Die Berge im Werk Hermann Hesses

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Von Paul Thürer

( Zürich ) Beste Märchenerzählerkunst umspinnt uns beim Lesen des sagenartigen « Faldum ». Der Berg, so unvergänglich und gleichbleibend er einer ganzen Generationenfolge erscheinen mag, untersteht doch dem ewigen Wandel. Und so wird denn sein Entstehen und Vergehen erzählt, seine Leidens- und Freu-densfähigkeit. Ein Mensch hatte sich den Berg in eisgrauer Vorzeit einmal gewünscht, als das Schönste, Höchte und Beste, das er sich denken konnte, einmal, als gerade das Wünschen geholfen hatte. Seiner Zeitlichkeit nicht bewusst, glaubte sich der Berg gleich den Leuten, die ihn unverrückbar vom Anbeginn der Dinge an am nämlichen Orte stehen sahen, « ohne Alter, und wenn der Schnee auf seinem Gipfel durch die Wolken blendete, schien er froh zu sein, dass er kein Mensch — war und nicht nach menschlichen Zeiten zu rechnen hatte. Hoch über Stadt und Land leuchteten die Felsen des Berges, sein gewaltiger Schatten wanderte mit jedem Tag über das Land, seine Bäche und Ströme verkündigten unten das Kommen und Schwinden der Jahreszeiten, der Berg war Hort und Vater aller geworden. Wald wuchs auf ihm und Wiesen mit wehendem Gras und mit Blumen, Quellen kamen aus ihm und Schnee und Eis und Steine, und auf den Steinen wuchs farbiges Moos, und an den Bächen Vergissmeinnicht. In seinem Innern waren Höhlen, da tropfte Wasser wie Silberfäden Jahr um Jahr in wechselloser Musik vom Gestein aufs Gestein, und in seinen Klüften gab es heimliche Kammern, wo mit tausendjähriger Geduld die Kristalle wuchsen. Und alles, was von Vätern zu den Enkeln kam und weiterlebte, das war ihr Wissen und Träumen vom Berge. Hirten und Gemsjäger, Wildheuer und Blumensucher, Sennen und Reisende mehrten den Schatz, und Liederdichter und Erzähler gaben ihn weiter. Sie wussten von unendlich finstern Höhlen, von sonnenlosen Wasserfällen in verborgenen Klüften, von tiefgespaltenen Gletschern, sie lernten die Lawinenbahnen und die Wetterluken kennen, und was dem Lande zukam an Wärme und Frost, an Wasser und Wuchs, an Wetter und Winden, das kam alles -vom Berge. Der Berg war die Heimat —. » Den Berg kümmerte es nicht, dass die Zeiten dahinrannen, auch nicht, als ein Felssturz die halbe Stadt zerstörte und ihm selbst eine andere Gestalt gab. Nach Äonen erst fühlte er sein Alter. Nicht mehr Stern und Sonne waren jetzt seinesgleichen, sondern « Wind, Schnee, Wasser und Eis », aber auch der vergängliche Mensch, der ihn seit dem Bergsturz mied. Er sehnte sich jetzt nach dem Menschen und wollte vertrauten Umgang mit ihm haben. Da hörte er nach Abertausenden von Jahren des Wartens einen Menschen singen, ergab sich dem Wandel alles Irdischen und wünschte sich selbst den Untergang. Der Wunsch ging in Erfüllung.

Symbolhaft leuchtet aus dem Märchen die unverbrüchliche Gemeinschaft zwischen Mensch und Berg heraus, der zum vermenschlichten Partner wird, wie denn Hesse auch anderweitig den Berg personifiziert. Als Beispiel mag auf jene Stelle aus der « Wanderung » hingewiesen werden, wo es heisst, dass auf Bildern guter Maler jeder Baum und jeder Berg bete. Der Sinn des Märchens ist freilich mit der Nennung des einen Sinnbilds noch nicht erschöpft.

Von den Gedichten aus der Bernerzeit ist vor allem eines zu nennen: die « Skirast ». Das ist vielleicht eines der ersten Gedichte vom alpinen Skilauf, die es gibt; denn noch bedient man sich eines einzigen, langen Stockes. Um nichts weniger tief ist jedoch die Wonne des Gleitens und Sausens, aber auch des Schauens. Hierher gehört auch das bezaubernd schöne Gedicht « Enzian-blüte », das so voll Bergfrühling, voll Hinneigung zum Blumenwunder, voll Sehnsucht nach dem unschuldigen Blumendasein ist. Und hat hier nicht auch die Romantik mit ihrer Sehnsucht nach der blauen Blume eine späte Blüte getrieben? Hesse ist ja in vielen Stücken ein geistiger Nachfahre der Romantiker. Zwiespältig, aber doch nicht dissonant erklingt das Gedicht « Alpenpass ». Die Alpen sind darin das Trennende, nicht nur geographisch, sie scheiden auch, gelegentlich unvereinbar und unüberwindlich, zwei Wesenszüge des Dichters. Dem Norden ist er nach seiner Herkunft verhaftet, dem Süden hat er sich verschrieben, Romantiker auch in diesem Stück. Raum für beide Erdstriche hat sein Dichterherz, und sein Dichtertum ist gross genug, um mit gleicher Liebe schwäbische und italienische Menschen und Landschaften zu beschreiben. Dauernde Heimat hat er weder hüben noch drüben. Er ist der ewige Wanderer, stets allem Neuen geöffnet. Der Alpenwall hat etwas feindselig Trennendes, aber stets auch — symbolisiert durch die Alpenübergänge — etwas liebevoll Verbindendes und Versöhnendes. Dem Zugvogel gleich ist er bald diesseits, bald jenseits der Berge, jeder Seite zu ihrer Zeit innig zugetan. Im Gedicht « Herbsttag » prallen, diesmal freilich schmerzlich und auswegslos, zwei Welten aufeinander: die friedenserfüllte Welt der Berge, und die unheilschwangere Kriegszeit. Man spürt dieses Gedicht gerade in unseren Tagen mit seiner ganzen Schwere auf sich lasten. Viel heiterer schreiten die Verse in « Tag im Gebirg » daher, nur von einem leichten Schatten überflogen, wenn dem jubilierenden Anfang « Singe, mein Herz, heut ist deine Stunde » die leise Mahnung an den Tod folgt. Und singen soll das Herz, denn « Sonne lacht überm sternig flimmernden Schnee, Wolken ruhen fern überm Tale im Kranz, alles ist neu, alles ist Glut und Glanz, kein Schatten drückt, keine Sorge tut weh ». Das ist nun ein durch und durch Hessisches Gedicht. Es sagt: Sei bereit für das manchmal nur kurz aufblitzende Schöne, halte es aber nicht, sei heiter und fröhlich im Angesicht der Vergänglichkeit, liebe mit aller Inbrunst trotz aller Hinfälligkeit, lerne das vivere sub specie aeterni-tatis. Dies sind die köstlichsten Funde in den Bergen.

Im Frühling 1919 siedelte Hesse nach dem Tessin über, der Wahlheimat seines Herzens. Dort sind seine reifsten Dichtungen entstanden. Seltenen Findlingen gleich sind in diese Bekenntniswerke Schilderungen der Berge eingestreut, so etwa in « Klingsors letzter Sommer », worin erzählt wird, dem Berg, so männlich seine Erscheinung anmute, wohne ein liebliches weibliches Wesen inne, die feenhafte « Königin der Berge ». Diese erscheint dem Dichter als ein Urbild aller Jugend, hundert andere Bilder verblassten und nur dies eine erstrahlte. Wunderbares Sinnbild des Zaubers der Berge! Schade fast, dass anderweitig auch der Kriegsgott als in den Bergen thronend dargestellt wird ( in: « Der Traum von den Göttern » ).

Wer noch wenig in Hesses Büchern gelesen hat, der kennt doch sicherlich die « Wanderung ». Wir wüssten kaum ein prachtvolleres Buch. Darin kommen die Berge einmal mehr zu ihrem Recht auf Gehör und Liebe. Wieder ist es ein Alpenübergang, der Hesse in der Skizze « Alpenpass » Betrachtungen anstellen lässt. Wieder wird eine glückliche Zusammenschau des Trennenden vollzogen; denn ob das Wasser aus einer Lache und aus einem dicht daneben liegenden Schneerest nach Norden oder nach Süden rinnt, so finden sich doch alle Wasser wieder im Meer, und « Eismeer und Nil vermischen sich im Wolken-flug ». Dies alte schöne Geheimnis und Gleichnis « heiligt ihm die Stunde ». So ist es auch mit der « üppigen Gartenluft an den blauen ( italienischen ) Seen » auf der einen und den « erblassenden Schneebergen » auf der andern Seite. Ähnlich ist « Gehöft », nur dass hier der Akzent noch deutlicher auf die Südseite der Berge verschoben wird. Das sei die « richtige Seite », denn « dort scheint die Sonne inniger, und die Berge sind röter — und die Menschen sind gut, gesittet und freundlich, obwohl sie arm sind. Die Gedanken und Sorgen sind jenseits der Schneeberge liegen geblieben. Es ist dort so schwer und so verzweifelt wichtig, eine Rechtfertigung des Daseins zu finden,. Hier aber sind keine Probleme. » Bloss, dass man « ein paar Augen mehr haben möchte ».

Auch in vielen andern Miniaturen ist immer wieder von den Bergen die Rede, die ein Stück der Aussicht jenes Hauses ausmachen, das Hesse zunächst bezog und in welchem er trotz baulichen Mängeln und Fehlen aller äussern Annehmlichkeiten gerade der Aussicht wegen blieb. ( Siehe « Abendwolken » und « Beim Einzug in ein neues Haus ». ) Aber auch das prächtige Haus, das Hesse später beherbergt, ist in aussichtsreicher Lage, die von der « Weite des Seetals » reicht und nach Norden in hohe « Gebirge » ( « Stunden im Garten » ).

Aus kleinen Prosastücken wäre hier etwa noch, wie auf eine besonders schöne Blume in einem Strauss, auf die Stelle im « Tessiner Herbsttag » hinzuweisen: Der Föhn macht das « helle warme Violett der Berge noch etwas lichter », oder auf die Stelle in « Strand »: « In hellem blauem Dunst jenseits der kristallenen Wasserbläue steht Berg hinter Berg, jeder fernere um einen leisen Ton heller, um einen leisen Gedanken duftiger —. » Krankheits- oder reisehalber finden wir den Dichter immer wieder auch diesseits der Alpen. Einem solchen Anlass verdankt der « Brief aus dem Schnee » seine Entstehung. Er stammt aus dem Jahre 1937. Freunde hatten Hesse zur Erholung fürsorglich in die Berge geschickt. Zehn Jahre war er nicht mehr dort gewesen, und die Berge, die er in seiner Jugend so « sehr geliebt und so viel umworben und beschlichen, dann aber viele Jahre lang ganz und gar verlassen, vernachlässigt und beinah vergessen hatte », empfingen ihn keineswegs freundlich, trotzdem er sie erinnerungstrunken und fast jugendlich übermütig begrüsste. Das Atmen wird ihm schwer, und es ist nicht zu denken an die Wiederausführungen der einstigen « Skitouren über schweigsame Pässe und auf strenge, mühsame Gipfel ». Doch es kam der Tag, da er seine alten, auf « vielen kunstlosen Touren glatt und dünn » gefahrenen Bretter anschnallte. Und siehe: es ging wieder! « Konnte ich auch noch keine richtigen Touren machen, die Sinne waren mir doch erwacht, und so wie ich beim kühl-rosigen Abendlicht mit den Augen die Schatten und Mulden der Berghänge ablas, so spürte ich auf den Skiern, im Abfahren, mit allen Gliedern und Muskeln, besonders aber mit Kniekehlen, tastend die lebendige, wechselvolle Struktur der Hänge nach, wie die Hand eines Liebenden den Arm, die Schulter, den Rücken der Freundin erfühlt, seine Bewegung erwidert, seinen Schönheiten tastend Antwort gibt. » Erst jetzt fühlte er sich wieder in den Bergen, erst jetzt ist ihm die « Felszacke vertraut und lieb », und erst recht fühlt er beim Fahren wie Musik alle Formen der Mutter Erde. Erinnerungen an Engadin, Prätigau, Gotthard und Berner Oberland werden wach. Er beginnt um die Berge zu werben wie um verlorne Freunde, und diese gehen auf seine Werbung ein. « Sie schenken mir manchen holden Blick, sie stellen mir dann plötzlich wieder ein Bein und erschrecken mich einen Augenblick mit ihren dunkeln, feindlichen Gesichtern. » So führt uns der Dichter wieder an diese Unganzheit heran, an dieses allzu menschliche Aufgeteiltsein an Zuneigung und Abneigung. Manche Menschen spüren nichts oder wenig von dieser Gegensätzlichkeit. Sie sind naiv und zufrieden. Ein feinnerviger Mensch wie Hesse aber empfindet gerade den geliebten Bergen gegenüber diese Problematik. Nur in den besten Stunden oder auch nur einen Nu lang gelingt es ihm, die beiden Pole zusammenzubiegen und die Einheit in der Vielfalt zu schauen und zu verkünden. Dann werden jene unübertrefflichen, letztgültigen Sätze geboren, die man da und dort in seinen Werken findet wie Kristalle in den Bergen.

Wir sprachen schon vom Rigitagebuch. Wir müssen darauf zurückkommen, denn die darin fliessenden Quellen für unser Thema haben wir noch nicht gefasst. Hesse entschuldigt sich eingangs beim Rigi, dass er ihn vordem verkannte. Nun aber hat er ihn entdeckt, denn nun hat er « Ruhe und Geduld », jene unerlässlichen seelischen Erfordernisse, ohne die man nicht in die tiefern Geheimnisse eines Berges eindringt. Eitel Freude bereitet ihm das Wiedererkennen der Gipfel « der ungeheuren Aussicht », der Wechsel von Farbe, Licht und Schatten, « die bizarre Geometrie des riesigen Panoramas ». « Die Abwechslung von Fels und Schnee, besonnten Kanten und dunklen Schlünden an einer Gipfelkette, der launische Weg, den ein kleiner Wolkenschatten über diese zackige und zerklüftete Vielfalt hin beschreibt, können einen fesseln und entzücken wie die Rhythmen und Zäsuren eines Gedichtes. » Dazu kommt die Chinoiserie der Wolken- und Nebelspiele, in den Bergen stets gepaart mit Grandiosität. Paradiesisch und apokalyptisch zugleich erscheint ihm dann oftmals die Landschaft dort oben, wie sie seit « Altdorfer und Grünewald kaum wieder gemalt worden » ist. Bergler und Brauchtum werden liebevoll beschrieben. Dann weitet sich der Gedanke aus, wie denn die Fernsicht eines Berges für empfängliche Seelen stets eine natürliche Anregung zu umfassendem Nachdenken ist.

Einmal, im Jahre 1946, ist Hesse in einer Villa an einem See zu Gast. Es mag der Bieler oder Neuenburger See sein. Davon hören wir in der « Beschreibung einer Landschaft ». Deren weiter Raum erinnert ihn an die Bodenseezeit und bringt ihm zum Bewusstsein, dass er « seither —, ohne es recht zu wissen, immer in Landschaften näher beim Hochgebirge gelebt, deren Charakter das Feste, genau Umrissene war, die nicht wie die hiesigen vor allem aus Himmel, Luft, Dunst, Wind, Bewegung bestanden ». Er fährt fort, dass sich « über diese Rückkehr aus einer statischen in eine dynamische Welt manches Hübsche » phantasieren liesse, darunter auch dies, dass man beiden Welten angehören könne und müsse, da sie sich bedingen und durchdringen. Und so heisst es denn auch, es spreche in dieser Landschaft noch etwas mit, nämlich die Berge, namentlich die vertraute Reihe der Berner-Oberländer-Gipfel, « die Jungfrau in der Mitte. Sie zeichneten in jene Ferne, wo sich sonst über den Hügeln alles in Licht und Dunst und Himmel auflöst, eine Grenze, einen zwar sehr zarten, doch entschiedenen Umriss, strahlten bis zum Sinken der Sonne in einem weichen lächelnden Licht und erloschen und verschwanden alsdann unversehens, und das Auge, so sehr es von ihnen entzückt und beschenkt worden war, vermisste sie nicht, so unirdisch und beinahe unwirklich war die Erscheinung gewesen. » Kurz darauf aber zeigten sich ihm die Berge « neu und gewaltig » von einer Jurahöhe aus « als Rückgrat Europas, vor uns hingelegt wie das eines Riesenfisches, eine starre, kalte, fremde, ja bittere und drohende Welt aus Fels und Eis, in kaltem, feindseligem Blau, mit vereinzelten hier oder dort für eine Weile hell bestrahlten Steilflächen, deren Firn dem Licht auf eine kalte, kristallne, nüchterne und beinah abstrakte Weise Antwort gab. Ungeheuer, stumm, eisig, eine strenge, wehrhafte Barrikade durch die Mitte unsrer Welt, ragte hart und messerscharf, erstarrt wie ein hundert Meilen langer Lavazug, die Kette der Alpen in den kühlen Herbsthimmel. Es war eine Art Grausen, eine Empfindung eines mit Wonne gemischten Erschrecktwerdens und Frierens, womit ich auf diesen Anblick antwortete, es tat weh und wohl, es weitete und beklemmte zugleich. » Zu fremd, zu kalt, zu majestätisch unnahbar sind jetzt die Berge, als dass er wie in « Brief aus dem Schnee » um sie werben möchte, und doch lassen sie ihn nicht und spenden ihm begütigende Ruhe.

Wir müssen noch des « Glasperlenspiels », jenes gross angelegten Er-ziehungsromans Hesses, gedenken; denn an einer Stelle bestimmen die Berge das Geschehen mit. Als Josef Knecht, die Hauptgestalt des Werks, sich für den Erziehungsberuf entschieden hatte, galt es, einen allzu eigenwilligen Zögling zu betreuen, der soeben in ein Hochtal an einen See reissaus genommen hatte. Knecht sucht ihn dort auf, findet Zugang zu seinem Herzen und will es ihm gleichtun, als dieser am frühen Morgen ins kalte Wasser springt, um den See zu überqueren. Aus pädagogischen Gründen will der Lehrer nicht hinter dem Schüler zurückstehen, nicht bedenkend, dass er des Schwimmens in dem so kalten Element entwöhnt und vom Aufstieg noch benommen ist. Der See gibt ihm den Tod. Die Berge sind die stummen Zeugen dieser Tragödie. Sie sind jedoch nicht nur zufällige, heroische Kulisse. Sie spielen ihre Rolle mit. Sie sind die sichtbaren Sinnbilder des Strebens nach dem Höchsten und Besten. Sie haben, über sich hinaus zum Himmel weisend und den Himmel auf Erden verheissend, Josef Knecht mitverlockt, das Mass des Menschen zu vergessen. Hart und grausam können die Berge sein. Doch sie verkörpern auch den Geist der Tapferkeit und der Besinnung. Dieser Geist zündete im Herzen des Jünglings, als sein Meister sich preisgab, als die Sonne unausdenk-lich schön über den Berggrat hereinflutete und als er sich im Beisein erhabener Berge zum ritterlichen Manne geschlagen fühlte.

Bleiben noch die Gedichte der Tessiner Zeit, die freilich gleich den Prosa-werken nicht durchwegs jenseits des Gotthards konzipiert wurden. Im Gedicht « Andacht » nennt Hesse die Berge und Felspfade nebst Goldwolke, Mond, Tier-schrei, Seegestade und Birke seinen « Schatz » und « seines Herzens Gut », seinen « Seelentrost, in dem sich 's sicher ruht ». In « Rebhügel, See und Berge » empfindet er die Berge als « schützenden Mutterarm », wenn ihn das Fernweh zu sehr in die weite Welt hinaus zu locken droht. Um der Bäche, Sterne, Seen und Berge willen verlohnt es sich auch, wie im Gedicht « Bei der Toilette » zu lesen steht, all den « hübschen Plunder » der modernen Zivilisation von sich zu schmeissen und noch einmal die alten, einsamen Wanderwege zu gehen. Wenn die Julisonne über den Tessiner Bergen glastet, dann werden die Berge in Mitleidenschaft gezogen: « Der Himmel kocht und spinnt in weisse Flore die fernen bleichen Berge langsam ein » ( in « Heisser Mittag » ). Eine Fahrt « Im Auto über den Julier » — wieder ein Passerlebnis — geht in die schmerzlich klagenden Verse ein:

Müd, aber streng und scharf geschnitten Zieht lang der Strasse Band inmitten.

Einst Heer- und Pilgerweg, und jetzt Von schnurrenden Maschinen abgewetzt, Mit Menschen drin, die alles hätten, Um sich ins Bergesparadies zu retten.

Nur keine Zeit, nur keine Zeit.

Wir hasten mit, es ist noch weit, Bis Bivio, bis Chur, Paris, Berlin, Wir hasten auf der hageren Strasse hin, Wir sehen gratenlang die Wolken ziehn, Das Steingeröll mit blinden Wasserlachen; Die graue Kühle will uns schauern machen, Doch die Maschine reisst uns ohne Gnade Hinan, hinab, hinweg. Heroisch hart In Grau empor die steile Steinwelt starrt.

Wir fliehen, fliehen, und wir fühlen: .schade » Der Mensch steht sich selbst vor seinem Paradiese, das er in den Bergen immer noch finden kann!

Wir wären unverzeihlich unvollständig, fügten wir nicht noch anhang-weise bei, dass Hesse zu Zeiten, seit etwa seinem 40. Lebensjahr, auch leiden- schaftlich gemalt hat. Dabei hat er ernstlich auch um die Bild- und farb-hafte Erfassung der Berge gerungen, doch dürfen diese wie alles andere auf seinen Bildern auch « lachen und tanzen » ( « Kleiner Lebenslauf » ) und sich von der Wirklichkeit, der der Dichter selbst so gerne entrinnt, mutig oder lustig entfernen. Traurig aber stimmt es ihn, wenn er merkt, wie wenig er « vom blühenden und schwindenden Reichtum » eingefangen hat ( « Zwischen Sommer und Herbst » ). Über den fernen Monte Bré wischt er Nässe, wohl um der Farbe die Kraft der Nähe zu nehmen ( « Aquarell » ). Für einen andern Berg aber benötigt er schweres Blau. Im Lauterbrunnental liessen die Berge mit ihren scharfen Formen und darüber die Wolkenberge und die « gewichtlosen, launisch gruppierten Federwölkchen » seine Zeichenfeder nicht ruhen ( « Erlebnis auf einer Alp » ). Einen Berg für sich allein hat Hesse, wenigstens auf den Bildern, die in seinen Werken veröffentlicht sind, nie gemalt. Ein Stück Landschaft, und wäre es nur ein Seearm oder ein Strassenendchen, gehört stets dazu. Fast willkürlich springt er gelegentlich mit ihren Formen um, z.B. auf den Bildern, die dem Bändchen « Gedichte eines Malers » beigegeben sind. Um so behutsamer und liebevoller ist aber die Farbgebung. Unser Entzücken gilt vorab den Bergaquarellen, die in die « Wanderung » eingestreut sind. Eintönige, kalte Bläue der hohen nördlichen Berge kontrastiert mit der warmen Vielfalt der südlichen Anhöhen, an die alle Farben der Palette verschwendet sind. Etwas Liebliches aber haben alle seine gemalten Berge. Es ist gar nichts vom Grauen zu spüren, das uns in den geschriebenen Werken entgegentritt. Im übrigen weiss er, dass er auch als Maler nie zu einem sozusagen handfesten Verhältnis zu den Bergen kommen wird, aber verleiten lässt er sich von den Bergen zu faszinierenden Farbenspielen wie in der Dichtung zu Gedankenspielen. Freundlich und heiter grüssen die Berge aus den Bildern im Gedichtbändchen « Zehn Gedichte ». Bald sind sie mehr in den Himmel, bald mehr in die Landschaft verwoben, immer aber sind sie aufs feinste zum Ganzen gestimmt. Nur zur Ausnahme wirken die Berge einmal hart und eckig, so dass man an einen Holzschnitt erinnert wird. Geradezu verlieben möchte man sich in das duftige Winterbildchen am Schlüsse mit seinen Tannengruppen und Bergzügen.

Mag auch mancher Leser die Berge eindeutiger und kraftvoller erleben als Hesse, dem Zauber seiner Darstellung kann er sich doch nicht entziehen. Stets auch lernt man sie bei Hesse auf eine neue Art schauen und lieben. Er kennt sie leibhaftig, und er ist auf du und du mit ihnen, aber ihr Lied ist ihm zu rauh. Darum naht er ihnen stets mit Scheu, in die sich aber eine tiefe Ehrfurcht mischt. Und dieser Ehrfurcht vor dem Berg hat er auf seine Art einen wunderbaren dichterischen Ausdruck zu geben vermocht.

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