Der Zmuttgrat

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er Zmuttgrat

Lilo Schmidt, Wallisellen

Jeder Berggänger verfügt über Traumziele, die oft nur allmählich, ja fast unmerklich von seinem Bewusstsein Besitz ergreifen. Hat er Glück, erreicht er seinen Wunschgipfel bald einmal auf Anhieb. Beginnen sich aber die gescheiterten Versuche zu häufen, wird das Bedürfnis, das betreffende Unternehmen nun endlich zum guten Abschluss zu bringen, immer umfassender und dringender. Entsprechend gross ist jeweils die Freude, wenn der Erfolg sich eingestellt hat.

Eigentlich nahm alles am Pizzo Rotondo seinen Anfang.

Im Hüttenbuch der Pianseccohütte schreibt mein Kamerad bei unserem Eintrag: ( Parete nord>. ( Was bedeutet denn

( Ah — paroiEr lacht und macht mit der Hand ein unmissverständliches Zeichen für etwas Steiles. Aha, ( Wand ) scheint das zu heissen - und ich habe mir bereits eine friedliche Bergtour ausgemalt! Am nächsten Tag, nach der wirklich eindrücklichen Wand, taucht in unserem Gespräch erstmals das Thema, mein zukünftiges Traumziel auf:

( Bist du schon auf dem Matterhorn gewe-senNein, warum? Warst du dortSi - an der Nordwand. Sie ist nicht schwieriger als diese hier, bloss viel länger. ) ( Das möchte ich nie - aber: wie steht es mit dem Zmuttgrat ?) Er schaut mich prüfend an: ( Du könntest ihn machen. ) ( Das ist nicht meine Absicht, jedoch schwärmt eine Kameradin von mir von diesem Aufstieg zum Matterhorngipfel. ) ( Wenn sie so sicher geht wie du, könnten wir ihn zu dritt in Angriff nehmen. ) Unterdessen steigen wir durch den schweren Schnee ab. Wirklich, ich habe nie das Verlangen verspürt, Bilderbuchberge zu sammeln. Zu meinen alpinistischen Höhepunkten gehören viele Urner Berge und Kletterrouten, die nur ( Eingeweihte ) kennen. Jungfrau, Matterhorn... Matterhorn über den Zmuttgrat vielleicht? Der Pfeil sitzt.

Im Laufe der nächsten Jahre machen wir zu zweit oder zu dritt immer wieder Termine für den ( Zmutt ) ab. Das Wetter und die Verhältnisse vereiteln jedoch stets unsere Pläne. Der Berg will mich nicht!

Als wir erneut im leichten Neuschnee zum Schwarzsee hinuntertappen, ergreift mich beinahe ein grimmiger Zorn: ( Nie mehr komme ich ins Wallis ), aber dem nachfolgenden Versprechen ( Doch, wir gehen zusammen auf den Zmutt> kann ich nicht widerstehen.

Der Zmuttgrat am Matterhorn Dieses Jahr wollen wir wieder einige Tage

So marschiere ich am Sonntagnachmittag mit meiner Vollpackung durch Zermatt. Der etwas allzu ( zünftig ) wirkende Aufzug ist mir eher peinlich, habe ich doch den Eindruck, man sehe mir mein klischeehaftes Ziel schon von weitem an. In der schwach besetzten Bahn - nur Sommerskifahrer kommen mir entgegen - fühle ich mich ebenso fehl am Platz. Das ganze Unternehmen kommt mir geradezu lächerlich vor. Wäre ich doch irgendwo in einer einsamen Hütte! Während ich voller Spannung den Weg emporhaste, begegnen mir ziemlich viele Wanderer. Wenigstens scheint das Wetter diesmal zu grösseren Hoffnungen Anlass zu geben -wenn es nur so bleibt! Völlig verschwitzt erreiche ich die Hörnlihütte, ziehe mich im Schuhräumchen rasch um. Und schon ist mein Bergfreund,helfer und -führer da: herzliche Begrüssung ohne grosse Worte.

Es sind nicht allzu viele Leute anwesend. Die Stimmung wirkt weniger hektisch, als ich es befürchtet habe; so kann ich beim Nachtessen in Ruhe, wenn auch mit etwas zwiespältigen Gefühlen, die Matterhorn-Anwärter beobachten. Typisch scheinen mir die selbstbewussten Walliser Führer und ihre zum Teil unsicher wirkenden ( Gäste ), die sich offenbar hier oben zum ersten Mal begegnen. Wir lesen nochmals die Routenbeschreibungen, packen die Säcke und legen uns schon früh schlafen.

Die Nacht ist kurz und in Erwartung des kommenden grossen Tages recht unruhig; ich träume von Schneegraten und Bergeller Gipfeln!

Um drei Uhr früh beginnt es sich im Haus zu regen, überall eiliges Getrappel, eine gewisse Hektik macht sich breit. Im Schein der Taschenlampe stehe ich schweigend auf, nehme den Sack und stolpere nach unten, wo das Frühstück bereits auf dem Tisch steht. Wie üblich sage ich zu dieser frühen Stunde kaum ein Wort, wir blinzeln uns nur lachend an: Der Tag wird gut!

Klettergurt, Schuhe und Gamaschen anziehen, die Handschuhe in Griffnähe versorgen, und schon verlassen wir als erste die Unterkunft.

Bald bewegen wir uns nach rechts und gelangen auf den Matterhorngletscher. Steigei- sen befestigen, anseilen. Währenddessen beginnt sich am Hörnligrat eine lebendige Lich-terschlange zu bilden. Langsam laufen wir im schwachen Schein unserer Lampen über den harten Schnee. Die regelmässigen Geräusche unserer Schritte, der funkelnde Sternenhimmel und weit vorne das schwankende Licht meines Seilgefährten. Plötzlich könnte ich jauchzen vor Freude: der Berg, das Bergfieber haben mich gepackt. Die Ruhe und Gleichmässigkeit der Bewegungen, ein tiefes, fast körperlich spürbares Schweigen, die kühle Luft zu atmen und den Wind im Gesicht zu fühlen, aus dem Dunkel dem frühmorgendlichen Schimmer der Dämmerung entgegenzugehen und hier allmählich die Umrisse zuerst zu erahnen, dann zu erkennen - das ist mein stummes Morgengebet, davon lebe ich: zu wissen, dass ich so ein kleiner Tupfer in Gottes Schöpfung bin! Mir wird wohl - der gestrige und nächtliche der Peinlichkeit verschwindet. Mir ist, als flögen meine Beine. Doch Konzentration tut not. Je nach Seilzug versuche ich, mir das Gelände vorzustellen, einfach, flach, Steilstufen, Spalten, die umgangen oder übersprungen werden müssen. Vereiste Felsen; später ein langes, flaches Stück; dann ein immer steiler werdender Hang, der uns schliesslich zum eigentlichen Grat führt. Er beginnt mit einer markanten Schneerippe als erstem Höhepunkt. Auf diesem ( kleinen Biancograt ) lässt sich 's vergleichsweise gemütlich gehen. Da, auf einmal steigt die Sonne langsam, lilagelb und rosa über dem Horizont auf - rasch verblasst der Morgenstern. Bevor wir die Felsen erreichen, machen wir noch kurz Rast. Die Aussicht ist schon jetzt überwältigend. Wir haben keine Zeit zu verlieren und klettern gemeinsam weiter. Wie bin ich froh, dass wir uns seit langen Jahren gut kennen. Wenn mein Führer mir zuruft, zu springen, tue ich es, selbst gegen mein inneres Sträuben; denn ich bin mir bewusst, dass er weiss, was er mir zumuten darf. Teils direkt über die Felsen empor, teils sie umgehend, nimmt die anregende Kletterei ihren Fortgang. Das Gestein ist zunächst weniger brüchig als befürchtet. Das ändert sich allerdings, wo die Querung in die Westwand ansetzt. Hier kommt auch ein frostiger Wind auf, der mir Hände und Füsse auskühlt. Ich spüre nun die Anstrengung der vergangenen Stunden, mein Atem geht rascher, meine Beine sind schwerer. Eis, Schnee und oft unzuverlässiger Fels machen die Schritte langsam und das Vorankommen beschwerlich. Endlich erreichen wir den Gipfelgrat. Der Wind nimmt an Heftigkeit zu und treibt uns zur Eile. Da ragt schon das mächtige Kreuz vor uns in den blauen Himmel. Wir sind am Ziel - auf dem Gipfel des Matterhorns! In mir beginnt es wieder zu jauchzen und zu singen ( vielleicht ist diese nie gehörte und gespielte Musik die schönste ). Überglücklich umarmen wir uns. Wie durch ein Wunder legt sich jetzt noch der Wind und erlaubt uns damit, auf dem italienischen Gipfel zu rasten. Die Aussicht scheint uns in ihrer überwältigenden Weite unendlich, besonders heute, bei solch klarem Wetter. Ach - ich finde keine Worte, versuche es auch nicht, seufze nur zufrieden. Heute war nicht nur der Weg wichtig, der Gipfel ist es ebenso!

Wir begeben uns zur Schweizer Seite, wo sich im Moment erstaunlicherweise niemand aufhält, und steigen anschliessend mit grosser Umsicht über den berühmt-berüchtigten Hörnligrat hinunter. Dieser Abstieg erweist sich als sehr anstrengend. Der beste Weg ist oft schlecht zu finden - wir halten uns deshalb meistens möglichst auf dem Grat. Inzwischen sind wir auch nicht mehr allein: zu zweit oder gruppenweise strebt alles abwärts. Von der Solvay-Hütte aus sieht man bereits die Häuser des Belvédère. Aber mir scheint es noch eine Ewigkeit zu dauern, bis wir endlich unten sind und das Seil aufnehmen können.

Das also ist das Matterhorn!

Der Hörnligrat hat mir nun doch noch Respekt abgerungen. Selbst wenn er technisch nicht schwierig ist, stellt er an die Konzentration und die Kondition hohe Anforderungen. Dieser Abstieg darf jedenfalls nicht als reines Vergnügen betrachtet werden - wenigstens für mich gibt es schönere, interessantere Abstiege ( vergleichsweise jene vom Zinalrothorn oder vom Weisshorn usw. ). Die unwahrscheinliche Anziehungskraft des Matterhorns ist mir auch nach unserer erfolgreichen Tour allerdings nicht ganz klar geworden! Immerhin, über den Zmuttgrat zu seinem Gipfel - da kann ich zustimmen mit einem deutlichen Ja und grosser Dankbarkeit, dass es uns endlich doch noch gelungen ist. Und das nächste Mal? Nein - im Moment sicher nicht. Aber: man weiss nie; das Matterhorn hat schliesslich vier Kanten...

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