Der Zwölfistein ob Biel

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Ah erratischen Blöcken ist auf der schweizerischen Hochebene just kein Mangel, da auf diesem Gebiet während der glazialen Periode der gesamte Gletscherschutt aus den Hochalpen, sowie von den seitlichen Zuflüssen zur Ablagerung kam. Dagegen werden die großen Findlinge aus granitischem Gestein immer seltener, sofern sie nicht als Zeugen der Vergangenheit aus der Erdgeschichte, sei es durch den Staat oder durch Korporationen und Vereine, vor der Zerstörung rechtzeitig sichergestellt worden sind. Auch die Flanken des Jura vom Genfersee bis zum Rhein hinunter weisen bedeutende Exemplare von erratischen Blöcken auf und eigentümlicherweise sind in nächster Umgebung dei " Stadt Biel, sowie um den Bielersee herum, ganz ansehnliche Repräsentanten dieser Findlinge abgelagert worden und zum Teil noch heute erhalten, wenn auch in den letzten Jahren, besonders in den Wäldern am Vingelsberg über dem Bielersee, durch private Unternehmungen ganz erheblich unter diesen Fremdlingen aufgeräumt worden ist. Glücklicherweise sind einige der schönsten Exemplare in ihrer Existenz für die Zukunft gesichert. So z.B. der prächtige Block, der sogenannte „ Hohle Stein " auf dem Plateau von Gaicht ob Twann, der Eigentum des Naturhistorischen Museums in Bern ist.

Einige Schritte oberhalb der Stadt Biel im sogenannten Rebberg — heute sind bereits überall im alten Rebbezirk die Stöcke ausgeschlagen — befindet sich der sogenannte „ Zwölfistein ", der vor Jahren der Privatspekulation hätte zum Opfer fallen sollen, dann aber — das Terrain war damals in der Umgebung noch nicht überbaut — von der Sektion Biel des S.A.C. im Jahre 1890 mit erheblichen Opfern käuflich erworben und mit dem umliegenden eng begrenzten Platz der Stadt schenkweise als unveräußerliches Eigentum abgetreten worden ist. Leider ist die ganze Umgebung in den letzten Jahren derart überbaut worden, daß der alte ehrwürdige Findling gleichsam von Gott und den Menschen verlassen, eingekeilt zwischen Neubauten aller Art, ein trauriges Dasein fristet und mit seiner Aufschrift S.A.C. Sektion Biel manchen Spaziergänger zur Frage veranlaßt, was es eigentlich für ein Bewenden mit diesem unglücklichen Überreste aus glazialer Zeit habe. Man träumte früher davon, auf dem davor liegenden Terrain einen Alpenzeiger zu erstellen. Die Aussicht über die Stadt gegen die Alpen hin war damals noch ungehindert und ausgedehnt. Leider hatte man aber nicht genügend gesetzliche Handhaben, um der vollständigen Verbauung und Einkeilung vorzubeugen. Einige Schritte weiter oben gegen Magglingen zu befindet sich hart am Wege ein anderer mächtiger Findling, der „ Graue Stemu genannt. Er Dr. A. Bähler.

ist Eigentum der Burgergemeinde und glücklicherweise vor der Enteignung geschützt. Der Zwölfistein und der Graue Stein spielten von jeher in der Lokalsage Biels eine Rolle. Unter dem Grauen Stein wurden die kleinen Kinder herausgegraben und vom Zwölfistein hieß es, daß er sich in der Quatembernacht, um 12 Uhr, von selbst drehe, daher der Name Zwölfistein.

Im Jahrbuch des S.A.C. ist bis heute sehr wenig erschienen, was auf unsern Jura Bezug hat. Es möge deshalb der alte Zwölfistein, der auf langer Gletscherwanderung von den Gipfeln des Mont Blanc-Massivs bis auf die sanften Höhen des Juras den Weg gefunden hat, den Anlaß Der Zwölfistein ob Biel.

bieten, demselben einige Worte zu widmen, um so mehr, da durch diesen Block der Kontakt zwischen den Alpen und dem Jura im wahren Sinne des Wortes hergestellt ist.

Der Zwölfistein ist, wie sein Nachbar, ein richtiger Mont Blanc-Granit. Er besteht aus einem grobkörnigen, innig verkitteten Gemenge von Feldspat, Quarz und Glimmer, mit Einlagerungen grüner Talkblättchen, wie sie für jene Gesteinsart charakteristisch sind. Beide dürften, wie eine Menge östlicher und westlicher Gefährten, von der Ostseite des Mont Blanc-Massivs durch das nördliche Val de Ferret auf den Hauptgletscher des Rhonetals gelangt und von da mit dem Eis über den Genfersee nach dem Jura gewandert sein. Es ist dies daraus zu schließen, daß die Zone der Gesteine des St. Bernhards und des Val d' Hérens, als die östliche zunächst anschließende, schon auf den Molasse-hügeln von Madretsch bis Brügg beginnt. Der im Madretschwald befind- Der Zwölfistein ob Bid.

liehe, sogenannte Heidenstein, ein gewaltiger gneisartiger Talkschiefer, ist ein Ablagerungsprodukt aus jener Gegend. Wie bekannt, wandern die erratischen Geschiebe auf den Gletschern in Guferlinien getrennt voneinander, und zwar in der Reihenfolge, in welcher die einzelnen Seitengletscher sich nach der Ordnung der Täler rechts und links mit dem vordringenden Hauptgletscher vereinigen und ihre Kandgandecken zwischen sich und dem Hauptgletscher einklemmen und emportragen lassen. Die Guferlinien der Mont Blanc-Granite sind am Fuße des Jura in unserer Gegend ziemlich breit. Man findet vom Bielersee bis nach Bözingen, bergwärts und weiter, fast ausschließlich solche Gesteine, ja, manchmal erstreckt sich der erratische Schutt bis über die erste Jurakette, wie z.B. im Tale von Ilfingen, wo an der Nordseite des Mahlen-waldes eine Menge erratischen Gufers in verschiedenen Kiesgruben deutlich zu Tage tritt. Der Zwölfistein hat daher auch besonders Wert, als eines der schönsten Denkmäler der Mont Blanc-Val Ferret-Guferlinien. Der niedere Gewölbeschenkel der oberen Kreideformation, welche vom See her hinter dem Paßquart durch den Jägerstein zieht — beim Bau der Jurabahn ist hart unterhalb desselben im tiefen Einschnitt ein vortrefflich erhaltener fossiler Baumstamm aus der Wealdenformation gefunden worden, jetzt im Museum Schwab — bildet mit seinem Schenkelbruch einen Absatz oder eine sogenannte Combe. Sie ist schön ausgeprägt vom Jägerstein bis zum Pavillon, oberhalb der Besitzung Römer am See, das aber nicht mehr daran teilnimmt. Östlich hebt sich diese Combe über die Rochette'bis zur Terrasse des Juzhubels unterhalb des Beaumont. Als der Gletscher Dr. A. Bähler.

vordrang, gewährte ihm dieser Terrassenabsatz eine Unterlage und ermöglichte Eisverdickung, sowie beim Rückzug endlich längeren Schmelz-aufenthalt. Zwischen dem Jägerstein und dem Juzhubel fehlen die Kreide und ihr Schenkelabbruch; der Gletscher mußte hier schneller schmelzen auf der, glatten Fläche des Portlandkalkes. Ein Hauptmoment aber wirkte bei der Ablagerung von so viel gewaltigen Blöcken auf jenem eng begrenzten Räume ganz wesentlich mit. Es ist dies die gleich unterhalb jener Stelle entspringende sogenannte Römerquelle, die schon in der glazialen Periode ihre klaren Fluten, die Sommer und Winter eine gleiche Durchschnittstemperatur von 8 ° C. aufweisen, nach oben getrieben hat. So läßt es sich erklären, daß eine so große Menge von Blöcken und von erratischem Gufer in jenes, durch das Ausschmelzen infolge der Einwirkung des wärmeren Quellwassers entstandene longitudinale Eistal hinunterfallen und beim vollständigen Abschmelzen und Zurückgehen des Eises daselbst liegen bleiben mußten. Denn es ist auffallend, wie groß die Anzahl von erratischen Blöcken in der obgenannten Combe ist, die sich deutlich bis gegen Leubringen hinauf verfolgen läßt und an deren tiefsten Stelle an einer Bruchstelle der Gewölbefaltung die Römerquelle entspringt. Ein Block befindet sich in unmittelbarer Nähe der Quelle selbst, direkt über der Gruft des Herrn Oberst Schwab aufgelagert. Die noch vorhandenen Blöcke müssen der Rest von einer noch größern Zahl sein. Was mag der Bau der Stadt vor und nach dem Brand durch Jean de Vienne ( im Jahre 1367 ) von diesem harten und dauerhaften Material verschlungen haben? Bis Bözingen liegen durch die Rebberge eine Menge von Blöcken, in annähernd gleicher Höhe, so zwischen dem Lindenhof und dem schönen Findling jenseits der Taubenlochschlucht und östlich vom Steinbruch unter den Stühlen. Dieser schön anklebende und rundliche Block, der so kühn auf dem Felsen aufliegtr bildet ein sehr hübsches profilgebendes Gegenstück zum Zwölfistein und Grauen Stein. Auf dem Gipfel des Bözingerberges befand sich vor Jahren noch ein größerer, mächtigerer Block. Leider wurde derselbe gesprengt und zum Bau des dortigen Kurhauses verwendet. Auch in der Tiefe der Taubenlochschlucht liegt ebenfalls ein charakteristischer Mont Blanc-Granit, direkt über dem Wasser der Schuß eine Naturbrücke bildend.

Es ist natürlich immer schade, wenn aus diesem so schön ausgesprochenen Rückzugsrand der eiszeitlichen Gletscher wieder ein Haupt-markstein weggesprengt wird. Nun, die Fortexistenz des Zwölfisteins und des Grauen Steins ist gesichert und derjenige oberhalb Bözingen läuft vorderhand keine Gefahr, der Spekulation zum Opfer zu fallen. Nicht nur die höchsten Gletschergrenzen sind wissenschaftlich lehrreich, sondern auch die Anhaltspunkte der Rückzugslinie. Sie ermöglichen vielleicht dereinst Berechnungen über die Zeitdauer des Rückzuges. Die ganze Gletschertheorie und -forschung dürfte vielleicht mit der Zeit wieder in ein neues Stadium treten und da hätte man die erratischen Blöcke als Grundlage zur wissenschaftlichen Forschung sehr nötig. Da jetzt bekanntlich die Gebirgsbildung als Faltenstauung infolge fortgesetzter Kontraktion und Runzelung der Erdoberfläche erklärt wird, erhebt sich die Frage, inwiefern seit der ersten Glazialzeit die Gestalt der Erdoberfläche verändert, verkürzt und gestaut worden sei und welchen Einfluß dies auf die Verschiebung der ursprünglichen Standpunkte der Gletscherablagerungen ausgeübt haben mag. In dieser Beziehung sind natürlich noch eingehende Studien über die Terrassenverhältnisse und allfällige Bewegungen und Verschiebungen in der Diluvialebene zu machen. Die Erhaltung und Rettung solcher erratischen Blöcke ist demnach nicht nur ein Gebot des Heimatschutzes, sondern auch von wissenschaftlichem Wert. Es wäre deshalb aufs höchste zu bedauern, wenn diese untrüglichen Zeugen einer gewaltigen Umwälzung in der Urgeschichte der Stadt Biel später einmal dem materiellen Zeitgeist zum Opfer fallen sollten. Wie gesagt, ist vorläufig nichts Derartiges zu befürchten, da die Stadt, sowie die Burgergemeinde Eigentümer der beiden Blöcke sind. Es ist aber gleichwohl sehr zu wünschen, daß diese wichtigen Dokumente der Erdgeschichte auch von den zukünftigen Geschlechtern in Ehren gehalten und der Nachwelt intakt überliefert werden. Möge deshalb die Sektion Biel des S.A.C. auch fürderhin ein wachsames Auge auf dieses naturgeschichtliche Vermächtnis der Gletscher halten und die beiden alten Gesellen auf Generationen hin in treue Obhut nehmen.

Dr. A. Bähler ( Sektion Bifil ).

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