tod.

Mit bewunderungswürdiger Sicherheit führte uns Piccenoni durch das Spaltenlabyrinth jenes Gletschers hinauf. Nach und nach hatte sich starker Nebel eingestellt, der uns leider nicht nur den Anblick der uns umgebenden grossartigen Gebirgswelt benahm, sondern auch grosse Kälte und starken Wind mit sich brachte.

Der schlimmere, steilste Theil des Gletschers war noch vor uns und die Vergnügungstour war bei diesem Wetter kein Vergnügen mehr. Wir kamen nun an eine Stelle, wo eine ungeheure Spalte die ganze Breite des Gletschers von Grat zu Grat durchzog. Nach längerer, durch den dichten Nebel sehr erschwerter Umschau erklärte Piccenoni, das sei neu, indem früher immer eine « Brücke » über diesen Spalt gewesen sei. Kurz entschlossen steigt er uns voran an einer Stelle, wo die Mitte der Spalte mit Firnschnee angefüllt war, drei Meter in die Spalte hinunter, zieht sein Taschenmesser heraus und schneidet nun in kurzer Zeit etwa 10—12 Tritte senkrecht übereinander in die gegenüberliegende Firnwand. Katzenartig klettert er bis ganz zum Rande hinauf, zieht dann in grösster Gemüthsruhe eine dünne Schnur aus der Tasche, wie man sie braucht, um die Schwänze der Kühe zu binden, und lässt uns diese Schnur als Handhabe in die Spalte herunter. Lachend empfehlen mein Gefährte und ich uns einem gütigen Schicksale und bald ist das Hinderniss an « schwanker Leiter » erstiegen. Nachdem wir noch den schwierigen Aufstieg vom Gletscher zum Grate förmlich turnend überwunden, betreten wir endlich, um halb ein Uhr, mit wahrem Hochgenuss, aber in dichtesten Nebel gehüllt, den so lang ersehnten Grat. Wir hatten ( Rast inbegriffen ) volle sieben Stunden gebraucht, um von dem etwa 800 m hoch gelegenen Bondo die etwa 3150 m hohe « Passhöhe » zu erreichen. Dieser sonderbare « Pass » wird aber wohl, mit Ausnahme von Gemsen, höchst selten benutzt, denn auch für den vom Süden kommenden Wanderer ist der letzte Theil des Aufstiegs zum Grate schwierig und erheischt eine ziemliche Kletterei beim Uebergang von Italien in die Schweiz. Es ist ein « Gemsenschlupf » und nichts Anderes* ).

Nebel und Wind zwangen uns sofort zum Aufbruch ins Veltlin hinunter. Nach etwa einer Viertelstunde kamen wir wieder auf Eis, und nachdem unser Führer uns noch über eine schlimme Spalte geholfen,Nach einer anderen Mittheilung des Herrn Verfassers hat derselbe nicht das unmittelbar westlich von der Cima della Bondasca liegende, auf der Excursionskarte mit der Passlinie bezeichnete Joch überschritten, sondern eine weiter nordwestlich am Fusse der Gemelli gelegene Scharte des Kammes.A. d. Red.

nahmen wir von dem vortrefflichen Manne Abschied. Er eilte Bondo zu und wir rutschten, so gut es im Nebel ging, den Gletscher hinunter. Auf der Südseite ist er, mit Ausnahme seines obersten Theiles, gar nicht gefährlich. Es finden sich fast keine Spalten, weil da der Gletscher, obwohl sehr steil abfallend, sehr geringe Mächtigkeit hat. Nach ungefähr einer Stunde, seit wir auf dem Grate gestanden, gelangten wir wieder auf « festen Grund » und um etwa 21k Uhr Nachmittags kamen wir zur sehr gut gehaltenen schönen Alp « del Ferro ». Nach einer längeren Rast, gewürzt durch frisch gemolkene Milch und heiteres Gespräch mit den Hirten, ging 's rüstig die ungemein steilen Halden bergab und um 5 Uhr Abends kamen wir, von unserer Tour nun doch sehr befriedigt, in den « Bagni del Masino » an. Ein Bad in jenem dem Karlsbader ähnlichen, 30 ° C. natürlich warmen, herrlichen Wasser benahm uns alle Müdigkeit und noch lange in den Abend hinein plauderten wir, am traulichen Küchen-kamine sitzend, mit der freundlichen Wirthin.

Ein dreistündiger Marsch bei starkem Regen führte uns am folgenden Tag dem Masino entlang zur Thalsohle der Adda, etwa eine Stunde thalaufwärts von Morbegno. Von hier fuhren wir nach Sondrio und Tirano, gingen dann noch am Abend bis Poschiavo, um am andern Tag über Cavaglia bei starkem Regenwetter bis nach Hause zu wandern.

Den Passo di Bondo aber möchte ich Jedem, der einige Schwierigkeiten beim Bergsteigen liebt, sehr anempfehlen. Mir wird er stets in angenehmster Erinnerung bleiben.

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