Der Sonne entgegen... Crast' agüzza

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Von Jos. L. Schmid

Aus meinem Bergtagebuch Mit 1 Bild ( 144J(Basel ) Dort, wo die steile, etwa achtzig Meter lange Eiszunge in eine Spitze ausläuft, betreten wir erstmals Fels. Hier beginnt jene Rinne, die wir tags zuvor, bei der kleinen Hütte stehend, mit Sperberblicken absuchten. Zu denken gaben uns nur die Steine, die polternd, zischend ihren Weg durch diese Felsrinne nahmen und zum Gletscher hinuntersausten...

Die ersten, stark vereisten Platten überwindet Mario mit gewohnter Ruhe. Ein festgefrorener Steinbrocken, der wohl einmal hier hinunter wollte und dann stecken blieb, dient mir als Standplatz.

Meter um Meter klettert Mario höher. Seine schwarze Zipfelmütze baumelt im Winde hin und her. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt dem Seil, das in gerader Linie zu meinem Kameraden hinaufführt.

Nun ist die Zipfelmütze meinen Blicken entschwunden. Wenn ich den Kopf zurückneige, sehe ich senkrecht über mir noch Marios Manchesterhosen und, gleich riesenhaften Ungetümen, sind seine Nagelschuhe zu erkennen.

« Achtung, Steine! » Marios Ruf lässt mir keine Zeit, über diese beiden Wörter nachzugrübeln. Schnell ziehe ich den Rucksack über den Kopf und schmiege mich fest an die kalte Wand. Dann höre ich diese teuflischen Dinger; zischend pfeifen sie über mich hinweg. Der Rest - dreckiger, nasser Schutt -ist mir zugedacht. Mit einem Schütteltanz, der in einer « Swing Music Hall » sicher viele anerkennende « Ahs » hervorgezaubert hätte, kann ich mich vom gröbsten Dreck befreien. Dann blicke ich hinauf zu meinem Seilgefährten. Wieder sind es nur die Manchesterhosen und die Riesenschuhe meines Kameraden, die ich sehen kann. Immer noch scheint er an der gleichen Stelle festzukleben. Es muss dort oben « etwas in der Luft liegen ».

« Ob ich noch lebe ?», fragt Mario. « I denk woll, mach aber witer », antworte ich ihm etwas ungeduldig. Nun läuft das Seil wieder. Zentimeter um Zentimeter.

« Nachkommen! » Froh, dem kalten Stehplatz entrinnen zu dürfen, erklettere ich die ersten Platten. Langsam gewinne ich an Höhe. Jetzt verlangen lose Steine und mit Eis vermischter Schutt grösste Vorsicht. Manchmal entrinnt mir so ein biossliegender Brocken und steuert zwischen meinen Beinen hindurch der Tiefe zu. Weit unten sehe ich ihn dann die Eiszunge hinuntersausen, sehe, wie er mit einem gewaltigen Sprung die Randspalte passiert, um dann endlich auf dem Gletscher als winziges Pünktchen liegen zu bleiben.

Eine Schnaufpause einschaltend, widme ich mich ganz dem Studium des nun folgenden Teilstückes. Es ist die Stelle, die Mario so lange zu schaffen gab. Ein griffloser, abfallender Plattenwulst, den mein Begleiter nach rechts hinüber querte. Typisch Mario, wie er diese Stelle meisterte! Eine Frechheit ohnegleichen, denke ich.

Ähnlich einem Indianer, der in Karl Mays Büchern ein feindliches Lager beschleicht, krieche ich, die Handballen fest auf die Platte gepresst und mit den Knien nachhelfend, zur Felsnische hinüber. Noch zwei Meter, dann stehe ich bei Mario, der hier einen guten Sicherungsplatz hatte.

Wir gönnen uns eine kleine Rast. Drüben, an der Spalla, glänzt der italienische Eisgrat schon im schönsten Sonnenlicht. Unsere Blicke gehen hinüber zum nahen Monte di Scerscen, dessen Gipfelaufbau unheimlich zerrissen und messerscharf in den südlichen Himmel sticht. Dann blicken wir hinunter zum kleinen Rifugio. Sein Standort - eine Felsinsel - ist von ewigem Eis umrahmt. Der Hüttenwart, welcher uns am gestrigen Abend seine Erlebnisse aus dem Maquis erzählte, stapft eben, mit zwei Kesseln Wasser in den Händen, seiner Klause zu. Einmal steht er still und blickt zu uns herauf. Mario probiert einen Jauchzer... Die uns umsegelnden Dohlen kreischen auf und gleiten in ruhigem Flug über die Gratkante hinweg...

In unserer Felsnische ist es ungemütlich geworden. Sonne haben wir keine zu erwarten. Erst am Nachmittag, und nur für kurze Zeit, findet sie den Weg in diese Nordflanke. Wir klettern weiter. Die folgende Wandpartie müssen wir nach rechts umgehen, wo ein nasser Kamin steil nach aufwärts führt. Nicht immer kann ich es verhüten, dass mir kleine Steinchen unter den Fussen wegrutschen. Da Mario nun als Schlussmann folgt, ist er jetzt der Leidtragende. In seine Zipfelmütze hat er Nastücher gestopft, die immerhin einigen Schutz bieten gegen die herunterprasselnden Steinchen.

Seillänge um Seillänge klettern wir höher. Freudig konstatieren wir, dass der schwierigste Teil - die Platten kurz nach Beginn der Felskletterei -überwunden ist. Vor mir eine schmale Eiszunge. Sie führt direkt zum Gipfel hinauf. Während mein Kamerad sichert, schlage ich ins harte Eis Stufen. Wieder muss Mario in der Rinne unten einen Eissplitterregen über sich ergehen lassen. Jetzt bin ich oben, und nach wenigen Minuten sitzt Mario neben mir auf dem Gipfelgrat. Wie wohl tun uns die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages.

Wir machen es uns bequem; lange Zeit wollen wir auf diesem schönen Gipfel verweilen. 3800 Meter - gleichwohl zwei hemdärmelige Menschlein, die sich pfeiferauchend dem Nichtstun hingeben. Eine einzigartige Rundsicht belohnt unsere Strapazen des Aufstieges. Während all die vielen umliegenden Gipfel in einen klarblauen Himmel ragen, zieht sich über dem italienischen Piz Verona ein langes, schmales Wolkenband hin.

Es ist schon spät am Nachmittag, als wir uns zum Abstieg bereitmachen. Wir wählen den Westgrat, der direkt zum Rifugio hinunterführt. Nicht schwer ist der Abstieg über diese gebräuchlichste Route.

Nach zwei Stunden sitzen wir wieder im kleinen Stübchen, und herrlich schmeckt uns die dicke Suppe, die der brave Bergamasker Hüttenwart extra für die beiden « Grigioni » zubereitete...

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