Der Passo di Sorredo (Plattenberg)

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( 2770 Meter. )

Von C. v. Seyfferütz.

Das dreitägige Unwetter, vom 13., 14. und 15. August 1874 den Reisenden in Disentis zurückhaltend, verdarb meine ursprünglich projektirte Excursion in die Medelser Gruppe und liess wegen des massenhaft gefallenen Neuschnees auch den Uebergang aus dem V. Cristallina und V. Ufiern über den Cristallinapass am Lago Retico vorbei, nach Berathung mit dem erprobten alten Führer, Gemsjäger und Cristallgräber Vigilio Palli von Medels nicht sofort rathsam erscheinen. Ich beschloss daher, von'Piatta aus, wo ich im Hause des Herrn Pfarrer Huonder gastfreundliche Unterkunft gefunden hatte, über den Lukmanier und Olivone zu wandern um von dort, wenn besseres Wetter eintrete, über den Passo di Sorredo in 's Lentathal hinüberzusteigen. Im dichten Nebel brachen wir von Piatta auf und nach einem gemüthlichen Bummel langten wir bei ganz klarem Wetter Nachmittags 4 Uhr in Olivone an.

Obwohl unser heutiger Marsch durchaus kein anstrengender gewesen war, entschlossen wir uns doch hier zu bleiben, weil in Ghirone nur schlechte Unterkunft zu erwarten war.

Am 17. August um 4 Uhr 15 Min. Morgens bei wolkenlosem Himmel brach ich mit Palli auf. Der Pfad führt zuerst nordwärts unter den gefürchteten Felsstürzen des Monte Sosto hin nach Davresco und Ghirone, wendet sich dann nach Osten und steigt zur Terrasse von Scalvedo und durch das Val Luzzone zur Alp al Sasso ( 1482 m ) hinauf, die wir um 7 Uhr erreichten. AI Sasso liegt im Centrum eines dreitheiligen Kessel-thaies: nach NW. zieht sich Val Cavallasca, nach NO. die Schlucht des Luzzone-Baches, über welcher sich der tief verschneite Piz Terri erhebt; nach SO. liegt Val Scaradra, zu dessen unteren Alphütten, Scaradra sotto ( 1798 m ) wir nach steilem Anstieg um 8 Uhr 20 Min. gelangten. Die Alp bildet ein grossmassiges Amphitheater, von den Felswänden des Torrone di Nava ( 2884 m ) und den vergletscherten Gipfeln: Piz Sorda und P. Cassimoi, P. Casinell und Plattenberg umschlossen.Von einem Pass in 's Lentathal wussten

* ) Diese vergletscherten Gipfel bilden den auf der " Westseite des Lentathales nach Nord laufenden Arm der Adulagruppe, beziehungsweise die Fortsetzung des Rheinwaldhornes ( 3398 m ) über das Grauhorn ( 3260 m ), P. Jut ( 3218 m ), Crina Fornei ( 3050 m ), P. Cassimoi ( 3126 m ), den Platten -bergpass ( 2770 m ), Vernokhörner ( 3020 m ), P. Terri ( 3151 m ) und P. Scharboden ( 3124 m ). Den Scbluss der Kette bildet mit 3124 m der schon im Vorderrheinthale unterhalb Ilanz sichtbare P. Aul.

die paar Hirten der Alp nichts, was um so misslicher, als Palli schon seit vielen Jahren nicht mehr in diesem Theil der Adula-Gruppe gewesen, ein Hirt als Führer nicht zu erhalten und die oberen Hütten von Scaradra ( Scaradra sopra ) wegen des Neuschnee nicht mehr bewohnt waren. Blatt Olivone des schweizerischen Atlasses und die Excursionscarte müssen also aushelfen. Mühseliger Gang führte uns pfadlos über massenhafte Gneistrümmer im Thalgrunde bis zum steilen Zickzackanstieg über die Amphitheaterwand im Hintergrunde; um 9 Uhr 53 Min. war die obere Terrasse mit den Hütten von Scaradra sopra ( 2180 m ) gewonnen, wo uns heut zum ersten Mal die Sonne begrüsste. Wir hielten 30 Minuten Rast zu massigem Frühstück und allgemeiner Orientirung: Südlich ein weiter herwärts absteigender Gletscher im firnbedeckten P. Sorda gipfelnd; westlich über der Scaradra-Schlucht der matterhornartige « Thurm » des Torrone di Nava, östlich unmittelbar vor uns eine steil aufsteigende, tief herab verschneite Felsenwand mit plattenartigen Zacken in 's Blau des Himmels ragend, und da sollte der Plattenbergpass sein? Von irgend einem Pfade keine Spur, auch dort nicht wo es noch « aber ». Das Blatt 504 ( Olivone ) zeigt einen Zickzackweg an, der unter einer ( nördlichen ) Felswand, welche vom eigentlichen Plattenberg herabkommt, ansteigt, dann über einen kleinen Gletscher auf den Kamm führt, jenseits desselben aber am Nordrande des vom P. Casinell in 's Lentathal hinabziehenden Gletschers stets über Weiden, dem Südfusse des gletsclierbeladenenPlattenbergmassives entlang zu Thal geht. Bei der allgemeinen Schneedecke lag die Schwierigkeit darin, den kleinen Gletscher zu finden, um den Pass nicht zu verfehlen und etwa jenseits in ein unbekanntes frisch verschneites Gletscherrevier zu gerathen.

Um 10 Uhr 23 Min. begann der Anstieg geradeauf bis an den Fuss der Felswand, unter derselben fort nach 0-S-O ., sehr mühselig und nur mit grösser Vorsicht, weil der circa */2 Meter hohe, von der heissen Sonne durchweichte Neuschnee einen Bergsturz von Gneisplatten bedeckt, in deren unsichtbaren Zwischenräumen man mit böser Gefährdung der Füsse durch-treten könnte. Erst nach genau 2 Stunden, um 12 Uhr 23 Min., ward der constatirte untere Rand des kleinen Gletschers erreicht und auf einem schneelosen Gneis-koloss kurze Rast und Stärkung genossen. Am westlichen Horizont erscheinen neben dem Scopi klar und rein die Berner Oberländer vom Finsteraarhorn bis zur Jungfrau, nordwärts der P. Cristallina, P. Medel, Cima Camadra. Nach 15 Min. begann der Anstieg über den Gletscher, der uns zur Passhöhe, einem engen Felsenthor in einer Firnwand, führte. Wir erreichten dieselbe um 1 Uhr 15 Min., hatten also zu circa 600 m volle 3 Stunden 12 Min. verwendet.

Die Schneide, nur ein paar Fuss breit, stürzt mit einer beschneiten, etwa 40 m hohen, von senkrechten Kaminen durchfurchten Felswand auf den Gletscher ab. Obgleich Palli fest dabei blieb, dass hier kaum Schafe gehen könnten, also ein « Viehtrieb » nicht sein könne, ergab doch eine nochmalige Orientirung, dass diess die Passlücke sein müsse. Der Abstieg schien hauptsächlich wegen des halbgeschmolzenen Neuschnees bedenklich, wurde jedoch mit Hülfe von Palli's eingestemmten und als Auftritt benützten Stockes in 18 Min. ohne Unfall bewerkstelligt;

um 1 Uhr 33 Min. war die breite vom Casinell nach Nord sanft absteigende Terrasse, auf der der Gletscher draussen selbst ruht, erreicht; jenseits des in seinem Grunde noch nicht sichtbaren Lentathales zeigte sich das Furketlihorn ( 3O43 m ) und das Zervreilerhorn, dieses hier als breite Wand. Zwischen der linken Seitenmoräne und dem Südabhange des mit senkrechten Wänden abfallenden Plattenberges wurde, stets im Neu- schnee, abwärts gewandert; bald aber, hauptsächlich wegen der häufig abstürzenden, mit Felstrümmern gemischten Lawinen von dieser Seite, der Gletscher selbst betreten; während wir uns auf dem Gletscher befanden, wurde uns der seltene, prachtvolle Anblick eines Lämmer-geierpaares zu Theil, das uns in kaum mehr als 100 m Höhe umkreiste. Im obern Theile war der Gletscher ohne Spalten; weiter unten waren mehrere halbverschneite zu übersetzen; ein directer Abstieg von der Gletscherzunge, aus der sich eine wasserreiche Cascade senkrecht über die Felswand hinabwarf, war nicht möglich. Es musste also nahe derselben links über den Bergschrund die Felswand unterhalb des Plattenberges wieder gewonnen und durch ein 4 m hohes senkrechtes Kamin hinabgeklettert werden, wobei gleich bemerkt sein soll, dass auf dem Blatt « Olivone » diese ganze Partie ( die rothen Höhenlinien ) viel zu wenig steil eingezeichnet ist. Um 2 Uhr 23 Min. verliessen wir den Gletscher. Noch immer pfadlos im Schnee watend, doch weniger steil, ward die Terrasse erreicht, welche mit 2370 bezeichnet ist; von hier bietet sich ein wunderbarer Einblick in 's hinterste Lentathal, mit dem Rheinwaldhorn, Lentagletscher, Vogelberg, Güferhorn und Lentahorn;

thalauswärts erheben sich links Piz Scharboden und Frunthorn. Ein trotz des wolkenlosen Himmels tiefernstes Bild. ( Siehe im Jahrbuch VIII. des S.A.C. die treffliche Zeichnung des Herrn Zeller-Horner. )

Von hier an schneelos, doch ohne alle Andeutung eines Pfades, öfters in einem tiefen, zwischen Felsenmauern steil abfallenden Bachbette abwärts steigend, gelangt man endlich auf Rasenhänge, und über diese rasch zum kiesigen Ufer des Lentabaches ( Valserrhein ), wo Rinderherden weideten; eine Stunde 50 Min. nach dem Verlassen des Gletschers und 3 Stunden von der Passhöhe, genau um 4 Uhr 23 Min. langten wir bei den Hütten der Lampertschalp ( 2006 m ) an, zur grossen Verwunderung der aus Camuns ( im Lugnetz oberhalb Bad Peiden ) stammenden Hirten; sie erzählten uns, der Plattenbergpass ( von unten anzusehen einer senkrechten Felswand gleichend ) werde sehr selten begangen; mit Vieh seit 40 Jahren gar nicht mehr, nämlich seitdem die Tessiner die ihnen gehörige Alp Sorredo ( Lampertschalp ) nicht mehr selbst befahren.

Ohne weitern Aufenthalt führte uns ein angenehmer Bummelweg über Alpenwiesen und Heumähder, links die Gneiswände des P. Scharboden, rechts der brausende Lentarhein, darüber der zauberhafte Prachtbau des Zervreilerhorns, in einer Stunde 22 Min. zum einsamen aber wunderbar gelegenen Zervreila ( um 5 Uhr 45 Min. ). Nur eine halbe Stunde ward hier dem Hunger und Durste geopfert, dann um 6 Uhr 15 Min. die Warnungsstimme der zum Bleiben einladenden Wirthin leider überhörend, nach Vals am Platz, aufgebrochen, wohin es noch 2x/2 Stunden sein sollte:

die .übelste Partie des ganzen Marsches, im finstern Walde, bei rasch sich be«-ölkendem Himmel, auf einem Wege voll Steintrümmer, bei jedem Schritte in Gefahr, Hals und Bein zu brechen, links ein felsiger Absturz in den brausenden Lentarhein; nach mehr als 2 Stunden war -noch kein Ende des Waldes abzusehen und alle Bemühungen, einen Span anzuzünden wegen der Feuchtigkeit vergebens. Schon halb entschlossen, bis zum Tage im Walde liegen zu bleiben, geben uns plötzlich tief im Thale unten erblickte Lichter erneute Anregung zum Vorwärtsstreben; der dunkle Wald geht in dunkle Wiesen über mit rauschenden Wassern, dann kommen dunkle gespenstige Häuser; auf wiederholtes Pochen und den Wunsch nach einer Laterne und einem Wegweiser nach Vals am Platz, fragt eine Stimme aus einem hochgelegenen Kammerfenster « ob man dafür aber auch zahle » Die einzigen Bewohnerinnen des Hauses, zwei Valsermädchen, geleiten uns, in Ermangelung einer Laterne, mit brennenden Wachskodel in 10 Min. zum gastlichen Hause des Herrn Albin in « Platz » ( Peters-platz ), doch wäre auch auf dieser kurzen Strecke nach Vallé und Platz ohne Licht und Leitung noch Ge-legenjigit genug zu Unfällen gewesen, denn der Peilerbach war wieder in den letzten Tagen ausgetreten, hatte den Steg weggerissen und den Weg verschwemmt; ersterer war nur nothdürftig und in schuhweiten Zwischenräumen mit Brettern belegt, in der pechschwarzen Nacht eine wahre Wildgrube zum Durchfallen. Ankunft in Vals genau um 9 Uhr 20 Min., somit waren wir seit

11 47* Uhr Morgens, mit nur 1 Stunde 5 Min. Rast, durch 16 Stunden 5 Min. gewandert;

ohne Neuschnee wären aber wohl ein paar Stunden weniger nöthig.

Des andern Tages machten Nebel und Regen den projektirten Uebergang über den Valserberg nach Hinterrhein unthunlich. Dafür entschädigte am nächstfolgenden Tage die prächtige Bummeltour durch die Schlucht des Valserrheines hinaus in 's Lugnetz über Furth, Peiden, Porclas nach Ilanz, eine Reihe der reizendsten Bilder vorführend.

Allfälligen Nachfolgern diene zum Nutzen, dass die eigentlichen Schönheitspartien von Ilanz bis Lampertschalp liegen, der fast unwegsame Plattenbergpass nichts bietet, und dass unter allen Umständen der Weg zwischen Zerveila und Vals, selbst dann noch übel genug, nur bei Tage gemacht werden sollte.

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