Die Aussicht vom Berge

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Von Henry Hoek

( Davos, Sektion Davos ) Feldberg im Schwarzwald ( 1495 m ) Die höchste Kuppe des langgezogenen Schwarzwaldes, das Ziel von Tausenden, ist ein Berg mit edlem und ruhigem Schwung der Linien, von wo immer man ihn sieht. Mit grünen Weidfeldern — wie der Name schon andeutet — erhebt er sich heiter und sonnig aus dem dunklen Meer wogender Tannen. Eingesenkt in seine Flanken liegen einige steilhaldige Kare, Überbleibsel der Eiszeit, und bringen eine leicht alpine Note in den Vordergrund dieses sonst ganz unalpinen Bildes.

Die Aussicht umspannt einen gewaltigen Raum — aber sie erweckt nicht den Eindruck des « Endlosen » — klare Grenzen sind im Süden und Westen gesetzt: die Vogesen und die Alpen.

Sehr viel und sehr verschiedenes Land liegt vor uns ausgebreitet: im Osten der mähliche Abfall des Gebirges, langsam hinfliessende Höhenlinien, deren horizontaler Zug nur leise modelliert ist, darüber eine Andeutung der Schwäbischen Alb und der Vulkankegel des Hegau. Im Süden, im Mittelgrund, ein paar markante Bergformen, Herzogenhorn und Belchen; dahinter, scheinbar eben, das schweizerische Vorland; gut erkennbar der Knick des Rheines bei Basel und sein Lauf in der Vorzeit durch die Pforte von Burgund. Im Westen der steilere Abfall in die breite und langgestreckte Furche des Rheintales; wenn Dunst oder Nebel in der Tiefe liegt, wirkt sie wie ein Binnensee, aus dem die Insel des Kaiserstuhles aufragt; dahinter im blassen Gold des Abends fast eingeschmolzen der abschliessende lange Wall des Wasgen-waldes. An klaren Tagen das Aufblitzen der Sonnenreflexe im Strome des Rheines, die Ahnung ferner Städte und dazu das Wissen, dass da unten Kastanie, Wein und Korn reifen.

Nach Norden gleichmässig und stumpfblau unendliche Wälder auf geschwungenen Hügeln, die sanft verebben und schliesslich ohne Grenze in silbergrauen Dünsten sich verlieren.

Schon so ist es eine malerische und abwechslungsreiche Aussicht, deren einzelne Teile ohne jede Härte ineinander übergehen. Aber dann steht darüber, im Süden, an vielen Tagen noch das Märchen, das Wunder: der silberne Zackenrand der Alpen von der Zugspitze bis zum Mont Blanc! Ende der Welt und ihr Abschluss; verkörperte Sehnsucht und Symbol der Kräfte dieser Erde. Nie gleich, unter immer anderen Wolken, immer wechselnd in Farbe und Stimmung, ja manchmal sogar in der Form. Ich sah die fernen Gipfel durch Lichtbrechung gehoben, vom Boden gelöst, nach oben amboss-artig verbreitert in der Luft schwimmen — ich sah sie doppelt, als Fata Morgana ein zweites Mal im Äther schweben...

Eine der merkwürdigsten und gewaltigsten Aussichten nördlich der Alpen — eine « geographische » Aussicht, wenn dieser Ausdruck gestattet ist.

Die Alpen - 1944 - Les Alpes12 Piz Palü ( 3912 m ) Die grosse Nordwand der drei Palügipfel ist eines der erhabensten Schaustücke der ganzen Alpen. Und von Norden her wird auch in den meisten Fällen der Aufstieg unternommen. Es ist ein schöner und abwechslungsreicher Weg, der prachtvolle Hochgebirgs- und Gletscherbilder bietet. Von diesem schönen Berg und nach dem lohnenden Anstieg erwartet man — unbewusst und gefühlsmässig — auch eine wundervolle Aussicht. Und dann ist man ein wenig enttäuscht...

Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir von diesem hohen Gipfel viel sehen und weit sehen. Aber irgendwie passt das Geschaute nicht recht zusammen und steht in keinem richtigen Verhältnis zur Grossartigkeit des Berges selbst. Der lange Kamm vom Sassal Masone über Cambrena, in dem dann die Palügipfel stehen, und der sich fortsetzt über die Bellavistagipfel zum Piz Zupo, ist in sich zusammengeschoben; der Bernina zeigt sich nicht von seiner besten Seite; die wilde Pracht des Labyrinths ist von oben gesehen nur ein wirres Durcheinander; es fehlt ein grosser Talblick; die Cima di Verona ist als Vordergrund für die Südalpen langweilig; die formenschönen Dolomite von Bormio, die die Val Viola umrahmen, sind gedrückt, und die zahllosen Gipfel der Ostalpen sehen sich zu ähnlich und sagen uns zu wenig.

Nein, diese Aussicht ist, künstlerisch gesehen, nicht ganz befriedigend; und somit steht sie in einem grossen Gegensatz zur Schau von dem andern Nachbarn des Bernina, vom Piz Roseg, den ich zu den schönsten Bergen der Alpen zähle und dessen Aussicht für mein Empfinden des adligen Berges würdig ist.

Monte Cavo ( 949 m ), Albaner Berge, Latium Ein spitzer, felsiger Kegel steht über dem grauen Bergnest Bocca di Papa; durch Gässchen, malerisch, eng und krumm, geht es hinauf, dann durch verfilzten Buschwald, schliesslich über mageren Rasen. Ein Weg, mit schwarzen Basaltplatten belegt, windet sich beinahe gemächlich bergan. Es ist klassischer Boden, über den wir schreiten. Ungezählter Sklaven Blut und Schweiss hat diese Erde genetzt. Hier zogen die Imperatoren, denen der Senat den Triumphzug in Rom versagte.

Endlich sind wir oben, auf der flachen Kuppe, zwischen dem anspruchslosen Gemäuer der Ruinen eines Klosters. Windgezauste Eichen und Buchen schirmen die winzige Ebene, ihre Stämme neigen sich talwärts. Den ganzen kurzen Rundgang muss ich machen, um des Berges Aussicht ganz zu schauen.

Welch eine Aussicht...

Weit und wellig dehnt sich die Ebene mit dunklen Pinien- und Zypressenhainen, mit den Bögen zerfallener Aquädukte.

Hier: Hinter der grauen und braunen Steppe die Hauptstadt der Erde, das leuchtende, ewige Rom, überragt von St. Peters Kuppel.

Hier: Das länderverbindende, schiffetragende, reichtumführende, blaue Meer.

Hier: Büffelnährendes Sumpf land und goldene Felder.

Hier: Das waldreiche, quellenfeuchte, grüne Gebirge, die Gärten von Frascati, und ragend Camaldoli.

Hier: Die Weinberge und Olivenhaine der Sabiner Berge, Kastanien und Mandeln... Des Nemi- und Albaner Sees liebliche Ufer.

Eine überwältigende Aussicht

Um so packender, je mehr man weiss von der Geschichte und den Schicksalen dieses Landes, von dieser Stadt da unten im Dunst, von der Welt, die sie einst beherrschte, von den Kämpfen und den Kulturen, die hier ihren Ausgang nahmen.

Eine Aussicht, deren Schönheit aus Verstehen, aus Begreifen, aus Sentiment entspringt — selbst wenn noch so viel Ressentiment mitschwingen sollte.

Beginnt man zu analysieren, dann ist es eine sentimentale Aussicht, eine historische Aussicht... aber gewiss eine der besten, die wir südlich der Alpen finden können.

Cerro Tacora ( 6060 m ), Nordchilenische Wüste Mehr als neun Stunden war ich gestiegen, allein und in tödlicher Einsamkeit, um auf den Gipfel zu kommen. Jetzt sehe ich 6000 Meter nach Westen hinab auf den Pazifik; ich weiss, dass es 6000 Meter sind... Es könnten aber gerade so gut auch 3000 oder 10 000 sein. Denn jedes Mass für eine Schätzung, jeder Vordergrund und Mittelgrund fehlen. Und mehr als 2000 Meter schaue ich hinunter auf die Ebene der Wüste im Osten — es könnten auch 1000 oder 5000 sein...

Diese Wüste da unter mir ist gelb, orange und rötlich, ohne Trennung zwischen den Farben, je nach dem Gestein des Untergrundes, und hat hie und da einen scharf umgrenzten, weissen Fleck; das ist dann ein ausgetrockneter Salzsee. Der Horizont, das Ende der Wüste, ist ein vollendeter Halbkreis und scheint sich gegen den Himmel zu aufzuwölben. So wirkt die Ebene wie eine riesenhafte Schüssel mit aufgebogenem Rand. Das Meer auf der anderen Seite sieht aus wie eine zweite, unter die erste geschobene, gigantische Schale, die aber hellblau ist. In weiter Ferne, im Süden wie im Norden, stehen einige wenige spitzkegelförmige Berge, vereinzelt und mit weissen Schneekappen. Und darüber wölbt sich ein tief seh warzer Himmel; unbarmherzig glüht eine sengende Sonne.

Wasser, Sand, Luft und Licht — das ist die Welt...

Es ist eine schweigende Welt, grenzenlos, unglaubhaft und leer.

Schweigende Flächen, leere Weite, leuchtende Unendlichkeit, Ruhe und Tod.

Eine erschütternde Aussicht in ihrer erbarmungslos vollkommenen Schönheit. Eine aufregende und aufwühlende Aussicht...

Und wieder erlebe ich die Wahrheit eines allgemeinen ästhetischen Gesetzes: Je einfacher die Grundform, die Konstruktion, um so tiefer ist der Eindruck. Je vollendeter die Konzeption einer einzigen Idee, um so grösser die seelische Wirkung.

DIE AUSSICHT VOM BERGE Etwas Einfacheres als diese Aussicht gibt es wohl kaum noch: die gelblichrote Fläche der Wüste, die blaue Fläche des Meeres — und dazwischen einige Kegel in weiter Ferne.

Die Wirkung ist überwältigend.

Ob schön oder hässlich, ob tröstlich-beruhigend oder aufpeitschend-erregend? Hier oben fragt und analysiert man nichtI Man kann nur schauen, einziger Punkt des Lebens im All ringsum. Und fühlt ein Glück, das jenseits aller bisherigen Erfahrung liegt.

Unbenannte Erhebung in den Monti Berici ( etwa 400 m ) Südlich von Vicenza erhebt sich aus der Po-Ebene, von vulkanischen Kräften gehoben, eine dem Reisenden fast unbekannte Gruppe von niederen Kalk- und Dolomithügeln: die Monti Berici.

Niederschlagsarm und ausgetrocknet, zeigt jeder der kleinen Gipfel ausgesprochenen Karstcharakter, mit kümmerlicher Vegetation und rotgründi-gen Dolinen, auf deren engumgrenztem, flachem Grund spärlich ein kurz-halmiges Getreide wächst.

Welch ein Gegensatz zu der grünen und wasserreichen Ebene ringsum! Welch ein Gegensatz dieser Armut zu dem Reichtum und dem Überfluss des fetten Anschwemmungsbodens, der drei Ernten liefert im Jahr! Welch ein Gegensatz zwischen den elenden, grauen Dörfern und den prunkenden Städten, auf die man hinabsieht, zwischen dem trostlosen Schmutz hier oben und dem Glanz von Vicenza und Padua! Und welch ein Gegensatz auch in der weiteren Aussicht: im Süden und Westen schweift das Auge über die unendliche Ausdehnung scheinbar vollkommen ebenen Landes, über die durch nichts unterbrochene Eintönigkeit, die bis zum Horizonte reicht, wo in leichter Blässe Himmel und Erde verschmelzen.

Und im Norden eine klare und scharfe Grenze, die Alpen vom Monte Baldo bis weit über das Etschtal hinaus, die Zacken der Dolomiten und davor der Abfall des Vorlandes, vielfach gegliedert, von Flüssen durchschnitten, mit Burgen, Dörfern und Kirchen besetzt. Im Osten, steil und ganz unvermittelt der Ebene entragend, die seltsame Sammlung der regelmässig, alle im gleichen Böschungswinkel aufsteigenden Vulkankegel der Euganeen, dahinter ein Schimmer der Adria, eine Andeutung Venedigs — und scheinbar im Äther schwimmend, fernen Wolken verwechselbar, die Berge jenseits des Meeres.

Drei ganz verschiedene Themata, aber dennoch derart zu einem Bild geeinigt, dass kein Missklang entsteht.

Von allen Aussichten, die ich je gesehen, eine der wenigen ganz un vergess-baren.

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