Die Berge im Werk Hermann Hesses

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Von Paul Thürer

( Zürich ) Hermann Hesse hat uns keine Bergbücher geschenkt. Keines seiner Werke hätte genug Lebensatem, wenn es nur Bergerlebnisse zum Vorwurf genommen hätte. Seine Dichtung kreist gerne um unscheinbarere, innigerere Dinge der Natur, um Blumen, Schmetterlinge, Bäume, freilich auch um Wolken und Gewässer. Und im Mittelpunkt steht je und je der Mensch, seine Seele, sein Sinnen und Trachten, die Menschlichkeit.

Und doch lassen sich die Berge, ohne die Hesses Werke um entscheidende Akkorde ärmer wären, aus seinen dichterischen Schöpfungen nicht wegdenken.

Freilich, ihr Dasein ist meist mehr hintergründig; sie behalten auch fast durchwegs etwas Unnahbares, bald im Sinne des Grauenhaften, bald des Ehrfurcht Gebietenden, als lebte in Hesse etwas von jener Einstellung zu den Bergen fort, welche die Menschen hatten, ehe sie die Berge eroberten. Er aber war kein Eroberer, kein Bergfex, wohl aber ein guter, eher stiller Berggänger.

Treten so die Berge zurück und bleiben sie meist in der Ferne, so wie man sie vom Tale aus sieht, so sind sie doch nicht nur zufällige Zutat oder belang-loser Zierat. Schon der Reichtum an Begegnungen mit der Bergwelt offenbart deren Bedeutung, auch wenn der « Kurzgefasste Lebenslauf » Hesses nichts von bestimmenden Bergerlebnissen berichtet. Und wer vollends weiss, wie sehr bei Hesse nichts nebensächlich ist, sondern wie alles mit allem zusammenklingt und die Einheit aller Dinge stets neu zur Erscheinung bringt, der wird inne, wie die Berge sich mit Natur und Menschen verschwistern.

In mancher Hinsicht dienen die Berge Hesse als Sinnbilder. So etwa ist der Berg der Ort, wo die Erkenntnis ihre Stätte hat ( « Traum eines Knaben » ). Will Hesse auf ausdrucksvolle Weise uns das Gesicht seines toten Vaters nahebringen, so geschieht dies mit dem Bild: « Und alles Ritterliche und überlegen Edle, das er im Wesen gehabt, stand überklar in seinem Gesicht geschrieben, wie die Würde auf einem stillen Schneegipfel » ( aus: « Zum Gedächtnis » ). In diesem Bilde liegt alle Mühsal des überwundenen Lebensanstieges, aber auch alle gewonnene Klarheit. Demjenigen, der gern wissen möchte, wie der Dichter es mache, dass seine Sprache ungespreizt, voll Anmut und so einfach ist, antwortet er im Gedicht « Prosa », das werde man nie ganz verstehen, doch: « Uns sei genug, mit Ehrfurcht zuzusehen, so wie wir aufs Gebirge und auf die Blumen schauen, die auch, so scheint es, sich von selbst verstehen, doch Wunder sind für Augen, welche sehen. » Es ist nicht verwunderlich, wenn man ab und zu einen — meist beschaulichen und einsamen — Bergwanderer begegnet, der ein Hessebüchlein im Rucksack oder ein paar Reime des Dichters in seinem Herzen mitträgt — doch tragen die Reime auch ihn.

Hesse hat seine Jugend nicht in den Bergen verbracht. Er ist in Schwaben aufgewachsen. Seine früheste Erinnerung verbindet sich mit einem Ausflug auf eine Anhöhe. Die Sicht in die Weite und Tiefe lässt seine Seele erbeben, und es ist, als fände sich von diesem Bergerlebnis allen spätem eine unaustilg-bare Spur.

Einige frühe Jugendjahre hat Hesse freilich in Basel verlebt ( 1881-1886 ). Damals muss sich seine erste scheue Beziehung zu den Schweizerbergen und Schwarzwaldhöhen angebahnt haben. Auf diese Zeit wohl dürfte sich die Stelle aus « Die blaue Ferne » beziehen: « In den Jahren meiner ersten Jugend bin ich oft auf hohen Bergen allein gestanden, und mein Auge hing lange in der Ferne, an dem verklärten Duft der letzten zarten Hügel, hinter denen die Welt in tiefe blaue Schönheit versank. Alle Liebe meiner frischen, begehrlichen Seele floss in eine grosse Sehnsucht zusammen -— ». Berückt haben müssen ihn aber auch die Berge Calws. Der Erstling seiner Prosa werke « Eine Stunde hinter Mitternacht » enthält ein Impromptu, « Gespräch mit dem Stummen ». Eine Stelle darin legt Zeugnis davon ab, dass mit dem Namen seiner Vaterstadt untrennbar die Vorstellung auch der Schneeberge verbunden ist, gleich wie das Wort Heimat immer auch Volkslied und Rauschen der Bäche in sich fasst. Ähnlich drückt er sich in « Meine Kindheit » aus, die ihm wie ein « gold-gerahmtes, tief töniges Bild » mit einer Fülle von Bäumen im Vormittagssonnen-licht erscheint, behütet von einem Hintergrund herrlicher Berge.

Die frühesten Gedichte wissen noch kaum etwas von den Bergen; jedenfalls leuchten sie dem Dichter noch nicht so, dass sie Gedichte in ihm erweckt hätten.

Im Alter von 20 Jahren finden wir den angehenden Dichter als Buch-händlergehilfen erneut in Basel. Wir erfahren aus « Drei Zeichnungen » ( 1901 ) und aus der Hessebiographie Hugo Balls, dass der Dichter von Basel aus weite Gebiete der Schweiz kennenlernte. Die Begegnung mit der Bergwelt war noch nicht stark genug, um schon damals etwa in einem Essay einen Niederschlag zu finden. Und gar im Tagebuch aus jener Zeit schmäht er, der Rigi sei der « langweiligste aller Berge ». Erst 45 Jahre später entdeckte und erlebte er dann den Rigi, nicht ohne Abbitte für die frühere Verkennung zu leisten. Jetzt inspirierte der Rigi ihn zu einer kleinen, sozusagen seinem Berggeist gewidmeten Schrift, dem « Rigitagebuch ». Doch wir greifen vor. Wir müssen uns « Peter Camenzind » zuwenden, von dem das « Rigitagebuch » berichtet, dass die Studien im Jahre 1900 in Vitznau begonnen wurden. Herrlich hebt das Werk an mit einer Schilderung der Wirkung der wilden Gebirge auf die prägsame Kinderseele Peters. Von Urbeginn und Urgewalt sprechen sie zu ihm, von ihren Leiden auch im Kampf gegen Wasser und Sturm. Ihre Sprache ist « stolz, streng und verbissen ». Die Bewohnerschaft des Dorfes hat seit je das Gesetz des Berges auf sich lasten gespürt. Sie ist dem Berge artverwandt, streng und still, knorrig und knorzig. Unverkennbar sind aber auch die Gegengewichte: die Heimeligkeit, welcher die finstere Macht der Berge nichts anhaben kann, und eine eigentümliche Spielart der seldwylerischen Heiterkeit, die freilich mehr nur in ein paar Spassvögeln lebendig ist. Die ganze Bergwelt aber spricht « laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen hat, dem tönt sie sein Leben lang nach —. » Als Camenzind heranwuchs, da waren seine Freunde vorab die Berge, weit mehr als die Menschen. Sie, die Berge, aber auch See, Sturm und Sonne erzogen ihn nachhaltiger als die Eltern. Als er mit zehn Jahren erstmals einen eigentlichen Gipfel bestieg, da sah er die « Schrecken und die Schönheiten » der Berge dicht beisammen, das Beklemmende der Schluchten, das Befreiende der Weite, das Schützende und das Drohende. Dieses Zusammensein von Gegensätzen, diese irritierende und doch beglückende Gleichzeitigkeit, dieses Doppelerleben kehrt in den spätem Dichtungen immer wieder. Und wie der Himmel über allem Zwiespalt blaut, so wird dieser zum Sinnbild dafür, dass auch der Geist alles Entzweite und Widerstrebende in Eins zusammenfügt. Der Blick vom Gipfel übernimmt den Knaben völlig. Fassungslos ist seine Freude. Die innerlich etwas verarmten Erwachsenen lachen über ihn — und sollten doch weinen, weil sie mit der Fähigkeit zu staunen ein Stück Paradies verloren haben. « Ich aber », so heisst es weiter, « nachdem ich mit dem ersten grossen Staunen fertig war, brüllte vor Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen dröhnenden Widerhall gefasst, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen Höhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und hielt mich still. » An diese erste Bergfahrt schlössen sich in der Folge weitere. Mit inniger Anteilnahme folgt der Leser den teils gierigen, teils behutsamen Erschliessungen der Alpenwelt. In der Darstellung, wie Camenzind einem scheu geliebten Mädchen in verwegener Kletterei Blumen holt und in die Stadt bringt, wiederholt sich sinnbildlich das Thema des Buches. Besonders reizvoll ist die Schilderung der Trennung Peters von den heimatlichen Bergen während der Fahrt nach der Stadt: « Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken aber auch die zackigen Vorberge einer nach dem andern hinab, und jeder löste sich mit feinem Wehgefühl von meinem Herzen. » — « Unruhe, Angst und Trauer » ergriff den Studenten, als wäre er « verurteilt, die Berge und das Bürgerrecht der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. » Die Stadt aber gibt den Blick auf die Berge wieder frei, und diese bringen ein schier unstillbares Heimweh über den Burschen. Unüberhörbar ist der Rückruf, und nur zu leicht schlagen die Blicke die Brücke zu Berg und Heimat. Dennoch kann Peter der Stadt nicht mehr entrinnen, denn Bergheimat bedeutet ihm Einengung, strenge Pflichterfüllung und Sesshaftigkeitalles Dinge, die Peter um so schwerer erträgt, als er sich zum Dichter berufen weiss. Weite Horizonte setzt er gleich mit weitem geistigen Lebensraum. Wohl spielt er mit dem Gedanken, Studium und Dichtertum, diese Schlüssel zur weiten Welt, fahren zu lassen und seine « Hoffnungen » im « zähen, trüben Zwang des armseligen heimischen Lebens » zu vergraben. Stärker aber als die Lockung der Heimat erweist sich der Drang ins Freie, ins Ungewisse, ins ihm Gemässere. Die Stadt gewinnt Macht über ihn. Doch versucht er, die Reinheit und Unverbraucht-heit der Berge in die Stadt zu tragen. Es gelingt ihm nur darin, dass er jene selbstlose Liebe zu jeglicher Kreatur, die in den Bergen, näher bei Gott, ihren Ursprung genommen hatte, einem Krüppel zuteil werden liess.

Ziemlich ergiebig für unser Vorhaben sind die Werke aus der Zeit, da der Dichter — unterbrochen von einer Indienreise — in Gaienhofen am Bodensee wohnt ( 1904-1912 ). Innere Probleme bedrängen ihn freilich namentlich in der letzten Zeit und überschatten seine damaligen Naturstudien. In kleinen Skizzen tauchen nun die Berge je und je auf. In « Ein Wintergang », der wohl auf einen Hügel der Bodenseegegend führte, gibt sich Hesse dem Anblick der Berge hin, namentlich dem wie ein « Juwel gleissenden Gipfel des Glärnisch ». Damals muss er aber auch in die Gegend des Gotthard gekommen sein, wovon uns « Am Gotthard » Kunde und zugleich Aufschluss über seine Bindung an die Berge gibt. Zu den drei Dingen, an die er « alle atemlose Lebenslust und die Vorstellung der sehnlichsten Erdenwärme knüpft », zählt er « eine sternklare Winternacht im Hochgebirge — und das Erspähen eines Adlers über dem Berge ». ( Dass die dritte Vorliebe nach Italien weist, kann nicht wundern; es wird davon noch die Rede sein. ) Zu diesem Dreigestirn flüchtet er in der Drangsal des Lebens und lässt sich so schon die « halbe Genesung » schenken. In der Gotthardgegend überkam den Bedrückten « seelige Wonne » und « leicht wie einem Knaben war ihm zu Mut. Alle Grate standen so wunderlich klar und nah, wie man sie nur an auserlesenen Wintertagen sehen kann, mit langen violetten Schatten und gleissenden Schneefeldern — wieder hatte ich das seltsam selige, fast bange Wandergefühl: So verklärt siehst du die Erde nicht wieder. » Die Berge erheben ihre Häupter auch im ( 1910 erschienenen ) Roman « Gertrud », sicher weitgehend ein Selbstbild des Dichters, der sich scheu hinter einem Musiker versteckt. Berückend und reizvoll ist das Spiel, ein Dichterleben in das eines Musikers zu transponieren. Dieser nun ist durch Schuld und Schicksal an Leib und Seele leidend geworden. Ein Aufenthalt in den Bündner Bergen soll Heilung bringen. Und siehe: als der Invalide durch « trübe Fenster spitze hohe Berge erblickte », da « atmete er tief auf » und ging dann froh, wenn auch müde, durch die dunklen Gassen eines Graubündner Städtchens — es kann nur Chur sein —, von wo er anderntags nach einem der « höchstengelegenen Dörfer des Landes » weiterreiste und in einem kleinen Gasthaus Quartier bezog. Das kraftvolle wilde Lied der Bergbäche tönte bei Nacht durch das ganze Dorf. Die Einsamkeit wirkte wie ein kühler Heil-trank. Das Aufstrebende der Berge wies den darniederliegenden Gedanken den Weg, damit auch sie sich wieder aufschwingen konnten zu Gott.

Der Musiker findet seine gestörte Seelenruhe wieder und lernt seine körperliche Schwäche, eine Lähmung, ertragen, um so mehr, da diese doch ausgedehnte, prächtig beschriebene Bergwanderungen zuliess, die zur köstlichen seelischen Labsal werden. Täglich stand er im Banne der « heiligen Schönheit der Berge ». Nicht, dass die dunklen Stunden nicht auch wieder gekommen wären. Doch er lernte in und von den Bergen das eine Notwendige: « Und während es mir innen wohl oder wehe erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben grossen Musik ». Diesem gläubigen Wissen die Treue zu halten, gelang ihm später nicht durchwegs, aber immer rauschte unter allen Verschüttungen die Quelle auf, die damals in den Bergen entsprungen war.

Eine ganze Anzahl von Gedichten aus der Bodenseezeit singt das Lied der Berge. Ein Zyklus « Hochgebirgswinter » reiht gleich deren vier aneinander. Zwei mögen hier wiedergegeben sein:

Aufstieg Und ringsum Schnee und Gletschereis Und steile Berge Wand an Wand, Dahinter traumhaft weit und weiss Das tief verschneite Oberland. Und langsam setz'ich Schuh um Schuh Auf Fels und schneeverwehten Grund Und wandere den Gletschern zu, Die kurze Pfeife schräg im Mund. Vielleicht dass dort fern aller Welt Im blauen Licht von Eis und Mond Der süsse Friede, der mir fehlt, Und Schlummer und Vergessen wohnt.

Berggeist Ein starker Geist hält seine weisse Hand Weit über seine Berge ausgespannt. Gross ist das Leuchten seines Angesichts. Ich aber furcht'ihn nicht, er tut mir nichts. In schwarzen Schlüften hab'ich ihn gespürt Auf hohen Gipfeln sein Gewand berührt. Ich hab'ihn oft aus leisem Schlaf geweckt Und zwischen Tod und Leben frech geneckt. Und stundenlang, wenn ich im Herzen litt, Ging er auf Gletscherwegen leise mit. Und legte gütig seine kühle Hand, Auf meine Stirne, bis ich Frieden fand.

Das zweite Gedicht ist die Erfüllung des ersten, denn was jenes verheisst, den Seelenfrieden als Geschenk der Berge, das spendet das zweite. So ansprechend aber im übrigen diese Gedichte sind, das Bergerlebnis Hesses hat hier doch etwas Kühles. Um ein kleines sind die Berge zu sehr beschriebener Gegenstand und die Gedichte zu wenig Kinder seines poetischen Gemüts. Es liegt nicht nur am Gegenstand, dass die Verse in diesen Gedichten nicht ganz so leichtfüssig sind wie in den rein lyrischen. Die Gedichte über die Wolken, die Blumen, die Bäume sind anmutiger,froher und beschwingter. Voll Innigkeit und bezwingender Herzlichkeit ist jedoch « Hochgebirgsabend », ein Gedicht, das nebenbei des Dichters Anhänglichkeit an seine Mutter erzeigt. Der Sohn möchte ihr die Herrlichkeiten der Berge ausbreiten, denn erst dem Auge der Mutter erschlössen sie ihre ganze Pracht.

Mit der Annäherung an die Berge, die sich ergab, als Hesse im Jahre 1912 nach Ostermundigen übersiedelte, wo er bis 1919 blieb, vollzog sich auch ein inneres Näherrücken. Von der Veranda schweifte der Blick über « viele Waldhügel auf die Berge, deren Kette man vom Thuner Vorberggebiet bis zum Wetterhorn alle sah, die grossen Berge der Jungfraugruppe in der Mitte ». Diese Stelle ist entnommen aus « Beim Einzug in ein neues Hans ». Nicht nur hat Hesse es notwendig befunden, von dieser Aussicht etwas zu sagen, sondern man spürt aus dem ganzen Zusammenhang eine stille Freude heraus, die man nur im Angesicht einer so überwältigenden Schau der Berge empfindet. Daher sind die Dichtungen, in denen die Berge Bedeutung erlangen, nicht spärlich. Man Die Alpen - 1951 - Les Alpes19 darf auch annehmen, dass diese dem Dichter, dem damals das Kriegsgeschehen schwer zusetzte, Trost spendeten. Auch sonst lastete manches auf ihm, das zu erwähnen hier nicht der Ort ist. Nicht umsonst ist damals der « Demian » geschrieben worden — freilich auch « Knulp », Bücher, die der eigenen Heilung und Standpunktgewinnung dienten. Der Dichter hat aber auch unbeschwerte Stunden. Solchen wohl verdanken wir das Kleinod « Vor einer Sennhütte im Berner Oberland ». Mit den Ski ist er zu dieser aufgestiegen. « Die Umrisse der Gipfel stecken hart und kalt im fleckenlosen Glanzhimmel. » Vom Hüttendach löst sich zaghaft ein erster Tropfen Schmelzwasser, accelerando perlen weitere herab. Hellhörig vernimmt der Dichter den Pulsschlag des Lebens und das Lied des kommenden Bergfrühlings. Dem Lenz gehört sein Herz mehr als dem Schnee; wenn Leben sich ankündet und Farbenpracht schüchterne Vorboten sendet, dann ist die Morgenstunde der Poeten. Unwillkürlich denkt man an jene Strophe aus einem Frühlingsgedicht Hesses:

Wahrlich, alles Schwere, das ich gelesen, Stäubt hinweg und war nur ein Winterwahn. Meine Augen schauen, erfrischt und genesen, Eine neue erquellende Schöpfung an.

Offenbar in Bern entstanden Hesses « Märchen », worunter « Der schwere Weg » und « Faldum ». Das erste dürfte ihm eine Bergwanderung eingegeben haben, die zugleich eine Lebenswanderung und die seelische Verfassung eines Menschen spiegelt. Es belegt auch, dass Hesse, wie eingangs bemerkt, sich nie ganz und gar den Bergen und nur ihnen hinzugeben vermochte. Immer bleibt ein Zwiespalt und ein Vorbehalt. Und so beginnt denn der schwere Weg schon beim Zugang zum Berg damit, dass ein dunkles Felsentor den Dichter zögern und sich wehmütig umdrehen lässt nach der « grünen, wohligen Welt. Dort war gut sein, dort war Wärme und liebes Behagen, dort summte die Seele tief und befriedigt wie eine wollige Hummel im satten Duft und Lichte. Und vielleicht war ich ein Narr, dass ich das alles verlassen und ins Gebirge hinaufsteigen wollte. » Kennen wir dieses Gefühl nicht auch, wir alle, die wir in die Berge ziehen? Es bedarf des Führers, der ihn sanft am Arme berührt, um ihn von der geliebten Landschaft loszureissen und um ihn zu bewegen, die « schroffen Klüfte — hinaufzuklettern ». Er nötigt ihm aber bald eine Rast ab. Seine Seele, die den Berg innerlich so gar nicht bewältigt, nährt « wie ein sterbendes Lichtlein die heftige », aber « ungläubige » Hoffnung auf eine Umkehr. Da ergeht erneut der unausweichliche Anruf des Führers an ihn, des Führers als der personifizierten Pflicht und Energie, als treibendes Gewissen, das vorgenommene Vorhaben mit ganzem Einsatz durchzusetzen. Nicht verzagen — wagen! Vorwärts, aufwärts! « Ich will! » Das ist der Ruf jedes Führers, das ist eine Lebensmaxime, und die Berge halten uns als treffliche, harte Lehrmeister in Übung, sie zu erfüllen. Aber das Leben geht in Strenge und Streben nicht auf. Der Unterbruch in unserm Kampf ist nicht nur zugestandene und eigentlich unverantwortliche Atempause, um nachher mit neuer Kraft weiter und höher zu streben. Es muss auch Verweilen, Schauen und Staunen, Rast und Ruhe als Selbstzweck geben, Schweigen des Willens, Aussetzen des Tuns und pure Daseinsfreude. Denn dies alles ist es, was dem Erlebnis der Schönheit den Weg bereitet. Dies auch ist es, was dem Dichter viel inniger verwandt ist als das unablässige Streben. Darum ist auch das Erfolgsglück, mit dem die Gipfelbezwingung ihn erfüllt, nicht das höchste Glück, denn es ist nicht harmlos und hat stets den Stachel des Unbefriedigtseins in sich. Es gibt daneben das andere Glück, das in guten Stunden uns in den Schoss fällt, wo wir uns, ob unten oder oben, ob triumphierend oder unterliegend, in Gottes Hand wissen und in Harmonie mit Welt und Selbst. Den Weg auch zu diesem Glück weisen wieder die Berge, wenn man sie nicht rastlos stürmt, sondern eine Weile mit den Blumen am Bach, mit den Tieren auf den Flühen, mit den Wolken über den Gräten und mit dem Ewigen über allen Gipfeln Gemeinschaft sucht. Der Dichter aber hatte mit seiner Tour zu viel unternommen, war zu sehr nur aus Pflichtgefühl dem Führer gefolgt, war seinem eigenen Wesen untreu gewesen. Das alles stellte sich vor die Möglichkeit, Glück und Schönheit zu erleben.Fortsetzung folgt )

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