Der «wahre» Vélan

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Edmond Pidoux, Lausanne

In memoriam Ivan Marquis, t 21. März 1971 Die schönste Aufstiegsroute führt immer über die Wand oder den Grat, die dem Berg seinen Charakter geben.

Wo habe ich diese Behauptung gelesen? Ich erinnere mich nicht mehr, habe sie aber unzählige Male nachgeprüft. Sie gilt für den Forbes-du-Chardonnet-Grat, die Nordkante des Weisshorns, die Quatre-Anes der Dent Blanche wie auch für die Hänge des Gabelhorns, der Argentière und der Jorasses. Und wenn Berge wie das Matterhorn oder der Mont Blanc ebenso viele Gesichter wie Abhänge haben, so bestätigen sie die Regel erst recht.

Von den Fenstern meines Chalets geniesst man einen wunderbaren Blick auf die Nordflanke des Vélan. Wäre am Gipfel nicht der drohende Eisbruchriegel, so hätte man die schönste, makelloseste Gletscherroute vor sich.

Aber diese weisse Wand lehnt sich rechts an eine dunkle Felspyramide, die sich wie ein zweiter Berg von ihr abhebt. Jenen anderen Vélan muss man von der St.Bernhard-Route aus betrachten. Da präsentiert er sich wie eine hohe, breite Mauer, deren ganz aus Aufschwüngen und Felszacken bestehende Krone ansteigt, bis sie in die weisse Kuppe des Gipfels einmündet.

Dieser Tseudet-Grat hat genau den richtigen Charakter, um die natürliche, offensichtliche -und schöneRoute dieses zweiten Vélan zu ergeben. Man fragt sich nur, warum sie nie begangen wird. Wegen ihrer Länge? Oder vielmehr, weil man sie von keinem bewohnten Ort aus sehen kann? Die Passanten der Verkehrsstrasse werden auch nicht anhalten, um sie zu betrachten, heute weniger denn je; denn die Galerien und der Tunnel zwingen sie, ihre Nasen noch etwas tiefer auf den Asphalt hinunterzudrücken.

Der Vélan steht im Rufe, nur ein Skiberg zu sein. Und doch hat er auch seine Sommergäste. Man sieht diese sogar neben der gewöhnlichen Route, abseits des langen Gletscherweges. Sie kommen aus Italien durch schreckliche Couloirs und Geröllhalden herauf, um den gelobten Gipfel einzunehmen. Und welche Belohnung ist nach der harten Strafarbeit dieses stille Schneeplateau, das sich da und dort in Kuppeln und Pyramiden aufwölbt wie eine Altardecke über kostbaren Gegenständen!

Ob diese Amateure aus Italien oder über den Hannibalpass vom St. Bernhard kommen, sie müssen die Anziehung der Berge tief empfinden, um sich 2000 Meter Moränen, Geröll und anderes Gestein zuzumuten. Die « extremen » Kletterer betrachten sie gern mit mitleidiger Verachtung. Ich selbst zweifle nicht an ihrer Begeisterung. Wer weiss, ob nicht sie die « wahren » Alpinisten sind?

Ihnen widme ich unsere Tseudet-Grat-Tour.

Vor einem Jahr befragte ich den Hüttenwart Max, der einige Monate später, am 21. März 1971, mit vier jungen Burschen aus dem Tal am Fusse seiner Hütte in einer Lawine ums Leben kommen sollte. Er wollte nichts hören von diesem endlosen, selten begangenen Grat. Aber ich hielt daran fest, klammerte mich richtig daran, weil ich mir sagte, dass Max vielleicht eher mein Alter als die eigentliche Tour in Betracht ziehe.

August 1971. Der erste Band der Neuausgabe des Walliser-Alpen-Führers ist eben herausgekommen. Henri Mercier, der Gefährte meiner Zwanzigerjahre, ist in Liddes in seinem Chalet neben dem meinen. Das schöne Wetter nimmt dieses Jahr kein Ende. Alles drängt mich zum Vélan.

Der Tseudet-Grat beginnt an der Hüttentüre und erstreckt sich über mehr als dreieinhalb Kilometer bis zum Gipfel. Zuerst schlängelt er sich über Gras und Felsen bis zum Fuss pyramidenförmiger Geröllhalden, welche die beiden Gipfel des Petit Vélan bilden. Dahinter verstecken sich die Dents de Proz. Aufgerichtet wie zwei Handschuhfinger, sind sie kaum zu sehen, nur vom Tseudet-Gletscher aus, auf der Nor-mal- und Skiroute des Berges.

Nun kommt der wichtigste Aufschwung: ein Bollwerk von gelbem, 300 Meter hohem Fels ( P. 3488 ). Von der Seite gesehen, scheint er das grösste Hindernis zu bilden.

Ein zweiter Aufschwung von hundert Metern ( P. 3565überragt die nächste Scharte. Das letzte längere, aber weniger steile Stück führt zur höchsten Felsenspitze, der Aiguille du Vélan ( P. 3634 ). Dann scheint der Weg von der Aiguille zur ersten Schneekuppe ( P. 3669 ) und zum höchsten Punkt nicht mehr lang: einige Felsen oder Gendarmen, ein Schneegrat, ein Gletscherspaziergang.

Hier verwirrt mich jedoch die Beschreibung des Führers. Sie bezeichnet ein paar felsige Passagen nicht nur als sehr selten begangene, aber hochinteressante Route, sondern berechnet auch drei volle Stunden für diese Strecke, die, von weitem gesehen, am kürzesten scheint. Dagegen brau- 1 Koten der LK 1:25000, auf die sich die Angaben im Walliser Führer stützen.

che man nur zweieinviertel Stunden vom Tseu-det-Pass bis zur Aiguille, und dies durch die Aufschwünge des Grates! Nun, wenn man sie durch den Feldstecher oder auf den Skizzen und Photos des Führers betrachtet, sehen sie drei-oder viermal so wichtig aus. Sicher werden wir das Doppelte der angegebenen Zeit brauchen, was total neun Stunden ausmachen würde.

Vielleicht hatte der Hüttenwart Max doch recht, mich davon abzuhalten!

Das wollen wir an diesem Morgen des 17. August gerade herausfinden, als wir, Schritt um Schritt, eine Unmenge Felsbuckel und Steinbrocken, die den allgemeinen Namen Petit Vélan tragen, unter die Füsse nehmen. In diesem fast zu schönen Sommer wollten wir die vom Schmelzen faul gewordenen Hänge des Tseudet-Grates vermeiden. Aber die Langsamkeit des zum Teil nächtlichen Marsches kostet uns zweieinhalb Stunden bis zum ersten Gipfel.

Doch da werden wir reich belohnt! Schon erglüht das Mont-Blanc-Massiv in der Sonne. Auf der anderen Seite, über den Dents und dem Col de Valsorey, bietet sich im Gegenlicht eine unerhörte Aussicht auf die zackigen Berge an der italienisch-schweizerischen Grenze: die Fau-dery- und Morion-Kette, Singla, Bouquetins, Cors et Jumeaux de Valtournanche. Wie viele Unbekannte gibt es da noch! Jede dieser Bergketten hebt sich von der nächsten ab in fein differenzierten Farbtönen, vom dunkelsten bis zum hellsten, über Violett, Königsblau, Lila bis Korallenrot. Es ist eine Aussicht von fast unerträglicher Schönheit.

Die Luft ist von gleichmässiger und köstlicher Weichheit. Kein Hauch. Ein Leuchten und eine Durchsichtigkeit wie im Spätherbst! Wir sind absolut sicher, dass es der Himmel bis zum Abend, bis zum nächsten Tag gut mit uns meint.

In wenigen Minuten sind wir auf dem Tseu-det-Grat, unterhalb der Dents de Proz. Sie sehen aus wie grosse Monolithen, und man möchte sie aus der Nähe sehen, wenn nicht der lange Weg wäre. Sogar der Führer empfiehlt, sie zu umgehen. Auf welcher Höhe? Vielleicht gehen wir zu weit unten durch in dem senkrecht abfallenden, wackligen Gestein. Aber Henri und ich lieben es, uns wie Katzen hindurchzuschlängeln.

Hinter den Türmen beginnt die mächtige, gelbe Bastion: fast dreihundert Meter Kletterei in einem ähnlichen Material wie an den Dents de Proz. Was hier vor allem zählt, ist ein offenes Auge, um nie in eine falsche Lage zu geraten, doch kann man schon eine richtige Kletterstelle finden. Es ist ein Vergnügen, mit der hinterhältigen Bosheit des Berges geduldig und vorsichtig fertig zu werden. Wenn man ihn so nimmt, wird er ein bisschen menschlicher; aber die Zeit vergeht, schon sind zwei Stunden vorbei, fast soviel wie die vom Führer angegebene Zeit für die Aiguille du Vélan. Und wir sind erst auf halbem Weg zu diesem Gipfel. Hatte ich also doch recht mit dem Feldstecher? Oder sind wir mit beginnendem Alter nicht mehr so gut in Form?

Als wir uns dem Grat nähern, erweist sich das Bollwerk als ziemlich leicht, mit steilen Stellen in solidem Fels. Noch fünf Minuten, und wir sind auf dem Gipfel ( P. 3488 ) und machen im hellen Sonnenschein einen Halt.

Er ist ein wenig hektisch, dieser Halt. Schnell wird er abgebrochen, denn wir haben noch zuviel Arbeit vor uns. Die beiden zur Aiguille führenden Aufschwünge ziehen sich in die Länge, und der Gipfel wird steiler, ein düsterer Felsen, der seine Absichten gut verbirgt. Ich schätze die notwendige Zeit auf etwa zwei Stunden, und wenn man wirklich noch drei Stunden von der Aiguille bis zum Gipfel dazurechnen muss!...

Wieder löst sich das Problem besser, ja sogar schneller, als man zu hoffen wagte. Die Kante macht nie Versprechungen, doch schmollt sie nur aus der Distanz. In der Nähe lässt sie sich mit gerade so viel Widerstand bezwingen, dass der Flirt aufregend wird. Wieviel Geist und Raffiniertheit wendet sie auf, um unseren Annäherungsversuchen nachzugeben! Es ist immer erregend und unerwartet. Henri und ich wechseln am Seil ab. Wenn einer zögert, geht der andere vor, und die Schöne gibt ihm immer recht. Ein spannendes und angenehmes Spiel ist diese Liebelei mit gleichen Waffen, bei dem, wie Molière sagt, die Vorteile auf gemeinsame Kosten gehen müssen.

In fünfzig Minuten haben wir den ersten Aufschwung eingehandelt ( P3565 ). Bis zur Aiguille werden wir noch dreissig brauchen. Immer der gleiche Fels, die gleiche Kletterart durch die wellige Gratkante!

Die feine Gipfelspitze verteidigt sich besser. Ich gehe durch die rechte Felsmauer um sie herum. Am Ende eines ansehnlichen Kamins gelange ich auf die Rückseite des Kammes. Doch werfe ich ihm kaum einen Blick über die Schulter zu, denn der weitere Verlauf interessiert mich viel mehr und besonders die drei angekündigten Stunden! Schon sind sechs verstrichen, die unseren Waden schwer zugesetzt haben. Wenn uns nur halb soviel verbleibt, werden wir auf den Knien ankommen.

Zwei Längen auf dem waagrechten Gipfel, und ich stehe über einer anscheinend schwierigen, engen Scharte. Ist es die, von welcher der Führer spricht? Aber dann entspricht nichts dem Rest der Beschreibung, weder die westlich zu umgehenden zackigen Felsen noch der Felskopf noch die interessante, zur Kuppe 3669 führende Kletterei. Aber was macht das schon, da wenigstens eins sicher ist: In einer halben Stunde werden wir draussen sein, auf dem Gletscher.

Endlich sind wir beruhigt und beschliessen den ersten richtigen Halt des Tages. Der Irrtum beginnt sich aufzuklären: Der Führer hat die zwei Stunden Marsch vom Tseudet-Grat bis hierher vergessen. Er rechnet sie dafür zu der ganz einfachen Strecke vor unseren Augen. Aber wie soll man dann die genaue Beschreibung der Passagen erklären, denen nichts entspricht? Ach! das wird sich früher oder später herausstellen.

Unterdessen geniessen wir unseren Adlerhorst. Unsere Blicke schweifen zur Nordwand über die leuchtende Sprungschanze der Eistürme und das Gipfelplateau, einen von allem Schutt der Welt losgelösten, orientalischen Traumteppich...

Schnell sind wir unten in der Scharte. Das muss wohl die im Führer angekündigte sein: das einzige erkenntliche Detail. Man kommt links, auf der Seite der Séracs, schräg in einer überhängenden Wand heraus. Spielend haben wir das Hindernis überwunden, und ich fühle, dass es das letzte sein wird. Dann erreiche ich in einem Katzensprung den Grat.

Noch bevor ich ganz dort bin, sehe ich, dass die Tour beendet ist. Eine Viertelstunde leichter Fels, und wir werden, wenn wir von den kleinen Séracs absehen, in dem Schneejoch sein, wo nach Aussage des Führers « eine interessante Kletterei zur Kuppe führt ». Wenn dem so wäre! Wir können uns lange die Augen ausreiben: vor uns, an diesem Ort, hat es immer nur einen schmalen, glänzenden, zum blauen Himmel gerichteten Firngrat gegeben. Wenn auch der Fels illusorisch war, so gibt es auf dieser weissen Gratkante wenigstens fünfzig oder sechzig Meter einer des Vélan würdigen Himmelsleiter.

Auf dem Plateau, hinter der Kuppe, ist eine frische Spur eingezeichnet. Sie mündet beim Signal suisse ( P. 368 t ) aus und kommt wahrscheinlich vom Hannibalpass her. Ich sagte es ja, der Vélan hat zu jeder Jahreszeit seine Liebhaber, zu denen übrigens als erste die Mönche vom Grossen St. Bernhard gehörten.

Träge stellen wir uns in ihre Fussspuren auf diesem Dach der Welt und denken an nichts anderes, als seine Pracht ganz in uns aufzunehmen. Säulen von weissen und eisengrauen Wolken stehen wie Flaggen am Himmel. Es ist ein Fest des Lichtes und der Farben: ein sich vom Himmel abhebendes Blau, die goldene oder feurige Röte der Felsspitzen, der Perlmutterton des Schnees, der das Werk von Frost und Schmelze, von Staub und Wind ist.

Vom Gipfel aus gehe ich noch ein wenig gegen die Séracs auf der Nordseite, um mit den Augen mein Chalet zu suchen, das aussieht wie eine ins Gras gefallene Kastanie. Wir telegraphieren mit den Armen, falls unsere Familien uns mit dem Feldstecher suchen sollten. Doch ist das wenig wahrscheinlich; wie hätten sie bei den phantasievollen Angaben des Führers unsere Ankunft bestimmen können?

Ich habe zu oft bei der Redaktion dieser Handbücher mitgearbeitet, um ihren Herausgebern gegenüber nicht voller Nachsicht zu sein. Um die Touren zu beschreiben, die sie selber nicht gemacht haben, sind sie darauf angewiesen, um die Erinnerungen anderer Alpinisten zu bitten, ihre Berichte zu lesen, eine ganze Korrespondenz zu führen. Eine undankbare Aufgabe! Man muss hundert Fragen stellen, um eine einzige Antwort zu erhalten. Wer nimmt noch eine Feder zur Hand? Wer notiert unterwegs die Einzelheiten einer Route?

Was den Grat betrifft, der uns beschäftigt, so ist der hauptsächliche Irrtum aus der Verwechslung der Strecke Tseudet-Grat—Aiguille du Vélan mit derjenigen Aiguille—Gipfel entstanden. Für die erste muss man fast vier und nicht zweieinviertel Stunden und für die zweite eine und nicht drei Stunden rechnen.

Mit der Beschreibung ist es ganz gleich. Die « interessante Kletterei » befindet sich im ersten und nicht im zweiten Teil, von der schwierigen Scharte abgesehen. Und die Felskletterei, die zur Kuppe führen soll, ist eine reine Erfindung des Gedächtnisses. Man bemerkt diese Verwechslungen sogar, ohne dass man hingegangen ist, wenn man die Beschreibungen der verschiedenen Routen in den Wänden und auf dem Grat vergleicht. So bezeichnet Nummer 417 die Gipfelstrecke als ziemlich schwierig, während die Nummern 440 und 442 die zuletzt sich mit der gleichen Strecke vermischenden Wege als leicht beurteilen.

Der erste Irrtum könnte von einer unsicheren Lokalisation des Aiguille-du-Vélan-Gipfels herkommen. Als Beweis nehme ich die Skizze ( S. 65 ) und die Beschreibung ( S.66 ) der ersten, 1923 erschienenen Ausgabe des Walliser-Al- pen-Führers. Sie plazieren die besagte Aiguille auf die Spitze des zweiten Aufschwungs ( heute P. 3565 ), geben ihr aber die Höhe 364g. Es ist die älteste Skizze, datiert von 1916. Nun setzt aber auf Seite 58 eine vom anderen Abhang gemachte Skizze die Aiguille höher, an den Ort, den man ihr heute zuschreibt. Diese stammt aus dem Jahre 1923. Zudem spricht der WAF ( 1923-1967 ) beiläufig in der Mehrzahl von den Aiguilles du Vélan ( 3 ). Was die Routenbeschreibung betrifft, so ist diese von einer Ausgabe in die andere bis 1971 übernommen worden, und das von den ersten Quellen an, die bis in die Jahre 1887 und 1897 zurückgehen! Ich habe nicht auf diese Pio-nierberichte zurückgreifen können, die so unklar sind, dass Marcel Kunz in seinem Führer diesbezüglich manchmal auch Fragezeichen setzen muss. Wie dem auch sei, die Verschiebung des Namens der Aiguille von einem Aufschwung zum andern würde sowohl die zeitlichen Irrtümer wie die offensichtlichen Phantasien gewisser Beschreibungen erklären. Nur ist der zur ersten Schneekuppe führende, schöne Grat auf immer verschwunden...

So ist nach unserer kleinen Erforschung der Führer korrigiert. Sicher werden uns alle die dankbar sein, welche dieser Bericht anregt, uns zu folgen.

Hier noch einige Ratschläge zu ihrem Vorhaben:

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